9punkt - Die Debattenrundschau

Eine kollektive Tat

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.08.2021. Zwanzig Jahre lang behaupteten die westlichen Länder, in Afghanistan Menschenrechte und Demokratie aufbauen zu wollen, "sie können sich doch nicht abwenden und uns hier mit einem finsteren Regime zurücklassen", zitiert die taz eine Journalistin aus Kabul. Nicht nur die FAZ fragt, ob man den moderaten Tönen der Taliban glauben darf. Die Medien richten einen Aufruf an die Bundesregierung, auch ihre Helfer und Übersetzerinnen aufzunehmen.  In der FAZ erklärt die Kriminologin Clara Rigoni, warum ein Ehrenmord nicht einfach ein Femizid ist. Und politico.eu fragt, wer in Frankreich gegen den Impfpass demonstriert.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.08.2021 finden Sie hier

Politik

taz-redakteur Dominic Johnson fasst die Stimmung nach diesem Sonntag, als Kabul kampflos den Taliban überlassen wurde, nüchtern und präzise zusammen: "Man kann die US-geführte Intervention ab 2001 gut oder schlecht finden, aber in jedem Fall steht fest: Die afghanische Generation, die nach 2001 aufwuchs, wird im Stich gelassen. Menschenwürde für Mann und Frau, moderne Bildung für alle und demokratische Grundsätze - all das steht jetzt in Frage. Die neuen Herren in Kabul mögen sich in ihrer Rhetorik versöhnlich geben - einen Grund, ihnen zu vertrauen, gibt es nicht."

Francesca Mannocchi erzählt in einer Reporatage aus Jalalabad für die taz die Geschichte der Frauenrechtlerin und Journalistin Malala Maiwand und ihrer Schwester Fatima Zaara Hilal. Maiwand wurde vor einem halben Jahr wegen ihres Engagements ermordet. Sie gehören zu einer Generation, "die erst nach dem Taliban-Regime aufgewachsen ist. 63 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 24 Jahre. Fatima und Malala waren Kinder während des Taliban-Regimes, aber Fatima erinnert sich, was ihre Mutter erzählte: Frauen mussten in der Öffentlichkeit Hidschab oder Burka tragen und durften nicht ohne ein männliches Familienmitglied ausgehen. Sie hatten fast keine Rechte. Mädchen durften nach dem 8. Lebensjahr nicht mehr zur Schule gehen." Und Mannocchi zitiert Fatima: "Das Ausland habe seine Intervention in Afghanistan damit begründet, die Menschenrechte zu verteidigen. 'Jetzt hat das Ausland die moralische Pflicht, uns dabei zu helfen, sie zu erhalten', sagt Fatima. 'Sie können sich doch nicht abwenden und uns hier mit einem finsteren Regime zurücklassen.'"

Die Taliban lassen im Moment ihres Triumphs moderate Töne hören, berichtet Friederike Böge für die FAZ: "In Qatar mögen sich die Talibanführer an ein gutes Leben und den Gedanken gewöhnt haben, ihre Töchter auf Eliteuniversitäten zu schicken. Doch viele der jüngeren Feldkommandeure haben in ihrem Leben nur Krieg erlebt und nie eine richtige Schule besucht. Wie schon die erste Generation der Taliban rekrutiert die Bewegung einen Großteil ihrer Kämpfer in pakistanischen Koranschulen."

Auch Medien stützten sich auf afghanische Mitarbeiter und richten nun einen Aufruf an die Bundesregierung, der bei unter anderem bei Spiegel online veröffentlicht ist, endlich Not-Visa zur Verfügung zu stellen. Und die Lage ist mehr als dringlich: "Allein in den vergangenen Wochen wurde der weltbekannte Fotograf Danish Siddiqui in Kandahar erschossen, starb eine Fernsehjournalistin in Kabul bei einem Bombenanschlag. Amdadullah Hamdard, der häufig für die Zeit gearbeitet hat, wurde vor seinem Haus in Jalalabad erschossen."

Im Interview mit dem Tagesspiegel fürchtet der Politikwissenschaftler Carlo Masala, dass es für viele afghanische Helfer bereits zu spät ist: "Die Taliban haben heute ein Kommuniqué erlassen, das sagt, dass sie Ausländer nicht daran hindern werden, Kabul über den Flughafen zu verlassen. Sie reden aber nicht von Afghanen. Die Amerikaner wollen ihre Evakuierungsoperation bis Dienstag abgeschlossen haben. Wir  fliegen wohl erst heute hin - und dann fängt ja auch die Evakuierungsoperation noch nicht an, weil die etwas Vorbereitung benötigt. Ich bin skeptisch, dass die Taliban Afghanen erlauben werden. Afghanistan zu verlassen. Wir dürfen außerdem eines nicht vergessen: Deutschland hat Ortskräfte, die in dem von Taliban kontrollierten Gebieten Masar-i-Scharif und in Kundus eingeschlossen sind. Diese Menschen werden den Weg bis nach Kabul nicht schaffen, wir werden sie nicht mehr aus Afghanistan rausbringen können. Das ist ein riesiges Drama."

Und was passiert jetzt hier? Die Zukunftsaussichten sind vor allem für Europa nicht so gut, vermutet Thomas von der Osten-Sacken in der Jungle World: "Vielleicht schaffen es die USA, mit einer neuen isolationistischen Politik, über das Debakel einigermaßen, wenn auch nicht unbeschadet hinwegzukommen. Solange von Afghanistan kein neuer Terroranschlag ausgeht, braucht es sie nur bedingt zu scheren, was dort vor sich geht. Für Europa sieht es ganz anders aus: Schon die Flüchtlingskrise 2015 hat den Kontinent bis auf die Grundfesten erschüttert, eine abermalige wird Europa vor noch größere und existenzielle Probleme stellen."
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Gesellschaft

Morten Freidel erklärt in der FAS, warum es richtig ist Ehrenmorde als "Ehrenmorde" zu bezeichnen und sie nicht in dem großen Gefäß "Femizid" verschwinden zu lassen. Nach dem Mord zweier Brüder afghanischer Herkunft an ihrer Schwester hatten viele Stimmen - unter anderem Berlins Integrationssenatorin Elke Breitenbach von der Linken, gefordert, den Begriff Ehrenmord nicht mehr zu benutzen: "Sie stellen Beziehungstaten und Ehrenmorde auf eine Stufe. Zwar gibt es auch für Morde an Partnerinnen strukturelle Gründe, häufig ein patriarchalisches Besitzdenken. Allerdings: Wer seine Partnerin tötet, tut das in der Regel allein, manchmal im Affekt. Ehrenmorde hingegen werden fast immer von mehreren geplant. Sie sollen zudem ein Zeichen an andere Familien aussenden."

Julia Schaaf hat für die FAS Clara Rigoni vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht befragt, die sich mit dieser Thematik befasst: "Natürlich seien 'Ehrenmorde' Femizide, also Tötungen von Frauen. Aber man müsse sie von Beziehungs- und Partnerschaftsgewalt unterscheiden, weil die Dynamik grundsätzlich eine andere sei: Zum einen seien meist mehrere Täter involviert, zumindest in der - oft gründlichen - Vorbereitung: 'Es ist wirklich eine kollektive Tat.' Zum anderen gehe die Gewalt nicht vom Ehemann, Expartner oder Partner aus, sondern von der eigenen Familie. Weshalb gängige europäische Opferschutzkonzepte so schlecht griffen."

In der SZ berichtet ein begeisterter Till Briegleb von der Konferenz "Berlin questions", die die "Wachstums-Ideologie" verabschieden wollte und aus Klimaschutzgründen möglichst nicht mehr neu bauen will. Statt dessen wurden diskutiert: Umwidmung und Enteignung. "Die Künstlerin Hito Steyerl propagierte die alte Idee der 'Commons', also der gemeinschaftlichen Güter, als Alternative zur Profitwirtschaft. Wohnraum wie digitale Daten, Bodenrechte wie Mobilitätsangebote, Wasser- wie Energieversorgung müssten demnach aus dem Besitz von Konzernen zurück in die Verantwortung der Gemeinschaft geführt werden. Das ist zwar eine extrem verhasste Idee bei Vertretern des Glaubens, dass der Markt alles schon richten wird. Aber das offensichtliche Versagen dieser Behauptung im globalen Maßstab führt dazu, dass immer mehr Menschen am eigenen Leib spüren, wie Marktabsolutismus sie zu Opfern einer gierigen Dynamik macht, nicht zu Teilhabern des Wohlstands." Bürgermeister Michael Müller, dafür zuständig, dass jeder, der nach Berlin kommt, auch eine Wohnung findet, verließ nach der Eröffnung fluchtartig die Konferenz, lesen wir.
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Internet

Nokoa Communicator 9000. CC BY 2.0 via Wikimedia Commons. Mehr bei Wikimedia.


Das Smartphone wird in gewisser Hinsicht 25 Jahre alt, wenn man den Nokia Communicator 9000 als Startpunkt nimmt, notiert Steffen Herget bei heise.de. Nach diesem Start 1996 kam die schöne Phase der "schrägen Handys mit den seltsamsten Mechanismen zum Drehen, Klappen oder Schieben" und dann 2007 das Iphone. Seitdem, gesteht Herget, hat sich eine gewisse Langeweile breitgemacht, "denn Smartphones sehen erstens im Großen und Ganzen seit Jahren gleich aus - flache Glas- oder Plastikflundern - und zweitens halten sich die auf den ersten Blick sichtbaren technischen Fortschritte in Grenzen. Klar, Displays und Kameras wurden immer größer, besser und schärfer, die Dinger rechnen und funken schneller, aber der Akku ist trotzdem meistens abends leer."
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Stichwörter: Smartphones, Commons

Europa

Seit Wochen protestieren Franzosen gegen den Impfpass, ohne den man in Frankreich in kein Restaurant mehr kommt, und das obwohl demnächst über 80 Prozent der Franzosen über 12 Jahren geimpft sein werden. John Lichfield beschreibt bei politico.eu die äußerst heterogene Zusammensetzung der Protestierenden und vergleicht sie mit den "Gelbwesten": "Auch diese Bewegung war spontan und weitgehend führerlos und hatte viele widersprüchliche Stämme. Sie wurde durch Online-Verschwörungstheorien angeheizt. Außerdem war sie vehement gegen Macron. Aber es gibt auch bedeutende Unterschiede. Die Gelbwesten waren in ihren Anfängen vor allem auf dem Land und in den Vorstädten aktiv. Die Impfgegner sind größtenteils städtisch geprägt. Die Gelbwesten hatten eine breite Unterstützung in der Bevölkerung. Die Impfpassgegner nicht. Die Proteste der Gelbwesten schrumpften seit ihrer ersten Teilnahme von landesweit 280.000 Menschen stetig. Die Anti-Pass-Proteste nehmen stetig zu."

In der NZZ beschreibt der Schriftsteller Christoph Brumme aus historischer Perspektive den Freiheitsdrang der Ukrainer und erklärt, warum Russland diesen nicht dulden kann: "Je eigenständiger und besser sich die Ukraine entwickelt, desto größer sind der Schmerz und Neid in Russland und das Gefühl der Bedrohung für die dort herrschende Macht. Neid, weil die Ukrainer es wagen, für ihre Würde und ihre Rechte zu kämpfen, und sei es unter Einsatz ihres Lebens. Weil sie gefahrlos frei reden und ihre Politiker frei wählen können. Für die Sowjetnostalgiker und die Vertreter von 'russki mir', der Idee, dass Russland nur als Imperium existieren könne, ist die Entwicklung einer freien Ukraine eine weitere tiefe historische Kränkung. Als würde die Sowjetunion ein zweites Mal sterben."

In Schweden gewinnt die rechtspopulistische Partei Schwedendemokraten seit zehn Jahren immer mehr Anhänger. Die anderen Parteien wollen trotzdem nicht mit ihr reden, nicht mal am Kaffeetisch, erzählt Richard Swartz in der NZZ: "Seit zehn Jahren dreht sich in der schwedischen Politik alles um die Schwedendemokraten: darum, wie vom ersten Tag alle im Reichstag vertretenen Parteien, von links bis rechts, übereinkamen, so zu tun, als gäbe es diese Partei nicht, und sie wie etwas behandelten, das die Katze angeschleppt hatte... Schweden ist eine offene, tolerante Gesellschaft, jedoch mit einer oft übersehenen dogmatischen und stark moralisierenden Tradition von Gebetshäusern, Abstinenzlerlogen und Missionsstätten. Die Welt gehört verbessert, und wer zu ihrer Verbesserung nicht beiträgt, sollte verurteilt oder zumindest in Quarantäne gesteckt werden. Nur die Wähler, soweit es um die der Schwedendemokraten geht, sind da anderer Meinung, und die Isolierung der Partei dürfte der wichtigste Grund ihres konstanten Zuwachses sein: Seit 2018, der jüngsten Wahl, sind die SD die drittgrößte Partei im Parlament", und bestimmen die Politik der immer noch regierenden Sozialdemokraten.
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