9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die erschöpfte Demokratie

23.10.2025. Migration wird gerade zur Chiffre für alles, was in Deutschland schiefläuft: Das dient aber nur der AfD, meint in der taz der Politikwissenschaftler Hans Vorländer. Die FAZ wünscht sich endlich eine Diskussion darüber, welche sinnvolle Einwanderung Deutschland braucht. Die NZZ stellt zwei Neuerscheinungen vor, die sich mit dem Antisemitismus der französischen Linken auseinandersetzen. Zeit und FAZ analysieren die Kräfte, die die Zukunft Gazas bestimmen wollen. Die Pressefreiheit in Italien gerät immer mehr unter Druck, konstatiert die SZ. Kein Wunder, wenn sogar Giorgia Meloni gegen Journalisten schießt, meint Roberto Saviano in der Zeit.

Falsche Freunde

22.10.2025. In der Zeit sieht Herfried Münkler eine neue Hegemonialmacht im Nahen Osten erstehen: die Türkei. In der NZZ hofft Sergei Gerasimow: Sobald klar wird, dass Putin diesen Krieg verliert, wird sein eigenes Volk ihn stürzen. Die SZ hat einige Vorschläge, deutsche Stadtbilder, an denen sich Friedrich Merz stört, schöner und sicherer zu machen: Zum Beispiel, indem er mit den ewigen Baustellen biblischen Ausmaßes aufräumt. Außerdem plädiert sie für einen digitalen Postkolonialismus. Und in der Zeit zieht Maram Stern ein bitteres Fazit nach dem 7. Oktober: Wir sind allein.

Zumindest Lippenbekenntnisse

21.10.2025. "Eine solche Räuberbande war noch nie an der Macht", meint der legendäre österreichische Journalist Paul Lendvai, der 1957 aus Ungarn ausgewandert ist, im SZ-Interview - er meint natürlich das Orban-Regime und seine rasende Korruption. Was bei Trump die "gestohlenen Wahlen" sind, meint Maarten Boudry in Quillette, ist bei der Linken der "israelische Genozid" - eine Lüge, an die man nicht glauben muss, denn sie ist ein Treueschwur. In der SZ warnen die Historiker Martin Wagner und Sören Urbansky vor dem chinesisch-russischen Bündnis. Und was ist mit Wolfram Weimer?

So bleibt mehr Zeit für das politische Feuilleton

20.10.2025. Karl Schlögel sprach in seiner Friedenspreisrede über seine Bewunderung der Ukraine und nicht so große Bewunderung der deutschen Öffentlichkeit: "Es gab viele Russlandversteher, aber zu wenige, die etwas von Russland verstanden." Im Perlentaucher schreibt der Historiker Jeffrey Herf über Richard Herzinger. Die Welt recherchiert, warum Herta Müller nicht in Krakau reden durfte. Die NZZ findet heraus, wem Trumps Zollpolitik in Lateinamerika nutzt: nur China.

Ein großes Geschenk

18.10.2025. "Was ist das für eine Welt, in der es eines Trumps bedarf, um einen Krieg zu beenden", fragen sich Doron Rabinovici in der FAS und Zeruya Shalev in der NZZ. Rabinovici fragt allerdings auch, was die eigentlichen Motive jener pro-palästinensischen Aktivisten sind, die jetzt plötzlich schweigen. In Polen haben pro-palästinensische Aktivisten derweil dafür gesorgt, dass Herta Müller bei einem Festival nicht auftreten wird, berichtet die Welt. Es gibt durchaus Proteste gegen Trump in den USA, sie werden nur von den Medien ignoriert, versichert in der FAZ die amerikanische Anwältin Rachel Cohen. Und die taz erzählt, wie die Taliban in Afghanistan gegen das Internet vorgehen.

Hier wird gescrollt

17.10.2025. In der Türkei bitte nicht lachen - darauf stehen viereinhalb Jahre Gefängnis, berichtet Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Die taz verabschiedet sich von der, äh, taz: naja jedenfalls im Print. Gut so, ruft Arno Widmann in der FR. In der SZ erzählt die Taiwaner Ex-Digitalministerin Audrey Tang, warum die Schüler des Landes jetzt länger schlafen. In der Jüdischen Allgemeinen schreibt Marko Martin einen Nachruf auf Richard Herzinger.

Er wagte es, allein zu sprechen

16.10.2025. In der FAZ kritisiert Kamel Daoud scharf eine westliche Linke, die einen Boualem Sansal in seiner Gefängniszelle vergisst, weil er sich nicht brav in die Rolle des Dekolonisierten fügt. In der SZ sucht Karl Schlögel nach Gründen, warum so wenig Russen gegen den Ukrainekrieg protestieren. Die Franzosen sind keine reife Gesellschaft, bedauert die Philosophin Corine Pelluchon im Interview mit der Zeit. Und: Der Perlentaucher resümiert Reaktionen auf den Tod Richard Herzingers.

Kanalisierung des Dauerstaus

15.10.2025. In der NZZ erklärt Richard C. Schneider das Prinzip des jüdischen Pikuach Nefesh, dem Yahya Sinwar seine Freilassung aus einem israelischen Gefängnis verdankt. Die Hamas tritt in Gaza derweil wieder in voller Waffenmontur auf, berichtet der Spiegel. In der FAZ erinnern sich ehemalige Schüler Karl Schlögels an Exkursionen gen Osten mit ihrem Professor. In der SZ fragt der israelische Rapper Ben Salomo, wie es nicht antisemitisch sein könne, seinem 5-jährigen Sohn "Free Gaza" hinterherzurufen. In der Zeit suchen die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey nach Erklärungen für den Erfolg der Rechtspopulisten.

Ein seit zwei Jahren herbeigesehnter Traum

14.10.2025. In der SZ schildert Zeruya Shalev ihre zwiespältigen Gefühle am Tag der Heimkehr der Geiseln - Euphorie darüber einerseits, Angst und Fragen andererseits: Denn zu den freigelassenen palästinensischen Gefangenen gehört auch der Attentäter, der sie im Jahr 2004 fast umgebracht hatte. In der FAZ lernt Heinrich August Winkler einiges über Konrad Adenauer und diese "lästige und unangenehme Sache" namens Berliner Mauer. In der FR fragt sich Karl Schlögel, ob die Europäer den Ernst der Lage begreifen. Und die Buchmesse beginnt: Die FAZ wirft einen Blick auf die Lage der Branche.

Aristoteles ist nicht nur Grieche

13.10.2025. Die Hamas hat die ersten sieben Geiseln freigelassen, meldet die Jüdische Allgemeine. Muss man Donald Trump nun dankbar sein, fragt Zeit Online. Solange die Hamas die Waffen nicht abgibt und Israel sich nicht aus Gaza zurückzieht, ist ein dauerhafter Frieden nicht in Sicht, fürchtet Politico. Die SZ vermisst auf einer Basler Konferenz ein lustmaximierendes Angebot der Linken für die Zukunft der Gesellschaft. In einer Leipziger Rede blickt Nino Haratischwili aus postkolonialer Perspektive auf Europa. In der FAZ fragt der Historiker Felix Ackermann, warum das Auswärtige Amt ausgerechnet beim Forum für historische Belarus-Forschung sparen will.