9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Ende bar jeder Moral

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.08.2025. Kurz vor dem Krieg war ein Staatsbankrott des NS-Staates fast unvermeidbar, hält der Historiker Götz Aly im FAZ-Gespräch fest. Andreas Molitor räumt in der Zeit mit dem Mythos von Hermann Göring als "dem freundlichen Gesicht des Nationalsozialismus" auf. Der ukrainische Schriftsteller Sergej Gerasimow zeigt sich in der NZZ hoffnungslos, was die Zukunft der Ukraine angeht. Die Zeit erklärt, worum genau es bei den Verhandlungen über Gebietsabtretungen geht. 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2025 finden Sie hier

Geschichte

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Im großen FAZ-Interview erklärt der Historiker Götz Aly, aus dessen bald erscheinendem Buch "Wie konnte das geschehen?" wir täglich Auszüge veröffentlichen, unter anderem wie die Finanzierung des NS-Staates funktionierte. Schon zu Beginn des Krieges drohte der Staatsbankrott: "Nur der Krieg rettet das Regime vor der Zahlungsunfähigkeit." Warum wurde dieser ökonomische Aspekt in der Nachkriegszeit verdrängt? "Wir Deutschen wissen, dass wir uns ungeheure Verbrechen aufgeladen haben. Dadurch entsteht der Wunsch, die Schuld zu reduzieren. Für die Österreicher waren die Reichsdeutschen schuld, für die DDR das Monopolkapital, und in der alten Bundesrepublik hieß es, eine kleine, radikale, ungebildete, kleinbürgerliche, aber irgendwie charismatische Gruppe von Nazis habe die Leute in teuflischer Weise verführt. Die Akten des Reichsfinanzministeriums sind weder in der DDR noch in der alten Bundesrepublik erschlossen worden. Die Akten der Deutschen Reichsbank wurden systematisch vernichtet. In diesen Akten stand drin, wie Europa ausgeplündert wurde. All das geschah in Ihrem und meinem Interesse. Denn wir können den Zweiten Weltkrieg niemals bezahlen."

Wir setzen derweil unsere Reihe mit kleinen Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch fort: Allen Hasstiraden zum Trotz wollte Joseph Goebbels 1942 keine toten Ostarbeiter, sondern lebende, die noch arbeiten konnten. Wie sonst hätte man sich den Krieg und daneben eine allgemeine Rentenerhöhung für die Deutschen leisten können, ohne dass diese auch nur einen Pfennig höhere Beiträge dazu zahlen mussten.


Bestellen Sie bei eichendorff21!
"Wie kommt es, dass Hermann Göring im Gegensatz zu Goebbels, Himmler oder Heydrich noch immer vielen als vergleichsweise harmlose Gestalt gilt?", fragt Andreas Molitor in der Zeit: "Mitunter wird Göring eine gewisse Milde gegenüber Juden nachgesagt. Dies gehört zu den Mythen und Klischees, die das Bild dieses Mannes in Teilen der Öffentlichkeit bis heute prägen." Dass das in keiner Weise der Wahrheit entspricht, legt Molitor in seiner neuen Biografie dar: "Die von Göring verantwortete 'Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben' verbietet Juden, künftig Läden des Einzelhandels zu betreiben oder ein Handwerk auszuüben. Sämtliche Fabriken in jüdischem Eigentum werden enteignet; jüdische Aktionäre müssen ihre Wertpapiere abgeben. Der Profit aus der 'Arisierung' fällt vollständig an das Reich - für die von Göring dirigierte wirtschaftliche Kriegsvorbereitung. Außerdem müssen die Juden für die Schäden der Pogromnacht selbst aufkommen. Mit vollendetem Zynismus wird die Vorschrift 'Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbebetrieben' genannt."
Archiv: Geschichte

Politik

Der Gouverneur von Kalifornien Gavin Newsom hat die Demokraten zum Kampf gegen Donald Trump aufgerufen, denn Feuer könne man nur mit Feuer bekämpfen, resümiert Georg Diez eine Rede von Newsom auf Zeit Online. Dabei zeichnet sich auch innerhalb der Demokraten ein Konflikt zwischen den Partei-"Zentristen" wie Newsom und Partei-Linken wie dem New Yorker Zohran Mamdani ab. "In einem Interview mit The Nation breitete Mamdani gerade erneut seine Vision aus, die vor allem mit der Frage von Mietkosten und Lebenshaltungskosten verbunden ist. 'Damit die Demokratie überleben kann, darf sie nicht einfach als Ideal oder Wert behandelt werden. Sie muss etwas sein, dass das Leben der arbeitenden Menschen verbessert', sagte Mamdani - eine Binsenwahrheit, könnte man denken, aber im Jahr 2025 eine programmatische Provokation. Bis heute wird Mamdani nicht von den Zentristen seiner Partei unterstützt. Seine Botschaft, auch an sie: 'Wir können die Demokratie nicht gegen Attacken verteidigen, wenn wir nicht zeigen, was sie wert ist.' Von Newsoms Ansatz scheint Mamdani hingegen wenig zu halten. Es sei eine Versuchung, zu glauben, dass man den Politikstil der Republikaner 'nachahmen müssen, um erfolgreich zu sein', sagt er."
Archiv: Politik

Europa

In der Zeit zeichnen Jochen Bittner, Alice Bota, Olivia Kortas, Michael Thumann und Heinrich Wefing noch einmal genau nach, worum es bei den Verhandlungen über ukrainische Gebietsabtretungen geht - und wie viel die Ukraine zu verlieren hat. Bei Putins Plan, "den Konflikt entlang des aktuellen Frontverlaufs einzufrieren, gehe es um "eine faktische Anerkennung der russischen Herrschaft, nicht um eine völkerrechtlich verbindliche Abtretung. Solche Übergangslösungen sind nicht ungewöhnlich, sie können Jahrzehnte überdauern." Jedes "Zugeständnis an Putin wäre für die ukrainische Gesellschaft schmerzhaft - und könnte massive politische Folgen haben. Erzwungene Gebietsabtretungen können Staaten heftig erschüttern. Das hat Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg unter ganz anderen Vorzeichen als die überfallene Ukraine erleben müssen. Der Verlust weiter Landesteile durch den Versailler Vertrag hat die Weimarer Republik wie eine offene Wunde begleitet, bis zu ihrem Untergang. Er wurde, vor allem von Rechten und Revanchisten politisch bewirtschaftet, zu einer Quelle der Instabilität. Das könnte auch der Ukraine drohen, sollte sie auf Staatsgebiet verzichten müssen - und eine solche Instabilität kalkuliert Moskau mit ein."

Der Schriftsteller Sergej Gerasimow scheint in einem Artikel in der NZZ ob des Treffens zwischen Donald Trump und Wladimir Putin in Alaska, vollends resigniert und wenig Hoffnung für die Ukraine zu sehen. "Es scheint, dass sich nach der Schande von Anchorage die Atmosphäre des Krieges subtil zu verändern beginnt. Das Blatt scheint sich zu wenden - es könnte sein, dass der Krieg bereits seinen Höhepunkt erreicht hat und nun seinem Ende entgegengeht. Höchstwahrscheinlich einem üblen Ende, einem Ende bar jeder Moral, einem Ende, das alle Normen des Völkerrechts aushebelt und den Grundstein zu einem neuen gewaltigen Krieg legt. Einem Ende, das alle Diktatoren des Planeten dazu drängen wird, sich neue Territorien unter den Nagel zu reissen (schließlich wird es keine Konsequenzen geben), und viele Noch-Nicht-Diktatoren ermutigen wird, Diktator zu werden - denn Diktatoren dürfen offensichtlich alles tun (je blutiger, desto besser), und wenn man das darf, fühlt es sich gut an."

Josef Joffe (Welt) möchte die Treffen mit Donald Trump nur noch als Aufführung in Trumps großer Inszenierung sehen, in der Trump der alleinige Protagonist ist. "Die Aufführungen in Anchorage und Washington signalisieren das Ende einer europäischen Ordnung, die den Eroberungskrieg unterdrückt und Amerika fest an die Seite Europas gebunden hat. Trump positioniert sich erneut als Buddy von Putin. Die bessere Nachricht? Für Trump ist die Show alles, die Substanz Nebensache. Um auf der Bühne zu brillieren, inszeniert er täglich ein neues Spiel. Mal sehen, wie ich morgen das Publikum fasziniere. Wäre der 'America First'-Darsteller ein Staatsmann, würde er checken, dass im ganz großen Mächtespiel Amerika ohne Europa nicht mehr als Weltstar dastünde."

In der russischen Gesellschaft zeichnet sich ab, dass sozialer Aufstieg für Familien außerhalb der Metropolen nur noch dadurch möglich ist, dass ein männliches Familienmitglied im Ukraine-Krieg stirbt und die Hinterbliebenen dafür Prämien bekommen - und das wird weithin stillschweigend akzeptiert, konstatiert Michael Thumann in der Zeit. "Ein Moskauer Historiker und Spezialist für Bestattungsrituale erinnert an die Feldzüge der Zaren und der Sowjetherrscher. 'Im Krieg wird in Russland der Wert des Menschen auf null gesetzt. Ein Soldatenleben gilt gar nichts, die Männer an der Front werden schlichtweg verheizt', sagt der Mann, der aus guten Gründen anonym bleiben möchte. Putins Angriffsheere rekrutieren sich überwiegend aus Männern, die null Aussichten auf Geld, Karriere oder auch nur eine Urlaubsreise haben. Sie kommen aus einem Milieu, in dem der Unterschied zwischen dem trübseligen Leben und dem unbekannten Tod vielen nicht mehr groß zu sein scheint."

Ulrich Ladurner widmet sich in der Zeit der dunklen Seite der serbischen Protestbewegung. Eine ihrer Ikonen ist Goran Samardžiç, ein Kriegsveteran, der sich sich zu einer Leitfigur der Studentenproteste aufschwang. Der kämpfte damals in der paramilitärische Miliz der Serbischen Freiwilligengarde, die berüchtigt ist für ihr grausames Vorgehen in Kroatien und Bosnien. Verbrechen habe er keine begangen, sagt er: "Über den Massenmord an mehr als 8.000 muslimischen Jungen und Männern im bosnischen Srebrenica vor dreißig Jahren, den das UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien später als Völkermord einstufte, sagt Goran Samardžiç: 'Es war ein Verbrechen, ein Genozid war es nicht. Auch die anderen haben Verbrechen begangen.' Mit dieser Meinung steht er nicht allein, sondern in der Mitte der serbischen Gesellschaft - und wohl auch in der Mitte der Protestbewegung. Nur zwei kleine politische Parteien in Serbien bezeichnen das Massaker von Srebrenica öffentlich als das, was es war: ein Genozid."
Archiv: Europa

Medien

In der taz berichtet Nicholas Potter über eine geplante Übernahme der britischen Zeitung Daily Telegraph durch das Investmentunternehmen RedBird Capital: "Kritisiert wird, dass John Thornton - Vorsitzender von RedBird - auch im Beirat der China Investment Corporation ist, eines staatlichen Vermögensfonds in Peking, der die Devisenreserven der Volksrepublik China verwaltet (...) Beide Gesellschaften seien Vehikel, mit denen China finanziellen Einfluss ausübe, heißt es in dem offenen Brief. Es gebe also berechtigte Bedenken, dass der Telegraph mit der Übernahme aus dem Ausland beeinflusst werde. Die Unterzeichner fordern, dass bei den Ermittlungen zum Deal auch unabhängige 'Experten für chinesische Manipulation von Informationen im Ausland und Einflussnahme sowie Experten für Medienpluralismus, Transparenz und Meinungsfreiheit' miteinbezogen werden. Die Übernahme müsse in der Zwischenzeit auf Eis gelegt werden." Neun Verbände, darunter Reporter ohne Grenzen, der Index on Censorship, Hongkong Watch und Human Rights in China, haben am 13. August einen offenen Brief an die britische Kulturministerin Lisa Nandy (Labour) verfasst, so Potter.
Archiv: Medien

Gesellschaft

Seit dem 7. Oktober werde immer häufiger Antisemitismus mit antimuslimischem Rassismus gleichgesetzt, schreibt Ahmad Mansour in der Welt: "Es ist Teil des Versuchs, 'antimuslimischen Rassismus' als den neuen 'Antisemitismus' zu definieren" und damit auch legitime Religionskritik am Islam zu unterdrücken, so Mansour. Natürlich gebe es auch Anfeindungen gegen Muslime, unbestritten, aber "die Forschung zu Diskriminierung muss ideologische Fesseln abschütteln und sich den Fakten stellen. Es braucht Differenzierung zwischen legitimer Religionskritik und pauschaler Ablehnung von Muslimen - die zu bekämpfen ist. Notwendig ist die Debatte über Kopftücher im Staatsdienst, Gebetsräume in Schulen und das Eindringen von Islamismus in unsere Gesellschaft. Wer Kritik tabuisiert, schützt damit nicht die Schwachen, sondern die Ideologen. Und er verrät jene, die wie ich wissen: Integration braucht den Mut zur Debatte in der gesamten Gesellschaft, mit allen, ohne Ausnahme."
Archiv: Gesellschaft

Kulturmarkt

Das Buch will einfach nicht sterben, egal, wie oft es tot gesagt wird, schreibt die SZ. So sei es vor allem die Altersgruppe der 15-26jährigen, die den Buchmarkt beleben. Dabei scheint der Inhalt aber weniger relevant. "Denn die visuell herausstechende Buchgestaltung wird auch in anderen Marktsegmenten als Mittel erkannt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. 'Vor ein paar Jahren waren ja noch Foto-Buchcover im Trend. Leise Cover, die sehr laut sagen: Hallo, ich bin Literatur', erzählt Tanja Raich, die sich als Programmleiterin für Literatur und Kinderbücher in dem kleinen, österreichischem Verlag Leykam schon lange Gedanken über eine ausgefallene Gestaltung ihrer Bücher macht. Leise sollen sie jedenfalls nicht herüberkommen. Raich schwärmt am Telefon vom strukturierten UV-Lack in Lippenstift-Optik auf dem Cover des neuen Romans 'Hotel Love' ihrer Autorin Petra Piuk und von anderen Überraschungseffekten: 'Meine Hoffnung ist: Wenn wir das Buch wieder sexy machen, wird es auch wieder relevanter', schließt Raich. Auch wenn der Trend natürlich die Gefahr birgt, dass es zwischen so vielen auffälligen Büchern schwieriger wird herauszustechen."
Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Buchmarkt, Booktok, Buchcover