9punkt - Die Debattenrundschau

Selektive Solidarität

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.04.2025. Papst Franziskus war "sympathisch auf der menschlichen Ebene", konstatiert Volker Reinhardt im Zeit-Online-Interview. Trotzdem kühlte die Begeisterung für sein Pontifikat schnell ab, stellt die SZ fest. Im Perlentaucher blickt Claus Leggewie auf die nochmalige Verschärfung des Tons zwischen Algier und Paris. In der taz prangert palästinensische Aktivist Hamza Howidy die "propalästinensischen" Aktivisten im Westen an, deren Unterstützung eher der Hamas als den Palästinensern zu gelten scheint.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2025 finden Sie hier

Religion

Sede vacante. Die Zeitungen blicken auf das Pontifikat von Papst Franziskus zurück, der gestern gestorben ist. "Jorge Mario Bergoglio war ein richtig guter Franziskus", schreiben Oliver Meiler und Annette Zoch in der SZ. Der Franziskus-Papst setzte auf Dialog und gab sich weniger abgehoben als sein Vorgänger. Trotzdem kühlte die Begeisterung für den ersten südamerikanischen Papst mit der Zeit ab. "Immer blieb der Eindruck, dass er zickzack fuhr. So fortschrittlich er in sozialethischen und wirtschaftlichen Fragen war, so sehr das nach Neuanfang und Aufbruch roch: Innerkirchlichen Reformen stand er streng konservativ gegenüber. So schwand besonders in Deutschland die Begeisterung der Gläubigen für diesen Papst zusehends. Franziskus leistete hartnäckig Widerstand gegen den deutschen Synodalen Weg, das Reformprojekt von deutschen Bischöfen, Priestern und Laien. Das hat ihn viele Sympathien gekostet."

In der FAZ schreibt Christian Geyer mit kritischer Sympathie: "Ob man die schwebende Transformation, wie sie Franziskus verkörperte, nun peronistisch inspiriert findet (entsprechend einer allen nach dem Mund redenden Machttechnik des argentinischen Präsidenten Juan Perón) oder eben als Ausdruck einer stets kontingent bleibenden Sprachpragmatik liest, von welcher auch die religiöse Verkündigung nicht ausgenommen ist (die Theologie als Wissenschaft ohnehin nicht) - Segen und Fluch liegen hier dicht beieinander. Siehe nur die mangelnde Fixierbarkeit der reformerischen Emphase."

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Sehr nüchtern blickt der Historiker Volker Reinhardt im Zeit-Online-Interview mit Merle Schmalenbach auf das Pontifikat von Papst Franziskus. "Er gab viele überraschende, berührende Statements ab. Das war sympathisch auf einer menschlichen Ebene. Aber wenn es ernst wurde, wenn etwas davon in irgendeiner Weise in der Kirchenlehre fixiert werden sollte, war davon nicht mehr viel zu spüren. Ein Beispiel: Er sagte, dass Atheisten von Gott erlöst würden. Das hatte keinerlei Auswirkungen auf das Lehramt. Im Gegenteil, die Aussage wurde später sogar theologisch berichtigt. Unter Franziskus gab es eine Aufspaltung in den Papst und den Menschen Bergoglio." Das anachronistischere und folgenreichere Pontifikat, ist Reinhardt überzeugt, war ausgerechnet das von Franziskus Vorgänger, Papst Benedikt.

Einerseits war Franziskus ein "linker Papst", meint Laurent Joffrin in lejournal.info. Andererseits erinnert die Comedian Sophia Aram in einem Tweet an die Stellungnahme des Papstes gegen Charlie Hebdo einige Tage nach dem Attentat auf die Zeitschrift.


Der letzte Besucher des Papst war ausgerechnet der katholische Konvertit J.D. Vance. Dieser sei aber eher aus intellektuellen als aus spirituellen Gründen zum katholischen Glauben übergetreten, schreibt Alan Posener in der Welt. "Und seine intellektuellen Positionen hat er aus durchaus zweifelhaften Gründen gewechselt. Atheist sei er geworden, schrieb er in The Lamp, 'aus dem Wunsch, bei den amerikanischen Eliten Anerkennung zu finden'. Ayn Rand habe er bewundert, weil ihre Schriften ihm sagten, was er hören wollte: 'Große, clevere Männer sind nur dann arrogant, wenn sie Unrecht haben.' Im Katholizismus zieht ihn besonders die Lehre des Augustinus an, 'weil sie die beste Kritik unserer modernen Gesellschaft war, die ich je gelesen hatte' - nämlich an einer Gesellschaft, 'die sich nur am Konsum orientiert und die Pflicht und die Tugend vernachlässigt'."

Kurt Andersen, Autor des Buchs "Fantasyland", hat einen Verdacht:


In der FAS schildert Frauke Steffens den sagenhaften Erfolg der neokatholischen Gebetsapp "Hallow", hinter der unter anderen der Investor Peter Thiel und Trumps Vize J.D. Vance stecken. Äußerlich gibt sie sich zunächst ganz harmlos, mit Devotionalienkitsch und Anleitungen zum Seelenheil wie von einer Yoga-App. "Auf den zweiten Blick können auch hinter den religiösen Botschaften politische Hass-Codes stecken - zum Beispiel dort, wo sich die christliche Losung 'Christ is King' in der MAGA-Szene zu einer Parole gewandelt hat, die unter Antisemitismus-Verdacht steht. 'Christ is King' wurde online in letzter Zeit immer mehr zur Parole derjenigen, die klarstellen wollten, dass ihr Projekt das eines christlich und weiß dominierten Amerikas ist - selbst in Abgrenzung zu Juden, die wie sie Nationalisten sind. Manche Rechtsextreme waren nämlich gar nicht damit einverstanden, dass jüdische Amerikaner wie die Influencerin Laura Loomer oder der Podcaster Ben Shapiro bei ihnen mitmischen wollen."

In der FAZ antwortet der Religionssoziologe Detlef Pollack auf den katholischen Theologen Benjamin Dahlke, der kürzlich in der FAZ die Vitalität des Katholizismus in den USA hervorgehoben hatte (unser Resümee). Ganz so doll ist es da aber auch nicht, meint Pollack. Auch in den USA gehe der Trend zur Säkularisierung, da helfe auch kein J.D. Vance, im Gegenteil: "Sicher und wissenschaftlich belegt ist hingegen, dass eine enge Verbindung von Religion und Politik zwar kurzfristige Aufmerksamkeitsgewinne bringt, sich langfristig aber eher negativ auf die kirchliche Bindung auswirkt. ... Die Identifikation der Kirchen mit politisch konservativen Positionen motiviert politisch eher moderat und liberal eingestellte Personen, die mit der Kirche nur schwach verbunden sind, aber auch dazu, aus politischen Gründen ihre religiöse Bindung aufzugeben. 'I am not like them' - sagen sie, um zu begründen, warum sie sich von der Kirche abwenden."

In Deutschland hat der Trend zur Säkularisierung einen historischen Wendepunkt erreicht, meldet hpd: Laut der Forschungsgruppe "Weltanschauungen in Deutschland" stellen konfessionsfreie Menschen erstmals einen größeren Bevölkerungsanteil als Katholiken und Protestanten zusammengenommen. "So kam die 2024 publizierte '6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung' (KMU), die von beiden Großkirchen verantwortet wird, zu dem Ergebnis, dass die absolute Bevölkerungsmehrheit in Deutschland (56 Prozent) der Gruppe der 'Säkularen' zuzurechnen ist, die religiöse Angebote klar ablehnt. Im eigentlichen Sinne 'religiös' (also tatsächlich in christlichen, jüdischen oder muslimischen Gemeinden verankert) sind nach Angaben der KMU nur noch 13 Prozent der Bevölkerung. Noch geringer ausgeprägt ist die 'gelebte Glaubenspraxis', die sich in regelmäßigen Gottesdienstbesuchen ausdrückt: Nur noch 5 von 100 Menschen in Deutschland besuchen mindestens einmal im Monat eine Kirche, Moschee, Synagoge oder einen hinduistischen oder buddhistischen Tempel, wie Carsten Frerk in seiner aktuellen fowid-Auswertung herausgestellt hat."

Archiv: Religion

Politik

"Die propalästinensische Bewegung im Westen muss öffentlich ihre Verurteilung der Hamas signalisieren und die Forderungen der Demonstrierenden in Gaza anerkennen: ein Ende des Kriegs, die sichere Rückkehr der Geiseln und die Vertreibung der Hamas aus Gaza", fordert in der taz der palästinensische Aktivist Hamza Howidy, der nicht versteht, warum die Inhaftierung eines Unibesetzers in den USA so viel mehr Aufregung unter sogenannten propalästinensischen Aktivisten im Westen verursacht als Ermordung von Oday Nasser al-Rabay durch die Hamas (unser Resümee). "Seit 18 Monaten werden die Stimmen der Menschen in Gaza, die alles riskieren, um sich von der Hamas zu befreien, in der weltweiten Diskussion meist ignoriert oder abgetan. ... Das Schweigen angesichts der Proteste in Gaza und die fehlende Empörung über den Tod junger Demonstrierender sind ein Armutszeugnis für die selektive Solidarität, die den globalen Diskurs durchdrungen hat. Widerstand gegen die Hamas wird ignoriert, weil er nicht in den ideologischen Rahmen vieler passt, die behaupten, sich für die Rechte der Palästinenser einzusetzen."

Im Spiegel unterhält sich Muriel Kalisch mit Theodor Meron, Holocaust-Überlebender, Jurist und Berater des Internationalen Strafgerichtshofs, über den Holocaust, den Haftbefehl gegen Israels Premier Benjamin Netanjahu ("Wenn Herr Merz die Peinlichkeit vermeiden möchte, Menschen zu verhaften, gegen die Haftbefehle erlassen wurden, könnte er sie einfach bitten, nicht nach Deutschland zu kommen.") und die illegalen Siedlungen im Westjordanland, deren Rechtmäßigkeit er nach dem Sechstagekrieg für den damaligen Premierminister Levi Eshkol bewerten sollte: "Ich habe klargemacht, dass die Einrichtung von zivilen Siedlungen im Westjordanland gegen die vierte Genfer Konvention verstößt, die sich mit den Rechten und Pflichten von Besatzungsmächten befasst und den Rechten der Bevölkerung in besetzten Gebieten. ... Heute sprechen wir oft von rechten Parteien, die die Siedlungsbewegung unterstützen. Die ersten Siedlungen wurden jedoch unter einem Premier der linken Arbeitspartei Avoda errichtet. Aber auch ich hätte nicht gedacht, dass die Siedlungen diese Dimensionen annehmen", so Meron, der eine Zweistaatenlösung des Nahostkonflikts für die einzig mögliche hält.

Eine Zeitlang schien es, als könnte sich Boualem Sansal nach der Verurteilung durch das algerische Regime Hoffnung auf eine Begnadigung machen. In den letzten Tagen aber hat sich die algerisch-französische Krise drastisch verschärft, erzählt Claus Leggewie im Perlentaucher: "Im Zentrum steht jetzt der algerische Influencer Amir Boukhors, der seit 2016 in Frankreich lebt, dort politisches Asyl genießt und von dort als 'Amir DZ' mit einem Blog gut informiert Skandale und Finanzaffären der algerischen Nomenklatura aufdeckt. Das wird von mehr als einer Million Followern in der Diaspora und auch in Algerien zur Kenntnis genommen und nährt den Ruf der Korruption und Misswirtschaft, der dem Regime begründet anhaftet." Andere, proalgerische Influencer, die zu Terror aufriefen, wurden von Algerien hingegen nicht wieder aufgenommen, so Leggewie. Die Krise führte zur gegenseitigen Ausweisung von Botschaftspersonal. Sansal könnte zur "Geisel einer Konfrontation" werden. Um so wichtiger, dass andere europäische Länder, vor allem Deutschland, Initiativen ergreifen, schließt Leggewie.

Amerika ist fest in der Hand von Broligarchen, die die amerikanische Wirtschaft zerstören, konstatiert die schottische Schriftstellerin A.L. Kennedy in der SZ. Doch langsam stellt sich Widerstand dagegen und einem Trump-ähnlichen Politikstil ein. So stützt Spanien seine Wirtschaft gegen die Zölle mit eigenem Geld ab, Macron hat sich zu einer Vermögenssteuer durchgerungen und in den USA schwellen seit dem 5. April immer weitere Demonstrationen gegen Trump an. "Liebes Deutschland, du hast Tesla zurückgewiesen und mit deinen Demonstrationen gegen Rechts den Prozess des Massenprotestes gegen den weltweiten Faschismus begonnen. Wenn ihr den Glauben an eure Zukunft habt, könnt ihr ein Vorbild für uns alle sein. Die Alternative ist in Großbritannien und den USA zu besichtigen. Und das ist keine Alternative."
Archiv: Politik

Gesellschaft

Im Jahre 2000 verweigerte der aus Sri Lanka stammende Theologe Stephan Anpalagan den Wehrdienst, vor allem wegen eines starken Rassismus-Problems in der Truppe, wie er auf Zeit Online schreibt. Heute würde er Deutschland mit der Waffe in der Hand verteidigen: "Die Bundeswehr ist heute eine andere, als sie es in den 1990er-Jahren war. Die Probleme innerhalb der Truppe sind nicht behoben, zumindest aber existiert mittlerweile ein Problembewusstsein. Der Militärische Abschirmdienst wird seit einiger Zeit von einer Frau geführt, die den Kampf gegen Rechtsextreme endlich ernst zu nehmen scheint. Der Bundesverteidigungsminister ist glaubwürdig in seinem Bemühen, die Bundeswehr zu modernisieren und für Frauen, Migranten und Menschen aller Couleur zu öffnen."
Archiv: Gesellschaft

Europa

Es zeichnet sich inzwischen ab, dass Trumps zynischer Friedensplan für die Ukraine scheitern wird. Aber leider hat er auch in Europa zu einer Diskursverschiebung geführt, beobachtet Richard Herzinger in seinem Blog. Immer mehr gehe es "um die Frage, wie man 'den Krieg' (als sei es nicht ausschließlich ein russischer Krieg!) möglichst bald und zu für die Ukraine möglichst günstigen Bedingungen beenden könnte. Wobei auch bei den Europäern stillschweigend bereits eingepreist ist, dass die Ukraine ohnehin nicht siegen könne... Kaum aber noch wird die Frage gestellt, wie denn überhaupt 'Frieden' mit einer Macht möglich sein soll, die ihre ganze Identität aus dem Prinzip des Angriffskriegs und der Vernichtung bezieht. In den Hintergrund der Debatte gerät das unermessliche Leid, das den Menschen in der Ukraine täglich zugefügt und das zunehmend fast schon wie eine Art Normalität wahrgenommen wird."
Archiv: Europa

Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Ulrich Schlie an den Nachfolger von Reinhardt Heydrich als Chef des Reichssicherheitshauptamts, den Oberösterreicher Ernst Kaltenbrunner. Dieser verfolgte gegen Ende des Krieges eigene Nachkriegspläne für Österreich und reiste am 21. April nach Altaussee im Salzkammergut. "Nach Altaussee hatte Kaltenbrunner seine engsten Vertrauten aus dem Reichssicherheitshauptamt mitgenommen: Wilhelm Waneck, Werner Göttsch und Wilhelm Höttl. (...) Höttl hatte sich Kaltenbrunners Vertrauen erschlichen und in weiser Voraussicht schon seit geraumer Zeit enge Kontakte in die neutrale Schweiz ins Umfeld von Allen Dulles geknüpft, dem Gesandten des US-Auslandsgeheimdienstes Office of Strategic Services." Dulles ließ sich von dieser Truppe in den letzten Kriegstagen auf eine falsche Fährte locken. "In einem Memorandum vom März 1945, das Präsident Roosevelt vorgelegt wurde, heißt es, dass sich die 'Oppositionsgruppe innerhalb der österreichischen SS' für eine 'Übergangsregierung' empfehlen wolle, die den Endkampf in der Alpenfestung bis zur letzten Patrone vermeiden und dafür die Übergaben der staatlichen Gewalt an die Westalliierten organisieren wolle."
Archiv: Geschichte