Efeu - Die Kulturrundschau

Die Kakofonie ist beabsichtigt

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27.11.2021. Erschüttert erkennt der Tagesspiegel auf den Fotos von Zanele Muholi, welchen Verfolgungen und Verbrechen Homosexuelle und trans Menschen noch immer in Afrika ausgesetzt sind. Hyperallergic entdeckt mit Catherine Murphy das Unheimliche im Alltäglichen. In der taz erklärt Kim Stanley Robinson, weshalb seine Science-Fiction-Romane zum Klimawandel längst Realität geworden sind. Und die Jungle World lernt von Hackedepicciotto, wie gut Klänge aus dem mittleren Orient und Metal zusammenpassen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2021 finden Sie hier

Kunst

Bild: Zanele Muholi, Bona, Charlottesville, Fotografie. © Zanele Muholi, erworben mit Mitteln des Africa Acquisitions Committee 2017

Erschüttert, aber auch beeindruckt ob der Selbstermächtigung der Porträtierten kommt Nicola Kuhn aus dem Berliner Gropius Bau, wo Zanele Muholi, sich selbst als non-binär identifizierend, Porträts von nahestehenden Homosexuellen und trans Menschen ausstellt, die im postkolonialen Afrika verfolgt werden. Zu sehen sind etwa Bilder "lesbischer Frauen, die Opfer von Hassverbrechen wurden. Sie gehen unter die Haut wie jene Aufnahme von Lungine Dladla, die mit verschatteten Augen und doch unverwandt in die Kamera schaut. Ein Aufbegehren, ein trotziger Triumph - wie die weiße Fliege am Kragen - gegen das erfahrene Leid: eine Vergewaltigung, zynisch 'corrective rape' genannt, mit der Lesben zu Heterosexualität bekehrt werden sollen. Dladla wurde dabei mit HIV infiziert.  Oder die Bilder von Frauen, die ihre Hände vor ihrem Schoß verschränken. Schutz gab es für sie keinen. Daneben hängt die Aufnahme eines knittrigen Zettels mit der Anzeige: 'Rape + Assault' steht da und ein Stempel des Suid-Afrikaanse Polisiediens."

Bild: Catherine Murphy, "Bag of Rags" (2019), oil on canvas, 60 x 60 inches (all images courtesy the artist and Peter Freeman, Inc.)

Auf Hyperallergic versucht John Yau während seines Besuches der Galerie Peter Freemann, Inc. in Manhattan das Unheimliche in den Bildern der realistischen Malerin Catherine Murphy zu ergründen: Ist es die besondere Haptik der dargestellten alltäglichen Gegenstände, die den Betrachter in die Bilder ziehen, fragt er: "Der Zustand des gesteigerten Bewusstseins versetzt Murphys Gemälde auf eine andere Ebene der Wahrnehmung und Interaktion. Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, ist ihre bemerkenswerte Fähigkeit, die Oberfläche des Gegenstands, den sie malt, zu imitieren, sei es eine unscharfe, gemusterte Tapete in 'Prequel' (2021) oder die verblichenen grünen Lederarmlehnen eines abgenutzten Bürostuhls in 'Bags of Rags' (2019), das als Meditation über Sterblichkeit und Zeit eines der kraftvollsten und leise beunruhigenden Gemälde in dieser faszinierenden Ausstellung ist. In 'Bags of Rags' stapeln sich zwei große durchsichtige Müllsäcke, gefüllt mit Kleidung, auf einem grünen Leder-Bürostuhl, der schon bessere Tage gesehen hat. Wir kennen die Umstände nicht, was für unsere Erfahrung mit dem Werk von zentraler Bedeutung ist. Der Stuhl ist in eine Ecke geschoben worden, und wir scheinen davor zu stehen und zu betrachten, was vor uns liegt."

Außerdem: In der NZZ erklärt Christian Saehrendt, weshalb Joseph Beuys nur ein "Pseudoschamane" war. Besprochen wird die Ausstellung "Salamis 480" in der Staatlichen Antikensammlungen am Königsplatz, München (FAZ).
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Film

Für epdFilm porträtiert Patrick Heidmann die Schauspielerin Jennifer Hudson, die aktuell in Liesl Tommys, heute auch in der SZ besprochenen Biopic "Respect" über Aretha Franklin (unser Resümee) zu sehen ist. Nicolas Freund (SZ) und Dietmar Dath (FAZ) gratulierten der Filmemacherin Kathryn Bigelow zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden ein neuer Film der Zombie-Reihe "Resident Evil" (Tagesspiegel), die neue südkoreanische Netflix-Serie "Hellbound" (Presse) und die neue Amazon-Fantasyserie "Rad der Zeit" (FR).
Archiv: Film

Literatur

In seinen Romanen befasst sich Kim Stanley Robinson immer wieder mit dem Klimawandel und den zukünftigen Herausforderungen der Menschheit. Gerade ist sein neuer (auf Intellectures besprochener) Science-Fiction-Roman "Das Ministerium für die Zukunft" erschienen, in dem es um die Erde nach der Klimakatastrophe geht. Thekla Dannenberg und Martin Zähringer konnten den US-Science-Fiction-Autor für ein taz-Gespräch gewinnen. Seine Science-Fiction ist keine spekulative Literatur mehr, "sie ist zu einem Realismus geworden. Ich sehe die Science-Fiction der nahen Zukunft als einen Realismus, der dem Ziel vorausschießt, um es zu treffen. Um realistisch zu bleiben, muss man über den Klimawandel schreiben." Doch wie schreibt man über ein derart globales Phänomen? Robinson griff zu einer "Vielzahl der Stimmen und Stile: Augenzeugenberichte, dramatische Szenen, Memos, Radio-Dialoge, Parabeln, Rätsel oder Mini-Erzählungen im Stil von Italo Calvino. Aber es geht um den Klimawandel, ein intellektuell abstraktes, aber beängstigendes, katastrophales Thema. Wo bleibt da das Vergnügen? Ich dachte, es kann nur aus dem Spiel der Formen kommen. Es gibt diese schlichten Rezepte aus Hollywood, wie Romane funktionieren sollen. ... Ich lehne das alles ab. 'Das Ministerium für die Zukunft' ist kein bürgerlicher Roman."

Außerdem: In Berlin hat Ai Weiwei gemeinsam mit Daniel Kehlmann seine Autobiografie "1000 Jahre Freund und Leid" vorgestellt, berichten Birgit Rieger (Tsp), Arno Widmann (FR) und Sonja Zekri (SZ). Der Schriftsteller Martin R. Dean denkt in einem NZZ-Essay darüber nach, warum Träume besser Träume bleiben sollten. Die FAZ dokumentiert den Vortrag, den Helmut Böttiger bei einer Gedenkveranstaltung zu Ehren des Dichters Wolfgang Hilbig gehalten hat. Für eine Lange Nacht im Dlf Kultur begeben sich Cornelia Zetzsche und Senthuran Varatharajah auf die Suche nach der Diversität in der deutschsprachigen Literatur.

Besprochen werden Clemens Meyers Kurzgeschichtenband "Stäube" (Tsp), Albert Ostermaiers Lyrikband "Teer" (FR), Alain Damasios "Die Flüchtigen" (FR), Ulrich Raulffs Essay "Sauerland als Lebensform" (online nachgereicht von der FAZ), der Band "100 Autorinnen in Porträts" (taz) und Annie Ernauxs "Das Ereignis" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Bühne

Ulrich Lenz, bisher Chefdramaturg an der Komischen Oper Berlin, wird ab 2023 die Intendanz an der Grazer Oper übernehmen, meldet der Standard mit APA. Irene Girkinger, derzeit Intendantin der Vereinigten Bühnen Bozen, wird ab 2023 Johannes Reitmeier als Intendantin des Tiroler Landestheaters ablösen, meldet ebenfalls der Standard mit APA.

Besprochen wird Thom Luz' Aristophanes-Inszenierung "Die Wolken, die Vögel, der Reichtum" am Cuvielliestheater in München (FAZ).
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Musik

Diviam Hoffmann porträtiert für die taz die Komponistin und Musikerin Esperanza Spalding, die auf ihrem neuen, in kollektiv-kreativen Prozessen entstandenes Album "Songwrights Apothecary Lab" Ansätze aus der Musiktherapie aufgreift. Spalding es um die Frage, wie die einzelnen Stücke Linderung und Trost in Aussicht stellen. Höhe- und Schlusspunkt des Albums ist das Stück "Formwela 13": Ihre "Stimme wird darin übereinander geschichtet, Schlagzeug, Saxofon und Bass kreieren ein Durcheinander, aus dem sich immer wieder einzelne Instrumente herausarbeiten. Die Kakofonie ist beabsichtigt, geht es doch um einen Schmerz, der so bestimmend werden kann, dass man nicht mehr herausfindet." Doch schließlich "singt Spalding sanft im Dialog mit sich selbst. Die chaotische Instrumentierung löst sich auf und lässt ihre Stimme schwingen. Die Musik verkörpert den erlösenden Regen, der aus der inneren Unruhe erwachsen ist." Wir hören rein:



Üblicherweise entstehen die unter den Namen Hackedepicciotto veröffentlichten Alben von Alexander Hacke und Danielle de Picciotto unter nomadischen Bedingungen der in Berlin stationierten Weltreisenden. An ihrem neuen Album "The Silver Threshold" arbeiteten sie allerdings im letzten Dezember-Lockdown. Vielleicht gerade deshalb bündelt es die zahlreichen Einflüsse des Projekts, schreibt Jens Uthoff in der Jungle World: "Sehr tief, sehr philosophisch" ist es geraten, es "ist vielstimmig, tiefgründig, meditativ; stilistisch klingen so unterschiedliche Musikgattungen wie Folk, Drone, sakrale Musik, Industrial, Electronica, Klänge aus dem mittleren Orient und Metal an. ... Die Instrumentierung bei Hackedepicciotto passt zu all diesen Einflüssen. So spielt de Picciotto Geige, Drehleier, Kemençe (eine türkische Laute) und Zurna (ein türkisches Blasinstrument), Hacke die Saiteninstrumente und die häufig polyrhythmischen und tribalistischen Percussions. Zudem steuert er einen prägnanten, brummbärigen Kehlkopfgesang bei: 'Das ist das, was ich am ehesten in Sachen Drone mit meinem Körper machen kann.'"



Weitere Artikel: Nina Rehfeld (FAZ.net), Hanspeter Künzler (NZZ) und Bruce Weber (NYT) schreiben erste Nachrufe auf den Broadway-Komponisten Stephen Sondheim. Thomas Schacher spricht in der NZZ mit John Eliot Gardiner über Hector Berlioz' Weihnachtsoratorium "L'enfance du Christ", das er am Wochenende in der Tonhalle Zürich dirigieren wird. Im Standard plaudert Heinz Rudolf Kunze über seine Autobiografie "Werdegang". Claudius Seidl gibt in der FAZ  bekannt: Ulricht Gutmair wird für seinen im Merkur veröffentlichten Text "Kebabträume in der Mauerstadt" mit dem Michael-Althem-Preis ausgezeichnet. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Manfred Prescher über Johnny Cashs "Folsom Prison Blues". ZeitOnline-Rezensent Daniel Gerhardt hat viel Freude am neuen Rapalbum von Badmómzjay, deren Stern am Himmel des Deutschrap gerade aufgeht und die "auf die weibliche Aneignung jener aufgeplusterten Männlichkeit setzt, für die weite Teile ihres Kollegiums seit jeher bekannt sind". Wir hören rein:

Archiv: Musik