Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.02.2026. In der taz fragt Nobelpreisträger Denis Mukwege: Warum interessiert sich niemand für den jetzt dreißig Jahre dauernden Krieg im Kongo? Die Demonstrationen junger Menschen in Bangladesch, Nepal oder Indonesien, die sich um eine bessere Zukunft gebracht sehen, könnten Vorbild auch im Westen sein, meint Alexander Görlach in der NZZ. Die Demokratie muss weiterentwickelt werden, wenn sie Antworten auf die Probleme dieser Zeit finden soll, denkt auch Jörg Baberowski in der FR. In der SZ wundert sich der Autor Jonathan Guggenberger über Zensurvorwürfe propalästinensischer Stimmen: sie würden sogar staatlich gefördert. Die Zeit trifft den Gründer des rechten Magazins Apollo News.
Timbuktu hat seine "Biennale Artistique et Culturelle" gefeiert, mit Musik, Tanz und Schauspiel, bunten Kostümen und Frauen ohne Schleier - Dschihadisten hin oder her, erzählt Issio Ehrich in einer Reportage für die Zeit. "Künstlerinnen und Künstler legen mit jedem Auftritt neue Facetten des kulturellen Reichtums Malis frei. Und der Armee gelingt es nicht nur, in Timbuktu für Sicherheit zu sorgen. Während der Biennale durchbricht sie außerdem die Benzinblockade in der Hauptstadt und ermöglicht ein Gipfeltreffen, zu dem die Präsidenten Burkina Fasos und Nigers anreisen. Es ist eine Machtdemonstration, die wenige Beobachter für möglich gehalten hätten." Mehr als eine Atempause im Kampf gegen die Islamisten ist es aber nicht, ahnt Ehrich.
Der kongolesische Frauenarzt und Nobelpreisträger Denis Mukwege ist enttäuscht von der Münchner Sicherheitskonferenz abgereist, erzählt er im Interview mit der taz: Der Krieg im Kongo interessierte dort kaum jemanden. "Wir wollen, dass diese Krise endet. Dreißig Jahre Leid, dreißig Jahre Kriegsverbrechen, das ist zu viel. Wir brauchen keine Reden mehr, wir brauchen konkretes Handeln. ... Wir schlagen eine internationale Friedenskonferenz für die Region vor, im Kontext des Rahmenabkommens von Addis Abeba von 2013 über Frieden und Sicherheit in der DR Kongo und in der Region. Dieses Abkommen wurde nie umgesetzt. Wir schlagen vor, es zu neuem Leben zu erwecken und zu erweitern: alle Unterzeichnerstaaten und dazu die Zivilgesellschaft, die großen Bergbaufirmen mit Interessen im Kongo, die kongolesischen Unternehmen. Sie alle müssen sich an einen Tisch setzen und miteinander reden, denn dies ist ein Wirtschaftskrieg. Es geht um die Kontrolle strategischer Mineralien. ... Das extreme Elend macht die Menschen anfällig für Manipulation. Nennen wir die Dinge beim Namen. Aus den Kivu-Provinzen exportieren Chinesen enorme Mengen an Gold im Wert von Milliarden Dollars, und die Kongolesen bleiben arm zurück."
Im letzten Jahr gingen junge Menschen in Bangladesch, Nepal, Indonesien und vielen anderen südasiatischen Staaten auf die Straße und brachten zum Teil ihre Regierungen zu Fall, konstatiert Alexander Görlach in der NZZ. Ihre Ziele - mehr Demokratie - haben sie bisher nur rudimentär erreicht, doch ihre Wut könnte auch in anderen Weltteilen inspirierend sein. "Von vielem, was die Jugend Südostasiens beklagt, können junge Menschen überall auf der Welt ein Lied singen: Mieten und Lebenshaltungskosten gehen auch in Sydney, Taipeh, Buenos Aires, Mexiko-Stadt, Berlin, London und New York durch die Decke. Mit der Erkenntnis, dass es der jungen Generation heute schlechter gehen wird als ihren Eltern, kommt die Wut auf ein System, das, anders als versprochen, nicht der Mehrheit der Gesellschaft dient, sondern nur den wenigen Superreichen."
Die Epstein-Files sind veröffentlicht und es kommen allerhand Grausamkeiten ans Tageslicht, doch es ist wichtig, bei den Fakten zu bleiben und keine Verschwörungstheorien zu verbreiten, schreibt Nils Minkmar in der SZ. Bei der Auswertung werde ein zu großes Augenmerk auf Jeffrey Epstein und nicht auf die jungen Frauen und Männer gelegt, die er missbraucht habe. "Internationaler Spion für Mossad und FSB, Organhändler und Kannibale, Serienmörder und Menschenzüchter nach privatem Eugenik-Programm - all diese Mutmaßungen über Epstein verstärken seine posthume Legende... Epsteins Taten sind immens schrecklich, und seine geschickte Inszenierung als Netzwerker und globaler Machtmakler war Teil des kriminellen Systems. Das war seine Geschichte. Hören wir nun jene seiner Opfer."
Trotz angekündigter Waffenruhe beschießt Putin die Ukraine bei Temperaturen unter Minus 20 Grad, schreibt der ukrainische AutorSergei Gerasimow in der NZZ. "Der amerikanische Präsident behauptet, er habe Putin gebeten, die Angriffe auf das ukrainische Energiesystem für eine Woche auszusetzen, und Putin - was für ein Ausbund an Tugendhaftigkeit! - beteuert, Wort gehalten zu haben. Es war die Woche vom 25. Januar bis zum 1. Februar. Die Fakten für diesen Zeitraum, die das russische Verteidigungsministerium nicht verschweigt, präsentieren sich wie folgt: 25. Januar: Angriff auf Energieanlagen in der Ukraine. 26. Januar: weiterer Angriff. 27. Januar: dito. Von den Stromausfällen waren Teile der Regionen Charkiw, Odessa, Dnipropetrowsk und Donezk betroffen. Neun Tote an einem Tag. Und so weiter und so fort. Es ist wahrscheinlicher, dass Epstein heiliggesprochen wird, als dass Putin sein Wort hält."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Demokratie muss weiterentwickelt werden, da das jetzige System keine Antworten auf die Probleme dieser Zeit findet, erklärt der HistorikerJörg Baberowski im FR-Interview mit Michael Hesse. Dabei geht es auch darum, in diesen neuen demokratischen Formen auf Stimmungen in der Bevölkerung einzugehen und sie nicht mit Fakten einfach abzuschmettern. "Man kann Wahrnehmungen nicht mit Statistiken und gelehrten Abhandlungen aus dem Spiel werfen. Man ist nie stimmungslos in der Welt. Intellektuelle schon gar nicht. Auch folgen nicht nur Abgehängte den Populisten, sondern vielmehr gut ausgebildete Menschen der unteren Mittelschicht, die sich vor dem sozialen Abstieg fürchten. Diese Angst ist im Osten größer als im Westen, weil es die Erfahrung einer zweifachen Deindustrialisierung gibt: nach 1945 und nach 1989. Ostdeutsche reagieren sensibel auf Versuche, sie zu bevormunden und zu erziehen. Es geht um Selbstwertgefühle. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch von Anerkennung."
Es hat sich schon einiges geändert im Umgang mit Vergewaltigung, aber nicht genug, meint Gisèle Pelicot im Interview mit der Zeit, wenn sie auf einen Prozess im Jahr 1978 zurückblickt: "Zwei junge Frauen, die in Südfrankreich im Urlaub waren, wurden vergewaltigt: ein lesbisches Paar, die Täter waren drei Männer. Auch diese beiden Frauen haben eine öffentliche Verhandlung erzwungen. Aber zu welchem Preis! Als sie beim Gericht ankamen, wurden sie bespuckt und ausgepfiffen. Ich dagegen wurde mit Applaus empfangen. Allerdings: Was dann drinnen im Saal passiert - das hat sich nicht geändert. Ich habe Demütigungen erfahren. Man hat mir gesagt, ich sei Komplizin meines Mannes, ich hätte allem zugestimmt, ich hätte doch die gynäkologischen Probleme bemerken müssen. All das habe ich erklärt. Übrigens hat Gisèle Halimi, die Anwältin der beiden Frauen von damals, diesen Satz zuerst gesagt: 'Die Scham muss die Seite wechseln.'"
Die "propalästinensische" Bewegung in Deutschland behauptet immer, vom Kulturbetrieb seit dem 7. Oktober 2023 ausgeschlossen zu sein, das stimmt aber nicht, wenn man auf die Fördersummen blickt, konstatiert der AutorJonathan Guggenberger in der SZ. Zum Beispiel bei der Boykottbewegung "Strike Germany". "Wie wenig bedroht die Freiheit von Strike-Germany-Unterstützern tatsächlich ist - sogar verteidigt wird -, zeigen weitere Fälle aus der Bewegung. Mitte Januar beispielsweise lud die staatliche Kunstakademie Düsseldorf die Strike-Germany-Unterstützerin Basma al-Sharif für einen Vortrag ein." Das Festival wurde dabei mit 3,65 Millionen Euro aus dem Kulturstaatsministerium gefördert. Der Kunstkritiker Tobi Haslett "sprach auf der Bühne von 'Zensurklima' und bewarb Strike Germany als einzigen Ausweg. Um seinen Boykott formal einzuhalten, spendete er seine Gage an 3ezwa (vormals Berlin Legal Fund), eine Plattform für Gaza-Fundraiser und Rechtshilfe gegen Antisemitismusklagen, deren Mitgründerin Nomi Sladko online die Symbolik der Hamas verwendet und die Intifada, historisch den Mord an israelischen Zivilisten, als Widerstand feiert."
In der FAZ wüsste Michael Hanfeld gern, wie das ZDF nicht bemerken konnte, dass es in einem Beitrag über die Abschiebungen der amerikanischen ICE-Behörde KI-generierte Bilder nutzte. Klar, Fehler passieren. Andererseits fiele so ein Fehler "vielleicht nicht derart ins Gewicht, hätten wir nicht gesehen, wie die ZDF-Nachrichten (die ARD auch) den Abriss der 'Brandmauer' gegen die AfD durch die Grünen im EU- Parlament ignorierten oder Dunja Hayali und der Korrespondent Elmar Theveßen nach dem Mord an dem MAGA-Aktivisten Charlie Kirk mit Schnellurteilen kamen, die nicht trugen. Oder denken wir an die Pirouetten, die das ZDF drehte, nachdem herausgekommen war, dass der von der israelischen Armee getötete Mitarbeiter einer palästinensischen Produktionsfirma, die der Sender seit Jahren beschäftigte, dem bewaffneten Arm der Hamas angehört... Mit derlei Gebaren schafft sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk selbst ab und liefert nicht nur der AfD, die die Anstalten rasieren will, Munition." Gern weisen wir in diesem Kontext auch nochmal auf Daniel Rotsteins Perlentaucher-Artikel über die öffentlich-rechtlichen (aber nicht nur diese) Medien und Israel hin.
Hier ist der ZDF-Beitrag mit dem gefälschten Video. Angefangen hatte alles in den so schlecht beleumundeten sozialen Medien.
Das ZDF Heute-Journal berichtete gestern über die "ICE Truppen" in den USA. Wieso verwendet das ZDF Heute-Journal ein Video, das ein Wasserzeichen der SORA KI Video App hat? #OerrBlogpic.twitter.com/RBLZFt8a3U
In der SZ versteht Stefan Niggemeier die zögerliche Aufklärung des ZDF nicht. Aufgearbeitet werden müsse dieser Vorgang nun schon. Und: "Das Ergebnis dieser Aufarbeitung gehört auch in die Öffentlichkeit. Sie hat ein Recht auf Erklärungen - auch was den katastrophalen Umgang mit den Fehlern im Nachhinein angeht. Und auf Besserung. Anders als die rechten Kritiker suggerieren, genießt der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland nämlich immer noch ein sehr hohes Vertrauen. Fälle wie dieser sind aber geeignet, es zu zerstören."
Ijoma Mangold trifft für die ZeitMax Mannhart, den 23-jährigen Gründer der rechten Plattform Apollo News, zum Mittagessen im Berliner Restaurant Borchardt. Aber wie rechts ist er, möchte Mangold wissen. Zwei journalistische Coups kann Apollo News schon aufweisen: die Recherche zu den Ludwig-Erhard-Gipfeln der Weimer Media Group und die Enthüllung der KI-generierten und alten Bilder, die das "heute-journal" benutzt hat, um ICE-Einsätze in den USA zu illustrieren. Gegründet hat Mannhart Apollo News 2018 mit Mitschülern in Kreuzberg als "eine Art digitale Schülerzeitung", so Mangold, dem der junge Journalist nicht unsympathisch ist. "Was erwidere er, wollen wir wissen, wenn Leute ihn als Nazi bezeichnen? Der Vorwurf sei absurd, sagt Mannhart: 'Der Nationalsozialismus ist ja gerade eine Abwendung vom Westen, er ist die Abkehr vom Abendland, vom Liberalismus und von der bürgerlichen Gesellschaft - von allem, woran ich glaube. Er ist kollektivistisch und totalitär.' ... Und wie hält er es mit der AfD? Er sei kein Anhänger der Partei, sagt Mannhart, schon weil ihn deren verharmlosende Haltung zu Putin schockiere: 'Aber ich bin auch gegen diese ganze Dämonisierungs- und Ausgrenzungspolitik. Und ich verstehe jeden, der AfD wählt, weil er spürt, dass die Wirtschaft seit Jahren abschmiert.'"