Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.12.2025. Die Mehrheit der AfD-Wähler sei keineswegs gegen Demokratie, glaubt Juli Zeh in der taz. Mag sein, ist aber ziemlich naiv, meint der ehemalige Verfassungsrichter Andreas Voßkuhle im Tagesspiegel, denn die AfD will den Parlamentarismus abschaffen. Die Welt warnt vor radikalen Christen in den USA, die die demokratische Partei für dämonisch halten. In der FAZ blickt der Philosoph Michael Hampe indes besorgt auf die neoreaktionäre Revolution in den USA. So eine große Wassernot wie aktuell gab es nie im Iran, erzählt der Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan in der NZZ.
Für die tazbesuchen Antje Lang-Lendorff und Peter Unfried die Schriftstellerin Juli Zeh in ihrem brandenburgischen Heimatdorf. Die vielen AfD-Wähler in ihrer Nachbarschaft seien keineswegs rechtsradikal, sondern teilen allein die Elitenfeindlichkeit der AfD, glaubt sie. Gegen die Demokratie sei die Mehrheit der Wähler aber keineswegs: "Die Leute, die AfD wählen, die wollen ja zum Teil sogar mehr Demokratie. Die wollen mehr Plebiszite, mehr Einfluss des Volkes. Die sind der Meinung, dass ein großer Teil der Bevölkerung ihre Auffassung teilt, zum Beispiel bei der Kritik an Zuwanderung, und dass die sogenannten Eliten in Wahrheit undemokratische Institutionen sind. Aus dieser Sicht haben die Eliten die Pressefreiheit eingeschränkt und einen homogenen medialen Diskurs geschaffen. Die Eliten treffen angeblich Entscheidungen, die nicht vom Volk getragen sind. Sie machen eine Top-down-Politik im Land, obwohl sie demokratisch gewählt sind. (...) Demokratie ist nicht, wenn Menschen Dinge wählen, die man selbst gut und richtig findet!"
Das sieht Andreas Voßkuhle, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, im Tagesspiegel-Interview zwar nicht grundsätzlich anders, dennoch warnt er: "Umfragen zufolge setzen viele AfD-Wähler darauf, dass die AfD, käme sie an die Macht, die Demokratie nicht abschaffen wird. Die Mehrheit der AfD-Wähler will, dass sich in der Partei die gemäßigten Kräfte durchsetzen. Das ist aber offensichtlich naiv und verkennt die Logik politischer Bewegungen, die sich fast immer radikalisieren. Wahlentscheidungen sind jedoch häufig sehr emotional, Bauch-Entscheidungen, verbunden mit Hoffnung, Enttäuschung oder Wut. Daher kann man viele AfD-Wähler mit rationalen Argumenten nur schwer erreichen. Das bedenken Intellektuelle zu wenig. (…) Die AfD will den Parlamentarismus westlicher Prägung abschaffen. Sie sieht die anderen Parteien nicht als Ausdruck einer vielfältigen Demokratie und eines Wettbewerbs um das beste politische Konzept, sondern als korrupte Eliten und Volksverräter."
"In den vergangenen 20 Jahren sind die christlichen Kirchen in den Vereinigten Staaten zusammengebrochen", schreibt Hannes Stein in der Welt: "Die Zahl der Amerikaner, die sich selbst Christen nennen, ist auf 63 Prozent der Bevölkerung geschrumpft." Allerdings seien die verbliebenen Christen radikaler geworden: "Am extremsten ist jene Bewegung, die sich 'neuapostolische Reformation' nennt. Ihre Anhänger glauben wie die Pfingstler, sie seien vom Heiligen Geist getauft worden; die Demokratische Partei halten sie buchstäblich für dämonisch. Die Trennung von Kirche und Staat sei verwerflich, Amerika müsse von bibeltreuen Christen beherrscht werden. Wir haben es hier keineswegs mit einer Randerscheinung zu tun. Zu den Anhängern der 'neuapostolischen Reformation' gehören Kongressabgeordnete."
Zugleich "konvertieren mehr und mehr aus der rechtsintellektuellen oder auch der evangelikalen Szene zum Katholizismus", sagt im Zeit-Online-Gespräch der Jesuit und Theologe Klaus Mertes, der von "autoritären Katholiken oder völkisch-nationalen" Katholiken spricht: "Sie sind nicht konservativ, sondern disruptiv unterwegs. Wichtig ist dabei immer die apokalyptischeAufladung", erklärt er: "Ich zitiere den Milliardär und Trump-Unterstützer Peter Thiel: Er kommt immer wieder auf Harmagedon zurück, den Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht, die er mit der atomaren Katastrophe gleichsetzt, mit der Möglichkeit der Menschheit, sich zu vernichten. Aus Angst vor dieser finalen Katastrophe suchen die Menschen nach Rettungsfiguren. Peter Thiels Konstrukt ist: Die UN oder die EU nutzen die Angst vor einer möglichen Katastrophe, um sich als Retter anzubieten und uns so in ihre Abhängigkeit zu bringen."
Auch wenn sich Europa längst als säkular definiert, bleibt es für den politischen Islam "ontologisch christlich", schreibt Kacem El Ghazzali in der NZZ. Dabei werden uralte Bilder reaktiviert: "Das Christentum und der Westen sind das 'Andere', das es zu bekämpfen gilt. Das Narrativ gleicht dabei einer simplen, aber wirkmächtigen Verschwörungstheorie: Der westliche 'Kreuzfahrer' versuche, die Muslime von ihrer Religion wegzuführen. Seine Methoden seien dabei perfide - er nutze Menschenrechte, Frauenemanzipation und Säkularität als Waffen der Zersetzung. (…) Dabei unterliegt Europa einem fatalen Missverständnis: Es glaubt, wenn die Islamisten 'Kreuzfahrer!' rufen, sei dies nur eine rhetorische Floskel. Das Gegenteil ist der Fall. In der Wahrnehmung der Islamisten ist der Begriff die Markierung einer unaufgelösten historischen Feindschaft. Strategisch gesehen ist das moderne 'Rom' zwar kein furchterregender Ritter mehr, sondern jenes orientierungslose Vakuum, vor dem Nietzsche warnte. Doch genau dieses Vakuum wird nicht ignoriert, sondern als Einladung verstanden, den uralten Kampf wieder aufzunehmen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In seinem aktuellen Buch untersucht der Philosoph Michael Hampe die "Krise der Aufklärung". Im FAZ-Gespräch mit Fabian Ebeling blickt er besorgt auf die Bürokratisierung und Uneinigkeit in Europa - vor allem mit Blick auf die "neoreaktionäre Revolution" in den USA: "Sie knüpfen an die konservative Revolution an, die den Faschismus in Deutschland vorbereitete. Die Bewegung der Aufklärung hat dagegen im neunzehnten Jahrhundert erkannt, dass Wissenschaft keine absoluten Gewissheiten kennt. Das ist jedoch bis heute nicht ganz in der Öffentlichkeit angekommen, was in den Vereinigten Staaten von Leuten wie Elon Musk ausgenutzt wird. Paul Feyerabends 'anything goes'-Relativismus wird von rechts so ausgelegt, dass jede Behauptung gilt und nicht, dass jede geprüft werden muss. Jeder soll zu Recht behaupten können, die Erde sei flach oder stehe im Mittelpunkt des Universums."
Für die FAS blickt Reinhard Vesper in das neue "Erklärende Wörterbuch", das der Kreml im Frühjahr für verbindlich erklärt hat. Bei Zuwiderhandlung droht Strafe. "Es enthalte besondere Definitionen der Schlüsselbegriffe von Putins Erlass, heißt es im Vorwort. Sie seien 'unter der Kontrolle des Justizministeriums' erstellt und mit der Russischen Orthodoxen Kirche abgestimmt worden. Und so findet sich in den Definitionen von Begriffen wie Leben, Humanismus, Würde, Ehe, Patriotismus, Barmherzigkeit oder Kollektivismus der Hinweis, es handle sich um einen 'traditionellen russischen geistlich-sittlichen Wert'. Auch die Beispiele für die richtige Verwendung von Wörtern sind durchzogen von Verweisen auf Putins Erlass."
Es geht noch absurder: Ein Redakteursteam hat sich für Zeit Online den Putin-Kalender 2026angeschaut, in dem man Putin beim Judo, beim Flirten oder als Feldherr sieht. Oder auch als "sensiblen Mann am Piano": "Im Licht der Kameras, im Auge seines Volkes, nimmt er sich einen Moment, um nachzudenken. Für die Propaganda setzt sich Putin immer wieder gern ans Klavier, scheinbar beiläufig und in sich gekehrt, spielt er sowjetische Klassiker. Zum Beispiel, als er 2017 bei einem Staatsbesuch in Peking darauf wartete, dass Xi Jinping zum Treffen erscheint. Aber von wegen, alles müsse man 'mit eigener Hand tun': Putin spielt mit zwei Fingern."
Weitere Artikel: Jan Grossarth erinnert in der Welt an den italienischen Philosophen Giambattista Vico, dessen vor 300 Jahren verfasstes Hauptwerk "Scienza Nuova" über den Untergang der Zivilisationen erstaunlich aktuell erscheint. Die FAZ bringt auf ihren Bücher-und-Themen-Seiten die Rede, die Marko Martin am 16. Dezember im thüringischen Landtag zum 75. Geburtstag des Schriftstellers und DDR-Bürgerrechtlers Jürgen Fuchs hielt. Der Sinologe Henrik Jäger erzählt ebenda, wie Konfuzius aus dem Denken des Westens vertrieben wurde.
Schätzungsweise 45.000 Armenier fielen dem sowjetischen Terror zum Opfer, darüber gesprochen wird in Armenien bis heute kaum, schreibt auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ der Historiker und Kulturwissenschaftler Mikhail Ilchenko. Nicht zuletzt aus Angst vor Russland: "Jede Kritik an der sowjetischen Geschichte wird im Kreml mit Verärgerung aufgenommen. Mit dem Verlust von Bergkarabach hat Armenien die Prioritäten seiner Außenpolitik erheblich überarbeitet. Dennoch bleibt das Land in vielen Bereichen weiterhin von Russland abhängig. Daher ziehen es die armenischen Behörden vor, in ihren Beziehungen zum Kreml Konflikte zu vermeiden. 'Es hat sich so ergeben, dass jedes Wort über Repressionen als antirussisch, ja sogar als gegen Russland gerichtet wahrgenommen wird. Russland bezieht das Thema Repressionen auf sich...', sagt Hranush Kharatyan, eine der renommiertesten Forscherinnen zur sowjetischen Geschichte in Armenien."
Ausgerechnet von der Schweiz könnte Deutschland lernen, wie vorbildlich restituiert werden kann, staunt Nicola Kuhn im Tagesspiegel mit Blick auf das Zürcher Museum Rietberg: "Mit dem Musée des Civilisations in Abidjan an der Westküste Afrikas hat es jetzt eine gemeinsame Ausstellung eröffnet, die auf das Archiv des deutschen Ethnologen Hans Himmelheber zurückgeht, der zwischen 1933 und 1976 in der Region forschte. Sein Nachlass befindet sich heute im Rietberg Museum, das sein Wissen mit dem Herkunftsland teilen wollte. Doch mehr noch: Die Familie Hans Himmelhebers entschied sich zur Übergabe von 107 Artefakten aus Côte d'Ivoire und Liberia, die sich in ihrem Besitz befanden." Himmelhebers ältester Sohn Eberhard Fischer, ebenfalls Ethnologe, möchte allerdings nicht von Restitution, sondern von Schenkung sprechen.
Im taz-Gespräch denkt die Historikerin Ute Frevert, wann und weshalb die Solidarität in der Gesellschaft während der Pandemie zerbrochen ist und schlägt einen Corona-Gedenktag vor, "verbunden vielleicht mit einer Ausstellung oder Installation, die den Stress, aber auch die Vielfalt der Erfahrungen und Betroffenheiten abbildet." Eine Neubewertung der Maßnahmen begrüßt sie, "denn wir müssen aus den Fehlern lernen, um für die nächste Katastrophe gerüstet zu sein. Trotzdem finde ich es problematisch, rückblickend den Stab über alle damaligen Akteure zu brechen. Als Historikerin lernt man, wenn man sich mit vergangenen Szenarien und Situationen beschäftigt, sich auf den Wissensstand der damaligen Zeit zu begeben. Man kann nicht aus dem, was wir heute zu wissen meinen, das Handeln früherer Generationen be- und verurteilen."
Im Aufmacher des Feuilletons erzählt SZ-Redakteur Jost Kaiser, wie er sich im Alter von 55 Jahren als Reservist der Bundeswehr verpflichten will - und wegen einer Psychotherapie ausgemustert wird: "Ich sage, leicht beleidigt als potenzieller Gulaschkanonier: 'Ich war in Afghanistan, ich habe den Sarajevo-Approach in einer französischen Transall mitgemacht, ich bin Demokrat, ich bin dezidiert NICHT rechts, ich will die freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigen.' Pause. 'Und Sie wollen mich nicht, weil ich eine Psychotherapie mache?' Aber sie ist Ärztin, ihre Themen sind nicht Putin, Trump und Xi, sondern Lunge, Augen und Knie, die Bundeswehr ist arbeitsteilig und muss es auch sein."
So eine Wassernot wie aktuell gab es im Iran nie, warnt in der NZZ der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan. Besonders wasserreich war der Iran nie, aber politische Fehlentscheidungen und Inkompetenz auf allen Hierarchiestufen haben die Not verschärft, fährt er fort. Die iranischen Machthaber machen freilich andere Gründe verantwortlich, etwa die "Sündhaftigkeit" der Menschen oder Frauen, die sich öffentlich unverschleiert zeigen. Tatsächlich aber wird Wasser, weil es billig ist, verschwendet, die überwiegend traditionell betriebene Landwirtschaft verbraucht allein 90 Prozent des Wassers im Iran und ständig wurden "im Land ohne Genehmigung Brunnen gebohrt (ihre Zahl dürfte mittlerweile die Millionengrenze überschritten haben), mit der Folge, dass die Grundwasservorräte mittlerweile so gut wie aufgebraucht sind. Da diese Brunnen oft einflussreichen Leuten und mächtigen Institutionen gehören, lassen die zuständigen Behörden die Dezimierung der Wasservorräte schweigend geschehen. ... Die in vielen Gebieten unumkehrbaren Bodenabsenkungen haben Teheran zu einem gefährlichen Ort gemacht. Fachleute bezeichnen die Entwicklung als 'stilles Erdbeben'."
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