Efeu - Die Kulturrundschau

Wundertiere in Farbwolken

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06.06.2017. Beglückt erleben die Kritiker, wie Jonathan Meese bei den Wiener Festwochen mit Wagner auf die Meta-Kacke haut. Der FAZ wird bei Adrian Villar Rojas' posthumanistischen Installationen in Bregenz ganz unbehaglich zumute. In der Zeit träumt Sandra Hüller von DDR-Filmen ohne Spreewaldgurken-Kitsch. In der FR will Kasper König Münster aufmischen. Und alle nehmen Abschied von dem spanischen Schriftsteller Juan Goytisolo.

Kunst

Im Gespräch mit Kasper König erfährt FR-Kritiker Michael Köhler, wie der Kurator die "münstersche Wattewirklichkeit" bei den fünften Skulptur Projekten mit dem Nebenschauplatz Marl aufmischen möchte: "Marl ist auch deshalb ein guter Gegenpol zu Münster, weil sich an dieser Zukunftsstadt ablesen lässt, dass sich die Hoffnungen der Moderne, unsere Gesellschaft mit künstlerischen Mitteln umzubauen, nie erfüllt haben. Eine Weile mag sich diese Hoffnung in Münster vom Widerstand der Bürger genährt haben. Doch seit die Skulptur Projekte in der Stadt angekommen sind, sieht man auch hier, dass Kunst im Grunde nur eines verändert - die Wahrnehmung der Kunst." Für die FAZ ist Andreas Rossmann den Kunstparcours "The Hot Wire" in Marl bereits abgegangen.

In der taz vermisst Luise Glum in der Münchner Ausstellung "After the Fact. Propaganda im 21. Jahrhundert" eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der aktuellen Brisanz des Themas: "Es reicht nicht mehr, die Frage zu stellen, ob Reality-TV wirklich live und authentisch das wahre Leben abbildet, wie die Malereien 'Everything is Said' von John Miller thematisieren, wenn die Gesellschaft schon längst einen Schritt weiter ist. Denn einer bemerkenswerten Anzahl an Menschen ist es nicht nur gleichgültig, ob solche TV-Formate der Realität entsprechen, sie akzeptieren sogar offensichtliche Lügen und ignorieren Tatsachen in viel weiter reichenden Kontexten. Propaganda hat eine neue Dimension angenommen, hat die Abkehr von der Realität perfektioniert."


Adrián Villar Rojas: The Theater of Disappearance, 2017. Ausstellungsansicht 3. OG, Kunsthaus Bregenz. Foto: Jörg Baumann, Kunsthaus Bregenz

"Faszination und Unbehagen" ergreift FAZ-Kritikerin Nicole Scheyerer angesichts der monumentalen posthumanistischen Installationen des argentinischen Künstlers Adrian Villar Rojas im Kunsthaus Bregenz: "Entlang der Rückwand brennt offenes Feuer! Aus einer schicken, elf Meter langen Wanne züngeln echte Flammen. Das Lagerfeuer der Steinzeit weicht dem genau kalkulierten Design eines Mies van der Rohe. Mit ihren thronartigen Stühlen aus schwarzem Marmor wirkt die Etage wie die Einsatzzentrale eines James-Bond-Bösewichts. Es ist heiß und riecht nach Spiritus - kein Ort, an dem man verweilen will. Als zweite Überraschung hängt über dem Feuer eine überdimensionale Kopie von Pablo Picassos Antikriegsgemälde 'Guernica'."

Weiteres: Hingerissen kehrt Dirk Schümer in der Welt von der Werkschau des amerikanischen Malers William Merritt Chase in der Galleria Ca Pesaro in Venedig zurück. Chase schenkte der modernen Welt die "Sinnlichkeit des Alten Europas", schwärmt Schümer. Chase geht "über eine bloße Imitation seines großen Vorbildes Degas hinaus, indem er seine nordisch-schlanken Schönheiten wie unerreichbare Wundertiere in Farbwolken aus Seide und Taft hüllt, als wären sie Edelsteine aus amerikanischen Minen."
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Literatur

Der Schriftsteller Juan Goytisolo ist tot. "Er konnte dazu einladen, die Dinge anders zu sehen", schreibt Reinhart Wustlich in der FR und würdigt den Verstorbenen als "kritischen Vermittler zwischen der westlichen und der arabischen Welt." Er "war einer der letzten Modernisten der spanischen Kultur", schreibt Kerstin Knipp in der NZZ, und "immer und vor allem ein politischer Schriftsteller. Immer wieder warnte er davor, sich den Reflexen zu überlassen, der Macht der Bilder, die so eindeutig scheinen, tatsächlich aber voll dunkler Verführungskraft sind und den politischen Verstand leicht außer Kraft setzen." Nicht unpathetisch geraten ist der SZ-Nachruf von Volker Breidecker: "Standhaft und unbeirrt gegenüber dem sich allerorts ausbreitenden religiösen und politischen Fanatismus harrte der streitbare Goytisolo bis zuletzt am nordafrikanischen Meeresufer aus, um gerade von dort aus die gleichermaßen maurisch wie sephardisch geprägte historische, kulturelle und mentale Verbundenheit des Maghreb mit der Iberischen Halbinsel und dem übrigen Europa zu bekräftigen."

Weitere Nachrufe von Eberhard Geisler (Tagesspiegel) und Paul Ingendaay (FAZ).

Paul Jandl wirft für die NZZ einen Blick ins Herbstprogramm der Verlage, deren blumige Ankündigungen ihn sacht nerven: "Es knirscht und kracht im Metapherngebälk, wo man doch nur das Beste will: das 'raffinierte', 'überbordende', 'leichthändige' Buch ankündigen. Das Buch mit 'großer visueller Kraft'. Oder den 'literarischen Erdrutscherfolg'. Man ist dabei, wenn einem das Flattern durch Mark und Bein schießt' oder sich eine 'leidenschaftliche Liebesgeschichte entspannt'."

Weiteres: Für die NZZ unterhält sich Rainer Moritz mit dem Schriftsteller Richard Russo über dessen Romane "Diese gottverdammten Träume" und "Ein Mann der Tat". Bela Sobottke verabschiedet sich im Tagesspiegel von der Comicserie "Goon", die nach 15 Jahren eingestellt wird.

Besprochen werden Rachel Cusks "Transit" (Tagesspiegel), eine Neuübersetzung von Gabriel García Márquez' vor 50 Jahren erschienenem Klassiker "Hundert Jahre Einsamkeit" (online nachgereicht von der NZZ), Luiz Ruffatos "Teilansicht der Nacht. Vorläufige Hölle, Bd. 3" (online nachgereicht von der NZZ), Hermann Peter Piwitts Erzählungsband "Drei Freunde" (Tagesspiegel), Robert Gerwarths "Die Besiegten" (Zeit), Paula Hawkins' Thriller "Into The Water" (FR, FAZ) und Lars Keplers Krimi "Hasen" (Standard).
 
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gisela Trahms über Adam Zagajewskis "Kleines Selbstporträt (Juni)":

"Wie im Traum, wie im Traum - sagte ich zu mir.
Es war Anfang Juni, alle Vögel sangen,
die Welt überfüllt mit Stimmen und Düften;
..."
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Musik

Von einfachen Melodien und Konstruktionsprinzipien hat sich auch der Mainstream-Pop längst verabschiedet, stellt Jens-Christian Rabe beim Besuch des viertägigen Primavera Sound Festivals in Barcelona fest. Hier zeigt sich ihm die ganze "eklektisch-avantgardistische" Seite Dimension des Gegenwartspop, schreibt er in der SZ: "Was inzwischen zu hören ist, hat weniger mit Konstruktion als mit Dekonstruktion zu tun." So etwa bei den Death Grips, die ihn mit ihrem Industrial-HipHop völlig umgehauen haben: Sie boten ihm "eine Trommelfellattacke mit dem Dampfstrahler, während sich ein Presslufthammer in Zeitlupe den Magen von innen vornahm. ... Es gibt Menschen, die deshalb die Death Grips für die erste wirklich wichtige Band des 21. Jahrhunderts halten. In dieser Nacht fiel einem wenigstens für eine Stunde kein anderer Kandidat ein. Man kam nicht einmal auf den Gedanken, überhaupt zu denken." Für die Welt hat Ivo Ligeti das Festival besucht.

Weiteres: Max Dax plaudert in der FR mit Deep-Purple-Sänger Ian Gillan unter anderem über das Leben und Speisen in Portugal.

Besprochen werden ein Konzert des Tonhalle-Orchesters unter dessen designiertem Chefdirigenten Lionel Bringuier (Thomas Schacher bescheinigt in der NZZ eine "bravouröse Leistung"), Marterias neues Album "Roswell" (Spex) und die Pink-Floyd-Ausstellung im Victoria & Albert Museum in London (FR).

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Bühne






Szene aus "Mondparsifal Alpha 1-8. Bild: Jan Bauer.

Mit leicht strapazierten Nerven von Bernhard Langs Jazzrock-Avantgarde-Kompositionen, aber doch ziemlich beglückt von Jonathan Meeses rührendem "Bilderrausch" berichtet SZ-Kritiker Egbert Tholl von der bei den Wiener Festwochen frei nach Wagner inszenierten Aufführung "Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterer der Abwehrz)": "Im ersten Akt steht Wagner, den man bald als Kundry erkennt, in einer Caspar-David-Friedrich-Kreidefelsenlandschaft auf einem Asteroiden und dirigiert ein bisschen. Gurnemanz (Wolfgang Bankl), mit Schrift bemaltes, wuchtiges Alter Ego Meeses, verwaltet einen riesigen Kühlschrank mit Schinkenkeulen und Fischen, die Knappen als Vertreter der Ritter haben Spock-Ohren und schauen aus wie die Bundeswehr-Variante von 'Raumschiff Enterprise' in Gold. Amfortas ist ein seltsamer Captain Kirk in einem Schaumthron, der Schwan ein roter Pappdrachen, der gleichwohl zu Lohengrins 'Mein lieber Schwan'-Ausruf animiert."

Meese kommt Wagner ziemlich nahe, meint Eva Biringer in der nachtkritik: "Je länger Meese auf die Meta-Kacke haut, umso stärker wird der Eindruck, dass hier zusammenkommt, was zusammengehört. Wagners weltabgewandtes Pathos. Kundry als eine Art Urmutter. Parsifals Mutter Herzeleide als liebevolle Alternativlosigkeit weiblicher Diktatur. Und schließlich die Titelfigur selbst, deren Name aus dem Persischen übersetzt 'reiner Tor' bedeutet, als Verkörperung des ewigen Kindes. Dieser 'Mondparsifal' ist die theatergewordene Fantasie eines kleinen Jungen, der den ganzen Spielwarenladen leerkaufen darf. Geschmacksverstärkereis inbegriffen. Im Standard bespricht Ljubiša Tošic die Inszenierung.


Szene aus "Ariodante", Bild: Monika Rittershaus, Salzburger Festspiele

Die Zusammenarbeit von Regisseur Christof Loy und Mezzosopranistin Cecilia Bartoli, die sich bei den Salzburger Pfingstfestspielen in Händels Barockoper "Ariodante" auf der Bühne vom Mann zur Frau verwandelt, ist ein "Glücksfall", schwärmt Jürgen Kesting in der FAZ: "Durch die Idee der Geschlechtstransformation werden die Ambivalenzen der Titelpartie auf faszinierende Weise spürbar. Wie eh und je verzaubert Cecilia Bartoli, wenn sie die Glücksräusche und Zornesausbrüche in zwei Oktaven durchmessenden Koloraturen zum Ausdruck bringt."

In der SZ findet Helmut Mauró hingegen: "Die Bartoli verströmt solche Spielfreude, schauspielerische Munterkeit und unerschütterliches Positivdenken, aber auch überzogene Männlichkeitsklischees, dass man ihr tragische Tiefe kaum abnehmen mag." Und NZZ-Kritiker Michael Stallknecht meint: "Die eigentliche Entdeckung der Produktion ist Kathryn Lewek als Ginevra. Was die junge amerikanische Koloratursopranistin an Farben vor allem aus dem Piano heraus entfaltet, verschlägt den Atem."

Besprochen werden: Marius von Mayenburgs Stück "Peng" an der Berliner Schaubühne (FAZ, SZ, nachtkritik), Martin Schläpfers mit dem Düsseldorfer Ballett am Rhein choreografierte Inszenierung von Gioachino Rossinis "Petite Messe Solenelle" (SZ), Matthias Kaschigs Inszenierung von Jennifer Haleys Science-Fiction-Stück "Netzwelt" am Staatstheater Oldenburg (nachtkritik), Ivo von Hoves Visconti-Inszenierung "Obsession" mit Halina Reijin und Jude Law in den Hauptrollen bei den Wiener Festwochen (Welt), Thomas Melles Stück "Ännie" am Staatstheater Darmstadt (FR).
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Film

Für die Zeit haben sich Anne Hähnig und Martin Machowecz in Leipzig zu einem großen Gespräch mit Sandra Hüller zusammengesetzt. Unter anderem geht es auch um Hüllers Verhältnis zur DDR, in der die seit "Toni Erdmann" auch international gefeierte, 1978 geborene Schauspielerin aufgewachsen ist. Der zweite deutsche Nachkriegsstaat sei fürs Kino bislang noch Terra Incognita , findet sie: "An der Deutung der DDR gibt es offenbar nichts mehr zu rütteln. Über positive Erfahrungen soll nur verkitscht berichtet werden. Einen offenen Dialog über das, was gut war, gibt es nicht. Das sehen Sie an den Filmen. Ich habe gerade mit einem engen Freund darüber gesprochen, dass diese Zeit überhaupt noch nicht im Film abgebildet ist." Zwar gebe es viele "Komödien, oder es kommt ein reicher Westdeutscher und schmiert seinen Weichzeichner drauf. Es fehlt der Film, in dem es mal nicht nur um die Ausstattung, um die Spreewaldgurken geht - ganz ehrlich. Man müsste etwas über eine innere Welt erzählen und darüber, wie klein oder groß die ist. Oder über eine bestimmte Hoffnung auf ein anderes Leben. Nur: In den meisten Filmen wird dir einfach der Kapitalismus als einzige Verheißung hingestellt."

Kapitalismuskritik zuhauf gibt es auch in "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" (hier unsere Kritik), dem diese Woche startenden Abschlussfilm des dffb-Absolventen Julian Radlmaier. Für die Jungle World hat er sich von Jakob Hayner über seine artifizielle Komödie befragen lassen. In seinem Film habe er "zwar die Vorstellung von Kommunismus gewissermaßen auf humorvolle Weise dekonstruiert, aber nicht verworfen", sagt er. "Der Egoismus und das Abweichende werden gezeigt und trotzdem wird die Richtigkeit bestimmter Ideen behauptet - und in diesem Spannungsverhältnis entsteht erst der Humor. ... Das Wort Kommunismus ist in dem Film lustvoll besetzt, ohne Frage. Der Versuch, den Kommunismus zu denken, soll ja auch lustvoll sein. Fatalismus interessiert mich nicht."

Weiteres: Für die Zeit porträtiert Ronald Düker den BBC-Essayisten und Gesellschaftsanalytiker Adam Curtis. Im Tagesspiegel empfieht Janis El-Bira eine Berliner Filmreihe mit mexikanischen Filmen. SZ-Kritiker David Steinitz gratuliert dem Schauspieler Robert Englund zum 70. Geburtstag.
Archiv: Film