9punkt - Die Debattenrundschau

Ellisons Stolz auf den Jazz

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.09.2022. Mobilisierung heißt, dass der Krieg in Russland angekommen ist: Bis zu 25 Millionen Russen sind Teil der Reserve der Armee, berichtet der Spiegel. In der FAZ erklärt die Russland-Expertin Sarah Pagung, warum sie Putins jüngste Atomdrohung für einen Bluff hält. Perlentaucherin Marie-Luise Knott spricht  in der Welt über Hannah Arendt und Ralph Ellison. Die taz fragt, was die erste weibliche Premierministerin Italiens für die Frauen bedeuten würde.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2022 finden Sie hier

Europa

Nervosität in Russland. Nach der Teilmobilmachung geht der Krieg plötzlich alle an. Christina Hebel, berichtet für den Spiegel aus Moskau: "Bis zu 25 Millionen Russinnen und Russen sind Teil der Reserve der Armee, offiziell soll nun nur ein 'Teil', 300.000 Menschen laut Schoigu, einberufen werden. Doch viele mögen daran nicht so recht glauben. Putins Erlass ist vage formuliert, macht keinerlei konkrete Angaben darüber, wo und wer genau eingezogen wird, Punkt 7 des Dokuments wurde sogar gar nicht erst veröffentlicht, sondern als geheim eingestuft... Am Donnerstag berichtete die Nowaja Gaseta, unter Punkt 7 soll nicht die Zahl von 300.000 Reservisten stehen, sondern eine Million. Der Kreml widersprach umgehend."

Die Russland-Expertin Sarah Pagung, Fellow der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, erklärt im Gespräch mit Melanie Mühl von der FAZ, warum sie Putins neuerliche Atomdrohung für einen Bluff hält: "Wir sehen keine Anzeichen dafür, dass es irgendwelche Vorbereitungen für einen Einsatz gibt wie das Bewegen nuklearer Sprengköpfe aus den zentralen Silos. Außerdem würde eine solche Eskalation das Risiko für innerelitäre Konflikte erhöhen, woran Putin nicht gelegen sein kann. Und ganz abgesehen davon würde ein Nuklearschlag Putins Probleme in der Ukraine nicht lösen. Russland ist nicht fähig, ukrainisches Territorium zu erobern, zu halten und sinnvoll zu kontrollieren. Und letztlich würde dieser Schritt die Isolation Moskaus, auch gegenüber China, erhöhen."

Am Sonntag wählt Italien. Die Postfaschistin Giorgia Meloni will als italienische Premierministerin zwar nicht Abtreibung abschaffen, aber sie wird es den Frauen schwerer machen und wird Abtreibungsgegner und deren Beratungsstellen unterstützen, schreibt die in Deutschland lebende italienische Journalistin Francesca Polistina in der taz: "In der Vergangenheit hat sich Meloni für die Abschaffung der vor zwei Jahren eingeführten Richtlinien zur Anwendung der Abtreibungspille RU486 ausgesprochen, die besagen, dass sie bis zur neunten Schwangerschaftswoche (und nicht mehr nur bis zur siebten) zugelassen und keine stationäre Krankenhausaufnahme mehr vorsehen - genau wie in den meisten europäischen Ländern. Den italienischen Frauen, die ungewollt schwanger werden, würde also ein schwierigerer Zugang zum Schwangerschaftsabbruch drohen."

Auch das Englische wird einem nicht einfach gegeben:
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Medien

Die Rundfunkkommission der Länder verlangt einen Bericht von Öffentlich-Rechtlichen, meldet unter anderem turi2: "Demnach sollen die Häuser 'deutlich machen, wie sie ihr Verwaltungshandeln und ihre Transparenzvorschriften anpassen und einheitliche hohe Standards bezüglich Compliance schaffen und einhalten', sagt die Rundfunkkommissions-Koordinatorin Heike Raab der dpa."
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Politik

Viel retweetet wurde dieser Thread der CNN-Reporterin Christiane Amanpour, die sich weigerte, bei einem geplanten Interview mit dem iranischen Präsidenten Kopftuch zu tragen:

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Stichwörter: Iranische Unruhen 2022, Iran

Geschichte

Ruth Fuentes erzählt in der taz die Geschichte des Hans Heinrich Festersen, der homosexuell und wegen einer Kinderlähmung gehbehindert war, und den die Nazis als "Asozialen" in Plötzensee hinrichteten. Das Schwule Museum in Berlin widmet ihm und anderen die Ausstellung "Queering the Crip, Cripping the Queer": "Alles, was am Ende von Hans Heinrich Festersen übrig bleibt, sind sein Ausweis, Fotos und die handgeschriebenen Briefe. Ein paar Kleidungsstücke, 33,25 Reichsmark und eine Taschenuhr. Das war der Nachlass, den seine Schwester bis zum 30. 11. 43 abholen konnte. 'Eine Sterbeurkunde erhalten Sie auf Antrag bei dem Standesamt in Berlin-Charlottenburg', heißt es weiter auf dem Nachlassformular. Das war's. Ein wenig Erinnerung, ein kurz zusammengefasstes Leben, das heute in einer kleinen Vitrine steht. Das ist mehr, als man über die rund 70.000 weiteren ermordeten 'Wiederholungskriminellen und Asozialen' weiß. Oder über die etwa 15.000 ins KZ deportierten Schwulen, von denen mehr als die Hälfte dort starben."
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Stichwörter: Homosexuellenverfolgung

Überwachung

Der New York Times sind Dokumente der russischen Internetkontrollbehörde Roskomnadsor zugespielt worden, die zeigen, dass Putin diese Behörde im Lauf der Zeit zu einem veritablen Geheimdienst ausgebaut hat. Sein Zweck ist es, sämtliche Regungen der Bevölkerung online auszuspionieren. Mit besonderer Obsession wird jede Äußerung über Alexej Nawalny verfolgt: "Die Aktivitäten von Roskomnadsor haben Russland mit autoritären Ländern wie China und Iran an die Spitze der Nationen katapultiert, die Technologie aggressiv als Unterdrückungsinstrument einsetzen... Die Internet-Regulierungsbehörde ist Teil eines größeren technischen Apparats, den Putin im Laufe der Jahre aufgebaut hat. Dazu gehören auch ein inländisches Spionagesystem, das Telefongespräche und Internetverkehr abfängt, Online-Desinformationskampagnen und das Hacken von Regierungsstrukturen anderer Länder."
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Ideen

Die Autorin, Übersetzerin, Hannah-Arendt-Expertin und Perlentaucherin Marie-Luise Knott, gerade mit dem Tractatus-Preis für hervorragende Essayistik ausgezeichnet, untersucht in ihrem jüngsten Essay "370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive - Hannah Arendt und Ralph Ellison" einen bestimmten Ausschnitt der Debatte um Diskriminierung, Rassismus und Integration. Knott erklärt im Gespräch mit Jörg Phil Friedrich von der Welt, warum sie dem Begriff Integration skeptisch gegenübersteht: "Solange alle versuchen, sich in etwas einzufügen, gestalten sie nicht. Und es gibt ja auch einige Beispiele in meinem Buch, etwa dort, wo ich Ellisons Stolz auf den Jazz beschreibe. Ellison weiß: 'unsere' Kunst ist unsere Kunst, und die bringen wir ein. Die Weißen haben schon längst unsere Kunst aufgenommen, sie ist längst bei ihnen angekommen. Und das bedeutet ja, alle könnten den Dialog suchen - und es gibt ihn ja auch. Nur man tut so, als ob es das nicht gäbe. Wenn man von 'integrieren' spricht, dann will man die Leute ja in sein eigenes System hineinholen, statt das eigene System für die bislang Ausgeschlossenen zu öffnen. Deren Mit-Wirken zu suchen."
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