9punkt - Die Debattenrundschau

Diese teuflisch schöne Sexbombe

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.02.2019. In der Welt attackiert Maxim Biller den Spiegel, der in neuer linksrechtsdeutsche Manier seinen Frieden nicht nur mit den Nazis der Vergangenheit mache, sondern auch mit denen der Gegenwart. Die NZZ pocht auf ein #MeToo für die muslimischen Länder. Die SZ misst in Freiburg der gestressten Großstadt den Puls. Die FAZ blickt auf den Abgrund der Verlogenheit, der sich im Russischen Staatsfernsehen auftut. Die taz fragt: Wer ließ die Ukrainerin Katja Handsjuk ermorden?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.02.2019 finden Sie hier

Ideen

In der Welt zerrt Maxim Biller einen neuen Typus des Opportunisten ans Tageslicht: Den Linksrechtsdeutschen, der prototypisch von Frank Schirrmacher vorweggenommen war. Schirrmacher konnte Marcel Reich-Ranicki und Ernst Jünger zugleich verehren, Martin Walser vernichten und Nico Hoffmanns Landserschmonzette "Unsere Mütter, Unsere Väter" feiern. Zum Zentralorgan des Linksrechtsdeutschen sei mit dem Aufstieg der AfD jedoch der Spiegel geworden: "Seitdem gibt es im Spiegel - für den natürlich auch eine Menge ideologie- und charakterfester Leute arbeiten, die dort aber zurzeit so eine Art schweigende, staunende Mehrheit bilden - regelmäßig diese auffällig ambivalenten, manisch einfühlsamen Porträts von Kubitschek, seiner Frau, und noch mal von Kubitschek, wie sie sich sonst keiner in der bürgerlichen Presse traut, weder in der Zeit, noch der FAZ und schon gar nicht in der taz. Es gibt schon mal eine zaghaft kritische, allzu sehr auf das menschliche fixierte Gauland- oder Höcke-Story, und eine seitenlange Geschichte über diese teuflisch schöne Sexbombe von den Identitären darf natürlich auch nicht fehlen."

Vor hundert Jahren hielt Max Weber seinen berühmten Vortrag "Politik als Beruf", dem wir all die Topoi verdanken, die heute so gern repetiert werden: Die charismatische Herrschaft, Gesinnung und Verantwortung, das Bohren dicker Bretter. In der Welt beruhigt Wolf Lepenies heutige Mandatsträger: "Ein Rollenmodell für amtierende Politiker liefert der Vortrag aber nicht. Weitgehend sprach Max Weber nicht vom Berufspolitiker, sondern vom 'Politiker aus Berufung'. Dieser sollte fähig sein, Gesinnungsethik und Verantwortungsethik miteinander zu versöhnen, er müsste mit 'heißer Leidenschaft' agieren und zugleich mit Augenmaß, das heißt der Fähigkeit, 'die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen'. Die Rede war von einem Idealtypus, dessen Eigenschaften sich zu einem Überforderungskatalog summierten."
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Medien

Wladimir Putin stützt seine Macht vor allem auf das russische Fernsehen, das regelmäßig über Verschwörungen des Westen berichtet, vor denen der menschenliebende Führer im Kreml das russische Volk beschütze. In der FAZ blickt Friedrich Schmidt abgestoßen auf diesen Abgrund der Heuchelei. "Wichtige Fernsehleute, die bei der Arbeit russische Zustände schönen oder Bedrohungen aus dem Westen ausmalen, haben dort selbst Lebensmittelpunkte. Durch den Antikorruptionskämpfer Aleksej Nawalnyj wurde im November bekannt, dass der Moderator Sergej Briljow, zudem stellvertretender Generaldirektor des Staatssenders Rossija und Stichwortgeber Putins bei vielen Auftritten, seit 2001 neben der russischen die britische Staatsangehörigkeit hat und seit 2016 über seine Frau eine schicke Wohnung in London. Berichtet wurde auch, dass Briljow dorthin häufig auf Staatssenderkosten fliegt."

Ein Jahr nach der Freilassung von Deniz Yücel, betont Susanne Güsten im Tagesspiegel, dass sich die Lage in der Türkei insgesamt nicht verbessert habe: "Nirgendwo auf der Welt werden so viele Journalisten verhaftet wie in der Türkei, teilt das US-Komitee zum Schutz von Journalisten mit. Nach einer Zählung der türkischen Journalistenvereinigung TGC saßen zu Beginn des Jahres 142 Medienvertreter hinter Gittern."
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Politik

Oksana Grytsenko und Daniel Schulz verfolgen in einer riesigen Reportage den Mord an der ukrainischen Aktivistin Jekaterina Handsjuk, die im Juli 2018, vor ihrer Haustür mit einem Liter Schwefelsäure übergossen wurde. Wahrscheinlich stand der Mord in Zusammenhang mit ihrem Kampf gegen die illegalen Abholzung ukrainischer Waldgebiete: "Jekaterina nennt Handsjuk in der Ukraine übrigens kaum jemand, die meisten nennen sie Katja. Der Mord an ihr ist für viele Aktivist*innen ein Symbol für den Kampf geworden, den sie in ihrem Land ausfechten - für das Ringen zwischen den alten korrupten Eliten und Aktivist*innen und Politiker*innen wie Katja Handsjuk."
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Kulturmarkt

Nach der spürt Insolvenz des Buchgroßhändlers KNV spürt SZ-Autor Thomas Jordan den Schockwellen in der Verlagsbranche nach, etwa beim Kleinverleger Stefan Weidle: "'Die Einnahmen der letzten zwei Monate werden nicht ausbezahlt', sagt der Bonner Kleinverleger. Für viele Kollegen von Weidle ist das besonders schmerzlich, weil damit auch die Einnahmen des Weihnachtsgeschäfts des vergangenen Jahres auf dem Spiel stehen. Bücher, die Verleger vor Weihnachten an KNV geliefert haben, sind noch nicht bezahlt. 'Das wird einige kleinere Verleger in den Tod reißen', befürchtet Weidle."
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Gesellschaft

Schön, dass #MeToo so hohe Wellen geschlagen hat, meint die Deutsch-Syrerin Laila Mirzo in NZZ. Aber warum spielen dabei Ehrenmorde und Vergewaltigungen in muslimischen Ländern keine Rolle? "Eine Frau, die dort einen sexuellen Übergriff meldet, wird oft selber dafür bestraft. Dies geschieht auch in 'Hochglanz'-Ländern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Frauen werden selbst in Haft genommen, weil ihnen 'vorehelicher Geschlechtsverkehr' vorgeworfen wird. Die Scharia wertet eine Vergewaltigung als außerehelichen Sex, wenn der mutmaßliche Täter nicht geständig ist oder die Frau nicht vier männliche Zeugen benennen kann. Ist die Frau verheiratet, wird sie sogar wegen Ehebruchs verurteilt. In Ländern wie Saudiarabien oder Iran droht ihr dann sogar die Steinigung. Ist das nun alles eine Fehlinterpretation des Islam?"

Das urbanistische Stresssymptom der Gegenwart heißt Nachverdichtung und Stadterweiterung, stellt Gerd Matzig in der SZ fest: In Freiburg liegen gerade Bürger, Bauern und Stadtplaner miteinander wegen einer geplanten Stadterweiterung im Clinch, der Erschließung des idyllischen Dietenbachgebiets: "Freiburg ist überall. Die Folgen der Verstädterung sind allenthalben schmerzhaft spürbar. Doch einige Lehren gibt es für die Zukunft. Erstens: Hätte man das Land nicht abgehängt, hätte man jetzt nicht die Probleme in den Städten. Zweitens: An der Wohnungskrise sind nicht die Wohnenden schuld - sondern die fehlende oder jedenfalls irrlichternde Wohnungsbaupolitik in Deutschland. Drittens: Bewahrt den Boden! Aber nicht vor dem Wohnen, sondern vor den Gewerbegebieten."
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