9punkt - Die Debattenrundschau

Das dritte Projekt der Moderne

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.10.2024. In seiner Rede zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises, erzählt Navid Kermani in der Zeit davon, wie er ein Jahr vor der Iranischen Revolution, Ajatollah Chomeini in Paris begegnete. In der NZZ zeichnet der Politikwissenschaftler Michael Borchard die schwierige Beziehung zwischen der UNO und Israel seit 1947 nach. Es gab nicht nur europäische Aufklärer, erinnert die Kulturwissenschaftlerin Liliane Weissberg anlässlich einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Christian Thielemann warnt in der SZ eindringlich vor den geplanten Einschnitten im Kulturetat.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2024 finden Sie hier

Geschichte

Die Zeit druckt die Dankrede Navid Kermanis zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises, in der er davon erzählt, wie seine Familie im Jahr 1978 Ajatollah Chomeini in Paris besuchte. Und welche historische Schlüsselfunktion das folgende Jahr hatte: "Mit der Revolution von 1979 trat nicht nur der Islam auf die Bühne der Weltpolitik und verbündete sich Amerika ausgerechnet mit dem Wahhabismus, dessen Ideologie dem Dschihadismus zugrundeliegt, von 9/11 über den 'Islamischen Staat' bis Solingen. Die Islamische Revolution führte im Westen auch mittelbar zum Sieg des Neoliberalismus, der heute den Reichtum in den Händen einiger weniger Menschen konzentriert, und trug im Osten zum Scheitern des Kommunismus bei. Gemessen an der Wirkung steht Ajatollah Chomeini in der Geschichte des 20. Jahrhunderts in einer Reihe mit Lenin, Hitler und Mao. Und in gewisser Weise ist der Islamismus nach dem Kommunismus und dem Faschismus das dritte Projekt der Moderne, den Himmel auf Erden zu errichten - und auch der dritte Versuch hat stattdessen in die Hölle geführt."

Am Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) führten während der NS-Zeit 'Rassenkundler' wie Josef Mengele ihre grausamen Experimente durch. Nun gibt es dort einen Gedenkort, berichtet Julian von Bülow in der taz, die Ausstellung "Gedenkort Ihnestraße - Wissenschaft und Unrecht" macht die Vergangenheit sichtbar. Ganz genau weiß man allerdings immer noch nicht, was damals eigentlich passierte, so Bülow: "Im Jahr 2014 stießen Bauarbeiter nahe dem Institut auf Tier- und Menschenknochen. Säckeweise. Wegen Fehlkommunikation wurden die Knochen eingeäschert, erst danach wurde debattiert, ob eine Verbindung zum KWI-A bestanden haben könnte. Dadurch bekam die Diskussion um eine Ausstellung neuen Auftrieb, zudem erfolgten archäologische Grabungen, bei denen weitere 16.000 Knochenstücke gefunden wurden. Von wem die Knochen stammen, darauf gibt es keine finale Antwort. 'Es ist nicht auszuschließen, dass Knochen von Ermordeten während der NS-Zeit stammen, aber es gibt keinen expliziten Hinweis darauf', sagt Historikerin Manuela Bauche. Die Betroffenengruppen einigten sich darauf, keine Untersuchungen an den Knochen vorzunehmen, die sie weiter beschädigen würden."
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Ideen

Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Liliane Weissberg, die die Ausstellung "Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert" kuratiert hat, bestätigt im Zeit-Interview, dass tatsächlich viele Aufklärer eine patriarchale Haltung und rassistische Tendenzen hatten. Dass die Aufklärung aber eine rein eurozentristische Bewegung war, wie der Vorwurf vieler Postkolonialisten lautet, ist schlichtweg falsch: "Auch der südindische Herrscher Tipu Sultan verstand sich als Aufklärer. Oder denken Sie an Anton Wilhelm Amo, der als 'Hofmohr' nach Preußen kommt, in Wittenberg promoviert wird und dann nach Westafrika zurückgeht. Die Aufklärung beförderte einen weit über Europa hinausreichenden Dialog. Nicht zu vergessen die Haitianische Revolution 1791 bis 1804. Da eigneten sich Versklavte die Ideale der Französischen Revolution an, um sich von der Kolonialherrschaft zu befreien. Die Dinge liegen nun mal kompliziert."

Passend dazu erzählt im FR-Interview mit Michael Hesse die Philosophin Susan Neiman von der Ausstellung "Die Macht der Aufklärung - Walking with Kant", die sie mit dem Künstlerpaar Saskia Boddecke und Peter Greenaway organisiert hat. Darin geht es um die Aktualität der Aufklärung, Kant "spricht" aber auch selbst zu den Besuchern. "Er spricht zum Publikum und erzählt, dass er Fehler gemacht hat, dass er auch rassistisch war, dass er sexistisch war, dass er aber trotzdem Ideen in die Welt gebracht hat, ohne die wir nicht weitergekommen wären in den Kämpfen gegen Rassismus und Sexismus. Das war eine sehr einprägsame Darstellung. Kant wirkte in dieser Darstellung leichter, mit all seinen Fehlern, was ihn zugänglicher machte."
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Politik

Der Nahostkonflikt "zerreißt das demokratische Milieu", schreibt Bernd Ulrich in der Zeit. Ist Israel nun "(wie die Ukraine) als entschlossener, noch nicht verweichlichter, wertebewusster und wehrhafter Frontstaat des Westens im Kampf gegen die Autoritären" zu sehen? Kann sein, meint Ullrich, "aber wenn, dann stimmt auch das Gegenteil: Denn Benjamin Netanjahu und seine in Teilen rechtsextreme und fundamentalistische Koalition kämpfen diesen Krieg auf autoritäre Weise. Sie halten sich nicht an internationales Recht, sie agieren zum Teil demonstrativ ruchlos und bombardieren nicht nur den Feind, sondern auch jede künftige Friedenslösung. Das erinnert an dieser Stelle weniger an die tapferen Ukrainer als vielmehr an Wladimir Putin. Abgesehen davon, dass die ohnehin angeschlagene Reputation des Westens durch diese Art der Kriegsführung weiter beschädigt wird, exkludiert hier die 'Koalition der Inklusion' moralisch den Globalen Süden - und sehr viele hier lebende Migranten."

In der NZZ zeichnet der Politikwissenschaftler Michael Borchard die schwierige Beziehung zwischen der UNO und Israel seit 1947 nach. Heute ist die Beziehung auf einem Tiefpunkt angelangt. So wurden im Zeitraum von 2015 bis 2022 140 israelkritische Resolutionen von der Generalversammlung verabschiedet, nur 68 Resolutionen bezogen sich auf den "Rest der Welt". "Aber auch in den Strukturen ist die Parteilichkeit längst tief verankert, mit zum Teil glasklarem Antisemitismus. Die 'Uno-Berichterstatterin zur Menschenrechtssituation in den palästinensischen Gebieten', Francesca Albanese aus Italien, setzt nicht nur explizit die Behandlung der Palästinenser mit dem Holocaust gleich, sondern wirft den USA und der Welt in eindeutig antisemitischer Manier vor, sie hätten sich der jüdischen Lobby unterworfen - als ob nicht bereits die Jahrzehnte antiisraelischer Tendenzen in den Vereinten Nationen dieses Argument widerlegten. Der Uno-Menschenrechtsausschuss geht seit Jahrzehnten in einem 'ständigen' Tagesordnungspunkt mit Israel hart ins Gericht. Das Urteil über die Mordtaten von Iran fällt dagegen eher mild aus."

Genauso wie nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 hat der Großteil der westlichen Welt nicht verstanden, dass die größte Bedrohung vom Islamismus und der Muslimbruderschaft ausgeht, schreibt die Politologin Ayaan Hirsi Ali in der NZZ. "Wir befinden uns, zumindest im Moment, in einer Sackgasse. Mehr als zwanzig Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center und nur ein Jahr nach dem 7. Oktober weigern sich viele im Westen immer noch, den Feind klar zu benennen. Die Ironie besteht darin, dass gegenüber dem Islamismus nicht alle so unentschlossen vorgehen wie wir im Westen. Man denke nur an Saudiarabien, den Gründungsort des Islams, den Beschützer von Mekka und Medina, der dennoch die Muslimbruderschaft verboten hat."
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Europa

Alexander Lukaschenko braucht den Westen immer noch als Partner und Belarus könnte auch im Ukraine-Krieg eine entscheidene Rolle spielen, konstatiert die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja im SZ-Interview mit Frank Nienhuysen. "Ich bin überzeugt, dass Veränderungen in Russland durch Belarus angestoßen werden können. Russland ist ein kompliziertes Land, es gibt keinen Konsens innerhalb der Bevölkerung. Belarus ist klein, kompakt, es gibt Konsens gegen den Krieg, für Europa, für die Ukraine, für die Demokratie. Man muss helfen, Belarus zu stärken. Dann führt dies auch zu Veränderungen in Russland." Der Erfolg vieler populistischen Parteien im Westen "ängstigt" Tichanowskaja. "Was die Ukraine betrifft, hoffe ich, dass die Demokratien nicht auf halbem Wege anhalten. Es geht ja auch darum, dass sie Entschlossenheit gegen Diktaturen zeigen. Diese halten die Demokratien für schwach, unentschlossen, untätig. Deshalb wäre ein Sieg der Ukraine ein Sieg der Demokratie. Diese Diskussionen über Müdigkeit: Diktaturen verstehen nur die Position des Starken, deshalb soll man ihnen zeigen, dass man stark ist."
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Kulturpolitik

Die heftigen Einschnitte im Berliner Kulturetat (unsere Resümees) sind ein fatales Signal, warnt Christian Thielemann als frischer Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper im SZ-Interview mit Peter Laudenbach. Seine zentrale Botschaft: gute Kultur braucht Geld: "Es gibt auch in der Kunst so etwas wie Weltmarktpreise. Ein Kilo Gold hat eben einen bestimmten Preis. Wenn Sie ihn nicht bezahlen wollen, haben Sie kein Gold. Wenn Sie eine Stradivari kaufen wollen, dann kostet die Stradivari, was eine Stradivari eben kostet. Und wenn Sie zum Beispiel in einem Orchester keine angemessenen Gagen bezahlen wollen, dann werden Sie eben nicht die besten Musiker bekommen, sondern vielleicht nur die zweitbesten. Dann sagt das Publikum nach den Konzerten irgendwann enttäuscht, na, die waren aber auch schon mal besser." nachtkritik hat Statements der Berliner Häuser zu den angekündigten Kürzungen eingeholt. Für die Berliner Zeitung kommentiert Birgit Walter.
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Digitalisierung

Viel wird derzeit debattiert über die "Trusted Flagger"-Initiative der Bundesregierung, die den Hass im Netz eindämmen soll. Tweets, deren Inhalt den Usern problematisch vorkommt, können sich an bestimmte "gemeinnützige Vereine, Branchenverbände und andere Stellen" wenden, die den Beitrag dann der Plattform melden, wie Lars Weisbrod in der Zeit erklärt. Die Plattform ist dann verpflichtet, den Beitrag so schnell wie möglich zu löschen. Von einem "schlagkräftigen Zensurapparat" des Staates zu sprechen, findet Weisbrod nicht angemessen. Das eigentlich Problem sei, dass die Regierung in schön "neoliberaler" Manier eine Aufgabe an NGOs weitergibt: "So wie die Experten von Zentralbank und IWF sich ums reibungslose Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaftsordnung kümmern, kümmern sich die Experten von der 'Meldestelle REspect!' und von ähnlichen Vereinen in Zukunft um unsere Meinungsfreiheit." Grundrechte, so Weisbrod, ließen sich aber "nicht in eine Public-private-Partnership outsourcen. Bürokratische Hürden sind hier gerade wünschenswert. Wenn wir die Redefreiheit einschränken, dann muss das in jedem einzelnen Fall geschehen auf der Grundlage von Gesetzen, die wir gemeinsam demokratisch beschlossen haben und die zu interpretieren sind von Beamten und in Gerichtsprozessen, nicht von NGO-Mitarbeitern oder in außergerichtlichen Schiedsstellen, wie sie der Digital Service Act ebenfalls vorsieht."
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