Intervention
Geisel einer Konfrontation
Von Claus Leggewie
22.04.2025. Kurzzeitig schien es, als könnte sich Boualem Sansal nach einer Verurteilung des algerischen Militärregimes Hoffnung auf einen Gandenerweis machen. Aber nun haben sich in den letzten Tagen die algerisch-französischen Beziehungen noch einmal heftig verschärft: Es geht um algerische Influencer, die Algier entführen und andere, die es trotz Ausweisung durch Frankreich nicht wieder aufnehmen will. Die Krise führte zur Ausweisung von Botschaftspersonal.Von dem inhaftierten algerischen Schriftsteller Boualem Sansal gibt es keine Neuigkeiten außer der, dass sein Fall, der das französisch-algerische Verhältnis seit seiner unberechtigten Verhaftung im November 2024 schwer belastet hat, nun zur Nebensache in einem Konflikt werden könnte, der sich in der letzten Woche dramatisch zugespitzt hat. Im Zentrum steht jetzt der algerische Influencer Amir Boukhors, der seit 2016 in Frankreich lebt, dort politisches Asyl genießt und von dort als "Amir DZ" mit einem Blog gut informiert Skandale und Finanzaffären der algerischen Nomenklatura aufdeckt. Das wird von mehr als einer Million Followern in der Diaspora und auch in Algerien zur Kenntnis genommen und nährt den Ruf der Korruption und Misswirtschaft, der dem Regime begründet anhaftet. Dieses hat Boukhors in absentia wegen angeblichen Betrugs, Bedrohung und Verleumdung verurteilt und zwei Auslieferungsanträge wegen "Mitgliedschaft und Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung" gestellt, die von den französischen Behörden abgewiesen wurden.
Zur aktuellen Eskalation kam es, als Boukhors am 11. April offenbar entführt und einen Tag später wieder freigelassen wurde; sein Anwalt behauptet, drei Algerier, einer davon als Mitarbeiter des Konsulats, hätten ihn nach Algerien zu entführen versucht. Die drei wurden festgesetzt und der Antiterrorbehörde vorgeführt, die Algerien einer kriminellen Attacke auf ein anderes Land bezichtigt, während das Außenministerium in Algier auf die Immunität des Konsulatsangestellten verweist und Frankreich einen schweren Verstoß gegen diplomatische Gepflogenheiten vorwirft. Das Resultat waren wechselseitige Ausweisungen von Botschaftspersonal und eine Verschärfung des Tons, der auf der einen Seite durch die Quasi-Anerkennung der marokkanischen Annexion der Westsahara durch Staatspräsident Emmanuel Macron, auf der anderen Seite durch das Messerattentat eines ausreisepflichtigen Algeriers in Mulhouse schon extrem angespannt war. In Frankreich wurde ein proalgerischer Blogger verurteilt und zur Abschiebung vorgesehen, während algerische Behörden seit Monaten auch in weiteren sechzig Fällen eine Aufnahme von Staatsangehörigen konstant verweigern. Der französische Innenminister Bruno Retailleau brachte deswegen die Beschneidung der Vorteile ins Spiel, die algerische Staatsangehörige nach einem 1968 abgeschlossenen Vertrag in Frankreich genießen.
Boualem Sansal konnte sich nach seiner ungerechtfertigten Verurteilung zu fünf Jahren Gefängnis ohne Bewährung berechtigte Hoffnung auf einen Gnadenerweis machen, als die Staatspräsidenten Macron und Abdelmadjid Tebboune und anschließend die beiden Außenminister eine Entspannung "auf Augenhöhe" ankündigten und auf die Wichtigkeit der Kooperationsbeziehungen für beide Länder hinwiesen. Dieses Tauwetter scheint jetzt abrupt zu Ende zu sein, die Beziehungen zwischen Paris und Algier sind so frostig wie seit 1962 nicht mehr. Leidtragender könnte der 80-jährige, schwer kranke Schriftsteller sein, der zur Geisel einer Konfrontation würde, bei der es nunmehr beiderseits um die "Ehre der Nation" geht; es rächt sich, dass die Geschichte der Kolonisation und des Unabhängigkeitskriegs vor allem in Algerien niemals fundiert aufgearbeitet worden ist.
Premierminister François Bayrou hat dem Unterstützungskomitee am 15. April seine Solidarität mit Sansal versichert. Aber ihm sitzt die französische Rechte im Genick, die eine Verschärfung des antialgerischen Kurses erhofft, auch die extreme Linke, die Sansal Rechtstendenzen und Antiislamismus vorwirft, während dessen Fall in Algerien kaum in der Öffentlichkeit bekannt ist. Sansal droht damit in Vergessenheit zu geraten. Umso wichtiger ist jetzt, dass die weltweite Unterstützung nicht nachlässt und der Bundespräsident und eine neue Bundesregierung ventilieren, welche deutschen Schritte zu seiner Begnadigung und Freilassung ergriffen werden könnten.
Claus Leggewie
Zur aktuellen Eskalation kam es, als Boukhors am 11. April offenbar entführt und einen Tag später wieder freigelassen wurde; sein Anwalt behauptet, drei Algerier, einer davon als Mitarbeiter des Konsulats, hätten ihn nach Algerien zu entführen versucht. Die drei wurden festgesetzt und der Antiterrorbehörde vorgeführt, die Algerien einer kriminellen Attacke auf ein anderes Land bezichtigt, während das Außenministerium in Algier auf die Immunität des Konsulatsangestellten verweist und Frankreich einen schweren Verstoß gegen diplomatische Gepflogenheiten vorwirft. Das Resultat waren wechselseitige Ausweisungen von Botschaftspersonal und eine Verschärfung des Tons, der auf der einen Seite durch die Quasi-Anerkennung der marokkanischen Annexion der Westsahara durch Staatspräsident Emmanuel Macron, auf der anderen Seite durch das Messerattentat eines ausreisepflichtigen Algeriers in Mulhouse schon extrem angespannt war. In Frankreich wurde ein proalgerischer Blogger verurteilt und zur Abschiebung vorgesehen, während algerische Behörden seit Monaten auch in weiteren sechzig Fällen eine Aufnahme von Staatsangehörigen konstant verweigern. Der französische Innenminister Bruno Retailleau brachte deswegen die Beschneidung der Vorteile ins Spiel, die algerische Staatsangehörige nach einem 1968 abgeschlossenen Vertrag in Frankreich genießen.
Boualem Sansal konnte sich nach seiner ungerechtfertigten Verurteilung zu fünf Jahren Gefängnis ohne Bewährung berechtigte Hoffnung auf einen Gnadenerweis machen, als die Staatspräsidenten Macron und Abdelmadjid Tebboune und anschließend die beiden Außenminister eine Entspannung "auf Augenhöhe" ankündigten und auf die Wichtigkeit der Kooperationsbeziehungen für beide Länder hinwiesen. Dieses Tauwetter scheint jetzt abrupt zu Ende zu sein, die Beziehungen zwischen Paris und Algier sind so frostig wie seit 1962 nicht mehr. Leidtragender könnte der 80-jährige, schwer kranke Schriftsteller sein, der zur Geisel einer Konfrontation würde, bei der es nunmehr beiderseits um die "Ehre der Nation" geht; es rächt sich, dass die Geschichte der Kolonisation und des Unabhängigkeitskriegs vor allem in Algerien niemals fundiert aufgearbeitet worden ist.
Premierminister François Bayrou hat dem Unterstützungskomitee am 15. April seine Solidarität mit Sansal versichert. Aber ihm sitzt die französische Rechte im Genick, die eine Verschärfung des antialgerischen Kurses erhofft, auch die extreme Linke, die Sansal Rechtstendenzen und Antiislamismus vorwirft, während dessen Fall in Algerien kaum in der Öffentlichkeit bekannt ist. Sansal droht damit in Vergessenheit zu geraten. Umso wichtiger ist jetzt, dass die weltweite Unterstützung nicht nachlässt und der Bundespräsident und eine neue Bundesregierung ventilieren, welche deutschen Schritte zu seiner Begnadigung und Freilassung ergriffen werden könnten.
Claus Leggewie
Kommentieren



