9punkt - Die Debattenrundschau

Wie sollen wir leben?

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.11.2026. Nur wenn Russland den Krieg verliert, kann in Europa Frieden herrschen, hält der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel im SZ-Gespräch fest. Die Grenze zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung ist die am schwächsten bewachte, meint der Politologe Ivan Krastev mit Blick auf die Proteste in Europa. Zeit Online besucht den nach Kanada ausgewanderten Faschismusforscher Jason Stanley, der J.D. Vance als Nachfolger Trumps ausmacht. Die FAZ macht sich Gedanken über die GenZ-Proteste. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.11.2026 finden Sie hier

Europa

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Ein wirklicher Frieden in Europa kann nur entstehen, wenn Putin den Krieg verliert, hält der Osteuropa-Historiker Martin Schulze-Wessel, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat, im SZ-Interview fest: "Russland muss die Unabhängigkeit und Integrität seiner Nachbarn achten. Zugleich kann es nicht darum gehen, Russland zu demütigen oder die russische Staatlichkeit infrage zu stellen. Aber es ist nötig, Russland seine Grenzen aufzuzeigen und eine langfristige Politik der Eindämmung zu betreiben. Die russische Propaganda nutzt gerne den Topos von der 'gekränkten Großmacht', dies gehört zu einer gezielt eingesetzten russischen Rhetorik des Ressentiments, mit der Aggression gerechtfertigt wird. Nur wenn die kollektive Sicherheit in Europa gewährleistet ist, hat Russland die Chance, im Inneren zu sich finden. Es gab durchaus demokratische Anfänge in der russischen Geschichte, etwa in den Neunzigern. Es gab Figuren wie Boris Nemzow und andere, die aber nicht erfolgreich waren. Grundsätzlich ist die Geschichte offen, und es kann auch in der russischen Geschichte einen zweiten, dann erfolgreichen Anlauf hin zur Demokratie geben."  

Beim Krieg in der Ukraine kommt modernste Technik zum Einsatz, aber trotzdem spielt die Natur eine wichtige Rolle, notiert der ukrainische Schritsteller Andri Ljubka, der sich freiwillig als Soldat gemeldet hat, in der NZZ: "Russland war für mich auf einer unbewussten Ebene schon immer mit Winter, Schnee und Kälte verbunden. Der Winter ist Russlands Waffe, die Kälte sein immanentes Wesen. Da Putin an der Front keine Erfolge erzielt, versucht er, die Ukraine im Hinterland in eine trostlose winterliche Ödnis zu verwandeln. Er will Strom, Wasser und Heizung abstellen, um die Ukraine in den kommenden Monaten wenigstens auf diese teuflische Weise in eine sibirische Taiga zu verwandeln. Der Winter in den Händen dieses Satans ist ein Mittel zur psychologischen Okkupation."

Der Politologe Ivan Krastev beschäftigt sich mit den Problemen des liberalen Westens. Im Welt-Gespräch blickt er auch auf die Proteste in Europa: "Ich weiß nicht, ob es zu Bürgerkriegen kommt. Aber gesellschaftlicher Zusammenhalt zerfällt. Nicht nur Migration, auch wachsende soziale Ungleichheit und die oligarchische Entwicklung unserer Gesellschaften treiben Menschen auf die Straße. Viele kommen aus den schlechtesten Schulen. Die Demonstranten in Belgrad waren keine Einwanderer. 1945 kontrollierten die reichsten 0,001 Prozent der Weltbevölkerung rund drei Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts, heute sind es 17 Prozent. Das Verhältnis zwischen den wenigen Reichsten und dem Rest der Gesellschaft ähnelt zunehmend dem zwischen Unsterblichen und Sterblichen in der griechischen Mythologie. Auch die Gewalt verändert sich. Hans Magnus Enzensberger beschrieb 1993 eine Gewalt, die keine Ideologie mehr zur Rechtfertigung braucht. Er erzählt von Kämpfern in Somalia, die im einzigen Krankenhaus des Landes die Geräte zerstörten. Bei Verletzungen hätten sie es selbst gebraucht. Die Grenze zwischen Zerstörung und Selbstzerstörung ist die am wenigsten bewachte Grenze."

Für die FAZ porträtiert Lennart Laberenz drei Ukrainerinnen, die in Charkiw geblieben - oder wieder dorthin zurückgekehrt sind: "Die Internationale Organisation für Migration geht davon aus, dass bis Ende Juni 2026 rund 1,5 Millionen Ukrainer in ihr Land zurückgezogen waren. Dort gibt es zwischen dreieinhalb und vier Millionen Binnenflüchtlinge, deren Städte und Dörfer umkämpft sind, zerstört oder von Russland besetzt. Charkiw hatte vor dem Einmarsch mehr als zwei Millionen Einwohner, rund sechshunderttausend harrten aus, viele absolvierten Lehrgänge, halfen den Streitkräften, die Invasoren im Herbst 2022 aus der Stadt zu verjagen. Inzwischen leben hier wohl wieder mehr als doppelt so viele Menschen."
Archiv: Europa

Medien

Die Deutsche Welle liegt bei einem Rekordhoch von 406 Millionen wöchentlichen Nutzern, allein dieses Jahr ist ein Zuwachs von 20 Prozent zu verzeichnen, weiß Michael Hanfeld, der für die FAZ mit DW-Intendantin Barbara Massing über mögliche Gründe gesprochen hat: "Es kann durchaus sein, dass unser starker Zuwachs in verschiedenen Ländern auch mit dem Fehlen von Voice of America zu tun hat. Das zeigt, wie dringend erforderlich es ist, dass wir präsent sind. Wer auf jeden Fall verstanden hat, wie wichtig Auslandsmedien sind, sind die autokratischen Staaten. Russland hat seine Aktivitäten in Afrika, Lateinamerika, Indien und auf dem Balkan sehr stark ausgebaut. China hat seine Aktivitäten hochgefahren. In Indien hat der Kreml im vergangenen Dezember ein Büro von Russia Today (RT) mit 100 Leuten eröffnet. In Westafrika ist Mitte 2025 ein großes Büro von RT eingerichtet worden, um den ganzen französischsprachigen Raum zu bespielen. Hier werben wir als Deutsche Welle für Deutschland und unser demokratisches System, nicht mit 'Gegenpropaganda', sondern mit unabhängiger Information, um Vertrauen zu schaffen, und einer Berichterstattung, die auf Werten basiert, für die Deutschland steht, darunter Menschenrechte, Demokratie und Freiheit."
Archiv: Medien

Digitalisierung

Die Amerikanerin Renée DiResta hat in Stanford zu Desinformation und Propaganda in der US-Politik geforscht. Im taz-Gespräch mit Sebastian Moll denkt sie auch über Methoden nach, Propaganda zu bekämpfen: "Wenn das Publikum dem Absender vertraut, ist es für Korrekturen empfänglich. Das Problem ist, dass dieses Vertrauen oft zerbrochen ist. Wenn Menschen den Institutionen misstrauen, die Korrekturen anbieten, sind Widerlegungen und Faktenchecks wirkungslos. Deshalb argumentiere ich in meinem Buch, dass wir mehr brauchen als Faktenchecks. Wir brauchen glaubwürdige Kommunikatoren, die Beziehungen innerhalb von Communitys aufbauen, Medienkompetenz, die Menschen dabei hilft, wiederkehrende Gerüchte und Propagandatechniken zu erkennen, und Plattformen, die Sensationslust und Empörung nicht ständig belohnen."
Archiv: Digitalisierung

Politik

Rieke Havertz besucht für Zeit Online den Faschismusforscher Jason Stanley in seiner neuen Heimat Kanada. Dorthin ist er nach Trumps Wahlsieg ausgewandert, was ihm auch Kritik einbrachte (unsere Resümees). Dass Trump durch eine Niederlage bei den Midterms zur "Lame Duck" werden könnte, ist ein naiver Gedanke meint Stanley, er kann der Demokratie immer noch sehr gefährlich werden. "Aber Stanley blickt längst über die Midterms und diese Präsidentschaft hinaus. Wenn diese Zwischenwahlen nur der erste Schritt sind, dann steuert Amerika 2028 auf ein Finale zu, mit dem sich das Schicksal der Nation entscheiden könnte. Deshalb dürfe man nicht nur auf Trump schauen. Jede Partei, die sich einem autoritären Führer unterwerfe, bekomme nämlich irgendwann ein Nachfolgeproblem. Wer nun profitieren könnte, sei JD Vance, glaubt Stanley. Trump habe mit dem Irankrieg einen Fehler gemacht. 'Deshalb versucht JD Vance, aus seiner kriecherischen, speichelleckerischen Art herauszukommen, indem er sich als Antikriegskandidat darstellt.' In ihm sieht Stanley einen gefährlichen Nachfolger für die Maga-Bewegung, 'einen Blut-und-Boden-Typen'."
Archiv: Politik

Gesellschaft

Fast ein wenig enttäuscht klingt Jürgen Kaube, wenn in der FAZ konstatiert, dass die deutschen Proteste am Wochenende mit den französischen nicht zu vergleichen waren. Vielleicht lag es an den zu heterogenen Protestmotiven, glaubt er und macht auf ein Problem aufmerksam: "Der erwartbar fallende Satz, die Randalierer müssten die ganze Schärfe des Rechtsstaats zu spüren bekommen, führt auf ein konkretes Problem. Denn er richtet sich auf junge Männer, für die das gar keine Drohung zu sein scheint, wenn sie unvermummt vor laufenden Kameras, den eigenen und fremden, Schuhgeschäfte plündern, aus denen sie jede Menge linker Sneakers holen, weil die meisten rechten Exemplare ja im Lager liegen. Das zeigt weniger Bildungsrückstände im kriminellen Bereich als die Lust an der Überschreitung als solcher, sowie einen Mangel an Furcht vor rechtsstaatlichen Konsequenzen. Das Milieu, das sie bilden, als migrantisch zu bezeichnen, ist deshalb ungefähr so sinnvoll wie die Behauptung, die Hooligans kämen aus dem Milieu der Eintracht-Fans."

Jannis Koltermann macht ebenfalls in der FAZ einen Punkt aus, der die Protestierenden mit AfD-Wählern verbindet: "In der Vielfalt und Unbestimmtheit der Forderungen drückt sich stattdessen eine diffuse Unzufriedenheit aus, wie man sie auch bei vielen anderen Protesten der vergangenen Jahre findet - sei es in Form von Demonstrationen oder von Wahlergebnissen. Fragt man AfD-Anhänger, warum sie sich von den etablierten Parteien abgewandt haben, bekommt man eine ähnlich abenteuerliche Themenmischung zu hören wie auf den Gen-Z-Protesten, nur dass es statt um Wehrpflicht, Schulen und Palästina um 'herumlungernde Migranten', lückenhafte Busfahrpläne und aufgegebene Metzgereien geht. Was die Empörten aller Couleurs eint, ist das Gefühl, nicht hinreichend gesehen und systematisch benachteiligt zu werden. 'Die sollen mal was für uns tun': Der Satz könnte von einer ostdeutschen Rentnerin und AfD-Wählerin ebenso kommen wie von einem jungen Sympathisanten der urbanen Linken."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Gen Z, AfD, Proteste, Genzregelt

Ideen

Im Interview mit Ayala Goldmann (Jüdische Allgemeine) erklärt Carlos Fraenkel, der neue Leiter des Potsdamer Einstein Forums, warum ihm die Idee des Multikulturalismus nicht weit genug geht: "Es gibt interessante westliche Antworten auf die Frage: 'Wie sollen wir leben?' Aber es gibt auch interessante muslimische, jüdische, buddhistische, indische, konfuzianische, afrikanische Antworten darauf. Mir geht es aber nicht um Tokenism, nicht um ein multikulturelles Potpourri, in dem jeder repräsentiert sein muss. Nein, es geht mir darum, dieses Streitgespräch in Gang zu bringen, damit Argumente ausgetauscht werden. Ich habe 26 Jahre in Kanada gelebt, und das war schon sehr angenehm. Aber eine Gefahr des Multikulturalismus ist, dass man sich nicht mehr miteinander auseinandersetzt, wenn man alles bejaht und jede Lebensform als gleich gut gelten lässt. Die Spannungen können dann gar nicht mehr zum Tragen kommen und entladen sich manchmal rein zufällig."
Archiv: Ideen
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