9punkt - Die Debattenrundschau

Wir müssen es regulieren. Hart. Irgendwie

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.12.2018. Sibylle Berg unterhält sich in republik.ch mit der amerikanischen Politologin Valerie M. Hudson über die Urgeschichte der Unterdrückung der Frauen. Emmanuel Macrons heutige Probleme mit den "Gelben Westen" kann man auch als Rache der beiden von Macron besiegten Extremismen auffassen, schreibt Hanser-Lektor Wolfgang Matz in der FAZ. Tablet kann es kaum fassen: Die prominente Autorin Alice Walker empfiehlt in der New York Times einen krass antisemitischen Autor. Cicero beschreibt nach dem Urteil gegen Lamya Kaddor die "Islamophobie-Szene".
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.12.2018 finden Sie hier

Europa

Emmanuel Macrons heutige Probleme mit den "Gelben Westen", die ihn fast als Zauberlehrling erscheinen lassen, kann man auch als Rache der beiden von Macron besiegten Extremismen auffassen, schreibt Hanser-Lektor und Frankreichkenner Wolfgang Matz in einem furiosen Essay für die FAZ: "Weil einer, der weder rechts noch links sein will, in dieser Traditionsoptik zwangsläufig 'rechts' ist, wird Macron zum 'Rechten' erklärt. Die Hoffnung, diese urfranzösische Links-rechts-Geschäftsgrundlage könne mit ihm endlich abwandern ins Archiv der Geschichte, hat leider getrogen. Die Le Pen-Mélenchonsche Dauerpolemik gegen den 'Präsident der Reichen' und den 'Rothschild-Bankier' - seit der Dreyfus-Affäre das klassische Markenzeichen für antisemitisch-antikapitalistische Denunziation - war so effizient, wie mancher Optimist es nicht mehr erwartet hat."
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Ideen

Sibylle Berg unterhält sich in republik.ch mit der amerikanischen Politologin Valerie M. Hudson, die offenbar eher anthropologisch argumentiert, über die Urgeschichte der Unterdrückung der Frauen durch die Männer: "Für Männer sind andere Männer die wirkliche Bedrohung, nicht Frauen", sagt Hudson. "Ein einzelner Mann in einer Welt von Männern, die bereit sind, Gewalt und Zwang anzuwenden, um das zu bekommen, was sie wollen (weil sie diese Fähigkeiten durch die Dominanz über Frauen gelernt haben), wird de facto ein sehr unsicherer Mann sein. Die Lösung für diese Art von männlicher Unsicherheit ist die Bruderschaft ... Um die Bruderschaft aufzubauen, müssen sie ihr jedoch die Interessen aller Frauen unterordnen. Fraternität ist auf dem Rücken unterworfener Frauen aufgebaut. Und so umfassen die gesellschaftlichen Normen, die Patrilinearität, Patrilokalität, männerkontrolliertes Eigentum mit sich bringen, die Präferenz des Sohnes, das niedrige Heiratsalter für Mädchen, Brautpreis, Mitgift, Verwandtschaftsheirat, Polygamie, Frauen-Infantizid, diskriminierendes Familienrecht und andere Praktiken, die Frauen entwerten und sie den Männern unterstellt halten."

Yair Rosenberg kann es im Tablet Magazine kaum fassen: Die prominente Autorin Alice Walker ("The Color Purple") empfiehlt in einem Gespräch mit der New York Times (deren Interviewer nicht nachfragen) in warmen Worten das Buch "And the Truth Shall Set You Free" von David Icke: "Der ehemalige Fußballspieler wurde zum professionellen Hasspropheten und gilt heute als einer der einflussreichsten Verschwörungstheoretiker in Europa und Britannien. Er hat heute über 777.000 Follower auf Facebook und spricht vor Publikum auf der ganzen Welt. Wie viele Verschwörungstheoretiker behauptet Icke, dass die Verschwörung zufällig jüdisch ist." Zu den Dingen, die er laut Rosenberg behauptet, zählen: "Der Talmud gehört zu den krassesten rassistischen Dokumenten des Planeten... B'nai Brith, die älteste jüdische Organisation, steht hinter dem Sklavenhandel.... Juden stehen hinter antisemitischen Attacken."
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Wissenschaft

Egal, wie man dazu steht, der chinesische Arzt He Jiankui hat mit dem Eingriff in die Keimbahn zweier Zwillings-Mädchen Fakten geschaffen, meint der Mediziner Alois Gratwohl in der NZZ. Da nützen Verbote nichts mehr. Zeit für eine Diskussion, was für eine Art von Gentherapie wir künftig wollen: "Die gegenwärtige Diskussion betont einseitig die Verurteilung des Geschehenen. Sie riskiert eine Polarisierung der Gentherapie in eine 'gute somatische' und eine 'böse Keimbahn'-Gentherapie. Sie verdrängt, dass beide Therapieformen die gleiche Technik anwenden, mit der Gefahr unbekannter Nebenwirkungen und Spätfolgen bei beiden. ... Die Zeit drängt. Dr. He hat einen irreversiblen Prozess ausgelöst. Er ist vergleichbar mit der ersten Herztransplantation von Christian Barnaard im Jahr 1967. Auch damals wurden viele medizinische und gesellschaftliche Fragen aufgeworfen, wurde Neuland betreten. Über die Zeit hat es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dabei geschafft, international anerkannte 'guiding principles' für die Organ-, Zell- und Gewebetransplantation aufzustellen." Warum sollte das für die Gentherapie nicht wieder gelingen?
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Stichwörter: Gentherapie, Crispr

Medien

Die Leute an Speakers's Corner werden von Passanten meist belächelt - Fanatiker, Verschwörungstheoretiker und Radikale, sollen sie nur ins Leere brüllen, denkt man sich und geht weiter. Vernünftig, findet Felix Simon in der NZZ und plädiert für "strategische Stille" der Medien gegenüber den Milo Yiannopoulos' und Steve Bannons dieser Welt: "Denn "extremistischen Gruppen oder Individuen und ihre Theorien sind am Ende oft nur so erfolgreich, wie die Medien es sie sein lassen. Es wäre nicht das erste Mal. In der Tat gibt es historische Vorbilder für diese Vorgehensweise. Die Sozial- und Technologieforscherinnen Danah Boyd und Joan Donovan zeigten kürzlich, wie amerikanische Zeitungen in den Südstaaten zuerst in den 1920er und später in den 1960er Jahren erfolgreich halfen, den Ku-Klux-Klan und die American Nazi Party einzudämmen, indem sie bewusst darauf verzichteten, die rassistischen und antisemitischen Ideen dieser Gruppen durch ihre Berichterstattung weiterzuverbreiten."
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Politik

Zwei Berichte - einer für den amerikanischen Senat, einer von einem Institut in Oxford - zeigen mehr im Detail, wie russische Trolle im Auftrag der Petersburger "Internet Research Agency" versuchten, über die sozialen Medien die amerikanischen Wähler zu beeinflussen. Besonders intensiv wurden neben rechten auch dezidiert linke und schwarze Wähler ins Visier genommen, berichten Scott Shane and Sheera Frenkel in der New York Times: "Während die rechten Seiten Trumps Kandidatur unterstützten, setzten die linken Seiten Clinton herab und promoteten Senator Bernie Sanders und die grüne Kandidatin Jill Stein. Die Wählerbeeinflussung zielte besonders auf Sanders-Unterstützer und schwarze Wähler und und drängte sie, Clinton bei den Parlamentswahlen zu ignorieren und entweder für Stein zu stimmen oder zuhause zu bleiben."
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Internet

Google stellt sein Projekt einer zensierten chinesischen Suchmaschine (unsere Resümees) ein, nachdem Mitarbeiter nach Presseberichten über das Projekt protestiert hatten, berichtet Ryan Gallagher bei The Intercept: "Der Vorfall ist ein großer Rückschlag für die Topmanager von Google, einschließlich CEO Sundar Pichai, die aus dem Projekt in den letzten zwei Jahren eine ihrer Prioritäten gemacht hatten. Der Streit begann Mitte August, nachdem The Intercept enthüllt hatte, dass Google-Mitarbeiter, die 'Dragonfly' entwickelten, eine in Peking basierte Website benutzten, um schwarze Listen für die zensierte Suchmaschine zu erstellen."

"Wir wissen nicht, von was wir reden, wie wir es erkennen, welchen Einfluss es hat - aber wir müssen es regulieren. Hart. Irgendwie. Und vor allem ganz ganz schnell." So kritisiert Markus Reuter in Netzpolitik die aktuelle Diskussion über "Bots" - also automatisierte und gefälschte Konten - in den sozialen Medien, deren Einfluss noch gar nicht erwiesen ist: "Im großen Werkzeugkasten von Online-Kampagnen und Propaganda erscheint der Social Bot derzeit eher als banaler Holzhammer, mit dem man ein bisschen auf Postings und Hashtags einknüppeln kann, um diese zu verstärken. Ob diese maschinelle Verstärkung aber überhaupt bei Otto Normalsurfer ankommt, ist schon fraglich. Viel spannender in Sachen Verstärkung sind die Auswahlkriterien, die bestimmen, was Menschen zum Beispiel auf Facebook im Newsfeed sehen."
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Gesellschaft

Nuicht nur Lamya Kaddor hat das Gerücht über Necla Kelek verbreitet, sie unterstelle muslimischen Männern einen Hang zur Sodomie, eine ganze Phalanx von Autorinnen und Autoren hat es begierig aufgegriffen und weiterverbreitet, schreibt Jörg Metes bei Cicero mit Blick auf das Urteil des Landgerichs Berlin, das Kaddor nun wegen des Falschzitats verurteilte (unsere Resümees). Zu diesen Autoren gehörte etwa der FAZ-Redakteur Patrick Bahners (hier): "Die Szene, in der Lamya Kaddor mit ihrem Gerücht auf Glauben gestoßen ist, hat noch keinen richtigen Namen. Nennen wir sie die Islamophobie-Szene: das Gerücht begegnet einem vor allem in Texten, die von Vorurteilen gegen Muslime handeln. Es gibt viele solcher Texte. Der Kampf gegen das, was man in der Islamophobie-Szene unter Islamophobie versteht, ist ein Geschäft. Das Gerücht begegnet einem - als Tatsachenbehauptung wohlgemerkt - insbesondere auch in wissenschaftlichen Texten: in Artikeln, Aufsätzen, Vorträgen und sogar Doktorarbeiten."
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