9punkt - Die Debattenrundschau

Atome und Leere

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.02.2019. In Paris ist Alain Finkielkraut von Gilets jaunes antisemitisch beschimpft worden - in den sozialen Netzen und den Medien wird heftig über den Vorfall diskutiert. In Großbritannien wird erbittert über die Frage debattiert, ob man IS-Kämpfer und ihre Ehefrauen zurückkommen lassen soll - ja, meint Kenan Malik im Observer. Netzpolitik veröffentlich das "Framing"-Papier der ARD, das  diese aus "urheberrechtlichen Gründen" nicht freigeben wollte. In der taz fordert Verleger Jörg Sundermeier Regierungshilfen nach der Insolvenz des Grossisten KNV.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.02.2019 finden Sie hier

Europa

In Paris ist der Philosoph Alain Finkielkraut, der zufällig in eine Demonstration von Gilets jaunes geriet, massiv antisemitisch beschimpft worden, eine Szene, die seitdem in Medien und sozialen Netzen für Furore sorgt. Für die "Checknews"-Redaktion von Libération, die auf Leseranfragen Faktenchecks durchführt, hat Jacques Pezet festgehalten, was in den schwer verständlichen Attacken tatsächlich gerufen wurde: "Dreckiger Zionist, geh nach Israel, Frankreich gehört uns" - und so weiter. Ein Streit ist über die Frage entstanden, ob er auch als "dreckiger Jude" bezeichnet wurde. Libération  zitiert ein Statement Finkielkrauts zu der Frage: "Man hat mich nicht als dreckigen Juden beschimpft. Statt dessen beschimpft man mich jedes Mal, wenn ich mich in einer solchen Demonstration blicken lasse, als dreckigen Rassisten. Wenn man als Jude behandelt wird, kann man erhobenen Hauptes weggehen..., aber wenn man als Rassist bezeichnet wird, ist man plötzlich des schlimmsten aller Verbrechen schuldig." Libération hat in dem Artikel auch alle Videos eingebunden, die von dem Vorfall exisitieren.

Die Beschimpfungen kamen wohl hauptsächlich von Gelbwesten, die sich als "links" betrachten, aber so leicht ist das nicht auseinanderzuhalten. Interessant lesen sich Reaktionen auf das Video aus den Reihen der Gilets jaunes, die Alexandre Sulzer für den Parisien zusammengetragen hat. Eine Anhängerin des Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon sagt: Was die Demonstranten gesagt hätten, sei weniger kritikwürdig als "die schändlichen Aussagen Finkielkrauts, der dafür ist, palästinensische Kinder zu töten. Man müsste verifizieren, aber ich glaube, er hat das gesagt. Wenn das so Medientypen sind wie er, dann spricht man von Provokation. Wenn das einer auf der Straße ist, dann ist das gleich Antisemitismus." Eine Anhängerin des Front national in der selben Demo spricht dagegen von einer Verschwörung: Das sei ein Coup, der "von der Macht organisiert" sei.

Für die SZ resümiert Joseph Hanimann die Vorfälle. Einer der im Video am lautesten Schimpfenden ist inzwischen laut Le Parisien als ein polizeibekannter Islamist identifiziert worden.

In Großbritannien ist ein bitterer Streit - wie auch hierzulande - darüber ausgebrochen, ob man Briten, die sich der Terrorgruppe Islamischer Staat in Syrien angeschlossen haben, zurück ins Land kommen lässt. Anlass ist eine junge Frau, Shamima Begum, die mit 15 Jahren zusammen mit zwei Freundinnen nach Syrien reiste, sich dem IS anschloss, einen IS-Kämpfer heiratete und jetzt ein Kind von ihm in einem der Lager in Syrien bekommen hat. Sie möchte laut einem Interview mit der Times zurück nach Britannien, vom IS distanzierte sie sich allerdings nicht, im Gegenteil (eine ausführliche Zusammenfassung in der Daily Mail). Dennoch muss man sie zurückkommen lassen, meint Kenan Malik im Observer: "Nicht, weil sie ein Opfer ist, sondern weil sie eine britische Staatsbürgerin ist. Wir wissen noch nicht, was sie in Syrien getan hat. Aber, was auch immer sie gewesen sein mögen, sie bleibt jemand, dem gegenüber Großbritannien rechtliche und moralische Verpflichtungen hat. Die Verweigerung der Einreise für Begum würde sie aus Großbritannien heraushalten, aber auch jemand anderes zwingen, die Verantwortung für sie zu übernehmen. Das Lager al-Hawl wird von den größtenteils kurdisch-syrischen demokratischen Kräften (SDF) betrieben. Der SDF hat in seinen Kämpfen gegen Isis erstaunliche Verluste erlitten. Warum sollte er jetzt für einen britischen Bürger verantwortlich sein, der seinem monströsen Feind geholfen hat?"
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Medien

Netzpolitik veröffentlicht das "Framing"-Gutachten, das die Forscherin Elisabeth Wehling vom "Berkeley International Framing Institute" im Auftrag der ARD verfasst hat. In dem Gutachten schlägt Wehling einen Sprachgebrauch der ARD-Gewaltigen vor, der die Debatte um die Gebühren und Sender positiv "framen" soll. Das Papier zirkuliert, aber die ARD wollte es nicht veröffentlichen und schob urheberrechtliche Gründe vor.  Markus Beckedahl und Leonhard Dobusch argumentieren bei Netzpolitik: "Für eine öffentliche Debatte ist es aber wichtig, dass sich alle Interessierten aus der Diskussionsgrundlage informieren können. Das Gutachten wurde aus öffentlichen Geldern finanziert und sollte selbstverständlich auch nach dem Grundsatz 'Öffentliches Geld, öffentliches Gut' ('Public money, public good') allen Beitragszahlerinnen und -zahlern verfügbar sein."

Hier das Gutachten als pdf-Dokument.

Am Wochenende hat Maxim Biller Frank Schirrmacher posthum und einige noch lebende Spiegel-Redakteure als "Linksrechtsdeutsche" attackiert, also als Linke, die doch irgendwie auch Sympathien für die Rechte empfinden (unser Resümee). Einer der Angegriffenen, obwohl nicht persönlich Genannten war Tobias Rapp, der für den Spiegel ein Porträt über den Verleger Götz Kubitschek geschrieben hat und sich gegen den Vorwurf irgendwelcher rechter Sympathien verwahrt. Die Salonkolumnisten drucken seinen Facebook-Post nach, in dem er ausführlich aus seinem (nicht online stehenden) Kubitschek-Porträt zitiert. "Ich habe Kritik für diesen Text bekommen und ich bin dem Streit auch nie ausgewichen. Aber mir zu unterstellen, ich würde den Rechten Tipps geben, weil ich eigentlich ja auch eine SS-Gerte im Schrank hätte, ist absurd."
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Kulturmarkt

"Die Regierung muss ja nicht immer nur die Deutsche Bank retten", schreibt der Gründer des Verbrecher Verlags, Jörg Sundermeier in der taz mit Blick auf die Insolvenz des Grossisten KNV, die die gesamte Branche aufstört. Die Insolvenz sei zwar nicht die Folge der Buchhandelskrise, aber sie bringe viele Verlage und Buchhändler in Bedrängnis: "Nicht nur verlieren einige Verlage vielleicht mehrere lebenswichtige zehntausend Euro, auch wird KNV von vielen Firmen nun nicht mehr beliefert. Das Unternehmen soll bereits Lieferengpässe haben und angebundene Buchhandlungen schlechter bedienen können, was wiederum diesen Buchläden Probleme bereitet." Benno Stieber erkundet für die taz die Hintergründe der Insolvenz, die hausgemacht sei.
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Archiv: Kulturmarkt
Stichwörter: Buchhandel, Buchbranche, Knv

Religion

Sven Hansen stellt in der taz die Anwältin Sneha Parthibaraja vor, die es als erste Inderin geschafft hat, in ihren persönlichen Papieren alle Angaben über Kastenzugehörigkeit streichen zu lassen: "Die Kastenzugehörigkeit entscheidet .. über den Zugang zu bestimmten Sozialleistungen, Studienplätzen oder Jobs im Staatsdienst. Diese werden über ein System vergeben, das Quoten für niedrige Kasten kennt. Wurde früher gehofft, das Kastensystem werde im Laufe der Jahre ohnehin an Bedeutung verlieren, so hat gerade die Quotierung das System letztlich weiter zementiert."
Archiv: Religion
Stichwörter: Indien, Kastensystem

Ideen

Die NZZ hat ein Radiointerview mit Richard Rorty ins Deutsche übersetzt, das Robert P. Harrison mit dem 2007 verstorbenen Philosophen führte. Rorty singt ein Loblied auf die Entwicklungsmöglichkeiten der liberalen Demokratie, für die es keine Metaphysiker braucht: "Ich glaube, das Hauptproblem der Metaphysik ist, dass es sich bei ihr um ein Spiel ohne Regeln handelt. Die Natur der Wirklichkeit ist geistig, würde ein deutscher Idealist des 19. Jahrhunderts sagen. Jemand anderer sagt: Nein, die Natur der Wirklichkeit besteht aus Atomen und Leere. Wie wollen wir über eine solche Frage entscheiden? Wenn es um echten oder laktosefreien Rahm geht, können wir gewisse Kriterien anwenden. Das Problem der Metaphysik besteht gerade darin, dass irgendjemand irgendetwas sagen und damit durchkommen kann."
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Stichwörter: Rorty, Richard, Metaphysik