9punkt - Die Debattenrundschau

Immer so mutterseelenallein

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.06.2025. In der FAZ schildert Joseph Stiglitz die unheimliche Angst an amerikanischen Universitäten, die durch eine Schikanierung ausländischer Studenten (und Studiengebührenzahler) unter Druck gesetzt werden. Die Zeit depubliziert Maxim Biller, dafür darf sich aber die UNRWA äußern. In Cicero kritisiert Samuel Schirmbeck, dass Berlin sein Neutralitätsgebot aufgibt. hpd.de attackiert Julia Klöckner, die die Regenbogenfahne am Bundestag unter Berufung auf die "Neutralitätspflicht" nicht hissen will. Und Clemens Setz und Peter Sloterdijk denken - noch mit dem eigenen Hirn - über KI nach.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.06.2025 finden Sie hier

Politik

Dass es so etwas wie Antisemitismus an amerikanischen Universitäten gibt, leugnet der an der Columbia Universität lehrende Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, der auf den Wirtschaftsseiten der FAZ von Tillmann Neuscheler interviewt wird. Dies werde nur zum Argument gemacht, um die Unis unter Druck zu setzen. Er schildert sehr eindringlich die unheimliche Stimmung an den amerikanischen Universitäten. Sie werden vor allem über Visa für ausländische Studenten unter Druck gesetzt, die den Unis hohe Gebühren zahlen. Einer seiner Studenten sei plötzlich inmitten eines Semesters verschwunden: "Er ging zurück in sein Heimatland, weil ihm von der Uni gesagt wurde, sein Visum sei widerrufen worden - ohne Grund. Es ist absurd: Der Staat sagt den Betroffenen nicht einmal, dass sie ihr Visum verloren haben. Die Universität muss die Akten durchgehen, um zu sehen, wer sein Visum verloren hat, um dann die Studenten zu informieren. Der Staat widerruft das Visum und bittet dann die Betroffenen zur Kasse, weil sie sich zu lange in den USA aufhielten ohne gültiges Visum. Das ist so grausam und ungerecht, dass man es sich nicht vorstellen kann."

Die Iraner sind durch Trumps Schlag gegen die Atomanlagen geschwächt, aber das Gespenst einer iranischen Atombombe ist nicht gebannt, schreibt Manfred Kriener in der taz, der sich nicht vorstellen kann, dass der Iran die Technologie nur für friedliche Zwecke brauchte: "Seit mehr als zwanzig Jahren laufen die Verhandlungen mit Teheran. Seitdem versucht die IAEA vergeblich, die umstrittenen Atomanlagen zu überwachen. Zwar saß Iran am Verhandlungstisch, aber immer wieder wurde IAEA-Kontrolleuren der Zugang verwehrt, Überwachungssysteme wurden abgebaut. Ab und an waren Teilinspektionen erlaubt. Der Westen verhängte vergeblich Sanktionen und wusste gleichzeitig nicht, wie weit der Iran von einer nuklearen Massenvernichtungswaffe entfernt war. Tage, Monate, Jahre?"

Im Interview mit dem Spiegel skizziert der Politikwissenschaftler Vali Nasr die Zukunft Irans nach dem Tod von Ajatollah Khamenei: "Für mich ist nicht die Frage, ob die Revolutionswächter übernehmen, sondern ob sie einen noch härteren Kurs einschlagen als heute. Es ist nämlich auch denkbar, dass ein Kommandeur an die Macht kommt, der dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman ähnelt - jemand, der uns anfangs fürchterlich erscheint, der aber Witterung aufnimmt, was die Bevölkerung will, und dann sagt: Wir werden das Land nicht aus der Hand geben, aber wir werden umsteuern. ... Es ist jedenfalls viel wahrscheinlicher, als dass Iran demokratisch wird. Was die meisten Menschen in Iran wollen, ist nicht in erster Linie, dass sie um des Wählens willen zu einer Wahl gehen können. Was sie wollen, ist Ordnung und Wohlstand. So gesehen sind Figuren wie Mohammed bin Salman oder Aserbaidschans Machthaber Ilham Alijew sehr attraktiv - und ihr Modell, das keine politischen Rechte gewährt, aber Wohlstand und ein gewisses Maß an kultureller Freiheit."
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Wissenschaft

In der Zeit lässt sich Ulrich Schnabel von Anton Zeilinger erklären, warum die Quantenphysik so unverständlich ist. Man darf sie sich eben nicht vorstellen wollen, erklärt ihm der Physiker (der seinen Nobelpreis am Ende von Seite 4 seines Lebenslaufs nennt): "Das ist wie mit der biblischen Devise: 'Du sollst dir kein Bildnis machen.' Vorstellungen führen uns in die Irre. Die Quantenphysik lehrt uns, dass wir die Wirklichkeit nicht ganz erfassen können. Was wir erfassen können, sind nur Messergebnisse. Und das sind letztlich Aussagen über die Versuchsanordnung - nicht über die Wirklichkeit an sich."
Archiv: Wissenschaft

Europa

Die Politologin Sabine Fischer von der Stiftung Wissenschaft und Politik wirft auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ einen ernüchternden Blick auf die Lage der Ukraine: "Für Trump scheint der Krieg - und mit ihm die Ukraine selbst - nur noch ein lästiges Hindernis auf dem Weg zur Normalisierung mit Russland zu sein." Wichtig ist Fischers Hinweis, dass der Westen schon vor 2022 bei den Verhandlungen nach der Annexion der Krim entscheidende Fehler gemacht hat - die deutsche Verantwortung dürfte besonders groß sein: "Die russische Seite nutzte in den Minsker Verhandlungen ihre militärische Übermacht, um das eigene Lügennarrativ über den Konflikt durchzusetzen. Danach handelte es sich nicht um einen von Russland angezettelten zwischenstaatlichen Krieg, sondern um einen Bürgerkrieg zwischen Kiew und ostukrainischen 'Separatisten'. Dass Russland sich zuvor die Krim völkerrechtswidrig einverleibt hatte, blieb in diesem Narrativ außen vor. Das Putin-Regime verweigert seit der Annexion 2014 jegliche Verhandlungen über den Status der Krim."

Die Budapester Pride gegen die Verbote Viktor Orbans war ein gigantischer Erfolg. Wohl 200.000 Menschen sind zur Demo gekommen, auch aus dem EU-Ausland. Julian Csép und Yasemin Said begleiten für die taz den Transmann Emmett bei der Demo: "Von der Spitze des Gellértbergs aus, welcher am Fuße der Brücke liegt, ist das Ende der Menschenmenge nicht zu erkennen. Als der erste Wagen das Ende der Brücke auf der Buda-Seite erreicht, ist der letzte Block der Pride noch nicht einmal losgefahren. Wenig Sprechchöre sind aus den Reihen der Teilnehmer*innen zu hören. 'Ich fände ein bisschen lauter schon gut', sagt Emmett etwas enttäuscht. Als wir auf der Elisabethbrücke sind, schreien er und seine Familie den Pride-Slogan 'Itt hon vagyunk' - auf Deutsch 'Wir sind hier zu Hause'. Die Menschen um uns stimmen nicht ein, sie klatschen bloß leise und lächeln."

Außerdem zum Thema: Auf geschichtedergegenwart.ch erzählt die Bildungswissenschaflterin Tanja Vogler die Geschichte der CSD-Paraden, die weltweit von der extremen Rechten bekämpft werden. Kritik an der Gay Pride in Paris übte am Samstag der Literaturwissenschaftler William Marx in Le Monde (unser Resümee).
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Religion

Samuel Schirmbeck war Fernsehkorrespondent in Algerien und Marokko. Im Cicero erzählt er, wie die Islamisten in Algerien das Kopftuch für Frauen durchsetzten und wie es für die Frauen immer schwerer wurde, sich dagegen zu wehren. Das Kopftuch, schreibt er, sei eine Forderung des Islamismus, nicht des Islam. Um so schlimmer findet er die kaum beachtete Berliner Entscheidung, das Neutralitätsgebot des Staates aufzugeben und Lehrerinnen das Tragen des Kopftuchs zu erlauben. "Das Kopftuch wird nicht nur außen, sondern auch im Kopf getragen, und es steht weltweit für ein von Männern betriebenes erzkonservatives, aufklärungsfeindliches, alles 'Unislamische' auslöschen wollendes Gesellschaftsprojekt. Mit Religionsfreiheit hat das Ganze nichts zu tun, denn der Islam ist eine Zwangsreligion, die Musliminnen und Muslime keine Religionsfreiheit erlaubt. Sie müssen beim Islam bleiben. Die islamische Rechtsprechung kennt für Muslime keine negative Religionsfreiheit, und sie erkennt auch nicht den Anspruch an, keiner Religion anzugehören. Wenigstens sollte man muslimischen Schülerinnen deshalb die Freiheit lassen, sich in der Schule frei von diesem Zwang zu fühlen. In Deutschland aber werden Schülerinnen, die sich dem Kopftuch widersetzen, gemobbt. Nun sollen die Mobber von unten noch von oben Verstärkung erhalten durch Kopftuch-Autoritätspersonen."

Es zeigt schon eine ziemliche Chuzpe der Bundestagspräsidentin und Erzkatholikin Julia Klöckner, dass sie die Regenbogenfahne am Reichstagsgebäude zum Christopher Street Day nicht hissen wollte, weil diese der "Neutralitätspflicht" des Bundestags widerspreche, kommentiert Gisa Bodenstein bei hpd.de: Klöckner ist "Parteiangehörige der CDU, mit vollem Namen: Christlich Demokratische Union. Schon der Name der Partei ist nicht neutral, sondern trägt die Bevorzugung einer Religion in sich - und das widerspricht der weltanschaulichen Neutralität, zu der der deutsche Staat und seine Vertreter verpflichtet sind. Die CDU und ihre bayerische Halbschwester CSU machen Politik aufgrund von christlichen Glaubensinhalten. Und das schlägt sich in konkreten politischen Realitäten nieder, sei es bei der Weigerung, den Schwangerschaftsabbruch zu legalisieren oder beim Blockieren der Ablösung der Staatsleistungen."
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Ideen

Recht angetan ist FAZ-Redakteur Christian Geyer von den Ausführungen Peter Sloterdijks über Künstliche Intelligenz, denen er bei der phil.Cologne zugehört hat: "Sloterdijk tappt nicht in die kulturkritische Falle. Er watet nicht durch die Untiefen der Bewusstseinsdebatte: Hat KI ein Innen, kann sie wissen, wie es sich anfühlt, KI zu sein? So Sachen. Er hält sich an die begrifflichen Probebohrungen und schafft mit seinem spielerischen Zugang zur staatstragenden KI-Thematik, was bei den großen ethischen Playern unterbelichtet bleibt: bei den Papieren des Deutschen Ethikrats, den vatikanischen Stellungnahmen, den Podienausschreibungen der Akademien. Die Verfasser dieser Papiere versäumen es, die mit ChatGPT (dem nicht nur technischen, sondern auch diskursiven Schrittmacher) einhergehende Aufmerksamkeit als Marketingkalkül der Digitalriesen zu durchschauen."

KI könnte uns "eine Art von 'neuer Aufrichtigkeit'" bescheren, überlegt Clemens J. Setz im Standard. Von Tertiären Analphabeten (in Anlehnung an Enzensbergers "sekundären Analphabetismus"): "Zukünftige Generationen könnten sich kopfschüttelnd wundern, wie die frühere Menschheit überhaupt je irgendetwas Authentisches und Aufrichtiges auszudrücken imstande war, wenn sie doch gerade in der Situation der Schrifterzeugung immer so mutterseelenallein war, von niemandem betreut als vom eigenen Gehirn. Wie soll man da überhaupt wissen, was man meint?" Auch er will diese Erkenntnis nicht einfach als kulturkritisch verstanden wissen: Vielleicht könne eine Studentin bald "selbst keine Texte verfassen, nicht einmal kurze", dafür kann sie "extrem präzise wünschen, d. h. prompten. Ihre Lernerfahrung findet zum großen Teil zwischen ihr und dem KI-Chatfenster statt. ... Alle Reaktionen in der Außenwelt auf die von ihr ausgesandten Schriften bringen die tertiäre Analphabetin dazu, ihre Wunsch- oder Befehlsfähigkeit weiterzuentwickeln und zu verfeinern. Falls die Reaktionen entsprechend positiv ausfallen, unterscheidet sie nach einer Weile gewiss nicht mehr zwischen einem 'von ihr' und einem 'für sie' verfassten Text. Ja, sie hat die allmähliche Festigung des intellektuellen Teils ihrer Persönlichkeit vermutlich gar nie anders erlebt, eben 'als Team', und wird diesen Zustand ganz selbstverständlich als rein aus sich kommend empfinden."
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Medien

Die Zeit hat letzte Woche eine Kolumne von Maxim Biller "depubliziert" (unser Resümee), weil sie "nicht den Standards" der Zeitung entsprochen hätten. Auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen hat sich eine Verlagssprecherin nun dazu geäußert, berichtet Michael Thaidigsmann. Man habe unter anderem die Formulierung von der "strategisch richtigen, aber unmenschlichen Hungerblockade von Gaza" für undruckbar gehalten. "Vorwürfe wollte die Verlagssprecherin Biller aber nicht machen; die Verantwortung für den Vorgang liege letzten Endes allein bei der Redaktion, sagte sie. 'Es bleibt ganz allein unser Fehler, dass wir mit Maxim Biller vor Veröffentlichung nicht über mögliche Änderungen gesprochen haben. Dies war eine schwere Panne in unserem redaktionellen Prozess, die wir sehr bedauern.'"

Dafür dürfen wir heute auf Zeit online ein Interview von Wenke Husmann mit Juliette Touma vom UNRWA lesen, das so Hamas-unkritisch ist, dass es offenbar die Standards der Redaktion voll erfüllt. Touma beschreibt ausführlich das Leiden der Palästinenser und ganz besonders der palästinensischen Kinder und Frauen: "Wenn ich meine Menstruation bekomme, habe ich eine Dusche und Seife, ich kann Tampons und Binden kaufen. Neulich erzählte mir ein Vater aus dem Gazastreifen, dass er sein letztes Hemd zerschnitten habe, um seiner Tochter eine Menstruationseinlage geben zu können." Und natürlich kritisiert sie Israels Arbeitsverbot der UNRWA, denn die von Israel kontrollierte "GHF ist keine humanitäre Organisation und verstößt mit ihrer Arbeitsweise gegen humanitäre Prinzipien. Hilfe gehört in die Hände derjenigen, die sich damit auskennen - und die sich an die Prinzipien von Menschlichkeit, Unparteilichkeit und Neutralität halten." Es gibt keine einzige Frage von Husmann zur Beteiligung von UNRWA-Mitarbeitern am Massaker vom 7. Oktober oder überhaupt zum Verhältnis der UNRWA zur Hamas,  keine einzige.
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Stichwörter: Unrwa, Biller, Maxim, Ghf, 7. Oktober, Hamas

Gesellschaft

In der NZZ staunt Daniel Rickenbacher, welche Sympathien der britisch-palästinensische Mediziner Ghassan Abu-Sittah, der immer wieder den Terror der Hamas rechtfertigt, bei linken Aktivisten genießt: "Bezeichnend ist auch Abu-Sittahs Reaktion auf die Anti-Hamas-Proteste im Gazastreifen, die wenige Tage nach seinem Auftritt am Genfer Menschrechtsfestival ausbrechen. Tausende Palästinenser fordern ein Ende des Krieges und der Herrschaft der Islamisten, die den Gazastreifen seit 2006 kontrollieren. Die Terrororganisation schlägt die Proteste mit Verhaftungen, Folter und Hinrichtungen nieder. Statt sich zu solidarisieren, beschimpft Ghassan Abu-Sittah die Demonstranten in einer Diskussionssendung auf dem russischen Propagandasender RT Arabic als Verräter."
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Stichwörter: Hamas