9punkt - Die Debattenrundschau

Und dabei kommen Aerosole zustande

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2021. In Zeit online verteidigt der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, seine Äußerung, die Ostdeutschen seien "diktatursozialisiert". newfascismsyllabus.com und geschichtedergegenwart.ch bringen weitere zustimmende Texte zu A. Dirk Moses' Polemik gegen den "Katechismus der Deutschen". Die SZ  ist deprimiert über französische Zustände, wo rechts und links im Macron-Hass vereint sind. Und immer Ärger über Julie Burchill.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.06.2021 finden Sie hier

Geschichte

In Berlin haben gestern Denkmalschützer, Politiker und Sportfunktionäre über die Zukunft des Olympiageländes in Berlin - einst das "Reichssportfeld" der Nazis - diskutiert, berichtet Jan Heidtmann in der SZ. Die Denkmalpflege will das Areal samt Skulpturen unangetastet lassen. "Als 'Denkmal und Zeugnis der Olympischen Idee, Zentrum für Breiten- und Spitzensport, Ort für Kulturveranstaltungen und Grünraum, NS-Erbe und eine der bedeutendsten Sportanlagen des 20. Jahrhunderts', wie Thomas Härtel, Präsident des Landessportbundes, es einordnet." Der SPD-Politiker Peter Strieder dagegen will die Skulpturen abräumen, "die unkommentiert auf dem Gelände stehen. Und um das Maifeld insgesamt, von Wällen aus 'deutscher Erde' gesäumt. 'Lass es uns öffnen, lass uns dort feiern', sagt er. 'Die Stadtgesellschaft muss es sich aneignen.' Ein Beispiel dafür, wie das gehen könnte, sei das Tempelhofer Feld, ein ebenfalls für die Nazis zentrales Gelände in Berlin, heute eine Freifläche für alle."
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Europa

Dänemark besticht mal wieder durch eine asylfeindliche Politik, die den Grundsätzen der EU Hohn spricht, schreibt Matthias Wyssuwa im Leitartikel der FAZ. Das Parlament hat unter sozialdemokratischer Regierung einem Gesetz zugestimmt, das die Beantragung von Asyl im Ausland möglich macht. In "Asylzentren" sollen die Antragsteller warten. Dabei wird Dänemark im Moment nicht gerade von Anfragen überrollt, es wurden so wenig Anträge gestellt wie seit Jahren nicht mehr, so Wyssuwa: "Es gibt bislang auch weder ein Partnerland, das bereit wäre, ein dänisches Asylzentrum auf eigenem Boden zu akzeptieren, noch ist geklärt, wie Dänemark sicherstellen will, dass die Asylbewerber in dem Drittland geschützt sind. Es geht nur darum, dass Dänemark so unattraktiv für Asylbewerber wird wie möglich."

"Frankreichs politische Kreise sind oft wie eine Suppe, in der man nur umrühren muss, damit die immer gleichen Klöße nach oben schwimmen. Nur wird der Fond immer brauner", meint in der SZ Nadia Pantel, die in der lüsternen Anti-Macron-Stimmung der politischen Kommentatoren in Frankreich bald keinen Unterschied mehr zwischen rechts und links machen kann. So habe der Philosoph Raphaël Enthoven kürzlich auf Twitter überlegt, ob er eher Marine Le Pen oder den linken Populisten Jean-Luc Mélenchon wählen würde (mehr hier), Mélenchon wiederum beschreibt Frankreich immer wieder als Land, in dem die Demokratie suspendiert sei. Und dann gibt es noch den rechten Hetzer Eric Zemmour, der mit seiner Sendung bei CNews inzwischen eine Million Zuschauer erreicht. Diese Mischung triff auf eine zutiefst pessimistische Bevölkerung, so Pantel. "Als Präsident Emmanuel Macron am Dienstag in eine kleine Stadt in Südfrankreich fuhr, um 'mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten', geriet das zum Fiasko. Macron ging Hände schüttelnd durch die Menge, als ein Mann ausholte und den Präsidenten ohrfeigte. In der Pariser Polit-Blase kann man diese Aggressivität verbal schon länger spüren. Dort ist man überhitzt bis zur Hysterie." Instruktiv liest sich in dem Kontext Michael Thaidgsmanns Artikel in der Jüdischen Allgemeinen über Mélenchons wiederholte antisemitische Äußerungen.

Im Interview mit Zeit online verteidigt der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, seine Äußerung, die Ostdeutschen seien "diktatursozialisiert". Das macht sie nicht automatisch zu Rechtsextremisten, erklärt er, viele werden eben auch von westdeutschen Rechten geködert: "Rechtsextremisten kommen ja heute inzwischen ganz bewusst. Teile der Szene, die aus Bayern oder Franken vertrieben worden sind, landen bei uns im Vogtland. In deren Augen sind die neuen Länder ein guter 'Siedlungsraum'. Das ist sicher kein Zufall. Und ja, diese genannten Herren sind allesamt 'Importe'. Ihre Basis ist nun aber vorrangig der Osten, leider."
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Politik

In Verbieten ist die chinesische Regierung recht stark, doch eines kann sie nicht verbieten, berichtet Fabian Kretschmer in der taz: "Im Februar 2020, also wenige Monate nach Ausbruch der Pandemie, hatte die chinesische Zentralregierung Handel und Verzehr von Wildtieren verboten, um die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen. Doch wie flächendeckend das Verbot umgesetzt wird, ist fraglich. Nach der Sars-Epidemie zu Beginn der Jahrtausendwende bestand ein solches Verbot nur etwa ein Jahr lang, ehe die meisten Märkte wieder öffneten und die Nachfrage wieder anzog." Das Thema ist weltweit wegen der Entstehung der Corona-Seuche in Wuhan von Belang. Über den Ursprung des Virus wird nach wie vor gestritten. Kretschmer zitiert Christian Drosten, der eine Entstehung in Laboren für unwahrscheinlich hält und in China gezüchtete Marderhunde als Quelle vermutet, deren Fell für Pelzbesatz an Jacken genutzt wird: "Marderhunden und Schleichkatzen wird lebendig das Fell über die Ohren gezogen. Die stoßen Todesschreie aus und brüllen, und dabei kommen Aerosole zustande. Dabei kann sich dann der Mensch mit dem Virus anstecken."
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Stichwörter: Coronakrise, Corona

Religion

Der deutsche Moscheeverband Ditib ist eine Organisation des türkischen Staats in Detuschland - sie untersteht direkt dem türkischen Präsidium für religiöse Angelegenheiten, das wiederum dem türkischen Präsidenten unterstellt ist. Nun hat sie sich in NRW eine neue Satzung gegeben und wird von der Landesreiguerng wieder als Partner für den Religionsunterricht an den Schulen einbezogen, berichtet Ralf Pauli in der taz: "Als eines von sechs Mitgliedern einer neuen Kommission darf der Verband künftig mitentscheiden, welcher Stoff im islamischen Religionsunterricht gelernt werden soll, welche Schulbücher geeignet sind und wer eine Lehrbefugnis erhält - auch wenn viele Expert:innen die neue Unabhängigkeit der Ditib stark bezweifeln. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hingegen verteidigte die Kooperation: Sie attestierte dem Moscheeverband ausreichende 'Staatsferne', versprach aber, den Vertrag mit Ditib bei Verstößen umgehend aufzukündigen."
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Gesellschaft

Es gibt noch Majestätsbeleidigung! Julie Burchill, einst eine gefeierte Popjournalistin, heute eher den Konservativen zugewandt, auch wenn man sie eher als Anarchistin bezeichnen sollte, erlebt auf Twitter einen Sturm der Entrüstung. Aber Brendan O'Neill nimmt sie bei Spiked-Online in Schutz: "Dies ist der Kommentar, für den Burchill an den metaphorischen Pranger gestellt und mit faulen Tweets überschüttet wurde: 'Was für eine verpasste Gelegenheit! Sie hätten es Georgina Floydina nennen können!' Sie bezog sich damit auf Harrys und Meghans neugeborene Tochter Lilibet Diana. Warum haben der Herzog und die Herzogin von Woke ihren Sprössling nicht nach George Floyd benannt statt nach Queen Elizabeth und der Prinzessin von Wales? Das war Burchills sündhafte Stichelei." Burchills Konto auf Twitter scheint inzwischen gelöscht zu sein. Laut Independent wurde Burchill als Kolumnistin beim Daily Telegraph gefeuert, weil ihr Tweet als rassistisch angesehen wird.

Die Alice-Schwarzer-Stiftung hat zusammen mit derer Giordano-Bruno-Stiftung und dem Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) eine repräsentative Umfrage zum Verhältnis der Deutschen zum Islam vorgelegt, über die Emma heute online berichtet. Die Deutschen sind demnach durchaus zu differenzierten Einsichten fähig: "So finden 65 Prozent, dass 'Muslime dasselbe Recht auf Religionsfreiheit haben müssen' wie Christen. Gleichzeitig aber meinen nur 5 Prozent der Befragten, vom Islam gehe keinerlei Bedrohung für die deutsche Gesellschaft aus. Eine Mehrheit von 63 Prozent erlebt allerdings nicht 'den Islam' als bedrohlich, wohl aber bestimmte islamistische Gruppen, von denen befürchtet wird, dass sie das gesellschaftliche Klima verändern und zu einem Rückschritt in Toleranz und Gleichberechtigung der Geschlechter beitragen könnten."

In der Welt ärgert sich Sergey Lagodinsky über eine Aufforderung im Tagesspiegel an drei junge Juden, sich nicht ausgerechnet mit einer Kippa auf dem Kopf unter eine Anti-Israeldemo zu mischen, wenn sie Ärger vermeiden wollten. "Als Jurist und Innenpolitiker weiß ich, dass Deeskalation bei Demonstrationen immer eine wichtige Komponente bleibt. Doch eine Empfehlung an jüdische Menschen, sich nicht als Juden erkennbar zu machen, ist keine Strategie der Deeskalation, weil sie etwas abverlangt, was in einer liberalen Demokratie inakzeptabel ist: die Verleugnung der eigenen Identität aus Angst vor Demokratiefeinden. An dieser Stelle ist nicht die Klugheit, sondern die demokratische Resilienz der richtige Leitbegriff: Wir müssen lernen, Freiräume in unserer Gesellschaft zu verteidigen, statt No-Go-Areas zu normalisieren."
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Ideen

Die Debatte im Blog newfascismsyllabus.com zu A. Dirk Moses' Polemik gegen den "Katechismus der Deutschen" (unsere Resümees und mehr hier) geht weiter. Der amerikanisch-jüdische Historiker Andrew Port stimmt Moses mit Einschränkungen zu und erzählt, wie er selbst schon seit einiger Zeit vom "Glauben" abfiel - und wieder einmal zeigt sich, dass es in dem neuen Historikerstreit eigentlich um Israel geht: "Lange Zeit habe er fest geglaubt, an der Seite Israels stehen zu müssen, "eine Art religiöses Dogma, um bei Moses' religiöser Terminologie zu bleiben. Juden, so schworen wir, würden nie wieder wie Lämmer zur Schlachtbank gehen, eine Überzeugung, die oft zu einer reflexhaften Verteidigung der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern führte. In meinem letzten College-Jahr aber sagte mir ein Kommilitone in einer politischen Diskussion, dass der Holocaust das 'Beste' sei, was den Juden je passiert sei, weil sie ihn benutzten, um ihre Behandlung der Palästinenser zu rechtfertigen. Die Bemerkung fand ich damals ungeheuerlich, und ich finde die Formulierung immer noch anstößig und extrem geschmacklos, um das Mindeste zu sagen. Manche würden sie als antisemitisch bezeichnen. Aber es war das erste Mal, dass ich mit solchen Argumenten konfrontiert wurde, und es setzte einen schwierigen Prozess der Selbstreflexion und Gewissensprüfung meinerseits in Gang, der bis heute andauert."

Da wir nun fortwährend aus dem in Deutschland eher unbekannten Blog New Fascism Syllabus zitieren, hier auch ein Link auf die "About"-Seite des Blogs: "Der #NewFascismSyllabus ist eine durch Crowd Sourcing organisierte-Sammlung von Schriften zur Geschichte faschistischer, autoritärer und populistischer Bewegungen und Regierungen im 20. und 21. Jahrhundert. Sie soll als populärer Einstieg in die wissenschaftliche Literatur für diejenigen dienen, die tiefere Einblicke darüber suchen, wie vergangene Gesellschaften zu Varianten des rechten Autoritarismus tendierten und diese erlebten." Der Link zum Editorial Board des Blogs funktioniert leider nicht, hier ein Link zum Team.

Auf geschichtedergegenwart.ch bringt die postkolonialistische Historikerin Zoé Samudzi die Debatte um A. Dirk Moses in den Kontext mit der jüngsten Anerkennung des Völkermords an den Herero durch die deutsche Regierung, die erst jüngst erfolgte (unsere Resümees) und mit der Zahlung von einer Milliarde Euro verbunden wird. Für Samudzi ist das bei weitem zu wenig. Und dafür legt sie dar, dass der Völkermord in den deutschen Kolonien in einer Linie mit dem Holocaust steht: "In den Herero-Kriegen von 1904-08 wurden 80 Prozent der Ovaherero und fast die Hälfte der Nama vernichtet. Wenn man das wissenschaftliche Nachleben dieses Genozids, der durch eine grundsätzliche Anti-Blackness angetriebenen wurde, und dessen Beziehungen zu anderen rassifizierenden Denkkonzepten und Praktiken untersucht, wird der imperiale Denkhorizont besser verständlich, der nicht nur die wilhelminische, sondern auch die nationalsozialistische Rassenpolitik als 'Kampf um Lebensraum' ermöglichte." Bei dem Text handelt es sich ebenfalls um eine Übernahme aus newfascismsyllabus.com. Hier der Originaltext.

In der NZZ hält Slavoj Žižek unsere Covid-19-Müdigkeit für "ideologisch verursacht" - durch zu viel kapitalistischen Leistungszwang: "Die Pandemie hat uns auch daran erinnert, dass wir nicht Mittelpunkt, sondern Teil der Natur sind, weshalb wir unsere Lebensweise ändern müssen. Wir müssen unseren Individualismus einschränken, eine neue Solidarität entwickeln und unsere bescheidene Stellung im Leben auf unserer Erde akzeptieren."
Archiv: Ideen