9punkt - Die Debattenrundschau

In kurzer Hose mit Holzgewehr

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.07.2018. Wenn Äußerungen über Donald Trump bisher finster waren, so drehen sie nach seinem Treffen mit dem bewunderten Wladimir Putin ins Apokalyptische. Wir verlinken auf das beeindruckende Statement John McCains auf der Seite des amerikanische Senats. Der Guardian entwickelt  unterdessen ein Szenario für die Zeit nach Trumps Wiederwahl. Die Berliner Zeitung schildert die totale Auslastung Berliner Bibliotheken und die für die fernere Zukunft in Aussicht gestellte Lösung des Problems. Im Freitag spricht die Lehrerin Hildegard Greif-Groß über Mobbing, Religion und Politik.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2018 finden Sie hier

Politik

Alle sind sich einig, dass Donald Trumps Europa-Reise eine Katastrophe war. Den Höhepunkt bildete sein Treffen mit Wladimir Putin. Robin Wright hat für den New Yorker die Reaktionen einiger politischer Figuren in Amerika gesammelt, die nicht als Linke gelten: "Senator John McCain nannte Trumps Bemerkungen 'eine der schändlichsten Leistungen, die von einem Präsidenten in Erinnerung sind'. John Brennan, der ehemalige CIA-Direktor, sagte, Trumps Respekt vor Putin sei 'nichts weiter als Verrat'. In einem Tweet nannte er Trumps Äußerungen 'dumm'. Sie zeigten, dass Putin 'Trump ganz und gar in der Tasche hat'. Trumps Wirken grenze an 'Hochverrat und Verbrechen'. Und Brennan fügte hinzu: 'Wo seid ihr, Republikaner??'" Meedia sammelt einige der Reaktionen, die selbst beim Sender Fox News entsetzt klingen.

Und John McCains unglaubliches Statement geht noch weiter. Die Seite des amerikanischen Senats mit diesem Statement ist heute die am meisten durch Twitter verlinkte Seite: "Es ist verlockend, die Pressekonferenz als einen erbärmlichen Ausfall zu beschreiben, als Beispiel für schlechte Vorbereitung und Unerfahrenheit. Aber dies waren nicht ein paar abwegige Tweets eines Politik-Novizen. Dies waren bewusste Entscheidungen eines Präsidenten, der entschlossen zu sein scheint, seine Wahnvorstellungen von einer herzlichen Beziehung zu Putins Regime ohne Rücksicht auf die wahre Natur von dessen Herrschaft, die gewaltsame Missachtung der Souveränität seiner Nachbarn, die Komplizenschaft bei der Abschlachtung des syrischen Volks, die Verletzung internationaler Verträge, den Angriff auf demokratische Institutionen in der ganzen Welt zu realisieren."

Michael H. Fuchs entwirft für den Guardian folgendes Szenario für den Tag nach Trumps Wiederwahl: "Wladiwostok, Russland. Bestärkt durch seine Wiederwahl landete US-Präsidenten Donald Trump heute in Russland, um am ersten Treffen der 'Group of 3' (G3) mit Präsident Putin aus Russland und Präsident Xi Jinping aus China teilzunehmen, das die Einflusssphären in Europa und Asien abgrenzen soll. Die Nato ist ein Schatten ihrer selbst, die Vereinigten Staaten sind nur noch technisch ein Mitglied, da der Kongress Trump keinen  Rückzug gestattet. Japan hat vor kurzem die Gründung eines Atomwaffenprogramms angekündigt, nachdem Trump sich nach einem Friedensvertrag von der koreanischen Halbinsel zurückzog, obwohl Nordkorea sein Atomprogram nicht aufgegeben hat. Der Rest Asiens strebt gute Beziehungen zu China an, dem neuen regionalen Hegemon."
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Medien

Kleiner Sturm im Wasserglas der hiesigen Medien- und Honoratiorenlandschaft: Der ehemalige CDU-Politiker Friedrich Merz lehnt einen Preis der Ludwig-Erhard-Stiftung ab, weil deren Vorsitzender Roland Tichy mit Tichys Einblick ein angeblich rechtspopulistisches Medium betreibe. Das Blog selbst, bezeichnet sich als "liberal-konservativ". Aber Detlef Esslinger von der SZ weiß sich mit Merz einig: "Unter jedem Beitrag wirbt Tichys Einblick um finanzielle Unterstützung für 'diese Form des Journalismus'. Aber was für ein Journalismus soll das sein: Irgendwelche Autoren sitzen an ihren Laptops, sparen sich die Recherche und schreiben Texte, in denen sie sich von einem Ressentiment zum nächsten hangeln und mit Demokratie und Rechtsstaat spielen." In der FAZ berichtet  Philip Plickert.

Alexander Wallasch spießt bei Tichys Einblick eine Widerstands-Arie des des Spiegel-online-Kolumnisten Georg Diez auf: "Widerstand ist eine Geisteshaltung, die man einüben kann, Widerstand ist etwas, das man in sich trägt und auf einen wartet", seufzte der, nachdem er eine Lesung über Widerständler im Berliner Dom besucht hatte. "Es ist exakt diese Unernsthaftigkeit, diese kindliche Spielerei in kurzer Hose mit Holzgewehr, die den Blick in das Seelenleben des Autors freigibt", schreibt Wallasch dazu.
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Kulturpolitik

Nikolaus Bernau spricht in der Berliner Zeitung einen seltsamen Widerspruch an: Einerseits hat nur jeder achte Berliner einen Nutzerausweis der Berliner Bibliotheken - andererseits aber sind sämtliche Bibliotheken in Berlin hoffnungslos überbelastet. Die kulturpolitischen Konsequenzen, die die Stadt ziehen, hören sich aufs betrüblichste nach Berlin an: "Zwar beschloss der Senat kürzlich, den seit vierzig (!) Jahren geforderten Neu- und Erweiterungsbau der Zentral- und Landesbibliothek  (ZLB) neben der ehrwürdigen Amerika-Gedenkbibliothek zu errichten. Also dort, wo er 1989 schon einmal entstehen sollte. In dem Jubel über diesen Durchbruch ging weithin unter, dass Kultursenator Klaus Lederer im Nebensatz verkündete: Der Neubau werde erst ab 2026 entstehen. Also frühestens in der übernächsten Legislaturperiode. Angesichts der Berliner Tempi im Bauen können wir davon ausgehen, dass vor 2030 mit keiner Eröffnung zu rechnen ist."
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Stichwörter: Bibliotheken

Gesellschaft

Viel zu selten sind Interviews wie dieses von Maxi Leinkauf  im Freitag zu lesen: Die Lehrerin Hildegard Greif-Groß aus Neukölln berichtet über ihren Alltag. Ja, Mobbing gab es schon immer und überall. Aber die Religion wurde immer wichtiger. Und neuerdings nicht nur die Religion: "Seit Erdogan geht das alles durcheinander: Politik, Religion, Betrug, Angst. Wir hatten hier auf einem Elternabend des türkischen Konsulatsunterrichtes plötzlich Väter sitzen, die ich noch nie gesehen hatte. Nachher kamen einzelne Eltern zu mir und sagten, dass sie auf dem Elternabend nicht offen Ihre Meinung geäußert hätten, weil die Männer aus dem Konsulat ihre Namen notieren könnten und sie dann Probleme bekämen, wenn sie im Sommer in die Türkei fahren."

Weiteres: In der NZZ würdigt Tilman Allert den Vollbart als "besonders raffinierte Form der männlichen Selbstdarstellung". Und Roman Bucheli denkt über unsere Angsthasengesellschaft nach.
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Europa

Der Politologe Philip Manow wirft in Zeit online einen ausführlichen, aber lesenswerten Blick auf die Art, wie Angela Merkel Politik führte. "Recht besehen lässt sich schon Merkels handstreichartiger Aufstieg, erst zur Parteivorsitzenden, dann zur Fraktionsvorsitzenden und daraus resultierend zur Kanzlerkandidatin, ganz ähnlich beschreiben: als überraschendes, punktuelles Durchbrechen des Üblichen, als situatives Aussetzen einer politischen Praxis, die man für eigentlich völlig unabänderlich gehalten hatte, als kontrollierte Sprengung am System." Ob man den Aufstieg der AfD dsann aber tatsächlich allein merk in die Schuhe schieben kann, wie Manow darlegt, wäre noch eine andere Frage.

In einem recht umständlichen Text nimmt Dietmar Dath Stellung zu Mariams Laus "Contra" in dem Zeit-Pro und Contra zur Seenotrettung durch private Fluchthelfer und spricht sich am Ende gegen Lau (deren Namen er nicht nennt) aus: "Wo es keine Fragen gibt, die 'man' nicht stellt, ist niemand sicher vor dem Schlimmsten (das nicht einmal der Tod sein muss). Deshalb gebietet nicht Moral, sondern der Wunsch, selbst Rechte zu genießen, dass man bestimmte Fragen nicht toleriert." Hierr alle unsere Links zur Debatte.
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