9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.12.2025. Implodiert die Welt wegen des Größenwahns zweier Politiker? Die Medien schreiben über Trumps immer verrücktere Ausbrüche - und sein Dösen in Kabinettssitzungen. Die FAZ notiert auch den Größenwahn eines anderen: Russland habe vollkommen neue Waffen und ist praktisch unschlagbar, ist sich Putin sicher. Auch in Deutschland bricht sich ein politischer Wahn Bahn: Der Politikwissenschaftler Markus Linden fragt sich in Zeit online, ob sein Kollege Nils Kumkar wirklich ein zynisches Machtspiel der Linken will, das darin besteht, erstmal die AfD dranzulassen?
18.12.2025. Identitätspolitik von links ist auch nicht besser als die von rechts, meint in der FAZ der Historiker Stephan Lehnstaedt, zumal sie klassisch imperiale Handlungsmuster aufweise. Die Zeit fragt sich, warum Mathias Döpfner Erinnerungskultur als Hemmnis für den Fortschritt zu begreifen scheint. Den Venezulanern wäre sehr geholfen, würde Maduro abdanken, meint die SZ, aber Donald Trump vermasselt auch das. In der NZZ erklärt der Historiker Sergey Radchenko, warum Putin noch gefährlicher als Stalin ist. Die FR fürchtet um die Medienvielfalt in Italien, sollten italienische Zeitungen nicht ins Ausland verkauft werden dürfen.
17.12.2025. Die Attentäter von Sydney handelten in einem Klima, in dem Antisemitismus normalisiert ist, erkennt die taz. In Atlantic geht David Frum noch weiter: Wer "Globalize the Intifada" ruft, weiß ganz genau, was er tut: Symbolische Gewalt ist eine Generalprobe für tatsächliche Gewalt. In der SZ können es Filip Dzyadko und Alexander Estis angesichts der Haftbedingungen kaum fassen, dass der russische Widerständler Alexej Gorinow noch lebt. In der FR erklärt die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr, dass sie eigentlich am liebsten mit denen diskutiert, die ganz anderer Meinung sind als sie.
16.12.2025. Nicht viele gute Nachrichten heutzutage. "Juden der Welt! Ihr seid nirgends sicher", ruft Alexander Estis in einem verzweifelt klingenden Text in der SZ. Die Hongkonger Demokratiebewegung ist mit der drakonischen Verurteilung des Verlegers Jimmy Lai sozusagen offiziell beerdigt, fürchtet die FAZ. Die italienischen Zeitungen sind in einer lebensbedrohenden Krise, berichtet die taz. Nur die Ukraine ist nicht verloren, insistiert der Historiker Yaroslav Hrytsak in der FAZ: Denn die Ukrainer wollen sich einfach nicht unterwerfen.
15.12.2025. Der antisemitische Anschlag von Sydney kam nicht ohne Vorwarnung, schreibt die jüdische Australierin Claire Lehmann in Yascha Mounks Blog Persuasion - ihm ging eine ganze Reihe von Vorfällen voraus, die von der australischen Politik nicht ernstgenommen wurden. Alle Zeitungen freuen sich über die Freilassung von über 120 belarussischen Regimegegnern, darunter Maria Kolesnikowa - die FAZ beschreibt die grauenhaften Haftbedingungen. Heute ist ein Schicksalstag, mahnt nicht nur die taz: Unterwirft sich Europa? Zerbricht der Westen?
13.12.2025. "Selbstgewähltes, aggressives Nichtwissenwollen", kennzeichnete westliche Öffentlichkeit einst gegenüber Stalins und heute gegenüber Putins Regime, sagt Marko Martin in der taz. Wolodimir Selenski wird am Montag nach Berlin kommen. Hier könnte sich entscheiden, ob die Ukraine den Preis für diese Ignoranz zahlen muss - aber die FAS macht sich noch Hoffnung. Trumps "Nationale Sicherheitsstragie" (inzwischen als "US-NSS" abgekürzt) macht den Zeitungen weiter Kopfzerbrechen. Ebenfalls in der FAS erzählt Ronya Othmann, warum sie mit Blick auf Syrien "eine große Einsamkeit" verspürt.
12.12.2025. Im Tagesspiegel erzählt die Althistorikerin Babett Edelmann-Singer, wie es die AfD mit der Antike hält. "Die Leute, die auf Frieden mit Russland drängen, sollten sich einen Abend lang russische Medien anschauen", empfiehlt Karl Schlögel ebendort. In Nigeria werden die Christen sehr wohl verfolgt, hält die FAZ fest. Der SZ geht's gut - Zeit online erzählt, warum der Chefredakteur trotzdem gehen muss. Und Patricia Schlesinger und andere RBB-Hierarchen müssen weiter um ihre Ruhegelder kämpfen.
11.12.2025. Die SZ schildert Wolodimir Selenskis einsamen Kampf gegen Donald Trump. In der FR fürchtet Arno Widmann mit Blick auf die Allianz von Trump und Putin: "Wir werden uns rüsten müssen." Die Konferenz wehleidiger Intellektueller, die in der Schweiz tagen, weil sie in Deutschland ihre weit verbreitete Meinung angeblich nicht sagen dürfen, beschäftigt die Zeitungen weiter. Die Kopplung von KI und Macht besorgt FR und SZ. Die taz porträtiert die Feministin Jacinta Katiany, die in Kenia gegen Genitalverstümmelung kämpft.
10.12.2025. In der SZ fordert Navid Kermani eine Föderation europäischer Staaten, warum nicht gleich ein transnationaler Sozialismus, fragt Lea Ypi in Zeit online. Auch vor hundert Jahren haben sich Intellektuelle gefetzt, damals hießen sie Siegfried Kracauer und Martin Buber - die FAZ erinnert. Mit Europa geht's unterdessen laut FAZ und SZ weiter bergab, sowohl in Frankreich als auch in Britannien. Aber es besteht Hoffnung: Die taz hat bei Wolfram Weimer einen Gottesbeweis gefunden.
09.12.2025. Was nur fasziniert die liberale Linke so am radikalen Islam, fragt sich in der FAZ der kroatische Historiker Ivo Goldstein. Wer den Ukrainekrieg gewonnen hat, wird nicht in einem "Friedensplan" entschieden, sondern in der Zeit danach, meint Timothy Garton Ash in der SZ. Warum neuerdings in der Türkei Fotojournalisten verhaftet werden, erklärt in der taz der Fotograf Yasin Akgül. Im Spiked Magazine plädiert der polnisch-nigerianische Autor Remi Adekoya nicht für eine Dekolonisierung der Geschichte, sondern für eine Erweiterung des Lehrplans, die das Osmanische Reich, das Mogulreich und das Königreich Ashanti neben dem britischen Empire einbezieht.