9punkt - Die Debattenrundschau

Das Wortwörtliche

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.12.2018. Überall ist es still, nur in den Medien nicht: Sie sind mit sich beschäftigt. Der Fall des journalistischen Fälschers Claas Relotius treibt sie um: Ist er nur ein Einzelfall oder ein Symptom? Aber auch gegen Robert Menasse erheben Heinrich August Winkler und die Welt Vorwürfe. Und dann noch dies: Der Dumont Verlag verliert den Auftrag für das Bundesgesetzblatt. Außerdem trauern die Feuilletons um den Polemiker Wolfgang Pohrt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.12.2018 finden Sie hier

Medien

Sehr grundsätzlich kritisiert Christian Humborg von der Wikimedia Stiftung bei Carta die Aufarbeitung der Relotius-Affäre durch den Spiegel. Erstens stört ihn, dass der designierte Chefredakteur Ullrich Fichtner die Geschichte aufgeschrieben hat und damit die Wahrnehmung des Falls prägt. Zweitens und noch wichtiger meint er, dass der Spiegel externe Fachleute hätte berufen sollen, um den Fall zu untersuchen und eventuelle Konsequenzen zu empfehlen: "Eng verknüpft mit der mehr als unglücklichen 'Selbstaufklärung' ist die in meinem Augen überhastete und falsche Besetzung der sogenannten 'internen Kommission' zu bewerten. Zwei der drei Mitglieder sind Spiegel-Leute: Clemens Höges ist der ehemalige stellvertretende Chefredakteur. Stefan Weigel beginnt ab Januar als Nachrichtenchef. Allein Brigitte Fehrle ist extern und wird die ganze Verantwortungslast tragen müssen." Erstaunlich findet Humborg auch, das der Spiegel bei juristischen Konsequenzen zu zögern scheint.

Jahrzehntelang wurde in Deutschland das Genre der gefühlsseligen Reportage gefeiert, mit der man sich am besten für den Kisch-Preis und den Job beim Spiegel oder der SZ qualifizieren konnte. Nun wird es überall harsch kritisiert, so etwa von Welt-Autor Thomas Schmid in seinem Blog: "Die aufgeplusterten Texte wirken oft wie ein einziges Buhlen um narzisstische Exzellenz. Wer hat die schönste Metapher? Wer die steilste These? Wer den innigsten Blick auf die Hinterbühne der Macht? Wer versteht es - ohne in den Verdacht der Häme zu geraten - am besten, den eben noch gefeierten Politiker als armes Würstchen erscheinen zu lassen? Der Wettbewerb dieser selbstverliebten Exzellenzdarsteller droht, zu einem selbstreferenziellen Spiel zu werden."

Es ist ja nicht mal Literarisierung, was Relotius in seinen Reportagen betrieben habe, schreibt Claudius Seidl in der FAS mit Verweis auf ein SZ-Interview Juan Morenos (unser Resümee), also des Relotius-Kollegen, der dem Skandal auf die Spur kam: "Es ist, als baute man die Welt aus Legosteinen nach; als spielte man Schicksal mit Playmobilfiguren. Und wenn sogar Moreno im Interview vermutet, das Genre der Preisträgerreportage habe sich in den vergangenen Jahren immer mehr der Literatur angenähert; was die Redaktionen forderten, seien letztlich Kurzgeschichten: Dann möchte man fragen, wann er zum letzten Mal F. Scott Fitzgerald oder William Faulkner gelesen habe."

Der Medienwissenschaflter Bernhard Pörksen fragt in Zeit online: "Braucht es nicht längst eine neue Sachlichkeit, eine Rückkehr zur strengeren Form oder doch eine absolut offen deklarierte Subjektivität, die die konkrete Schilderung als rein persönliche Wahrnehmung ausweist?" Ob in dem nach dem ersten und zweiten Scannen doch recht konsistenzlosen Riesentext Jan Böhmermanns über den Fall Claas Relotius irgendetwas Substanzielles finden lässt, das irgend jemand zu Weihnachten noch vermisst, sei den Lesern überlassen.

Nachträglich noch der Verweis auf den Blogbeitrag von Armin Wolf zur Affäre.

Noch ein Fall: Wenn der Schriftsteller Robert Menasse in einem Roman über die EU einem Politiker einen Satz in den Mund legt, den dieser nicht gesagt hat, ist das eine Sache. Wenn er es im realen Leben tut, eine andere, meint Ansgar Graw in der Welt. Menasse, der sich für die politische Vereinigung der europäischen Staaten einsetzt, hat in Reden, Artikeln und Diskussionen immer wieder als Kronzeugen Walter Hallstein zitiert, den ersten Kommissionsvorsitzenden des EU-Vorläufers EWG, so Graw: "Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!", soll Hallstein schon Ende der fünfziger Jahre gesagt haben. Tatsächlich hat er diesen Satz nie gesagt, hat jetzt der Historiker Heinrich August Winkler nachgewiesen. Hallstein habe sogar ausdrücklich "der Folgerung widersprochen, 'dass die bestehende politische Ordnung ausgelöscht, durch einen Supranationalstaat ersetzt wird'. Und Hallstein forderte gar, die 'Kraftquellen der europäischen Nationen zu erhalten, ja sie zu noch lebendigerer Wirkung zu bringen'. Auf mehrfache Nachfrage versichert Menasse nun, Hallstein habe das sagen wollen, was er ihm in den Mund legte: 'Die Quelle (Römische Rede) ist korrekt. Der Sinn ist korrekt. Die Wahrheit ist belegbar. Die These ist fruchtbar. Was fehlt, ist das Geringste: das Wortwörtliche.'"

Und noch eine ganz andere Geschichte aus der harschen Wirtschaftswelt der Medien: Der Dumont-Verlag verliert den Auftrag für das Bundesgesetzblatt. Die Veröffentlichungspflicht soll künftig digital erfüllt werden, berichtet Hendrik Wieduwilt in der FAZ unter der Überschrift "Barley nimmt Dumont-Verlag das Gesetzblatt weg." Zwar durften die Gesetze auch bisher digital nachgelesen werden, aber nur in unbrauchbarer Weise - für einen professioneller Digitalzugang wurde Abogebühr verlangt. "Diese Restriktion sorgt für Kritik: Gesetze sind schließlich gemeinfrei... Kürzlich wagte eine Stiftung daher die Selbstjustiz: Die Open Knowledge Foundation veröffentlichte ohne Erlaubnis das Bundesgesetzblatt, frei für alle. Damit will sie ein Zeichen setzen, bricht aber womöglich das Urheberrecht." Justiziministerin Katarina Barley verspricht nun freien Zugang für alle Bürger - und der Dumont-Verlag verliert eine wichtige Einnahmequelle.
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Internet

Facebook und Google geraten wegen ihrer Datensammelei immer mehr in die Kritik, schreiben Caspar Busse und Claus Hulverscheidt in der SZ. Aktiv werden wollen Politiker aber nicht so recht: "'Die Aufsichtsbehörden in den USA haben keinerlei Neigung, allzu strenge Regeln zu setzen, schließlich will niemand amerikanische Firmen außer Landes treiben', sagt Jennifer Grygiel, Dozentin für Kommunikation und Soziale Medien, an der Universität von Syracuse. Zudem hätten weltweit Politiker die sozialen Medien als ideale Plattform entdeckt, um Stimmung zu machen und Stimmen zu sammeln. Dass die US-amerikanische oder irgendeine andere Regierung das Geschäftsmodell der Konzerne tatsächlich im Kern antastet, ist und bleibt deshalb unwahrscheinlich."

Man kann sich ja lange über die Internetkonzerne aufregen, aber die eigentliche Propaganda wird nach wie vor von Staaten und Medienkonzernen betrieben, meint auch Constanze Kurz in ihrer FAZ-Kolumne: "Wer denn eigentlich die Brexit-Propagandakampagnen bezahlt hat, wie genau die schattigen Allianzen zwischen nationalistischen Europa-Feinden und russischen Destabilisierungsinteressen aussehen und welche Rolle dabei bestimmte Verlagsgruppen mit ihren Boulevardmedien und Social-Media-Operationen spielen, das sind die wirklich interessanten Fragen. So zu tun, als wären die Zerrüttung des öffentlichen Diskurses und die zunehmende Spaltung der Gesellschaft eine Art Naturgewalt und als ginge es nur um Social-Media-Bots oder Fake News und nicht um Machtinteressen, geht am Kern des Problems vorbei."
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Stichwörter: Brexit, Soziale Medien

Europa

Die ungarischen Proteste gegen neue Arbeitsgesetze, mit denen Arbeitnehmer zu unbezahlten Überstunden gezwingen werden können, dauern an. Und Viktor Orban ist ratlos, schreibt Ralf Leonhard in der taz: "Die Proteste werden von jungen Menschen getrieben, die Orbán nicht als den mutigen Liberalen im Gedächtnis haben, der einst auf dem Heldenplatz Brandreden gegen das kommunistische Regime hielt. Sie kennen ihn als autoritären Caudillo, der sich und seinen Spezis die Taschen füllt. Anders als die sehr zurückhaltend auftretenden Bürgerlichen, die für Pressefreiheit oder die CEU auf die Straße gingen, hat diese Generation keine Scheu, sich mit Polizisten anzulegen und obszöne Slogans zu singen."
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Stichwörter: Ungarn

Ideen

Wolfgang Pohrt ist gestorben, ein einst bei den Grünen und der Friedensbewegung und auch der taz (die ihn aber anders als die Zeit schreiben ließ) verhasster Publizist, der nach der Wiedervereinigung verstummte. In der taz schreibt Klaus Bittermann den Nachruf, der in seiner Edition Tiamat die Werke Pohrts herausgibt. Ein rotes Tuch sei Pohrt für den Mainstrem gewesen, "da er nicht aufhörte, schon frühzeitig den linken Antisemitismus und die nationale Identität zu zerpflücken und sich in die großen Kulturbetriebsdebatten einzumischen. Pohrt hat wie kein anderer 'Erhellendes über das KZ-Universum geschrieben' (Lothar Baier), er legte die Motive der RAF und ihrer Anhänger genauso offen wie er für eine Amnestie der Gefangenen eintrat, er machte sich über Sloterdijks 'Schrebergärtnerphilosophie' lustig, bezeichnete die Hausbesetzerbewegung als 'Rebellion der Heinzelmännchen' und verfolgte den Weg des Kursbuchs in 'die neudeutsche Klebrigkeit'." Auf der Website seines Verlags publiziert Bittermann eine Gespräch über Pohrt.

Im Tagesspiegel schreibt Malte Lehming den Nachruf und erinnert daran, dass Pohrt noch 2012 dort eine Polemik schrieb, die zeigte, dass er beim Thema Islamkritik auch zu Dummheiten fähig war. In der FAZ schreibt Lorenz Jäger.
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Stichwörter: Pohrt, Wolfgang