Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.09.2024. Wir sollten auch extreme Meinungen diskutieren, ruft Constantin Schreiber im Zeit-Online-Interview und meldet sich nach längerer Pause mit einer Streitschrift zu Wort. In der FAZ ergründet Ilko-Sascha Kowalczuk den Hang der Ostdeutschen zum Autoritären. In der SZ erzählt Hasnain Kazim von seinen Begegungen mit AfD-Wählern. Die Filmemacherin Grit Lemke erklärt in der taz, warum sich der Westen dem Osten gegenüber "kolonial" verhält. Die Russen haben kein Nationalgefühl, so die Beobachtung des Historikers Martin Schulze-Wessel in der FAZ.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wir sollten mehr Meinungspluralität zulassen, ruft Constantin Schreiber im Zeit-Online Gespräch, der sich nach längerer Zeit des Schweigens mit der Streitschrift "Lasst uns offen reden" zu Wort meldet. Nachdem sich Schreiber wegen seiner Kritik am Islam vermehrt Hass-Botschaften ausgesetzt sah und schließlich bei einem Vortrag mit einer Torte beworfen wurde, zog er sich zurück (unser Resümee). In seinem neuen Band plädiert er dafür, sich mit unliebsamen Positionen offener auseinanderzusetzen, selbst wenn es dabei beispielsweise um die AfD geht: "Es gibt immer wieder diesen Aberglauben, ein Gedanke entstünde erst dann, wenn er öffentlich ausgesprochen wird. Ob Björn Höcke nun im Fernsehen auftritt oder nicht - sein Gedankengut teilen da ja aber bereits viele Menschen. Unter anderem auch, weil die etablierten Medien heutzutage keine Gatekeeper mehr sind. Umgekehrt werden Gedanken nicht unbedingt dadurch aufgewertet oder verführerischer, wenn sie im Fernsehen ausgesprochen werden: Ganz im Gegenteil glaube ich, dass viele Auftritte eher für Entsetzen und Aufklärung sorgen. Wir müssen da offener und mutiger werden."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der Welt porträtiert Mladen Gladic den Philosophen und Autor Wolfram Eilenberger, dessen neues Buch "Geister der Gegenwart" gerade erschienen ist. Dieser erklärt, warum er es nicht bereut, die Universität hinter sich gelassen zu haben, warum er einen Fußball-Trainerschein hat, und natürlich geht es auch um sein neues Buch, das von den 'letzten Jahren der Philosophie' handelt "und einen Bogen von 1948 bis 1984 spannt. Es stimme natürlich nicht, dass seither nicht mehr philosophiert würde, erklärt er. Vielmehr sei für sein Vierergespann 'eine gewisse Konstellation des Denkens, nämlich das moderne Denken, so wie es akademisch aufgefasst wird, zu einem Ende gekommen.' Aber weder Adorno noch Feyerabend, Sontag oder Foucault hätten den Auftrag der Moderne fallen lassen wollen. Und wie auch heute also selbstredend noch philosophiert werden kann, kann man noch Philosophiegeschichte schreiben. Eine, die das Denken weder biografischer Reduktion unterwirft noch reine Problemgeschichte ist."
Die Frage, ob die Rettung der Geiseln aus dem Gaza-Streifen immer noch höchste Priorität hat, spaltet die israelische Gesellschaft, berichtet aus Jerusalem Felix Wellisch in der taz und lässt verschiedene Positionen zu Wort kommen: "'Ich möchte in einem Land leben, das alles dafür tut, mich nach Hause zu holen, wenn mir das passieren würde', sagt Judi, braune Locken, eine Freundin der Familie. 330 Tage hätten Hersh und die anderen in Geiselhaft überlebt und durchgehalten, nun sei es 'für nichts gewesen', sagt die 33-Jährige. Ihr Mann Avinoam, Vollbart und kurz geschorene Haare, pflichtet ihr bei: 'Ich kann das Gerede vom totalen Sieg nicht mehr hören.' Er sei selbst als Reservist in Gaza gewesen, er habe Freunde und Kameraden verloren. 'Wenn wir die Geiseln nicht zurückholen können, dann sind sie umsonst gestorben', sagt der 30-Jährige. Ihren Familiennamen wollen die beiden für sich behalten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Hasnain Kazim erzählt in der SZ von seiner Fahrradtour in Deutschlands AfD-Regionen. Was sind das eigentlich für Leute, die zuhauf eine extremistische Partei wählen? Seine Begegnungen hat er auch in einem Buch festgehalten. Einige davon machen ihn sehr wütend - andere helfen ihm zu verstehen. Dazu gehört das Gespräch mit einer Frau, die ihm erzählt "dass sie von der SPD zu den Grünen gewechselt ist (wegen Schröder und 'Hartz IV'), dann von den Grünen zur AfD (wegen Habeck und dem 'Heizungsgesetz'). Ich höre mir ihre finanziellen Sorgen an, sie sich meine Sorge von neuer Macht für Rechtsextremisten, am Ende sagt sie, sich das mit der AfD noch einmal zu überlegen." Da gibt es außerdem noch das "Dorf Upahl, ebenfalls Mecklenburg-Vorpommern, wo etwa 500 Menschen leben und wo ein Flüchtlingsheim für 400 Menschen gebaut werden soll. Ich fahre hin, weil ich höre, dass da eine Demo ist gegen die Unterkunft. Die Leute sind aufgebracht: Sie wurden nicht mal gefragt. Und sie finden 400 Geflüchtete bei einer Bevölkerungszahl von 500 schlicht eine Überforderung. Ich frage mich: Wie kommt man auf die Idee, so eine Politik zu machen? Muss man AfD-Wähler sein, um das sonderbar finden?"
Das jüdisch-muslimische Paar Meron Mendel und Saba-Nur Cheema erzählt im FAZ-Interview, wie sich die Wahrnehmung ihrer Beziehung seit dem 7. Oktober verändert hat. Vermehrt ernten die beiden skeptische oder hasserfüllte Reaktionen aus den jeweiligen Communities. Aber es gibt auch viele, die sie als gutes Beispiel sehen, so Cheema. Als "Brückenbauer" wollen sich die beiden aber nicht sehen: "Wir sind nicht die UNO. Ein Brückenbauer versucht, zwischen Position A und B zu vermitteln. Wir beziehen unsere eigene Position. Ob zum Nahostkonflikt oder zur Identitätspolitik, wir übernehmen keine vorgefertigten Ansichten aus Lagern, sondern entwickeln eine eigene Sichtweise auf die Dinge. Wir bestehen sogar darauf, nicht einem Lager anzugehören und unsere eigene Urteilskraft dorthin auszulagern. Auch deshalb sind wir eine Provokation, weil wir nicht berechenbar sind, wenn wir uns sowohl gegen die Gaza-Protestcamps positionieren als auch für einen Staat Palästina aussprechen." Cheema ergänzt: "Das verwirrt viele. Weil die Leute häufig in Gruppen denken. Die Neigung, immer zu gucken, was die eigene Peergroup jetzt zu etwas sagt, meine Follower in den sozialen Medien oder die, denen ich folge. Ich halte das für falsch."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD), deren Buch "Der nächste Redner ist eine Dame" im Mai erschienen ist, widmet sich in der taz anlässlich des 75. Jubliäums des Grundgesetzes der Frage nach der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, die im Absatz Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes (GG) festgelegt ist. Aber, so Bas, auch nach 75 Jahren des weiteren Kampfes für Gleichberechtigung gibt es noch viel zu tun, vor allem im politischen Bereich: "In allen großen Parteien in Deutschland sind Frauen unterrepräsentiert. Und das Missverhältnis setzt sich in politischen Ämtern fort. Der Deutsche Bundestag hat in dieser Legislatur einen Frauenanteil von rund 36 Prozent. Bei diesem Drittel stagniert er seit Ende der 1990er Jahre. In den kommunalen Parlamenten haben Frauen nur etwa ein Viertel der Mandate inne."
Hengameh Yaghobifara ruft in der taz die Linke dazu auf, die internen Kämpfe sein zu lassen und sich gegen die realen Rechtsextremen, die an die Macht streben, zu verteidigen: "Bei den inhaltlichen Ausfällen gibt es nichts schönzureden, wenn man sich traut, in die Abgründe zu blicken. Antisemitismus, Islamismusverherrlichung und Zersprengung solidarischer Bündnisse auf der einen und die Polizei, Schnellwahl, Kriegsverherrlichung und Rassismus auf der anderen Seite, alles gepaart mit dem nötigen Autoritarismus und mit Häme - so sehen die äußeren Ränder der Linken aus. Doch jene, die sich nicht vor Ambivalenzen scheuen, Widersprüche aushalten, sich an progressiven Werten orientieren und auch nicht vor Komplexität zurückschrecken, existieren ebenfalls, sie sind nur nicht so laut wie der Rest. Und selbst dieser Rest muss sich die Frage stellen: Möchte ich die nächsten Jahre damit verbringen, die Szenestreits bis zum Get-No auszuschlachten, oder braucht es einen radikalen Wandel in der Art, wie wir Differenzen aushalten?"
Zum ersten Mal seit achtzig Jahren sind "fremde Truppen in Russland einmarschiert", hält der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel in der FAZ fest. Bemerkenswert ist für Wessel einerseits, wie die ukrainische Invasion in Kursk rhetorisch von Putin und den Staatsmedien verhandelt wird. Statt mit "patriotischem Pathos" zu reagieren, werde sie "abgehandelt wie eine Naturkatastrophe ('Situation') oder ein terroristischer Anschlag ('Provokation')." Auf der anderen Seite erstaunt die mangelnde Solidarität in der Bevölkerung mit den Flüchtlingen aus den eroberten Gebieten: "Putins Herrschaft stützt sich keineswegs auf patriotische Emotionen, sondern vermeidet bewusst den Appell an die Nation. Er ist ein unpatriotischer Herrscher, der paradoxerweise von russlandhörigen populistischen und rechtsextremen Parteien wie der AfD und dem BSW für seine vermeintlich traditionellen Werte verehrt wird. In Wirklichkeit verneigen sich die deutschen Rechtsextremen und anderen Putin-Anhänger vor dem Kult der Stärke und der Zerstörung, den das offizielle Russland pflegt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der militärische Vorstoß ist ein wichtiger Schritt für die Ukraine, sagt die Politikwissenschaftlerin Sabine Fischer, die auch ein Buch zum Thema geschreiben hat, im FR-Interview mit Michael Hesse, denn Russland sei damit "in die Defensive" geraten. Der Ruf von BSW und AfD nach Verhandlungen mit Putin war und bleibt absurd, wie sie klar macht: "Putin rückt nicht von seinen Maximalforderungen ab, die Ukraine kann diese nicht akzeptieren, ohne ihre eigene Existenz zu gefährden. Die Positionen sind also unvereinbar. Beide Seiten versuchen weiterhin, mit militärischen Mitteln die eigene Position auch im Hinblick auf zukünftige Verhandlungen zu verbessern. Das ist im Übrigen ein weiteres Ziel des Vorstoßes ins Kursker Gebiet. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, und das unterschlagen Äußerungen wie die vom BSW und anderen, dass die Ukraine extrem gefährdet ist, wenn sie aus einer militärisch schwachen Position in Verhandlungen mit Russland eintritt. Nach all den bisher gescheiterten Versuchen sind die Voraussetzungen für Verhandlungen denkbar schlecht. Wenn es uns um den Erhalt eines souveränen ukrainischen Staates geht, dann setzt das eine Stärkung der Ukraine in militärischer Hinsicht voraus - auch im Hinblick auf künftige Verhandlungen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der SZ ergründet der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk den Hang der Ostdeutschen zum Autoritären. Warum wurden mit AfD und BSW zwei Parteien gewählt, die sich gegen den liberalen westlichen Staat positionieren? Kein Zufall, sagt Kowalczuk: "Statistiken sind unnahbar. Emotionen machen Politik. Viele Ostler fremdeln mit der repräsentativen Demokratie und der Freiheit. Sie geben das schon lange an ihre Kinder und Enkel weiter - der häusliche Abendbrottisch ist wirkmächtiger als Schule oder Medien. Die repräsentative Demokratie und der liberale Staat können aber nur durch die kritische Begleitung einer starken Zivilgesellschaft funktionieren. Letztere gibt es bis heute in Ostdeutschland außerhalb urbaner Zentren kaum. Längst dominieren Rassismus, Nationalismus und ein unfassbarer West-Hass."
Die Autorin und Filmemacherin Grit Lemkeerklärt im taz-Interview mit Jan Fedderseen, warum sie das Verhalten des Westens gegenüber dem Osten als "kolonial" begreift. Schon in der Uni konstatierte sie ein Ungleichgewicht: "Die Professoren kamen alle aus dem Westen, viele waren zweite Garnitur. Dafür wurden auch kluge DDR-Gewächse aussortiert. Nicht alle auf einmal, nach und nach." Heute pocht sie auf mehr Einbezug auch von Kulturschaffenden aus dem Osten: "Ich wollte bei dem Treffen von ihr (Claudia Roth) wissen, warum ein von ihrem Ministerium monströs gefördertes Kulturfestival in der Lausitz ohne ostdeutsche Beteiligung in der künstlerischen Leitung stattfindet. Und warum diese Intendanz ohne Ausschreibung vergeben wurde, so dass Ostdeutsche nicht einmal die Chance hatten, sich zu bewerben. Denn dass eine solche Leitung, die bis heute nicht in der Lausitz lebt, die Region versteht, ist schwer vorstellbar."
In der deutschen Politik schimpfen mittlerweile alle über alle, schreibt Jürgen Kaube in der FAS. Wie soll das funktionieren, wenn Koalitionen gemeinsam Politik machen müssen, sich aber nicht einmal auf einen Grundkonsens einigen können? Kaube macht eine "besondere ideengeschichtliche Lage" für diese Situation verantwortlich, in der "alle werden koalieren müssen, sich aber so verhalten, als seien alle anderen ganz und gar nicht koalitionsfähig". Im "Grunde haben alle großen politischen Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts abgewirtschaftet. In der SPD glaubt niemand mehr an den Sozialismus, keiner in der CDU vermöchte noch darzulegen, was konservativ sein heißen könnte, die Linke liegt nicht nur bei den Wählern, sondern auch gedanklich am Boden ihrer Antiquariate, die FDP hat sich zur Karikatur des Liberalismus entwickelt, die Freiheit mit gedanklicher Untätigkeit und Fahren auf der Überholspur identifiziert: 'Bedenken second'. Alle wiederholen Sprachhülsen, alle sind intellektuell ausgehöhlt und glauben selbst nicht mehr an die Sprüche, die sie von sich geben. Es ist lange her, dass ein programmatischer Kopf in den Parteien gesichtet wurde."
Dirk Knipphals resümiert in der taz einen Artikel der Festivalkuratoren Aljoscha Begrich und Christian Tschirner aus der Nachtkritik, in dem die beiden schilderten, auf welche politischen Widerständen sie bei der Organisation ihres Festivals "Osten" in Bitter-Wolfen stoßen und wie ihnen rechte Politiker Steine in der Weg legen (unser Resümee). Hier wird klar, schlägt Knipphals einen Bogen, welchen Gefahren sich die Kunstfreiheit mittlerweile ausgesetzt sieht - von rechts wie von links: "Denn auch in linksaktivistischen und identitär operierenden Postcolonial-Kontexten wird der autonome Kunstbegriff in Frage gestellt, teilweise auch attackiert. Und mit der in der Kunstförderung inzwischen erreichten engen Verzahnung von Kunstszene und Staat kauft die Kultur sich eben auch politische Logiken ein. Am brisantesten ist das derzeit bei der im Bundestag diskutierten Antisemitismusklausel. Das überaus berechtigte Anliegen, dass Antisemitismus staatlich nicht gefördert wird, könnte, bei typisch deutscher gründlicher Umsetzung, dazu führen, dass Anträge auf Förderung routinemäßig vom Verfassungsschutz überprüft werden, was man echt nicht wollen kann. Ein Dilemma."
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