9punkt - Die Debattenrundschau

Eine neue Friedenspfeife anzünden?

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.10.2024. Die nordkoreanischen Soldaten in der Ukraine zeigen der Sicherheitsexpertin Rachel Minyoung Lee vor allem eines, wie sie im Zeit-Interview betont: "Putin ist verzweifelt." Die Bundesregierung hätte den Tod Jamshid Sharmahds verhindern können, ruft uns Mariam Claren, Tochter der ebenfalls im Iran inhaftierten Deutsch-Iranerin Nahid Taghavi, in der FR zu. In der Zeit sieht der Politologe Peter Neumann den "Aristopopulismus" auch in Europa auf dem Vormarsch. Zeit Online und FAZ blicken in die Türkei, wo es zu einem Friedensschluss zwischen der PKK und Erdogan kommen könnte.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2024 finden Sie hier

Politik

Nicht mehr Kiew, sondern Kyjiw! Die Zeit annonciert heute auf der Titelseite, dass sie die ukrainische Hauptstadt in Zukunft mit der ukrainischen Schreibweise bezeichnen wird: "Manchmal führen erst aktuelle weltpolitische Entwicklungen vor Augen, dass wir umdenken müssen. Uns kostet das nur drei Buchstaben und ein wenig Umgewöhnen. An Tag 980 des russischen Angriffskrieges steigen wir auf die ukrainische Schreibweise Kyjiw um."

Welche politischen Folgen hat die Einmischung Nordkoreas in den Ukrainekrieg? Die Sicherheitsexpertin Rachel Minyoung Lee betont im Zeit-Interview zunächst einmal: "Putin ist verzweifelt, sonst würde er keine Söldner aus Nordkorea anheuern." Die Zusammenarbeit mit Russland hat Vorteile für Nordkorea, erklärt Lee, zum Beispiel mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit von China. Das sieht die Kooperation nicht gerne, denn Xi Jinping wolle eine "Eskalation auf der Koreanischen Halbinsel" vermeiden. In jedem Fall "geht es längst nicht mehr nur um die Ukraine, Russland und die Nato. Mit der Beteiligung Nordkoreas globalisiert sich der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Genau wie sich der Konflikt zwischen Nord- und Südkorea mit Russland als potenziellem Akteur im Hintergrund globalisiert."

Hätte die Bundesregierung sich wirklich um Jamshid Sharmahd (unser Resümee) bemüht, wäre er nun frei und nicht tot, ruft uns Mariam Claren, Tochter der ebenfalls im Iran inhaftierten Deutsch-Iranerin Nahid Taghavi, im FR-Interview mit Uli Kreikebaum zu. Sie glaube der Bundesregierung auch nicht mehr, wenn diese vom "hochrangigen Einsatz" für ihre Mutter spricht. "Diese Worte sind heiße Luft. Wir haben immer wieder harte Sanktionen gefordert: Geld einzufrieren, Lufthansa-Flüge zu streichen, Handelsbeziehungen komplett zu beenden. Oft wurde uns arrogant geantwortet: So funktioniert Diplomatie leider nicht. Aber Diplomatie funktioniert, indem man die Hinrichtung eines deutschen Staatsbürgers zulässt? Zulässt, dass meine Mutter, die 70 Jahre alt, schwer erkrankt ist und rein gar nichts getan hat, außer für Gleichberechtigung zu sein, mit kurzen Unterbrechungen von medizinischem Hafturlaub seit vier Jahren im Gefängnis ist? So macht sich Politik leider komplett unglaubwürdig. Für die Bürger, aber auch für das Mullah-Regime im Iran. Mein Vertrauen in die Bundesregierung ist mit der Hinrichtung von Jamshid Sharmahd komplett erloschen."

 

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Europa

Dass sich die SPD Brandenburg vom BSW eine Präambel in den Sondierungspapieren (unser Resümee) aufschwatzen lässt, mag man noch mit deren unbedingten Willen zu einer "festen Regierung" erklären, meint Welt-Autor Thomas Schmid. Es könne trotzdem nicht sein, dass Wagenknecht ihre Mär vom "Verhandlungsfrieden" immer wiederholen kann, wenn es doch ein markantes Beispiel gibt, in dem ein Konflikt erst mit Waffengewalt gelöst werden konnte: "Nach allem, was man über den Eroberungs- und Vernichtungswillen der völkisch-rassistischen NS-Führung weiß, hätte es wohl kaum zu Waffenstillstand und Frieden geführt, wenn die Alliierten 1942, 1943, 1944 Deutschland an den Verhandlungstisch gebeten hätten. Und, um des Friedens willen, den Deutschen einige Zugeständnisse gemacht hätten. (...) Sicher, Putin ist nicht Hitler. Aber eines hat er mit Hitler gemein: Er setzt nur auf Stärke, verachtet das Vertragsdenken als schwächlich. Er hat, wie Hitler, kein Problem damit, seinen Gesprächspartnern ins Gesicht zu lügen und Versprechen zu brechen. Er ist von kalter Rachsucht getrieben."

Peter Neumann greift in der Zeit den Begriff "Aristopopulismus" auf, den der Theologe und Politikwissenschaftler Patrick Deneen prägte. Statt einer liberalen Gesellschaft der "Hyperindividualisten" fordere Deneen, so Neumann, "mehr Solidarität, mehr Miteinander. Mehr Kontrolle über die entfesselten Kräfte der Finanzmärkte." Der "linke Begriff des Gemeinwohls" bekomme bei Deenen allerdings einen religiösen und "einen rechtsautoritären Spin." Diese Mischung aus ultrakonservativen Positionen und linker Kapitalismuskritik hat längst auch in Europa Fuß gefasst, so Neumann: "Sohrab Ahmari, der Gründer des einflussreichen amerikanischen Onlinemagazins Compact, in dem auch Deneen regelmäßig publiziert, ist ein bekennender Fan der BSW-Chefin Sahra Wagenknecht. Erst im Frühsommer schrieb Ahmari einen Artikel mit dem Titel 'Sahra Wagenknecht, My Political Queen'. Er verehre Wagenknecht, die mit ihrer neuen Partei eine politische Vision befeuere, die man heute wieder dringend brauche: einen 'Linkskonservatismus' oder eben eine 'konservative Linke'. Auch die Linke Wagenknecht sei insofern eine Konservative, eine gute Populistin, als sie für Stabilität und Kontinuität sorge und das normale Leben der Arbeiterklasse vor den disruptiven, zerstörerischen Tendenzen des Marktes schützen wolle."

In der Türkei könnte es zwischen der PKK und den rechts-nationalistischen Kräften in der Türkei zu einem Friedensschluss kommen, berichtet der türkische Journalist Can Dündar auf Zeit Online. So hat Erdogan im türkischen Parlament signalisiert, den PKK-Anführer Abdullah Öcalan freizulassen, wenn dieser seinen Truppen befiehlt, die Kampfhandlungen einzustellen. Erdogan scheint sich davon die Zustimmung der kurdischen Partei HDP im türkischen Parlament bei einer Verfassungsänderung zu erhoffen, die Erdogan eine dritte Amtszeit ermöglichen könnte. "Was die außenpolitische Dimension betrifft: Erdogan fürchtet, der Nahostkrieg könne sich demnächst weiter auf den Iran ausweiten und auch die Türkei bedrohen. Daher sein Appell, die 'innere Front stabil zu halten'. Andererseits weiß er, dass Öcalan Einfluss auf die Kurden in der Türkei und den drei Nachbarländern Syrien, Iran und Irak hat. Erdogans Kalkül dürfte sein, dieses Gewicht zu einer regionalen Macht auszubauen, indem er den PKK-Chef auf seine Seite zieht."

In der FAZ warnt Dündars Kollege Bülent Mumay vor einem solchen Schulterschluss. 2013 hatte Erdogan "schon einmal einen Friedensprozess mit der PKK eingeleitet, die Verhandlungen aber 2015, als er merkte, dass ihn dies Stimmen kostet, abgebrochen und war mit der MHP weitermarschiert. Kurdische Politiker wurden verhaftet, gewählte Bürgermeister durch Zwangsverwalter ersetzt." Die "von Erdogan getäuschten Kurden, werden sie eine neue Friedenspfeife anzünden? Erdogan hat sie, wie alle demokratischen Kräfte, plattgewalzt. Werden sie wegen Zugeständnissen wie der Freilassung Öcalans dieses Regime verlängern?"
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Kulturpolitik

In der Zeitung des Deutschen Kulturrates (hier das PDF, auf Seite 30) verteidigt der Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen Lars Henrik Gass die Antisemitismus-Resolution des Bundestages (unser Resümee). Die Zeit nach dem 7. Oktober habe gezeigt, dass in Bezug auf Antisemitismus in der Kulturbranche Dialog und Vermittlung keinen Sinn haben, denn "Ideologie kann man nicht unterdrücken, nicht resozialisieren, man muss sie von sozialen Systemen fernhalten". Ein "Ideologieunterbrecher" sei daher unvermeidbar. Das "können Richtlinien sein, denn der Souverän muss die Bedingungen der Kulturförderung definieren und tut das auch jetzt schon. Das ist kein Gesinnungstest und schränkt auch Meinungs- und Kunstfreiheit nicht ein. Umgekehrt sieht die Verfassung keinen Anspruch auf Kulturförderung vor. 'Ideologieunterbrecher' können natürlich auch Selbstverpflichtungen sein, nicht nur erklärte Abstinenz von politischer Kommunikation, sondern, wichtiger, ein reales solidarisch-gemeinschaftliches Eintreten gegen das Dominant-werden politischer Kommunikation, die unserer aller Arbeit angreift."
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Ideen

Dirk Oschmanns Buch "Der Osten - eine westdeutsche Erfindung" hat hierzulande im letzten Jahr gigantische Erfolge gefeiert. Oschmann betätigt sich da als eine Art Edward Said aus Sachsen-Anhalt und behauptet, der "Osten" sei vom Westen in einer perfiden Kolonialstrategie konstruiert worden. Das Buch ist auch auf Russisch übersetzt worden, und dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk sind auf Twitter einige Merkwürdigkeiten an der Übersetzung aufgefallen, über die Alexander Schultze bei ntv.de berichtet. So wird in der Übersetzung der Begriff Krieg vermieden, die Rede ist von einem "Konflikt" zwischen Russland und der Ukraine: "Dies lässt Kowalczuk schäumen. Er wirft Oschmann und dem Ullstein-Verlag vor, 'völlig inakzeptable Zensureingriffe hingenommen' zu haben. Wer sich der Sprachpolitik des Kreml unterwerfe, verrate Grundprinzipien der Meinungsfreiheit und der Menschenrechte, so der Historiker. 'In diesem Fall macht man sich auch zum Komplizen russischer Geschichtspolitik, russischer Tagespolitik und des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.'"

Das deutsche Parteiensystem steckt in einer Legitimationskrise, konstatiert Georg Diez auf Zeit Online. Das habe vor allem mit Entscheidungen in den 1990ern zutun, die gezeigt hätten: "Globalisierung führt nicht zu mehr Wohlstand für alle; die Ungleichheit wächst; Institutionen sind entscheidend für gerechten Wohlstand. Nicht der Markt, sondern der Staat." Dies wollen die Parteien aber nicht einsehen, weshalb die Wähler immer mehr zur AfD abwandern."
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Gesellschaft

Es darf im Zuge des Gaza-Kriegs nicht zur Bildung von Parallelgesellschaften von muslimischen und arabischstämmigen Deutschen kommen, weshalb man ihre Bedürfnisse ernst nehmen müsse, warnt der deutsch-palästinensische Journalist Majd El-Safadi in der NZZ. Diese Gruppen wendeten sich vom deutschen Staat ab, weil dieser ihr Ideal einer "wertegeleiteten Außenpolitik" im Gaza-Konflikt nicht erfüllt. "Das 'Palästina-Problem' bietet eine Projektionsfläche, bei der viele - ob Kurden, Türken, Araber oder Afrikaner - ihren Wunsch nach Befreiung und Veränderung, aber auch ihren Groll gegenüber dem Westen zum Ausdruck bringen können. Was alle eint, ist enorme Solidarität mit den Palästinensern, alle können sich mit dem schier unermesslichen Leid der Opfer in Gaza identifizieren. Diese Identifikation mit den Palästinensern als 'universelle Opfer' ist das größte Antriebsmoment." Was genau jetzt allerdings passieren sollte, bleibt offen.
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