9punkt - Die Debattenrundschau

Komm auf keinen Fall zurück!

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.08.2021. Dem Guardian ist herzlich egal, ob sich in Afghanistan die Bilder von Saigon wiederholen, denn dem Land droht eine reale humanitäre Katastrophe. Dem Klimawandel ist nur mit den Mitteln der Vernunft beizukommen, betont der italienische Philosoph Maurizio Ferraris. In der Welt huldigt Klaus Vieweg dem Entdeckergeist der Enterprise. Auf ZeitOnline spricht die belarussische Leichtathletin Kristina Timanowskaja über ihre Flucht. Und die FAZ blickt dem kubanischen Sozialismus ins zahnlose Maul.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2021 finden Sie hier

Ideen

Die Leugner des Klimawandels lassen sich widerlegen, schwieriger zu widerstehen ist den millenaristischen Alarmisten, meint der Turiner Philosoph Maurizio Ferraris in der NZZ. Denn er führt zu Resignation, wo doch Vernunft gefragt ist, um die Folgen des Klimawandels zu beherrschen: "Man darf nicht verschleiern, dass eine reichere, besser gebildete und technologisch höher entwickelte Menschheit auch eine Menschheit ist, die sich respektvoller gegenüber der Umwelt verhält. Hingegen haben Wachstumseinbussen einen Rückgang der Ressourcen zur Folge, eine schlechtere medizinische Versorgung und einen Rückgang der Lebenserwartung - vor allem aber führen sie zu einem Verlust an Daseinssinn. Ganz zu schweigen davon, dass nicht klar ist, welche Autorität einen Fortschrittsverzicht durchzusetzen vermöchte in einer Gesellschaft, die noch nicht einmal einen Green Pass erduldet."

In der Welt gibt sich der Philosophie-Professor und Hegel-Experte Klaus Vieweg als Trekkie zu erkennen und huldigt zum hundersten Geburstag ihres Schöpfers Gene Roddenberry der "Star-Trek"-Serie als eine auf Shakespeare, Swift und Hegel gründende Utopie: Die Enterprise sei schließlich kein Kriegsschiff gewesen, sondern ein Entdeckungssegler: "Das Raumschiff war für Gene Roddenberry seine 'Metapher für das Raumschiff Erde. Das Abenteuer von Erforschung und Entdeckung ist in die Milchstraße hineinprojiziert, es geht darum, nicht nur die Treffen und Konfrontationen mit fremden Wesen und Zivilisationen zu bestehen, sondern besonders die Auseinandersetzung mit uns selbst', so George Takei, der Darsteller des Sulu. Man breche zu einer weiten Reise zu 'einer entfernten Sonnenstadt', nach Utopia auf, einem Gegenbild zum 'Kampfwahnsinn' der heutigen Menschen."
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Europa

Im ZeitOnline-Interview mit Simone Brunner und Meike Dülffer spricht die belarussische Leihtathletin Kristina Timanowskaja über ihre Flucht aus Tokio nach Polen: "Ich hatte mich schon damit abgefunden, abzureisen, eine Strafe zu kassieren oder dass sie mich aus dem Nationalteam werfen. Aber meine Oma hat mir gesagt: Komm auf keinen Fall zurück! Hier erwartet dich Schlimmeres: 15 Tage Haft oder die Einweisung in eine psychiatrische Klinik." Zu den Protesten im vorigen Jahr sagt sie: "Nach dem 9. August war es für mich persönlich eine schwere Zeit. Ich musste zwei Wochen pausieren. Ich hatte zu der Zeit eine Art Depression, deshalb habe ich versucht, mich keinen negativen Nachrichten auszusetzen. Aber dann habe ich natürlich mitbekommen, wie die Leute, die einfach nur bei einer Demonstration waren, entlassen wurden, wie sie geschlagen wurden, wie sie ins Gefängnis kamen. Ich hatte Angst vor den Folgen, wenn ich etwas Falsches tue oder etwas Falsches sage. Das ganze Jahr über habe ich versucht, alles so zu formulieren, dass ich nichts Politisches sage."
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Politik

Ziemlich zweitrangig ist für den Guardian, ob sich angesichts des Taliban-Vormarschs ein zweites Saigon abspielt oder welche Bilder den Amerikanern sonst im Kopf herumspuken. Denn für die Afghanen, schreibt die Zeitung in ihrem Leitartikel, geht es hier nicht um demütigende Bilder, sondern um eine reale humanitäre Katastrophe. An dieser dürfen sich viele Beteiligte schuldig fühlen: "Während der Widerstand kollabiert, distanzierte sich sogar der britische Verteidigungsminister von seinem großen Verbündeten und beschrieb das von Donald Trump ausgehandelte Rückzugsabkommen als einen Fehler und einen 'miesen Deal'. Die Mitglieder der wohlhabenden afghanischen Elite, von denen viele zu Reichtum kamen, indem sie das Land ausplünderten, haben bereits das Land verlassen oder werden es demnächst ohne Schwierigkeiten tun können. Doch die Afghanen wurden nicht nur von Militär und Politik verraten, sondern auch von den USA und ihren Verbündeten mit diesem eiligen, abrupten und schlecht-geplanten Abzug."

Alan Posener denkt trotzdem auf ZeitOnline darüber nach, ob Kabul "unser Saigon" wird und was das für die Welt bedeuten wird: "Langfristig wird Amerika für diesen Verrat einen hohen Preis bezahlen. Das zeigt die Erfahrung. Die Niederlage in Vietnam brachte ja auch nicht etwa Frieden. Bald entbrannten Kriege zwischen Vietnam und China, Vietnam und Kambodscha, Kambodscha und Thailand; überall in der Welt fühlten sich Gegner des Westens ermuntert, auch in Afghanistan übrigens, wo vier Jahre nach dem Fall Saigons sowjetische Truppen einmarschierten. Im selben Jahr hielt US-Präsident Jimmy Carter seine berühmte 'Malaise'-Rede, in der er feststelle, dass Amerika den Glauben an sich verloren habe: an die Demokratie, an den Fortschritt, an die Fähigkeit, die eigene Zukunft zu gestalten."

Einst besaßen Lateinamerikas Revolutionäre echten Appeal, heute herrscht der Sozialismus auf Kuba wie ein Greis, dem die Zähne ausgefallen sind, seufzt Paul Ingendaay in der FAZ angesichts der starrsinnigen Führung: "In den Parteiorganen spreizt sich der klassenkämpferische Ton noch genauso, als wäre der lateinamerikanische Kontinent vom Imperialismus zu befreien. Die Parteizeitung Granma, benannt nach dem Boot, in dem Castro und seine Gefährten 1956 auf der Insel landeten, um den Diktator Batista zu stürzen, druckt unermüdlich Auszüge aus Castro-Reden, letzte Woche etwa eine aus dem Jahr 1988, in welcher der 'Comandante' begründet, warum Kuba kein Mehrparteiensystem benötige. Damals, vor der Auflösung der Sowjetunion, war diese Welt noch halbwegs in Ordnung. Heute konfrontiert sie die Jüngeren, die am modernen Leben teilnehmen wollen, mit der Härte eines geriatrischen Systems, das nicht zur Seite treten will und die kubanische Revolution wie ein geschütztes Markenzeichen behandelt."

Nicht mal mehr die USA sind vor "sozialistischen Experimenten" sicher, klagt Josef Joffe in der NZZ: Nach einem halben Jahr Joe Biden muss Burger King schon Löhne von 1.500 Dollar zahlen! "Ökonomen nennen das 'moral hazard'."
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Überwachung

Im FAZ-Interview spricht Christian Mihr von den Reportern über Grenzen über die Spähsoftware Pegasus, die Klage der Organisation gegen den israelischen Hersteller und die Gefahr, dass Pegasus auch in Deutschland eingesetzt werden könnte: "Auszuschließen ist es nicht, weil wir zu wenig darüber wissen. Die Antworten der Regierung auf kleine Anfragen der Grünen bleiben in entscheidenden Details unklar. Es gab nachweislich Kontakt zwischen der NSO Group und unter anderem dem Verfassungsschutz und bayerischen Landeskriminalamt. Stand jetzt ist über eine Nutzung nichts bekannt, denn die Eingriffstiefe von Pegasus ist mit der deutschen Gesetzgebung nicht vereinbar. Trotzdem gibt es den Wunsch, einen Staatstrojaner haben zu wollen, der vor kurzem verabschiedet wurde. Dieser ist im Grunde eine selbst entwickelte und leicht abgeschwächte Version von Pegasus, weshalb wir eine Klage gegen die Zulassung vorbereiten."
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Stichwörter: Staatstrojaner

Medien

In der FR konstatiert Sebastian Borger, dass der vor zwei Monaten von einer Gruppe Milliardäre lancierte Sender GB News wie erwartet als Krawallschachtel britischer Rechtspopulisten dient und damit hohe Einschaltquoten einfährt.
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Stichwörter: Borgen