9punkt - Die Debattenrundschau

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Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.07.2024. "Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos", glaubt der Politologe Mark Lilla in der Zeit mit Blick auf die USA. Mit J.D. Vance' Ernennung zum Vize zeigt Trump, dass man seinem Make America Great Again-Kult auch noch verspätet beitreten kann, bemerkt Zeit Online. Im Tagesspiegel kritisiert Juli Zeh das Klischee vom ländlichen Protestwähler. In der FAZ legt der Ökonom Philipp Lepenies dar, warum wir uns von der Zeit des "süßen Konsums" verabschieden sollten. In der taz macht die Autorin Ruth Hoffmann klar, dass beim Stauffenberg-Attentat mitnichten nur militärische Akteure beteiligt waren.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2024 finden Sie hier

Politik

"Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos", meint der amerikanische Politologe Mark Lilla im Zeit-Gespräch mit Mariam Lau. Die Kandidatur von J.D. Vance als Vizepräsident mache ihm gewisse Hoffnungen: "Er ist gebildet und gut informiert, wäre also in der Außenpolitik berechenbarer, was immer seine Positionen da sein mögen." Begriffe wie "Faschismus" und "Autoritarismus" beschreiben die politische Situation nicht adäquat, wie er findet: "Es gibt da mit Sicherheit Überlappungen mit beidem, und ich habe schon einige genannt. Meine Freunde Frum und Kagan haben wichtige Arbeit geleistet, diese Phänomene zu beleuchten. Aber ich glaube, es wäre besser, das Konzept des Faschismus für das 20. Jahrhundert zu reservieren und uns nicht den Blick zu vernebeln mit falschen Vergleichen und Erwartungen. Wir sollten lieber beobachten, was im 21. Jahrhundert neu ist. Um nur ein offensichtliches Beispiel zu nennen: Im 20. Jahrhundert spielte die Staatspropaganda eine entscheidende Rolle bei der Ausbreitung des Faschismus. Heute kann jeder mit einem Social-Media-Account sein eigener Propagandist sein. Es gibt keine Kontrolle, über nichts. Das stellt die liberale Demokratie vor eine gewaltige Herausforderung."

Mit der Ernennung von J. D. Vance zeigt Trump, dass er auch ehemaligen Gegnern eine zweite Chance gibt, schreibt Nils Markwardt auf Zeit Online. Dies könnte von entscheidender Bedeutung für Trumps Bewegung sein: "In der Entscheidung für den nunmehr bekehrten J. D. Vance (...) findet sich auch eine Botschaft ans unentschiedene Wahlvolk: Trump macht deutlich, dass man seinem Make America Great Again-Kult auch noch verspätet beitreten kann. Die potenzielle Wirkung dieses Signals sollte man nicht unterschätzen, weil Trump in den letzten Monaten mit einer enthemmten Einschüchterungsrhetorik durchs Land gezogen ist. Demnach sollen im Falle seines Wahlsiegs Beamtenapparate gesäubert werden und alle politischen Gegner seinen Zorn spüren. Wer sich kurz vor dem Beginn dieses Rachefeldzugs noch schnell auf die Seite der Macht schlagen will, ist von Trump also eingeladen."

Im Tagesspiegel-Gespräch mit Moritz Honert und Ulf Lippitz widerspricht Juli Zeh dem Bild vom ländlichen AfD-Wähler, der sich an den Städtern rächt: "Die Leute wählen nicht aus Rache. Die Idee, dass ein AfD-Wähler in der Kabine steht und zischt: Jetzt zeig' ich es denen da oben! - Das ist ein infantiles Politikverständnis. Richtig ist aber, dass immer größere Lebensunterschiede zwischen Zentrum und Peripherie die Neigung zu extremen Wahlentscheidungen vergrößern. Infrastrukturschwache Dörfer sind genauso betroffen wie städtische Armutsviertel. Das sind Orte, an denen die Lebenswirklichkeit immer stärker abhängig wird vom Monatseinkommen. Trotzdem glaube ich, dass auch die Erzählung von den Abgehängten zu kurz greift. Wir kommen nicht drumherum: Es gibt Themen wie Zuwanderung, Kriminalitätsangst, bürokratisches Europa und das Gefühl eines bevormundenden Regierungsstils, die von den anderen Parteien nicht erfolgreich genug adressiert werden."
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Kulturpolitik

Am 01. Juni 2025 wird Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, die Nachfolge von Hermann Parzinger als Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz antreten. Viel über die Zukunftspläne für die SPK erfahren wir im Zeit-Gespräch nicht. Die nächste globale Herausforderung für Museen sieht Ackermann in den "vielen Kriege in der Welt. Auch die Frage, in welche Länder man überhaupt noch Werke ausleihen kann, mit welchen Ländern man noch Projekte machen kann. Die Frage wird häufiger lauten: Aus welchen Quellen kommt das Geld?"
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Europa

Die Menschenrechtsorganisation Memorial, die inzwischen aus dem Exil agiert, informiert, dass in Luhansk, im besetzten Teil der Ukraine, ein Mahnmal für den Holodomor abgebaut wurde:

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Stichwörter: Luhansk, Holodomor, Memorial

Ideen

Im SZ-Interview mit Sebastian Jutisz teilt Olivier Mannoni, Übersetzer von "Mein Kampf" ins Französische, seine Erkenntnisse aus der intensiven Auseinandersetzung mit Hitlers Sprache. "'Mein Kampf' ist voll von ungültigen Syllogismen, Paralogismen, verqueren Argumenten. Der Leser wird mit so vielen falschen Fakten und Fehlschlüssen zugeschüttet, dass er paralysiert ist." Diese Technik scheint heute wieder an Beliebtheit zu gewinnen. "Trump bedient sich beispielsweise ähnlicher sprachlicher Mittel wie Hitler in 'Mein Kampf'. Er verliert sich in unverständlichen und inkohärenten Monologen, bombardiert seine Zuhörer mit Falschaussagen. Auch bei vielen Verschwörungstheoretikern findet man ähnliche Muster wie bei Hitler, der Nietzsche oder Spengler zitiert, ohne ihre Gedanken verstanden zu haben. Verschwörungstheoretiker bedienen sich oft ebenfalls falscher Zitate und betreiben Namedropping, um Seriosität zu suggerieren. Dabei sind ihre Theorien meist völlig inkohärent."

Dass Rhetorik eine Gewalttechnik sein kann, analysiert auf Twitter der Nutzer "Pedro" von einem Dresdner Demokratieforum sehr schön am Beispiel Sahra Wagenknechts. Er analysiert dafür, wie Wagenknecht in einer schlecht moderierten Talkshow das Wort an sich reißt und durch ständige Unterbrechungen der Gesprächspartner den Diskurs dominiert.

In Anlehnung an den Begriff des "Doux Commerce", des "süßen, milden Handelns", erklärt der Ökonom und Politologe Philipp Lepenies in der FAZ, was es mit der "Douce Consommation" auf sich hat und warum diese endlich in Frage gestellt werden sollte: "Mit dem Fall der Mauer und der Globalisierung begann das Zeitalter des weltweiten Individualkonsumenten, der seine Persönlichkeitsentwicklung hauptsächlich über den Konsum definierte." Die "Douce Consommation", so Lepennies "ist eine Konstruktion, eine Erfindung. Sie ist keine Wahrheit, auch wenn von Neoliberalen immer so getan wurde, als wäre sie eine. Es wäre ein guter erster Schritt, Debatten über notwendige Nachhaltigkeitstransformationen, die auch Konsumeinschränkungen bedeuten können, zuzulassen und nicht sofort als vermeintlich ideologisierte Freiheitsberaubung abzuschmettern oder auf einer teilweise doch recht kleinkindlichen 'Ich will, ich darf und mir kann keiner'-Haltung zu bestehen."

Außerdem: In der Zeit skizziert der politische Philosoph Rainer Forst das Konzept einer neuen "Politik der Gerechtigkeit". Der Liberalismus und sein Freiheitsbegriff sind gescheitert, ruft uns der Historiker Konstantin Sakkas in der NZZ zu.
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Medien

Gestern diskutierten die Zeitungen noch über das geplante Verbot des rechtsextremen Magazins Compact (Unser Resümee). Ronen Steinke (SZ) besucht derweil die Redaktionsräume der Jungen Welt, die auch vom Verfassungsschutz beobachtet wird und Gefahr läuft, aufgrund linksextremer Positionen verboten zu werden - der Prozess läuft. Klar, die Junge Welt sympathisiere mit autokratischen Regimen wie Russland und Venezuela, schreibt Steinke, aber muss man sie gleich verbieten? "Wo ist die logisch konsistente, klare Linie, die aus einer außenpolitischen Meinungsäußerung, die man vielleicht haarsträubend findet, bereits eine Gefahr für die Demokratie hier entstehen lässt?"

Der Gründer der "Perplexity"-Suchmaschine Aravind Srinivas unterhält sich im FAZ-Interview mit Roland Lindner und Maximilian Sachse über die Konkurrenz mit Google. "Perplexity" beantwortet Fragen mit KI und verzeichnet mittlerweile bis zu 250 Millionen Suchanfragen im Monat, sagt Srinivas. Es gab auch schon erste Versuche von Google, mit KI zu arbeiten, die scheiterten allerdings krachend: die Suchmaschine schlug beispielsweise vor, Klebstoff in Pizzasoße zu mischen. Srinivas erklärt: "Man kann nicht einfach die Google-Suche und das Sprachmodell Gemini - die beide großartig sind - zusammenbasteln und auf den Markt werfen. Es geht darum, herauszufinden, welche Quellen wichtig sind, um nicht irgendwelche willkürlichen Kommentare aus Onlineforen für die Realität zu halten. Es braucht Modelle, die die Wahrheit von einem Witz unterscheiden können. ... Wir haben bessere Modelle im Einsatz als Google. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wir als Start-up werden gefeiert, wenn wir acht von zehn Fragen richtig beantworten. Für Google ist das wegen seiner Größe und der schieren Menge an Suchanfragen eine schreckliche Quote. Es braucht nur ein Prozent der Leute mit Fehlern einen Screenshot zu posten, und schon gibt es Millionen Menschen, die sagen: Google ist Mist."

Außerdem: FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube verteidigt das Kolumnistenpaar Meron Mendel und Saba Nur-Cheema, die mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet werden sollen, gegen einen Protest Josef Schusters, der die Jüdische Gemeinde in Mendels Positionierungen nicht repräsentiert sieht.
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Geschichte

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Am 20. Juli 1944 scheiterte das Stauffenberg-Attentat auf Hitler. Die Attentäter waren junge Offiziere, gleichzeitig waren aber viele andere gesellschaftliche Akteure bei der Organisation beteiligt, erklärt die die Autorin Ruth Hoffmann im taz-Gespräch (die ein Buch zum Thema verfasst hat,) unter anderem auch Kommunisten. Das Gedenken beschränkt sich aber bis heute auf die Militaristen: "Der Erste, der die Attentäter auf großer Bühne würdigte, war 1954 Bundespräsident Theodor Heuss (FDP). Danach haben sich Gedenkfeiern eingebürgert, die aber vor allem auf den militärischen Teil der Verschwörung fokussiert waren. Hier hat die Gründung der Bundeswehr eine wichtige Rolle gespielt. Für sie sollte der 20. Juli zum einen die Existenzberechtigung liefern, zum anderen traditionsstiftend sein. Denn das Personal speiste sich überwiegend aus der alten Hitler-Armee. Adenauer hat darum schon 1950 Männer aus dem Umkreis des 20. Juli mit der Vorbereitung der Wiederbewaffnung beauftragt. Und das, obwohl er ansonsten kein Wort zum Widerstand verlor."
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