9punkt - Die Debattenrundschau

Wo ein russischer Soldat seinen Fuß hinsetzt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2025. Die USA verfügen über die Macht, die Richtung des Krieges in der Ukraine zu ändern, und könnten sie auch einsetzen - wenn Trump endlich aus seiner Fantasiewelt aufwacht, ruft Timothy Snyder in der SZ. Der ukrainische Autor Sergey Maidukov ist ebenfalls in der SZ fassunglos, wie Trump die Ukraine an Putin verscherbelt. Trump hat durchaus eine Strategie, ist sich indes Ivan Krastev in der Zeit sicher. Und der Politologe Stephan Bierling rät den Europäern in der Welt dringend, sich nicht vom Kreml einschüchtern zu lassen.  
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.08.2025 finden Sie hier

Politik

"Trump ist an die Grenzen seiner Fantasiewelt gestoßen", glaubt in der SZ Timothy Snyder, die Frage ist nur, wie er sich nun verhält. Trump habe noch nicht verstanden, dass seine großspurigen Worte in der internationalen Diplomatie keine Wirkung haben; "die Vorstellung, dass Worte allein ausreichen, hat Trump dazu gebracht, Putins Äußerungen wichtig zu nehmen." Nun, "da es Trump nicht gelungen ist, einen bedingungslosen russischen Waffenstillstand zu erreichen, kann er zwei Wege einschlagen. Er kann an seiner Fantasterei festhalten, obwohl es selbst für seine Freunde und Unterstützer immer offensichtlicher wird, dass es sich dabei um Putins Einflüsterungen handelt. Oder er kann Putin den Krieg erschweren und damit das Kriegsende beschleunigen. Die USA haben ihre haarsträubenden Zugeständnisse an Russland nicht formalisiert, und Trump könnte sie in einer einzigen Pressekonferenz rückgängig machen. Die USA verfügen über die politischen Instrumente, um die Richtung des Krieges in der Ukraine zu ändern, und könnten sie auch einsetzen."

So schlecht ist das Zeugnis gar nicht, das Ivan Krastev Trump im Zeit-Gespräch ausstellt: Trumps Strategie sei, alle Beteiligten zu zwingen, ständig über das Kriegsende zu sprechen. In einem Jahr werde der Krieg zumindest "eingefroren" sein, ist sich Krastev sicher. Vorausgesetzt: "Die Ukrainer erkennen an, dass Russland einen Teil ihres Territoriums kontrolliert. Es wäre etwas völlig anderes, anzuerkennen, dass ein Teil der Ukraine zu Russland gehören muss, damit der Krieg endet. Es gäbe aber einen Weg dorthin. Ich denke nicht, dass die Ukrainer sich aus dem Donbass zurückziehen werden. Erstens, weil sie dort militärisch einigermaßen gut aufgestellt sind. Zweitens, weil das zu einer innenpolitischen Krise führen würde. Das wäre, was Putin sich wünscht und immer wollte: die Ukraine innenpolitisch zu destabilisieren. Aber darum wird es nicht gehen. Meiner Meinung nach geht es um die Verfassungen beider Länder. Sowohl das ukrainische als inzwischen auch das russische Grundgesetz erhebt Anspruch auf Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja. Keines der Länder wird seine Verfassung ändern. Es könnte auf Grundlage der Verfassungen also dazu kommen, dass der Krieg eingefroren wird."

Kein einziger Konfliktpunkt
wurde ausgeräumt, resümieren Dominic Johnsohn und Hansjürgen Mai in der taz das Treffen zwischen Trump, Selenskyj und seinen Unterstützern aus Europa. Ein Waffenstillstand wurde nicht beschlossen und die Territorialfrage bleibt ebenso unklar wie die "Sicherheitsgarantien" des Westens für die Ukraine: "Allgemeine Sicherheitsgarantien ohne verbindlichen Charakter stehen bereits in den Sicherheitsabkommen, die die Ukraine mit mehreren Ländern geschlossen hat, auch Deutschland. Konkrete Sicherheitsgarantien, also eine militärische Beistandspflicht analog derer in der Nato, wären in der Praxis kaum umsetzbar. Erhöhte Sicherheitszusammenarbeit ist sehr wohl im Gespräch - von europäischen Waffenkäufen für die Ukraine in den USA in einem Wert von 90 Milliarden US-Dollar ist aktuell die Rede. Noch weitergehend wäre die Idee, die Großbritanniens Premierminister Keir Starmer und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron entwickelt haben: eine mehrere zehntausend Soldaten umfassende Friedenstruppe einer europäischen 'Koalition der Willigen' zur Überwachung einer demilitarisierten Waffenstillstandslinie in der Ukraine."

Der ukrainische Autor und Journalist Sergey Maidukov floh 2014 aus dem von Russland besetzten Donezk. In der SZ drückt er seine Fassunglosigkeit darüber aus, wie Trump Putin beim Treffen in Alaska den Hof machte: "Trump schüttelt ihm die Hand, fährt ihn in seiner Limousine herum und beharrt darauf, dass 'Putin den Krieg beenden will - gegenteilige Beweise hin oder her'. Gleichzeitig behauptet er, Selenskij könne den Krieg schon morgen beenden, weigere sich aber bewusst. Für Trump ist das Grund genug, die Militärhilfe für die Ukraine zu kürzen und Putin einen lukrativen Deal anzubieten. Nicht etwa Alaska - einst von Russland an Amerika verkauft -, stattdessen aber ukrainische Gebiete. Zusammen mit unseren Häusern. Unseren Betten, Küchenmöbeln und Familienalben. Zusammen mit ein paar Millionen Ukrainern, die heute dort leben, wo Putin sie nicht haben will. Und womit rechtfertigt er diesen Raub? Er formulierte es erst kürzlich beim St. Petersburger Wirtschaftsforum: 'Wo ein russischer Soldat seinen Fuß hinsetzt, das gehört uns.'"

Auch wenn sie nicht viel Hoffnung in Trump setzen, sind die Amerikaner "alles andere als desinteressiert … am Schicksal der Ukraine", entnimmt Frauke Steffens in der FAZ Umfragen: "Demnach verfolgen dreieinhalb Jahre nach dem russischen Überfall mehr als 80 Prozent von ihnen die Berichterstattung über den Krieg. Und der Anteil derjenigen, die die Ukraine weiter militärisch unterstützen wollen, liegt bei 62 Prozent - zuletzt soll er laut dem 'Chicago Council on Global Affairs' auch unter Republikanern um mehr als 20 auf 51 Prozent gestiegen sein."
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Europa

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Im Welt-Interview mit Nicolas Walter rät der Politologe Stephan Bierling, der ein Buch über die Präsidentschaft Donald Trumps  geschrieben hat, den Europäern dringend, sich nicht von Putin einschüchtern zu lassen. Der Besuch in Washington war insgesamt ein ziemlicher Knicks vor Trump, immerhin habe Friedrich Merz seine Unterstützung für die Ukraine deutlich gemacht. Nun müssen auch Taten folgen - ohne zu viel Angst vor dem Kreml: "Putin hat in der Vergangenheit vieles akzeptiert, was er zuvor als rote Linien bezeichnet hatte. Ich denke da vor allem an seine Drohungen gegenüber westlichen Waffenlieferungen. Wenn wir alles davon abhängig machen, was der Kreml akzeptiert, werden wir in dieser insgesamt schrecklichen Situation nicht weiterkommen. Es wird nur funktionieren, wenn wir den Druck auf Putin massiv erhöhen - sowohl militärisch als auch ökonomisch."
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Wissenschaft

Amerikas Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., der sich zwar für Nahrungsergänzungs-, Entwurmungsmittel und Steroide begeistert, aber das Impfen ablehnt und zahlreichen Institutionen die Mittel für Forschung entzogen hat, ist nur die Spitze eines Eisbergs der Wissenschaftsfeindlichkeit in den USA, stöhnt der Medizinethiker Arthur L. Caplan in der FAZ: Ein "Grund, warum die Wissenschaft in einer skeptischen, von Covid gezeichneten Öffentlichkeit als Feindbild dient, ist die mangelnde Erziehung und Ausbildung in den Wissenschaften an amerikanischen Schulen. Viele amerikanische Kinder besuchen Privatschulen, in denen Geschichten aus der Bibel statt Evolutionslehre und Geologie im Mittelpunkt stehen. Im öffentlichen Schulsektor endet die Ausbildung in Wissenschaft häufig mit der Highschool. Die Mehrzahl der College-Absolventen vermag nicht zu erklären, worin Wissenschaft besteht oder warum der Glaube an wissenschaftliche Expertise gerechtfertigt ist. Fast ebenso viele haben keine Vorstellung davon, wie ihre Nahrung tatsächlich angebaut wird und schließlich auf ihren Tisch gelangt."
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Ideen

Das Prinzip des universalen Völkerrechts gerät durch Entwicklungen wie beispielsweise in den USA ins Wanken, warnt die Juristin Heike Krieger im SZ-Interview mit Volker Janisch. Aber selbst wenn es praktisch untergraben wird, überstehen rechtliche Normen solche Krisen - als Ideen, die immer noch Wirksamkeit haben: "Recht als Idee ist immer auch mit dem Anspruch auf Durchsetzung verbunden. Es bietet eine Möglichkeit, politische Prozesse zu beeinflussen. Ein Beispiel: die Annexion der Krim. Faktisch steht sie unter russischer Herrschaft, aber rechtlich ist diese Herrschaft mit einem Unwirksamkeitsurteil belegt - mit der rechtlichen Fiktion, dass sie zur Ukraine gehört. Auf diese Weise kann auch die Ukraine ihren Anspruch weiter aufrechterhalten und - mit erhöhter Legitimität - in politischen Foren geltend machen. Das schafft die Vorstellung von einer anderen Realität. Die Umkehrung der tatsächlichen Verhältnisse bleibt politisch denkbar. Das ist schon eine sehr wichtige Kraft."

Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ führt Gerrit Tiefenthal ein Gespräch mit Peter Sloterdijk über seinen Freund Bruno Latour und dessen Impulse für die Zukunft: "Ich meine, der Weltlauf wird fürs Erste in eine wüste antilatourianische Richtung gehen. Gaia hat eine Unmenge schrecklicher Kinder hervorgebracht, sie sind alle noch da, in Gestalt von selbstsüchtigen Imperien, korrupten Soziologien, eingebetteten Journalismen, verblödetem Influencerwesen und bezahlter Mitmacherei auf allen Stufen. Die lassen sich nicht über Nacht belehren und bekehren. Zieht man den Horizont etwas weiter, lässt sich ohne Mühe denken, dass um das Jahr 2100 überall Latour-Hochschulen entstehen, so wie es im neunzehnten Jahrhundert Humboldt-Universitäten gab. Latour hat die protoeuropäische Idee der Universität als Versammlung der Studien aus dem Mittelalter ins einundzwanzigste Jahrhundert transponiert, er hat eine neue Idee der Kollekte geprägt, eine Versammlungskunst für die matters of concern."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der FAZ ruft Michael Pauen dem im Alter von 88 Jahren gestorbenen Philosophen Reinhard Brandt nach.
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Gesellschaft

Inge Hüsgen hat sich für hpd die im Auftrag des Bundesministeriums erstellte ELSA-Studie "Erfahrungen und Lebenslagen ungewollt Schwangerer. Angebote der Beratung und Versorgung", angeschaut, der sie nicht nur entnimmt, wieviel Frauen sich in Deutschland nach einem Schwangerschaftsabbruch stigmatisiert fühlen. Auch die Qualifikation von Ärzten ist lückenhaft: "11 Prozent aller befragten Mediziner gaben an, das Thema Schwangerschaftsabbruch weder aus dem Studium noch aus der Weiterbildung zum Facharzt zu kennen." Außerdem "zeigt die Studie, wie schwer es für viele Frauen ist, die notwendige Versorgung zu erhalten. Vier von fünf Befragten berichten von solchen Hürden. So seien etwa zuverlässige, gut verständliche Informationen schwer zugänglich. Hinzu kommen die finanziellen Belastungen - ein Schwangerschaftsabbruch kostet gemeinhin zwischen 200 und 600 Euro. Die Krankenkassen zahlen nur in Ausnahmefällen, etwa nach einer Vergewaltigung oder bei medizinischer Indikation beziehungsweise bei geringem Einkommen - nicht aber, wenn sich die Schwangere nach einer Konfliktberatung für den Abbruch entscheidet."
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Stichwörter: Schwangerschaftsabbruch

Geschichte

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Wir setzen unsere Reihe mit kleinen Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschen?" fort: Die meisten Deutschen ahnten schon im Herbst 1941, dass der Krieg verloren war. Warum haben sie trotzdem weitergekämpft? Inzwischen waren so viele Kriegsverbrechen begangen worden, dass die Angst vor einer Niederlage und der von den Nazis in Aussicht gestellten Rache der Sieger größer war als die Angst, im Kampf zu fallen.
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Stichwörter: Aly, Götz, Kriegsverbrechen