Efeu - Die Kulturrundschau

Schwesterlein werden gekocht

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10.04.2017. Die Eröffnung der Osterfestspiele in Salzburg und Baden-Baden steht die FAZ nur mit einem kräftigen Schluck Retro-Zaubertrank durch. NZZ und Nachtkritik feiern in Zürich mit Herbert Fritschs "Grimmigen Märchen" der schwarzen Bürgerseele eine Messe. Die taz hadert mit der unanstößigen Eleganz des südafrikanischen Künstlers Kemang Wa Lehulere. Die Welt erliegt dem Größenwahn von Father John Misty.

Bühne


Anja Harteros und Peter Seiffert in der "Walküre" bei den Salzburger Osterfestspielen. Foto: OFS/Forster.

Die Osterfestspiele sind eröffnet. In Salzburg exhumierte
Christian Thielemann Karajans "Walküre" von 1967 und in Salzburg spielte Simon Rattle gegen Philipp Himmelmanns "Tosca"-Inszenierung an. "Es wird wieder an der Rampe gesungen!", spottet Eleonore Büning nach den beiden Aufführungen in der FAZ: "Das illustre Festspielpublikum ist sicher nicht daran schuld. Gerade bei Festspielen hat man schließlich in den letzten Jahren immer wieder viel Neugierde und Geduld bewiesen angesichts der vielen nackerten Schnapsideen, die angesagten Designer-Regisseuren so durch die Rübe rauschen. Aber nun rauscht gar nichts mehr, der Schnaps ist aus. Was uns bleibt, sind die Erinnerungen an die guten alten Zeiten. Der Retro-Zaubertrank, der von Serge Dorny 2015 (leider vergebens) als Medizin für die schwächelnde Semperoper ersonnen worden war, hat sich selbständig gemacht, er wird herumgereicht an vielen Opernhäusern, wandert von Lyon über Mannheim nach Prag und Mailand."

Auch in der NZZ findet Thomas Schacher Himmelmanns Deutung der "Tosca" höchst rätselhaft, Rattles Musik aber ganz hervroragend. Im Standard lässt sich Ljubisa Tosic die Karajan-"Walküre" als "reizvolle Reanimation zeitloser Abstraktion" gern gefallen, "die ein behutsamer Christian Thielemann mit der Staatskapelle in delikate Höhen hob". In der SZ ist Helmut Mauro von Thielemanns Musik ebenfalls hingerissen: "Thielemann ist in seinem Element, das Doppelbödige und Hintergründige von Wagners Musiktheater herauszustellen ... und gleichzeitig die totale Entfesselung des Klangs mit rasender Streicherhysterie und sich aufbäumendem, nicht durchwegs zuverlässigem Blech zu feiern."


Herbert Fritschs "Grimmige Märchen" am Zürcher Schauspielhaus. Foto: Tanja Dorendorf T+T Fotografie.

Ganz fabelhaft findet Daniele Muscionico von Herbert Fritschs Zürcher Bühnenversion seiner "Grimmige Märchen", die der schwarzen Bürgerseele "eine schwarze Messe" feierten: "Das Böse, das durch die Wucht der Darsteller Glaubwürdigkeit und Würdigkeit erhält, wirkt immunisierend: Schwesterlein werden gekocht und Brüderlein aufgegessen. Liebe geht durch den Magen!" In der Nachtkritik feiert Christoph Fellmann Fritschs "burlesken Ringelreihen der Gewalt": "Kein goldenes Haar passt zwischen den Albtraum und das Alberne an diesem Abend, an dem uns Herbert Fritsch zwei der lustigsten und manche der verstörendsten Szenen zeigt, die man je von ihm gesehen hat."

Weiteres: In der taz bilanziert Barbara Behrendt das Festival für Neue Internationale Dramatik.

Besprochen werden ein Gastauftritt des Stanislawski-Balletts mit Kenneth MacMillans "Mayerling" in München bei der Ballettwoche (FAZ), das Stück "Abend in Potsdam am Hans-Otto-Theater (FAZ), Tea Kolbes Bühnenfassung von Ronja von Rönnes Roman "Wir kommen" am Schauspiel Dresden (Nachtkritik), Nikolaus Habjans Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" am Volkstheater Wien (Standard), Hindemiths "Die Harmonie der Welt" im Musiktheater Linz (Standard).
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Literatur

Maxim Billers in der Zeit veröffentlichte Attacke auf seine Kritiker (unser Resümee) hält Rainer Moritz für überzogen und unangemessen: Biller, der gern austeilt, könne seinerseits "den Schmerz der Nichtanerkennung nur dadurch verkraften, dass er seinen Kritikern nichtliterarische Motive unterstellt", schreibt er in der NZZ und fürchtet nun, dass es bei Billers Angriff nicht bleibt: "Vermutlich wird diese Schuldzuweisung Schule machen, vermutlich lesen wir bald seitenlange Kritikerschelten des sich unverstanden wähnenden Daniel Kehlmann, der verbitterten Ulla Hahn oder des grundsätzlich leidenden Martin Walser. Schöne Aussichten."

Zum gestrigen hundertsten Geburtstag des Schriftstellers Johannes Bobrowski ist die umfangreiche Sammlung seiner Briefe erschienen. In deren "ersten Band vor allem, der bis 1958 reicht, lässt sich das Werden eines Dichters nachvollziehen", erklärt Richard Kämmerlings darüber in der Welt. Der Autor galt als Legende, schreibt Tom Schulz in der NZZ: "Er war so etwas wie ein Heiliger für seine dichtenden Nachfolger, und natürlich war dies eine Verklärung. Und doch: Nach ihm hat es eine solch große Doppelbegabung in Gedicht und Prosa im deutschsprachigen Raum wohl nicht mehr gegeben. Aus einer verschollenen Zeit stammt er und aus einer untergegangenen Welt. Der Dichter Johannes Bobrowski konnte sie nur noch in der Erinnerung und in seiner Dichtung heraufrufen."

Weiteres dazu: Im Freitag empfiehlt Matthias Dell Volker Koepps Film über Bobrowski, den der RBB morgen Abend zeigt. Deutschlandradio Kultur bringt Helmut Böttigers einstündiges Feature über Bobrowski. In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Thomas Brose über Bobrowskis Gedicht "Das Wort Mensch":

"Das Wort Mensch, als Vokabel
eingeordnet, wohin sie gehört,
im Duden:
..."

Weiteres: Roswitha Budeus-Budde besucht für die SZ die Kinderbuchmesse in Bologna. Im Deutschlandfunk-Radioessay befasst sich Georg Seeßlen mit Fragen des Erzählers unter den Bedingungen der technologisierten Gegenwart. Der Bayerische Rundfunk liest aus Feridun Zaimoglus Luther-Roman "Evangelio" und spricht bei der Gelegenheit auch mit dem Autor. Besprochen wird unter anderem Konstantin Richters "Die Kanzlerin" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film

Elmar Krekeler porträtiert für die Welt die Schauspielerin Antje Traue, deren Karriere nach einem glücklosen Auftakt in Deutschland erst in Hollywood losging. Für den WDR hat Jochanan Shelliem ein einstündiges Feature über den Filmemacher Peter Lilienthal geschrieben. In seinem Blog berichtet Lukas Foerster mit Notizen vom "Besonders wertlos"-Festival in Köln. Besprochen wird Kinji Fukasakus in Deutschand kurzzeitig verbotener, jetzt wieder legaler Actionfilm "Battle Royale" mit Takeshi Kitano (SZ).
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Stichwörter: Wdr

Kunst


Kemang Wa Lehulere: Gladiolus, 2016. Bild: Kunsthalle Deutsche Bank.

Der Südafrikaner Kemang Wa Lehulere ist Künstler des Jahres der Deutschen Bank, in der taz sieht Brigitte Werneburg die "Behauptung seines Ausnahmetalents" nur bedingt durch die Ausstellung "Bird Song" in der KunstHalle bestätigt: "Nichts in der Ausstellung ist einfach ein Wunderwerk in sich selbst. Alles ist Verweis, Didaktik, Mittel der Unterrichtung. Man vermisst ein überschüssiges Moment, das Geschichtsforschung und den Fleiß der Recherche nicht einfach illustrierte und die penetrant unanstößige Eleganz der Arbeiten durchbräche."

Weiteres: In der Welt lernt Michael Pilz mit der "Alchemie"-Ausstellung im Berliner Kulturforum die "Poesie eines Irrwegs" zu schätzen. In der FAZ freut sich Andreas Platthaus über die Gestaltung des Dresdner Residenzschlosses, das derzeit die Ausstellung "Macht und Mode" zeigt.
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Stichwörter: Kemang Wa Lehulere

Musik

Mit seinem dritten, apokalyptisch anmutenden Orchester-Pop-Album "Pure Comedy" (hier im offiziellen Stream) meldet sich Father John Misty zurück und macht sich damit "für lange Zeit unausweichlich", schwärmt Felix Zwinzscher in der Welt. Für ihn steht "Pure Comedy" sehr nahe bei David Foster Wallace' ziegelsteindicker, literarischer Abrechnung "Unendlicher Spaß": Father John Misty habe damit "ein Stück düster-amüsanten Zeitgeistes geschaffen, in dem er nichts Geringeres will, als die conditio humana mit Mitteln des Folk-Pop zu ergründen. Ein Vorhaben, dessen Größenwahn sich der in Los Angeles lebende Musiker bewusst ist und dem er sich genau deshalb mit fatalistischer Freude hingibt." Für ihn ist "Misty wahrscheinlich die Figur unserer Gegenwart: Er kann sich nicht entscheiden zwischen überbordendem Narzissmus (...) und pathetischer Nächstenliebe (...). Alle Kritik wird mit einem Augenzwinkern gesungen und ist am Ende doch wieder ernst gemeint. Oder doch nicht? Father John Misty macht sich selbst lächerlich und will doch eigentlich nur helfen."

FAZ-Kritiker Jan Wiele fühlt sich von all dem Orchesterbombast an den Elton John der 70er erinnert. Übel nimmt er es dem Künstler allerdings, dass sich bei Mistys weltanklagenden Texten der "reine Hörgenuss" der vorangegangenen beiden Alben nun nicht mehr einstellen mag: "Stattdessen gibt es Kulturkritik mit dem Vorschlaghammer, gegen Religion und Politik, gegen Neoliberalismus und anderes, was gelegentlich abgestanden wirkt: 'In the New Age We'll All Be Entertained' heißt ein Lied. Das Plattencover könnte man als Cartoonversion eines Hieronymus-Bosch-Gemäldes deuten, und gegen Ende der Platte zieht sich das lyrische Ich dann gar auf den Zauberberg zurück." Beim "Neo Magazin Royale" ist der Künstler vor kurzem aufgetreten (hier ein Online-Bonus):



Weiteres: Thomas Stilbauer berichtet in der FR von seinem Besuch bei der Frankfurter Musik- und Eventtechnikmesse.


Besprochen werden John Eliot Gardiners nach 30 Jahre zweite Aufnahme von Bachs Matthäus-Passion (Eleonore Büning lobt in der FAZ die "hochkonzentrierte Darbietung"), Disarstars "Minus x Minus = Plus" (taz), ein Mozartkonzert der Wiener Philharmoniker unter Daniel Barenboim ("Hier tanze ich und kann nicht anders", gesteht Christiane Peitz im Tagesspiegel) und die Ausstellung "Gue Schmidt: Hören ist Sehen - Kunst im elektronischen Raum, am Beispiel von Radiokunst und Klangskulptur" in Wien (Skug).
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