Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.12.2025. In der SZ fordert Navid Kermani eine Föderation europäischer Staaten, warum nicht gleich ein transnationaler Sozialismus, fragt Lea Ypi in Zeit online. Auch vor hundert Jahren haben sich Intellektuelle gefetzt, damals hießen sie Siegfried Kracauer und Martin Buber - die FAZ erinnert. Mit Europa geht's unterdessen laut FAZ und SZ weiter bergab, sowohl in Frankreich als auch in Britannien. Aber es besteht Hoffnung: Die taz hat bei Wolfram Weimer einen Gottesbeweis gefunden.
NavidKermani beschwört in der SZ die "Vereinten Nationen von Europa": Nur eine Föderation europäischer Staaten sei in der Lage, die Herausforderungen der Zeit zu meistern und sich gegen Putin oder Trump zu beweisen: "Um sein ökonomisches, politisches und kulturelles Gewicht in die Waagschale werfen zu können, braucht Europa mehr als improvisierte Reisegruppen, die sich während des Flugs absprechen. Es braucht eine Stimme, die von den Europäern gewählt ist, damit sie für Europa spricht, es braucht eine Regierung, die das gemeinsame Interesse aller Europäer vertritt." Es werde "weitere Bereiche geben müssen, in denen diejenigen Nationen, die wollen, so eng zusammenarbeiten können wie Staaten innerhalb einer Föderation: zwingend die Außenpolitik, aber auch Handel, Flüchtlinge, Verteidigung, Klima, Forschung, Weltraum, Steuern, Sozialleistungen und ja, natürlich ja, mittelfristig auch eine gemeinsame Armee."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Noch einen Schritt weiter geht die Philosophin Lea Ypi, deren neues Buch vor Kurzem erschienen ist, im Zeit-Interview mit Nils Markwardt. Sie denkt darüber nach, warum die Linke den autoritären Kräften der Gegenwart so wenig entgegensetzen kann. Es liege daran, dass sie dem Neoliberalismus kein tragendes Konzept entgegensetzt. Sie glaubt "weder, dass man mit dem Kapitalismus Kompromisse schließen kann, noch an den Staatssozialismus." Stattdessen schwebt ihr "eine Form des transnationalen Sozialismus" vor. Es "ginge also um ein Projekt, das einerseits eine Kritik des Kapitalismus formuliert, andererseits aber auch die Frage verhandelt, wie diese Kritik in internationale Institutionen übersetzt werden kann. Ein solches Projekt würde also über die Zukunft der Welthandelsorganisation nachdenken und sich ebenso fragen, welche transnationalen Kooperationsstrukturen man noch schaffen kann. In den frühen 2000er-Jahren, als ich meine Dissertation schrieb, waren das im linken Spektrum große Themen. Es wurde über eine europäische Verfassung debattiert und globalen Egalitarismus nachgedacht."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Vor fast hundert Jahren erschien eine neue Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Sie löste eine Kontroverse aus, an der das Who is Who der damaligen Intellektuellen teilnahm. Diese Kontroverse ist in dem Band "Die Bibelübersetzung von Buber-Rosenzweig" dokumentiert, den Wolfgang Matz heute in der FAZ bespricht. Siegfried Kracauer hatte das wolkige Deutsch der Übersetzung kritisiert. Die beiden Übersetzer replizierten: Dabei verblüfft laut Matz "besonders ein fast schon naiver Begriff übersetzerischer 'Wörtlichkeit'. Auf Kracauers Kritik an wagnerschen Alliterationen antworten sie: 'Luthers 'Wolken führen' heißt hebräisch: 'annen anan', infolgedessen bei uns: Wolken wölken.' Das Hebräische also kennt ein Verb mit dem gleichen Wortstamm wie das Substantiv, das Deutsche nicht - ist aber eine Übersetzung 'wörtlich', die das vermisste Verb einfach erfindet?"
Das Lavieren Keir Starmers gegenüber Trump und der EU bringt auf keiner der beiden Seiten Erfolge, fürchtet FAZ-Korrespondent Johannes Leithäuser. Da hatte er, "auf der Stuhlkante im Oval Office sitzend, die handschriftliche Einladung des Königs zum Staatsbesuch hervorgezaubert. Dann war Trump mit höchstem Pomp auf Schloss Windsor empfangen worden." Aber in Trumps Donald Trumps Papier zur "Nationalen Sicherheitsstrategie" wird dem Vereinigten Königreich die gleiche Diagnose gestellt wie dem Rest Europas. Und auch in eine Zollunion mit der EU traut sich Starmer nicht einzutreten. "Daraus spricht die weiterhin lebendige Angst vor der Agitationskraft des Rechtspopulisten Nigel Farage, der eine solche halbe Revision des Brexits als Verrat brandmarken und für sich nutzen würde - ohnehin führt Farages Reform-Partei stabil mit großem Abstand in den demoskopischen Erhebungen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Oliver Meiler hat für die SZ in den Gefängnis-Bericht des ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy hineingelesen. Über weite Strecken liest sich "Le journal d'un prisonnier" als Lamento über die Bedingungen seiner Haft in der Pariser Anstalt "La Santé", in der der Präsident ganze 21 Tage verbringen musste. Es gibt allerdings auch einen interessanten Teil, in dem Sarkozy vom Verhältnis zu Marine Le Pen schreibt, so Meiler: "Sarkozy erzählt, dass er Le Pen anrief, um ihr zu danken für ihre Solidarität nach der Verurteilung. Man plauderte über die Politik, die verfahrene Situation, das ganze Chaos, da habe Le Pen ihn gefragt, ob er bei allfällig vorgezogenen Neuwahlen die Bildung eines Front républicain, einer Brandmauer gegen ihren Rassemblement national, unterstützen würde. 'Nein', sagte Sarkozy, 'und überdies werde ich zu gegebenem Zeitpunkt öffentlich dazu stehen.' Wenn "Sarkozy, der in seiner Karriere viele habituelle Wähler der Le Pens, Vater und Tochter, für sich gewinnen konnte, an der Brandmauer rüttelt, dann ist das ein politischer Faktor."
Im französischen Senat fand eine Konferenz zur Gewalt gegen Frauen als Kriegswaffe statt, über die Naïla Chikhi bei mena-watch.deberichtet. Sie kommt auf das "schwarze Jahrzehnt" in Algerien zurück, das in vielem den 7. Oktober vorausnahm. Auch die (Nicht-)Reaktionen des Feminismus waren vergleichbar: "Es ist wichtig zu betonen, dass das Schweigen zahlreicher feministischer Organisationen nach dem 7. Oktober 2023 zutiefst befremdlich war. Am 8. März 2024 wurden Feministinnen, die in Paris und Brüssel ihre Solidarität mit den israelischen Geiseln zeigten, von Demonstrationen ausgeschlossen. Dieser Doppelstandard offenbarte eine Spaltung innerhalb der Frauenbewegung und schwächte das Ideal eines wirklich universalistischen Feminismus sowie der internationalen Schwesternschaft."
Solche Reportagen liest man höchstens mal auf hpd.de. Malawi ist eines der Länder mit den strengsten Abtreibungsgesetzen der Welt, berichtet Julian Hilgers. Viele Frauen sterben bei illegalen Abtreibungen - aber es gibt auch NGOs, die Frauen helfen, so Hilgers. Dennoch: "Die meisten Malawierinnen und Malawier sprechen sich in Umfragen klar gegen Abtreibung aus. Eine Umfrage des 'Afrobarometer', eines Verbunds unabhängiger Meinungsforschungsinstitute auf dem Kontinent, zeigt: 82 Prozent der Befragten in Malawi halten Abtreibung für ungerechtfertigt, selbst wenn die Frau durch Vergewaltigung schwanger wurde. Chikondi Chabvuta von der humanitären Organisation CARE erklärt diese Haltung unter anderem mit dem großen Einfluss der Kirche und traditionellen männlichen Anführern in den Dörfern. Ein Großteil der Bevölkerung lebt auf dem Land, rund 80 Prozent sind Christen und 14 Prozent Muslime."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Mathias Greffrath, eigentlich ein Altlinker, wie er im Buche steht, muss in seiner taz-Kolumne zugeben, dass er einen Gottesbeweis gefunden hat - und zwar in einem Buch des Kulturministers Wolfram Weimer mit dem Titel "Sehnsucht nach Gott" - erschienen im Bonifatius Verlag in Paderborn: "So lautet der Weimersche Gottesbeweis, ein Gläubiger sei ein 'glaubwürdigerer Zeuge' der Gegenwart Gottes als ein Atheist. 'Denn ersterer bezeugt etwas Manifestes. Letzterer behauptet etwas über jemanden, dessen Existenz er abstreitet. Das Sehen des Zeugen wiegt doch eigentlich schwerer als das Nicht-Sehen der Gegen-Zeugen.' Das letzte Mal habe ich so was von zwei jungen Herren in schwarzen Anzügen gehört, die alle Jahre wieder an meiner Haustür klingeln."
"Wie böse und gefährlich können Bücher sein?", fragt Claudius Seidl in der SZ mit Blick auf die drohende Schließung der Bibliothek des Konservatismus in Berlin (unsere Resümees) und den Fall eines Antiquars in Wien, der Bücher mit Bezug zum Nationalsozialismus online anbot und gegen den nun ein Prozess läuft. Aber, welche Bücher findet man eigentlich in der BdK? "Es finden sich im Bestand die Klassiker des Konservatismus und der Reaktion, es finden sich fast alle Veröffentlichungen aus Götz Kubitscheks neurechtem Antaios-Verlag. Aber wenn man ein bisschen stöbert, stößt man, zum Beispiel, auf die 'Marxistischen Blätter', das DKP-nahe Periodikum. Man findet jegliche Kritik des Konservatismus, bis hin zu den relativ neuen Studien von Thomas Biebricher oder Natascha Strobl. Es gibt Hunderte Büchern aus dem Suhrkamp-Verlag, von Merve, Wallstein oder der Edition Tiamat. Wer zum Konservatismus forschen wollte, fände hier alles, was er brauchte: die Quellen, die Sekundärliteratur. Und die Werke und Dokumente radikaler Gegnerschaft."
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