9punkt - Die Debattenrundschau

Digitale Doppelgänger auf Steroiden

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.04.2017. Das Ethnologische Museum Berlin wird im kommenden Humboldt-Forum zum bloßen Leihgeber degradiert und als Institution nicht mehr sichtbar sein, fürchtet die SZ. Anke Groener erklärt in ihrem Blog, warum Künstler doppelt tot sein müssen, bevor ihre Bilder bei den Münchner Pinakotheken ins Netz gestellt werden. Die Aktivistin Zana Ramadani kritisiert in der SZ westliche Feministinnen, die das Kopftuch im Namen der Freiheit verteidigen. Der syrische Autor Sami Alkayial fordert im Freitag Schutzzonen für die Zivilbevölkerung.

Europa

FAZ-Korrespondentin Michaela Wiegel führt ein instruktives Interview mit dem Politologen Thierry Pech über die französische Linke im Präsidentschaftswahlkampf - die Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon, der gerade aufholt, und Benoit Hamon von der Sozialistischen Partei (PS) repräsentieren zwei Strömungen der dezidierteren Linken in Frankreich: "Verwechseln Sie den PS nicht mit der SPD! Der PS war nie eine richtige Arbeiterpartei, mehr eine Partei des Kleinbürgertums, der Beamtenschaft und der Mittelschicht. Die französischen Arbeiter wählten kommunistisch. Heute machen die Arbeiter nur noch einen kleinen Teil der unteren Einkommensschichten aus. Der Übergang von der Kommunistischen Partei zum Front National vollzog sich direkt, ohne eine Zwischenstation bei den Sozialisten."

Marine Le Pen hat in einer Fernsehsendung die Verantwortung Frankreichs an der Razzia des Vélodrôme d'hiver geleugnet - hier hat die französische Polizei aus eigener Initiative  französische Juden zusammengetrieben, um sie den Deutschen auszuliefern. "Es ist nicht das erste Mal, dass sich hohe Funktionäre des Front national zu diesem Thema äußern", schreiben Dominique Albertini und Frantz Durupt  in Libération. "Im Jahr 1995, als Jacques Chirac die französische Verantwortung für diese Razzia anerkannte, hatte Jean-Marie Le Pen gesagt, Chirac leiste nur 'eine Wahlschuld' bei der jüdischen Gemeinde ab. Im Jahr 2010 hatte er im Widerspruch zu allen Historikern behauptet, dass die Razzia 'keine französische Initiative' gewesen sei und dass die Polizei einigen Juden erlaubt hätte, den Verhaftungen zu entgehen."

Außerdem zum Thema Front national: Der französische Historiker Grégoire Kauffmann verortet den Ursprung des französischen Rechtsextremismus in der FAZ im nationalistischen Republikanismus der Dritten Republik.
Grégoire Kauffmann

Die Politologin Ulrike Guérot kritisiert im taz-Interview mit Patricia Hecht die "Pulse of Europe"-Bewegung dafür, dass sie nicht ganz ihre höchstpersönlichen Ansichten zu Europa vertritt, sondern es bei einem allgemeinen Bekenntnis zur Notwendigket der Europäischen Union belasse. Die Tatsache, dass die Bewegung von Deutschland ausgeht und in Südeuropa noch keine Anhänger hat, erklärt sie damit, dass die deutschen Proeuropäer über die deutsche Verantwortung an der Schuldenkrise nicht informiert seien. Schuld an dieser Desinformation ist für sie die Presse: "Es gab eine richtige Dunstglocke der Presse, eine Deutungshoheit, die einem normal informierten deutschen Publikum hat suggerieren können: Wir machen das ganz toll - und wenn die anderen das machen wie wir, schaffen die das auch. Nur leider sind die nicht so toll. Darüber, was wirklich passiert ist, haben die FAZ oder die Bild doch nicht berichtet."

Damit hat Viktor Orban sicher nicht gerechnet: "Rund 70.000 Menschen protestierten am Sonntagabend in Budapest gegen die drohende Schließung der Zentraleuropäischen Universität (CEU)", berichtet Zeit online mit Agenturen. "Die Demonstranten skandierten Parolen wie "Ein freies Land, eine freie Universität", "Viktator!" - eine Anspielung auf Ministerpräsident Viktor Orbán - und 'Europa, Europa'."
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Gesellschaft

Der feministischen Aktivistin Zana Ramadani, in Mazedonien geboren, ehemaliges Mitglied von Femen, inzwischen in Deutschland eingebürgert, ist es im Interview mit dem TagesAnzeiger (von der SZ übernommen) unbegreiflich, dass hiesige Feministinnen den erzkonservativen Islam nicht kritisieren und das Kopftuch verteidigen: "Das ist Pegida auf Türkisch. Oder Albanisch oder Arabisch. ... Das mit der Selbstbestimmung ist ein Witz. Millionen von Frauen in muslimischen Ländern haben keine Wahl, ob sie das Kopftuch tragen wollen oder nicht. Im Iran rasieren sie sich sogar die Haare ab deswegen. Und hier reden die von Freiheit?"

Im Interview mit der Welt wehrt sich der Berliner Historiker Jörg Baberowski gegen linke Studenten, die ihn wegen seiner Kritik an Angela Merkels Flüchtlingspolitik als "rechtsradikal" abstempeln: "Linksextremisten", sagt er, sind "nicht an Diskussionen interessiert. Sie wollen jeden, der nicht in ihr Weltbild passt, zum Schweigen bringen. Man nennt jemanden einen Rechtsextremisten, und schon ist der Stigmatisierte vom Gespräch ausgeschlossen. Alle anderen haben Angst, weil sie nicht auch in den Klub der Rechtsradikalen aufgenommen werden wollen. Auf diese Weise können Fanatiker, denen sonst niemand zuhört, ohne großen Aufwand einen Machtgewinn erzielen."

Extrem oft retweetet wird ein Artikel des Guardian-Gastrokritikers Jay Rayner über eines der feinsten Pariser Restaurants, das "Le Cinq" im Luxushotel Georges V., wo die Vorspeisen hundert Euro kosten und aussehen wie "Silikonimplantate": "Meine Lippen schürzen sich wie ein an Brennnesseln geriebener Katzenarsch."
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Politik

Die UN hat in Syrien versagt, deshalb müssen sich  die EU, die Arabische Liga und die USA zusammenschließen, um Assad die Stirn zu bieten, fordert der von der westlichen Linken schwer enttäuschte syrische Marxist und Autor Sami Alkayial im Interview mit dem Freitag: "Ich unterstütze alles, was das Töten von Zivilisten verhindert. Aber die UN hätte schon viel früher eine No-Fly-Zone und Schutzzonen für Zivilisten einrichten müssen, um die Menschen vor den Angriffen durch Assad und seinen Verbündeten zu schützen. Im besten Fall wird Assad abgesetzt und Syrien unter UN-Verwaltung gestellt. Wir Syrer sind derzeit nicht fähig, eine Regierung zu stellen. Daher ist es absurd, an der Überzeugung festzuhalten, dass die staatliche Souveränität hier das höchste Gut ist. Was wir jetzt brauchen, ist der Internationale Schutz durch die UN - bis wir wieder in der Lage sind, uns selbst zu verwalten. Das schlimmste Szenario wäre, dass es weitergeht wie bisher: ergebnisoffene Friedensgespräche, während das Regime weiter Menschen ermordet."
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Urheberrecht





Seit dem 6. April stellen die Münchner Pinakotheken ihre Bilder ins Netz. Allerdings müssen die Künstler doppelt tot sein, nämlich erstens tot und zweitens seit mindestens siebzig Jahre lang tot, sonst wird es für das Museum zu teuer und man darf nur einen Stellvertreter sehen, berichtet Anke Gröner auf ihrem Blog. Schuld daran ist, dass man im Internet, etwa bei der VG Bildkunst, jahreweise für Rechte bezahlen soll, während man im Print nur einmal bezahlt. "Antje Lange, die für die Online-Kommunikation der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen verantwortlich ist, erklärte mir auf Anfrage, wie diese Rechte die Vermittlungsarbeit von Museen erschweren. Ein Beispiel: Auf den Seiten der Pinakotheken kann man durch die Alte, die Neue und die der Moderne online von Saal zu Saal bummeln - eine Funktion, die ich sehr gerne mag." Nur bei der Moderne geht das allenfalls lückenhaft!
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Stichwörter: Bildrechte, VG Bild-Kunst

Internet

In der NZZ gruselt sich Adrian Lobe vor Chatbots, die "unsterbliche Simulakren" einst wirklich Lebender verkörpern: "Die Forscher sind von der Idee beseelt, dass man mithilfe künstlicher Intelligenz alle Daten, die wir täglich generieren, und damit auch unsere Gedanken auf eine virtuelle Plattform transferieren kann. Diese würde nicht nur unser physisches Dasein überleben, sondern sie würde auch maschinell dazulernen - eine Art virtuelle Erweiterung unserer physischen Präsenz, ein digitaler Doppelgänger auf Steroiden."
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Medien

Der Tagesspiegel bringt laut turi2 eine Recherche über die Abhängigkeit der Kommunen von Microsoft, und stellt ausgerechnet diese Recherche, die doch für open source plädieren müsste (und von der stiftungsfinanzierten Journalistengruppe Investigate Europe betreut wurde), in den Zahlbereich. Eine Zusammenfassung findet sich in bei futurezone.at.
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Stichwörter: Microsoft

Kulturpolitik

Das Humboldt-Forum droht Gestalt anzunehmen. Jörg Häntzschel fürchtet in der SZ um den Bestand der Institutionen, die in der Berliner Schlossattrappe aufgehen werden: "Am meisten zu verlieren hat beim radikalen Umbau, der nun im Gange ist, ausgerechnet das Ethnologische Museum, das größte Völkerkundemuseum der Welt. Bislang wurde es immer als das geführt, was in amerikanischen Malls der 'Anchor' ist, das Kaufhaus, um das die kleineren Läden gruppiert sind. Gemeinsam mit dem Museum für Asiatische Kunst war es der stabile und konkrete Posten eines ständig wechselnden Menüs... Doch das Forum 'wird keine Mall', erklärt die Kulturstaatsministerin Monika Grütters der SZ, sondern ein 'Haus aus einem Guss'. Das Ethnologische Museum wurde de facto zum bloßen Leihgeber degradiert, für Ausstellungen, die mit Ethnologie mal mehr, mal aber auch nichts zu tun haben." Jsens Bisky fürchtet in einem zweiten Artikel: "Es fehlt an Vorstellungen für das Gesamtensemble."

Außerdem: Joseph Croitoru fürchtet in der FAZ eine Gleichschaltung missliebiger Kulturinstitutionen in Israel durch die Subventionspolitik des Kulturministers.