Efeu - Die Kulturrundschau

Allerlei Halleffekte

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.05.2026. Wie steht's denn an euren Häusern mit der Frauenquote, fragen Nora Hertlein-Hull, Leiterin des Theatertreffens, und Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele, in der FAZ jene Theaterleiter, die den offenen Brief unterzeichnet haben. Deplatforming funktioniert nicht, verteidigt Milo Rau im Tagesspiegel seine Einladung von Peter Thiel zu den Wiener Festwochen. Während Nastassja Kinski seit Jahren versucht, eine kindliche Nacktszene aus einem Film von Wim Wenders entfernen zu lassen, bekommt der heute den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises, ärgert sich die SZ. Die Musikkritiker verreißen das neue Album von Paul McCartney: Kantenloses Klangverbrechen, schimpft die FAZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2026 finden Sie hier

Kunst

In Frankreich ist ein "Kulturkampf" entbrannt, berichtet Martina Meister in der Welt: Die Künstlerin Claire Tabouret hatte einen Wettbewerb zur Neugestaltung der sechs farblosen Grisaille-Fenster von Violett-le-Duc in Notre Dame gewonnen, der Kunstkritiker Didier Rykner hatte eine Petition dagegen gestartet, die inzwischen mehr als 300.000 Unterschriften verzeichnet, auch Stefan Trinks kritisierte letztes Jahr in der FAZ Tabourets Entwürfe (unser Resümee). Meister beschwichtigt: Ja, dass die Fenster den Brand überstanden, ist ein Wunder, und doch seien Tabourets Neuentwürfe nicht schlecht. "Tabouret hat die sechs Pfingstszenen auf transparentem Plexiglas gemalt und dabei freien Pinselstrich und Schablonentechnik kombiniert. Für jedes Tableau sind 50 Miniszenen entstanden, die zu einem Fenster mit Rosette zusammengesetzt werden. Angefertigt werden die sechs Fenster von einem Traditionsunternehmen in Reims, Simon-Marq, das 1640 gegründet wurde. Die sieben Meter hohen Modelle wirken, zugegeben, auf den ersten Blick befremdlich. Obwohl Maria nicht, wie so oft, in sich zusammengesunken dargestellt wird, und stattdessen die Arme wie eine glückliche Influencerin gen Himmel reißt, hat sie doch etwas von der Melancholie von Tabourets Frauen- und Selbstporträts."

Vor allem zu Neujahr wurden im 18. und frühen 19. Jahrhundert bewegliche Grußkarten verschenkt, die mitunter durch einen Mechanismus eine zunächst verborgene Ansicht offenbarten. Dass viele erhalten geblieben sind und nun im Deutschen Romantikmuseum in Frankfurt gezeigt werden können, verdankt sich dem Sammler Andreas Dietzel, freut sich Tilman Spreckelsen in der FAZ, der hier eine längst vergangene Gesellschaft aufscheinen sieht. So loten einige Karten etwa "die Grenzen des Sagbaren aus oder scheinen das zumindest in modernen Augen zu tun. Wenn etwa 1820 auf einer inhaltlich der Freundschaft gewidmeten Karte im zweiten Bild ein junger Jäger von einem zweiten umhalst wird, der deutlich androgyne Züge trägt, dann nimmt die Karte damit ein Thema auf, das auch die Literatur der Zeit beschäftigt: das Spannungsfeld von Freundschaft und Liebe zwischen jungen Männern, wie es etwa in den Romanen Hans Christian Andersens durchgespielt wird."

Besprochen werden die Ausstellung "Rembrandt 1632. Entstehung einer Marke" im Schloss Wilhelmshöhe in Hessen Kassel Heritage (taz), die Ausstellung "Corbijn, Anton" in der Berliner Fotografiska (Tsp), die Ausstellung "Ein Bild findet Gnade" in der Berliner Galerie Sexauer, in der der Künstler Maximilian Prüfer Bilder aus der NS-Zeit zeigt, die er mit Insekten neu gemalt hat (Tsp) und die Ausstellung "Pulsions. Jean Dubuffet, les dernières années (1974 -1985)" in der Pariser Fondation Dubuffet (FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Deutsche Symphonie". Foto: Sylvester Pawliczek

Grandiose Idee, denkt sich Wolfgang Schreiber in der SZ, dass der Regisseur Paul-Georg Dittrich, Hanns Eislers "Deutsche Symphonie", die der österreichische Komponist 1935 mit dem Untertitel "Konzentrationslagersymphonie" im Widerstand gegen Hitler komponierte, erstmals als opulentes "Musiktheater nach Hanns Eisler" auf die Bühne des Staatstheaters Kassel bringt. Denn "Eisler selbst muss mit all seinen Gedanken und Klängen im Kopf das Subjekt sein, mit seinen Zweifeln, Fragen, Erregungen der 'Held' auf der Bühne seiner Symphonie. Und wie Clemens Dönicke vom Kasseler Schauspielensemble die Figur mit fulminanter Beweglichkeit und emotionalem Furor rauf und runter durch die Bühnenlandschaft führt, agil, fieberhaft gereizt oder zornig aufgebracht in brüsken Aktionen, das lässt erstaunen."

In der FAZ antworten Nora Hertlein-Hull, Leiterin des Theatertreffens, und Matthias Pees, Intendant der Berliner Festspiele, auf einen offenen Brief, der der Jury des Theatertreffens die zweijährige Aussetzung der Frauenquote vorwirft. (Unsere Resümees). Nicht nur werde hier die Unabhängigkeit der Jury in Frage gestellt und die Kunstfreiheit delegitimiert. Auch in anderer Hinsicht gelten hier offenbar Doppelstandards, schreiben die beiden, denn warum delegieren die Unterzeichner ihre "ureigene Aufgabe" an die nachgelagerte Theaterkritik? "Warum setzen oder setzten dann etwa die aktuellen, ehemaligen oder zukünftigen Leiterinnen und Leiter der Berliner Volksbühne oder des Deutschen Theaters, des Zürcher Schauspielhauses, des Münchner Residenztheaters, des Hamburger Thalia Theaters, des Schauspiels Hannover und des Dresdner Staatsschauspiels nicht an ihren eigenen Häusern endlich um, was das Theatertreffen ihnen sieben Jahre lang signalisiert hat? Warum gibt die Vizepräsidentin des Deutschen Bühnenvereins nicht selbst und über ihren Verein längst die wirksamen strukturellen Impulse zu häuserübergreifenden Selbstverpflichtungen zu diesem Thema?"

Peter Thiel soll im Rahmen der Wiener Festwochen mit dem linken Theologen Wolfgang Palaver zum Thema "Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik" unter Moderation von Milo Rau diskutieren. Der französische Philosoph Geoffroy de Lagasnerie sagte daraufhin seine Teilnahme ab, mit der Begründung, hier werde ein Faschist als Intellektueller legitimiert. Im Tagesspiegel-Gespräch mit Inga Barthels verteidigt Rau die Entscheidung: "'Hätte Deplatforming funktioniert, wäre die AfD jetzt nicht die stärkste Partei', sagt Rau. Thiel entscheide gemeinsam mit wenigen anderen Menschen über die Zukunft unseres Planeten. Es gelte, ihn ins Licht der Öffentlichkeit zu holen, im Rahmen einer 'antagonistischen Debatte. (...) So bedauerlich das ist: Meine oder andere intellektuelle Gedanken dazu sind interessant, aber sie haben keine Realmacht. Es wäre deshalb fahrlässig, sich mit Thiels Position nicht auseinanderzusetzen."

Weiteres: In der nachtkritik schreibt Andreas Klaeui über das Schweizer Theatertreffen. Besprochen wird die Choreografie "Play Dead" der Company People Watching bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR).
Archiv: Bühne

Literatur

Besprochen werden unter anderem Simon Masons Kriminalroman "Das kalte Herz von Oxford" (FR), Heike Geißlers "Michaela Kohlhaas" (NZZ) und Peter E. Gordons Biografie über Walter Benjamin (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Shoko Kuroe findet es auf Backstage Classical zwar grundsätzlich löblich, dass die SWR-Reportage "Macht_Spiel: Missbraucht vom Maestro" Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt an Musikhochschulen aufdecken will, bemerkt aber kritisch an, dass der Film "selbst die zentralen Narrative der Klassikbranche reproduziert und fortführt". Dies nicht nur durch eine mitunter raunend-dunkle Bildsprache, sondern auch dadurch, dass ständig von "Genies" die Rede ist. "Ein Hochschulpräsident oder ein Lehrbeauftragter mag hervorragend, charismatisch und in seinem Umfeld mächtig sein. Warum werden sie aber automatisch zu Genies hochstilisiert, sobald sie übergriffig werden?" Auch "ist es befremdlich, dass die SWR-Investigativredaktion einen Film über den sexuellen Machtmissbrauch in der Klassik dreht, ohne die vergleichbaren Mechanismen der Einschüchterung und des Loyalitätsdrucks im eigenen Haus bezüglich des SWR Symphonieorchesters und des Chefdirigenten François-Xavier Roth auch nur zu erwähnen."

Die Feuilletons stürzen sich auf Paul McCartneys neues Album "The Boys of Dungeon Lane", auf dem der Ex-Beatle von seiner Kindheit und Jugend in Liverpool erzählt. Ein gediegenes Spätwerk für den Pantheon also? Leider nein, seufzt Jan Wiele in der FAZ. Das Material gäbe es wohl schon her, aber die Produktion von Andrew Watt mache einen Strich durch die Rechnung: "Die nämlich ist streckenweise eines jener Klangverbrechen, das man seit den frühen Achtzigerjahren Rockmusikern immer wieder angetan hat: indem man ihren Werken und Arrangements die Klarheit und die Kanten nahm, um dann allerlei Halleffekte, vor allem aber solche der Kompression darüberzulegen. ... McCartneys neue Songs klingen leider teils wie generische KI-Musik, auch wenn man das Handgemachte unter dem Produktionsschleier noch heraushören kann."

Auch Josef Wirnshofer fragt sich in der SZ, "ob der Sound wirklich so knitterfrei sein muss, wie er es streckenweise ist". Immerhin gelingt McCartney mit "Days We Left Behind" wahrscheinlich doch ein Klassiker, schreibt Christian Schachinger im Standard: "Damit die Ehrlichkeit auch gegenüber Legenden gewahrt wird: Diese Form kann McCartney mit Ausnahme eines Duetts mit Ringo Starr auf weiteren zwölf Songs nicht halten."



Kai Müller vom Tagesspiegel indessen hört lauter "kleine Pop-Wunder", und auch Georg Seeßlen ist auf Zeit Online total begeistert: "Es ist ein Beatles-Album, auch wenn es die Band natürlich schon lange nicht mehr gibt, die eine Hälfte der Mitglieder tot ist und die andere Hälfte über das Rentenalter hinaus. Paul McCartney hat ein Album geschaffen, das die Beatles bewahrt, sie in gewisser Weise sogar rekonstruiert, ihre (Vor-)Geschichte erzählt und zugleich doch Abschied nimmt. Auf eine höchst vitale und kein bisschen larmoyante Weise. Es gibt keinen anderen Musiker auf der Welt, der ein solches Kunststück hätte vollbringen können. 

Weitere Artikel: Ein Deal zwischen Universal Music und Spotify soll es Nutzern des Streamingdienstes künftig ermöglichen, gegen ein zusätzliches Entgelt via Künstlicher Intelligenz eigene Remixe von Stücken anfertigen zu können, meldet Kristoffer Cornils in der taz nicht ohne Skepsis. Harald Eggebrecht meldet in der SZ, dass die Macdonald-Viola von 1719 offenbar vor kurzem für den Rekordpreis von mehr als 23 Millionen Dollar von einem Verein für den Bratschisten Amihai Grosz, der bei den Berliner Philharmonikern spielt, angekauft worden sein soll.

Besprochen werden ein von Gregor Kessler herausgegebenes Buch über den Songtexter und Musiker Dan Treacy (taz), das neue Album der Berliner Indieband Kresse 3 (taz), die neue EP der Kölner Afropunkband Grenzkontrolle (taz), das neue Album von Hiss Golden Messenger (FR), ein Konzert des früheren Genesis-Gitarristen Steve Hackett in Frankfurt (FR), Metallicas Konzert in Zürich (NZZ) und das neue Soloalbum des Radiohead-Gitarristen Ed O'Brien ("eine wunderbare Platte", schwärmt Leon Frei in der SZ).

Archiv: Musik

Film

Vor einer Woche hat Nastassja Kinski in einem SZ-Gespräch erzählt, wie sie seit vielen Jahren versucht, Wim Wenders privat dazu zu bewegen, eine Szene aus dessen Film "Falsche Bewegung" aus dem Jahr 1975 entfernen zu lassen, in der sie als 13-Jährige nackt zu sehen ist (unser Resümee). Insbesondere auch vom Deutschen Filmpreis, bei dem Wenders heute Abend einen Ehrenpreis erhalten soll, herrschte seitdem Schweigen, schreibt Claudia Tieschky in der SZ und "wundert sich, wie das sein kann - angesichts der grotesken Überschreitung aller Grenzen bei der Inszenierung eines nackten Kindes. ... Es ist ein öffentliches Schweigen von Produzenten, Redakteuren, Regisseuren und Schauspielern aller Geschlechter, ein Schweigen, das überhaupt nicht zu erklären ist, so empathisch, offen und zugewandt, wie es heute in der Filmbranche oft zugeht. ... Ist Wim Wenders unantastbar?" Der Film als Kunstwerk hat für Tieschky keine Bedeutung, jedenfalls sagt sie dazu nichts. Kinski hat nun angekündigt, die Entfernung der Szene vor Gericht einzuklagen.

Apropos Deutscher Filmpreis: Künstlerisch lassen sich die Nominierten durchaus sehen, schreibt der Filmproduzent Martin Moszkowicz in der FAZ. Allein, die allermeisten deutschen Filme gehen an den Kassen unter wie Senkblei. Dies habe nicht immer nur mit dem Film an sich zu tun, sondern auch mit historisch gewachsenen, einst sinnvollen, heute aber lähmenden Wirtschaftsstrukturen, bei denen Produzenten erst nach einer sehr, sehr langen Abrechnungskette erste Erträge ihrer Arbeit sehen. Eine Folge: Deutsche Filme kommen kaum mit PR-Budget in die Kinos. "Mein Vorschlag lässt sich in einem Satz zusammenfassen: weniger Filme, dafür vernünftig budgetiert, mit der Herausbringung als festem Bestandteil des Filmbudgets - und mit dem Produzenten als wirtschaftlichem Zentrum des Projekts. ... Er verantwortet das Gesamtbudget, hält die Rechte, bestimmt die Startstrategie mit und ist über die gesamte Auswertungskette am Ergebnis beteiligt. Er muss vom Dienstleister zum Unternehmer werden - so wie der Verleiher vom Unternehmer zum Dienstleister werden muss."

Außerdem: In der Jungle World resümiert Rüdiger Suchsland das Filmfestival in Cannes. Claudius Seidl erinnert in der SZ an Marilyn Monroe, die vor hundert Jahren geboren wurde. Besprochen werden Pedro Pinhos "I Only Rest in the Storm" (Artechock, mehr dazu bereits hier), Kirk Jones' Tourette-Film "Verflucht normal" (FAZ, unsere Kritik), Jean-Pierre Améris' "Ticket ins Leben" (Artechock) und die Amazon-Serie "Spider-Noir" mit Nicolas Cage als Superheld (Welt).
Archiv: Film