9punkt - Die Debattenrundschau

Omikron

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.11.2021. Die neue Covid-Variante heißt Omikron. Sie ist sehr ansteckend, aber wie gefährlich sie ist, kann man noch nicht sagen, hält spektrum.de fest. Im New Statesman ist der Diplomat Peter Rickett  erschüttert über die Verschlechterung der Beziehungen zwischen London und Paris. Die SZ erklärt, warum Angehörige der Opfers des Olympia-Attentats von 1972 Entschädigung von den UN fordern. FAZ und taz setzen Erwartungen in Claudia Roth.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.11.2021 finden Sie hier

Gesellschaft

Willkommen in der Adventszeit. Die Virusvariante B.1.1.529 heißt jetzt "Omikron" (warum kommt nach Delta gleich Omikron, sind wir dem Ende so nahe?) Und die Zeitungen (etwa hier Zeit online) zitieren den Ärztefunktionär Frank Ulrich Montgomery mit dem Satz: "Meine große Sorge ist, dass es zu einer Variante kommen könnte, die so infektiös ist wie Delta und so gefährlich wie Ebola".

Wie gefährlich die neue Variante ist, lässt sich noch nicht sagen. Allerdings scheint es extrem ansteckend zu sein, schreibt Lars Fischer in einem viel retweeteten Artikel für spektrum.de. Besonders viele Fälle gibt es in der südafrikanischen Provinz Gauteng: "Nahezu alle in den letzten Tagen dort sequenzierten Viren gehören zur neuen Linie. Gauteng ist die bevölkerungsreichste Provinz des Landes, in der auch Johannesburg liegt, die mit etwa zehn Millionen Einwohnern größte Stadt Südafrikas." Düster faszinierende Erwägungen knüpfen sich an die Tatsache, dass die Variante mit keiner bekannten Variante verwandt ist. Es wird spekuliert, dass es von einem Tier erneut auf Menschen übergesprungen ist, oder dass es sich im Körper unbehandelter HIV-Erkrankter entwickelte, die in Südafrika zahlreich sind, so Fischer.

Die Impfgegnerschaft hat in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Wurzeln in der homöopathischen und völkischen Bewegung und auch in der linken Alternativbewegung, erzählt Andreas Speit in der taz. "Das linksalternative Milieu löste nicht bloß ein kritisches Staatsverständnis aus, es trieb auch die Selbstsuche an. Selbstverwirklichung, Authentizität, Autonomie und Ganzheitlichkeit der Erfahrung waren die Leitideen. Die von Rudolf Steiner (1861-1925) begründete Anthroposophie, der ihr nahestehende biologisch-dynamische Landbau wie auch waldorfpädagogische Einrichtungen fanden Zulauf. Als 'Partei der Bewegung' gründeten sich die Grünen - mit weit rechts stehenden Akteuren, was harte Richtungskämpfe und personellen Konsequenzen auslöste. " Der Text ist ein Vorabdruck aus einem Reader zur Querdenkerbewegung.

In der FR ist die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr mit Blick auf eine mögliche Impfpflicht eher skeptisch. Da wären etwa "die psychischen, sozialen und politischen Konsequenzen aus der Einführung einer allgemeinen Impfpflicht zu berücksichtigen: das Leiden von Impfskeptikern, die sich zu Eingriffen gezwungen sehen, die ihre personale Integrität verletzen, und ihre soziale beziehungsweise politische Entfremdung von der Mehrheitsgesellschaft und den demokratischen Verfahren befördern. Vor allem ist eine kluge Impfpolitik aber nicht 'getunnelt', nicht auf das Impfen als alleiniges Mittel der Krisenbekämpfung festgelegt. Klug wäre, in alternativen Handlungsoptionen zu denken: alternative Krisenpolitiken durchzuspielen, mit denen wir hier und jetzt auf den Umstand reagieren können, dass die Fokussierung auf das Impfen der vergangenen Monate die erhoffte 'Herdenimmunität' nicht gebracht hat." Ja, wir sollten uns jetzt einfach ein bisschen Zeit nehmen!

In der SZ freut sich die Ärztin Kristina Hänel im Gespräch mit Laura Hertreiter und Nele Pollatschek, dass die Ampel endlich den Paragrafen 219a abschaffen will, der Information über Abtreibung verbot: "Die Annahme, ich könnte jemanden von einem Schwangerschaftsabbruch abbringen, indem ich ihm Informationen über die Risiken des Eingriffs vorenthalte, ist absurd. Das verhindert keine einzige Abtreibung."

Und Max Scharnigg staunt in der SZ über den Erfolg des "Penny-Weihnachtswunders"", eines längeren Youtube-Clips, in der die Discounterkette der Jugend verspricht, ihr ihre Jugend zurückzugeben: "Es gibt da draußen nur noch ein ganz simples Bedürfnis nach ein bisschen Zärtlichkeit, das ist die Erkenntnis des überraschenden Werbe-Erfolgs."
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Kulturmarkt

Der Schweizer Kampa Verlag kauft den österreichischen Verlag Jung und Jung, berichtet Michael Wurmitzer im Standard, der auch mit dem achtzigjährigen Verlager Jochen Jung gesprochen hat: "Der Zusammenschluss hilft vielleicht noch bei einem anderen Problem: dass österreichische Autoren, sobald der Erfolg einsetzt, zu großen deutschen Konkurrenten wechseln. 'Das habe ich immer wieder hinnehmen müssen.'"
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Stichwörter: Buchbranche, Kampa Verlag

Medien

Max Czollek hatte im Spiegel-Interview behauptet, kein Journalist hätte in der Vaterjuden-Debatte das Gespräch mit ihm gesucht. Czollek lügt, schrieben daraufhin Deniz Yücel (Welt) und Jana Hensel (Zeit), die sehr wohl bei Czollek nachgefragt hatten (Unsere Resümees). Nun hat sich Czollek auf Twitter "halbherzig" entschuldigt, ärgert sich Jan Küveler in der Welt: "Als Abschluss einer Reihe von Tweets, in denen er rabulistisch erklärte, warum die einzelnen Gespräche alle nicht zählten, fügte er hinzu: 'Der Satz 'kein einziger Journalist der beteiligten Redaktionen hat nachgefragt' im Spiegel Interview ist irreführend. Ich hatte Gespräche mit Menschen, auch Journos. Mir ging es darum, dass ich keine Chance für eine Richtigstellung bekam. Bitte entschuldigt diese Ungenauigkeit.' So kann man die die Tatsachen um exakt 180 Grad verdrehende Aussage, 'kein einziger Journalist' habe sich bei ihm gemeldet, natürlich auch deuten, vor allem, wenn man in dieser Art von Gymnastik einige Übung hat."
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Archiv: Medien
Stichwörter: Czollek, Max

Politik

Muammar al-Gaddafi war wie übrigens auch die meisten arabischen Massenmedien total begeistert von der Ermordung israelischer Sportler durch palästinensische Terroristen bei den olympischen Spielen 1972. Drei der Mörder lieferte die deutsche Polizei nach einer Flugzeugentführung postwendend an Libyen aus, wo sie mit Hilfe Gaddafis untertauchten, erzählen Roman Deininger und Uwe Ritzer in der SZ. Nun fordern Hinterbliebene der Opfer von einem UN-Fonds, der Schwarzgelder Gaddafis verwaltet, Entschädigung: "Um die Forderung der Hinterbliebenen des Anschlags zu untermauern, legte der israelische UN-Botschafter Gilad Erdan dem zuständigen UN-Ausschuss Unterlagen vor, die Gaddafis Unterstützung des Olympia-Attentats belegen sollen. 'Als Anerkennung für die Massenhinrichtung olympischer Sportler' habe dieser an den damaligen Palästinenserführer Yasser Arafat fünf Millionen US-Dollar überwiesen, so Erdan gegenüber dem niederländischen Nachrichtenportal NOS. Zudem seien einige der Kommandomitglieder mit gefälschten, libyschen Pässen nach Deutschland eingereist."
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Geschichte

Das Gedenken hat inzwischen seine eigene Geschichte. Das Hamburger Institut für Sozialforschung hat eine Tagung zu zwanzig Jahren Wehrmachtsausstellung veranstaltet. Aber eigentlich, war die Wehrmachtsausstellung schon seit 1995 gelaufen und wurde vor zwanzig Jahren von Jan Philipp Reemtsma gestoppt, um sie neu konzipieren zu lassen, erläutert Christiane Müller-Lobeck in der taz. Was Reemtsma, den Gründer und damaligen Leiter des Hamburger Instituts, 1999 dazu bewog, "die Ausstellung unter ein Moratorium zu stellen, waren die Kritik einiger Historiker und der folgende Pressesturm. Unter Beschuss war die Beweiskraft der Fotos. Die Kritik hängte sich fast ausschließlich an einem Schwarz-Weiß-Abzug aus Tarnopol auf, der neben Ermordeten, die auf das Konto der Wehrmacht gingen, in der Ausstellung unbemerkt auch solche zeigte, die durch die Hand der sowjetischen Geheimpolizei NKWD umgekommen waren, wie Historiker Bogdan Musial monierte." Der Perlentaucher ist auch schon über zwanzig Jahre alt und hat die Debatte 2001 bereits verfolgt.
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Kulturpolitik

Andreas Fanizadeh erwartet sich in der taz von der künftigen Bundeskulturministerin Claudia Roth "mehr Gendergerechtigkeit, die konsequente Durchleuchtung staatlicher Sammlungen nach arisierter sowie kolonialer Raubkunst, eine dem Antifaschismus verpflichtete Erinnerungspolitik sowie eine bessere soziale Absicherung der freischaffenden Künstler und Kreativen".

Es wird noch einmal einen Neuanfang für das Amt geben, meint Patrick Bahners in der FAZ, denn der SPD-Funktionär Carsten Brosda, der als Favorit gehandelt wurde, galt als Apparatschik. "Dass eine ehemalige langjährige Bundesvorsitzende ihrer Partei bereit ist, der Kultur zuliebe noch einmal die Staatsministerbank zu drücken, ist ein Zeichen für das Gewicht dieses Politikfeldes, das nach den Maßstäben der Berufspolitik nicht deutlicher ausfallen könnte."

Europa

Im Ärmelkanal sind 27 Menschen ums Leben gekommen, als ihr Schlauchboot kenterte. Sie wollten von Frankreich nach Großbritannien übersetzen. Eine davon:


In Osteuropa ist spätestens seit der russischen Invasion der Krim ein Kult der Souveränität entstanden, den die Populisten nach Kräften nähren, schreiben die beiden in Oxford lehrenden PolitologInnen Jaroslaw Kuisz und Karolina Wigura in der taz. Ausgenutzt werden dafür nationale Traumata, etwa in Polen: "Für Polen ist nationale Hoheit keine Quelle der Stabilität, sondern eines kollektiven Traumas. Seit der dritten Teilung des Staatsgebiets 1795 hat Polen mehr als 120 Jahre ohne eigenen Staat erlebt. Diese historische Angst durchwirkt noch immer sämtliche innenpolitische Konflikte. Westlichen Beobachtern mag es irrational erscheinen, wenn in polnischen Debatten Brüssel mit Moskau verglichen wird. Aber es entspricht der Gefühlslogik der PiS-Wähler:innen."

Die neue Regierung trennt das Klima- und das Umweltministerium. Richtig so, findet Michael Miersch in seinem Blog, denn "in der Praxis haben die großen Umweltprobleme recht wenig mit Klimaerwärmung zu tun". Und "die neue Regierung plant, dass zwei Prozent der deutschen Landesfläche mit Windkraftanlagen bebaut werden. Das klingt nach nicht sonderlich viel. Zwei Prozent das entspricht jedoch fast der Gesamtfläche aller Gewässer in Deutschland (2,3 Prozent) oder aller Autostraßen (2,6 Prozent). Der Klimaminister und die Umweltministerin werden also Einiges zu diskutieren haben."

Dr Atheistenverein "Korso" will sich in "Zentralrat der Konfessionsfreien" umbenennen, um sich  als zeitgemäßes Forum für Deutschlands "beliebteste 'Konfession'" zu präsentieren, schreibt der Verband bei hpd.de. Noch vor seiner Gründung sieht er mal den Koalitionsvertrag durch, freut sich über die Stärkung der Rechte Homosexueller und Lesben und die Streichung des Paragrafen 219a. Aber beim kirchlichen Arbeitsrecht, das für 1,3 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gilt, ist er nicht zufrieden: "Die Formulierung im Koalitionsvertrag könnte schwammiger kaum sein: 'Gemeinsam mit den Kirchen prüfen wir, inwiefern das kirchliche Arbeitsrecht dem staatlichen Arbeitsrecht angeglichen werden kann.' Inwiefern angeglichen: das ist schon zwei Dimensionen von konsequent entfernt, und solange dies 'gemeinsam mit den Kirchen' als alleinigem Ansprechpartner geprüft wird, halten sich unsere Hoffnungen auf substanzielle Verbesserungen für die Betroffenen in Grenzen."

Karen Krüger kommentiert in der FAZ eine Meldung, die in der gegenwärtigen Nachrichtenlage unterzugehen droht: "Ein türkisches Gericht hat entschieden. Osman Kavala bleibt weiterhin in Haft. Der Albtraum, in dem sich der 64 Jahre alte Kulturförderer und Menschenrechtsaktivist befindet, geht weiter. Bei politischen Gerichtsverfahren unterliegt die türkische Justiz der Weisung von Staatspräsident Erdogan."

"Es ist erschütternd zu sehen, wie sehr sich die Beziehungen zwischen London und Paris verschlechtert haben", schreibt der britische Diplomat Peter Ricketts im New Statesman. Nach dem Tod von 27 Flüchtlingen, darunter Kindern, im Ärmelkanal, sollten Briten und Franzosen ihre Differenzen beiseitelegen und nach Lösungen suchen, so Ricketts. Danach sieht es nach dem "offenen Brief" Boris Johnsons an Emmanuel Macron nicht aus: "Die britischen Vorschläge hätten in aller Ruhe mit Frankreich besprochen und dann von Priti Patel zum Treffen der europäischen Minister am 28. November in Paris mitgenommen werden sollen, bevor sie öffentlich gemacht werden. Stattdessen sah Macron den Brief Johnsons zuerst auf Twitter. Daher sein vernichtender öffentlicher Kommentar über die Notwendigkeit, seriös zu bleiben. Trotzdem war es ein Fehler von Paris, Patel von dem multilateralen Treffen auszuladen, das nun weniger nützlich sein wird, um praktische Lösungen zu finden, um den mörderischen Handel mit Menschenleben zu stoppen."
Archiv: Europa