Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.09.2025. Die taz liest Eva Illouz' Essay "8. Oktober" und entdeckt, wo Links- und Rechtsextremismus konvergieren. In den USA unterwerfen sich Medien einem "autoritär-faschistischen Angriff", während es in Deutschland keine Cancel Culture gibt, meinen taz und FR. Zeit online sieht es anders. Jemand musste Judith B. verleumdet haben, fürchten die NZZ und diese selbst in The Nation. Was bringt ein Fortschritt, der auf "Singularität" hinausläuft, fragt die Welt.
Richard Herzinger fragt in seiner Perlentaucher-Kolumne, warum nicht nur Rechte, sondern auch Linke Russland lieben, oder zumindest Verständnis für den Putinismus haben. Er erklärt es durch eine Mischung aus Untertanenmentalität und antiwestlichem Ressentiment. Karl Marx ist in diesem Fall jedenfalls nicht schuld, denn er betrachtete Russland als Inbild der Reaktion: "Der Verfasser des 'Kapital' und des 'Kommunistischen Manifests' sah, wie der Marx-Experte Timm Graßmann feststellt, in der Geschichte der russischen Politik von Anfang an zwei Konstanten: Autokratie nach Innen und nach Außen systematische Übergriffe auf fremde Territorien. Dabei erkannte Marx, dass Moskaus Expansionismus stets darauf aus war, historisch fortschrittliche Staatsgebilde wie das von starken republikanischen Merkmalen geprägte Königtum Polen-Litauen auszulöschen - einen ethnisch-kulturell und religiös heterogenen Vielvölkerstaat."
In der Republik Moldau sind am 28. September Wahlen. Der Politikwissenschaftler Andrei Curăraruschildert im Gespräch mit Clara Engelien von der taz das Ausmaß russischer Desinformation, der sich die Bürger ausgesetzt sehen. Kein Wunder, denn "die Parlamentswahlen sind entscheidend für unsere europäische Zukunft. Unsere Nachbarn Rumänien und Bulgarien wurden aufgenommen, nachdem ihre Justiz viele Jahre geprüft wurde, ähnlich könnte es auch in Moldau laufen. Eine Präsidentin allein kann aber nicht sicherstellen, dass die europäische Politik umgesetzt wird, die Verhandlungen im gleichen Tempo weitergehen. Wir brauchen dazu das Parlament. Wenn Moldau diese Chance verpasst, drohen uns Verhältnisse wie in Georgien: Ein autoritärer Staat, wo die Regierungspartei die Rechtsstaatlichkeit völlig missachtet, wo es keinerlei Garantien mehr für die Zivilgesellschaft gibt und die Abhängigkeit von Russland größer ist denn je."
Frankreich ist ein sehr rituelles Land. In jedem Herbst stürzen es Gewerkschaften und die Linke durch Streiks, Demos und Randale in eine vorrevolutionäre Situation. Auf die Frage, warum es vor allem Franzosen aus dem linken und linksradikalen Spektrum sind, die auf die Straße gehen, antwortet die französische Psychologin Marie-Estelle Dupont im Interview mit Daniel Steinvorth von der NZZ: "Weil die Franzosen in der Mitte und rechts davon, selbst wenn sie zutiefst unzufrieden sind, viel seltener den Reflex haben, auf die Straße zu gehen. Nehmen wir die freien Berufe: stark besteuert, mit hohen Abgaben, ohne bezahlte Ferien, ohne Sozialleistungen. Das sind Leute, denen schlicht die Demonstrationskultur fehlt. Aber Vorsicht: Unzufriedenheit ist kein Monopol der Linken. Sowieso verläuft die Bruchlinie nicht mehr klassisch zwischen links und rechts, sondern zwischen denen, die auf Brüssel setzen, und denen, die sagen: Wir wollen souverän bleiben, in der Landwirtschaft, in der Industrie, im Gesundheitswesen."
Nie war der Begriff des Fortschritts unheimlicher als heute, befürchtet Richard Kämmerlings (Welt) in einem kleinen Essay für die "Literarische Welt": "Der rein technologisch gedachte Fortschritt droht auf den als 'Singularität' bezeichnenden Kipppunkt zuzusteuern, an dem die KI sich verselbstständigen könnte. An die Stelle utopischen Vorscheins auf das Tech-Schlaraffenland ist die Angst vor einer Dystopie bislang unvorstellbaren Ausmaßes getreten. Angesichts dieser Lage scheint es weniger erstrebenswert, den Fortschritt zu befördern, als ihn vielmehr aufzuhalten, wie es einst die Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts mit dem Mut der Verzweiflung - und natürlich vergeblich - versuchten."
Hier die Liste der laut FASwichtigsten deutschen Intellektuellen (man hätte gern ein bisschen mehr dazu gesagt, aber es ist so mühsam, diese Zeitung im Epaper zu lesen). Christoph Möllers (an erster Stelle!), Omri Boehm, Nicole Deitelhoff, Dan Diner, Navid Kermani, Friederike Offo, Jan Philipp Reemtsma, Philip Manow, Christina Morina, Moritz Schularick, Herfried Münkler, Elfriede Jelinek, Philipp Hübl, Aladin El-Mafaalani, Herta Müller, Jürgen Habermas, Kai Vogelsang, Klaus Theweleit, Isabella M. Weber, Eva Horn, Guido Steinberg, Götz Aly, Marina Weisband, Joseph Vogl, Juliane Rebentisch, Sebastian Hohnholz. Korrektur vom 22. September: Steffen Mau steht an erster Stelle, mehr hier.
In der SZ haben wir es mit Armin Nassehi, Herfried Münkler (omnipräsent), Luisa Neubauer, Lamia Messari-Becker, Nils Lahmann, Elsa van Damke, Wolf D. Prix, Jonas Ludwig Walter und Frank Schätzing zu tun, die auf die Frage "In was für einer Welt leben wir in zwanzig Jahren" "kluge, überraschende, utopische Antworten" geben.
Wenn ein amerikanischer Sender einen Late-Night-Moderator wie Jimmy Kimmel rausschmeißt, ist das Folge eines "autoritär-faschistischen Angriffs", wie Bernd Pickert in der tazschreibt. Wenn der NDR eine "rechte" Moderatorin absetzt, die von einer maßgeblichen Kollegin in einer Konkurrenzsendung als "ein bisschen rechtsextrem" gebrandmarkt wurde, woraufhin 250 weitere Kollegen sich gegen sie aussprachen, kann "von einer Cancel-Culture keine Rede sein", meinen ebenfalls in der taz Wlada Froschgeiser und Jonas Kähler. "Gecancelt wurde hier niemand. Es wurden nur die redaktionellen Vorschriften des NDR-Staatsvertrags beachtet, nämlich die Sorgfaltspflicht." "In den USA droht Trump Sendern mit Lizenzentzug. Das hat eine andere Qualität als der Fall von Julia Ruhs", findet auch Michael Hesse in der FR (ein Lizenzentzug dürfte beim NDR tatsächlich nicht zu befürchten sein).
Etwas anders sieht das Ijoma Mangold bei Zeit online. Zu recht empören wir uns, wie journalistische Medien dem Oger Trump einen Moderator wie Jimmy Kimmel als Opfer darbringen, meint er. Aber wäre diese Wut "nicht noch viel glaubwürdiger, wenn wir in unseren eigenen Medien-Institutionen, die anders als den US-Sender ABC jeder Bürger mitfinanzieren muss, auch Perspektiven vorkommen lassen würden, die eine Herausforderung für das links-progressive Weltbild darstellen?"
Der NDR hat jetzt die ehemalige Chefredakteurin der Bild, Tanit Koch, zur Nachfolgerin gekürt, meldet etwa der Deutschlandfunk.
Die erste Folge von JonStewarts "Daily Show" nach Kimmels Absetzung ist im übrigen eine Folge für die Geschichtsbücher:
Nicht nur in den USA werden "Influencer" oder "Creators" zu einer "fragwürdigen politischen Supermacht", hält in der tazTimo Hoffmann fest. Charlie Kirk mit seinen 27 Millionen Followern und tiefem Einfluss auf Trump war nur ein Beispiel. Ein Beispiel aus der EU? "Er heißt Fidias Panayiotou, ist 25 Jahre alt und stammt aus Zypern. Der Youtuber kam zu Internetberühmtheit, als er sich die Aufgabe stellte, Tesla-Chef Elon Musk zu umarmen. Er wartete monatelang vor dessen Firmen - bis es ihm schließlich 2023 gelang. 2024 ersann Panayiotou einen neuen Stunt und kandidierte für das EU-Parlament. Über Politik wusste er nach eigenen Angaben nichts. Doch dann passierte, womit niemand gerechnet hatte. Panayiotou wurde gewählt. Nun ist er einer von 720 EU-Abgeordneten und hat über vier Millionen Social-Media-Follower. Im Parlament fällt er vor allem als Verteidiger des Kremls auf."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ulrich Gutmair ist zwar nicht mit allen Punkten von Eva Illouz' Kritik an der antizionistischen Linken einverstanden, aber auf einige Traditionslinien linken Israelhasses weist sie richtig hin, meint er in seiner taz-Kritik ihres Essays "Der 8. Oktober". Sie sind um so unheimlicher, als sie unauflöslich mit extrem rechtem Gedankengut verwoben sind: "Illouz verweist richtig auf das lange Nachwirken des von Stalin erfundenen und unter Breschnew propagandistisch weiterentwickelten sowjetischen Exportschlagers Antizionismus, den panarabische und islamistische Vordenker begierig aufgegriffen haben. Diese waren auch stark von der antisemitischen NS-Propaganda beeinflusst. Hassan al-Banna, der 1928 die Muslimbruderschaft in Ägypten gründete, bewunderte Hitler und übersetzte 'Mein Kampf' mit 'Mein Dschihad'. Die Muslimbruderschaft ist heute an Hunderten US-amerikanischen Universitäten aktiv, um ihre antiliberale Ideologie zu verbreiten."
Emmanuel Macron belohnt das Massaker vom 7. Oktober, indem er (zusammen mit anderen Staatsoberhäutern) ohne Vorbedingungen einen palästinensischen Staat anerkennt. Dagegen wendet sich in Frankreich ein Aufruf, der bemerkenswert ist, weil ihn auch prominente Schauspieler wie Charlotte Gainsbourg oder Philippe Torreton unterzeichnet haben - in dieser Branche kommt das nicht immer gut an. Zu den anderen Unterzeichnern gehören Pascal Bruckner und Bernard-Henri Lévy: "Frankreich hat seit 1948 vorsichtig davon Abstand genommen, einen palästinensischen Staat anzuerkennen, in der Hoffnung, dass die Voraussetzungen für Frieden und gegenseitige Sicherheit geschaffen werden - wie lässt sich nun eine Anerkennung rechtfertigen, während der Krieg, der durch das schlimmste antisemitische Massaker seit der Shoah ausgelöst wurde, immer noch tobt? Wie kann man so etwas verkünden, während die Hamas immer noch Geiseln festhält? Warum tut man so etwas, während in Frankreich ein Antisemitismus um sich greift, der gerade die Lage im Nahen Osten als Vorwand nutzt?"
Anders als Harvard scheint sich Berkeley dem Druck Donald Trumps zu beugen und hat glatt die Namen von Studenten und Dozenten geliefert, die sich irgendwie antisemitisch geäußert haben sollen, berichtet Thomas Ribi in der NZZ. Darunter ist Judith Butler, die zu ihrer Überraschung entdeckte, dass man sie als antisemitisch ansehen kann und mit einem offenen Brief in The Nationreagierte - es handelt sich um einen Brief, den sie gleichlautend an den Uni-Päsidenten schrieb. Sie vergleicht sich mit "K." aus Kafkas "Prozess": "Natürlich bin ich nicht K., aber ich fühle mich unheimlich mit seiner Lage identifiziert. Denn in dem Brief, den Sie mir geschickt haben, haben Sie und Ihre Behörde mir lediglich mitgeteilt, dass Sie 'eine Akte oder einen Bericht über mutmaßliche antisemitische Vorfälle' verschickt haben, in dem mein Name vorkommt."
Auch in Deutschland boomen die "Freikirchen", eine Tendenz, die man durchaus mit Sorge betrachten sollte, meint Ralf Nestmeyer bei hpd.de: "Problematisch ist die gesellschaftspolitische Agenda vieler Freikirchen. In Predigten und Gemeindeschriften werden Abtreibung und Homosexualität vehement abgelehnt, Gender-Debatten als 'Angriff auf Gottes Schöpfungsordnung' dargestellt. Besonders in konservativen Milieus bilden Freikirchen eine Gegenkultur zur pluralistischen Gesellschaft, wobei die Grenzen zur Sekte fließend sind. In Wahlkämpfen, Bürgerinitiativen oder Netzwerken treten sie teils offen als politische Akteure mit reaktionärem Profil auf. Was in den USA längst zum Bündnis mit Trump geführt hat, beginnt auch hierzulande Strukturen auszubilden."
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