Efeu - Die Kulturrundschau

Bügeln nicht mehr nötig

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12.12.2016. taz und FAZ lassen sich im C/O Berlin an die Werkstatt für Photographie erinnern, die in den siebziger Jahren Kreuzberg und Amerika kurzschloss, Erwachsenenbildung und großen Aufbruch. In Simon Stones Baseler "Drei Schwestern" ist kein Satz von Tschechow übriggeblieben, die NZZ jubelt über diese "erhellende und subitle, rohe und elegante" Inszenierung. Auch die Nachtkritik zeigt sich geplättet. Weniger Anklang findet Hans Neuenfels' grob gestrickte "Antigone"-Aufführung in München. Leicht entsetzt kommentieren Welt und SZ die gesetzte Nobelpreis-Gala für Bob Dylan.

Kunst


Michael Schmidt: Müller/Ecke Seestraße, aus der Serie Berlin Wedding, 1976-1978

Das C/O Berlin erinnert mit der epochalen Ausstellung "Kreuzberg - Amerika" an die Werkstatt für Photographie der Kreuzberger Volkshochschule, in der deutsche und amerikanische Fotografen den großen Aufbruch der siebziger Jahre initiierten. In der taz erkennt Brigitte Werneburg, was dieses Labor so besonders machte: "Was die Werkstatt für Photographie von Folkwang oder Düsseldorf unterschied, war ihre Form als Institution der Erwachsenenbildung. Es fehlten die akademischen Zugangsbeschränkungen, die Kursteilnehmer waren Autodidakten und auch die Mehrzahl der Dozenten hatte keine pädagogische Ausbildung. Jenseits berufsständischer Rücksichtnahme entwickelte sich in Workshops, Ausstellungen und Kursen ein fotografischer Diskurs auf internationalem Niveau. Was zu der paradoxen Situation führte, dass die im Lokalen verortete Kreuzberger Volkshochschule Zentrum eines globalen Netzwerks zeitgenössischer Fotografie wurde und Ort des transatlantischen fotografischen Dialogs."

Die Amerikaner sind heute alle weltberühmt, Stephen Shore, Larry Clark und William Eggleston gehörten dazu, doch ihre deutschen Pendants kennt kaum jemand: Eva Maria Ocherbauers, Hildegard Ochse und Christa Mayer. In der FAZ betont Kolja Reichert die bedeutende Rolle, die Michael Schmidt spielte: "Bei C/O ist seine frühe Serie 'Berlin-Wedding. Stadtlandschaft und Menschen' von 1978 wiederzusehen, die zeigt, was Schmidts Fotokunst besonders macht: Alle Motive, egal ob Mensch, Markise oder Straßenschild, erscheinen konzentriert und bis aufs Äußerste gespannt, als dächten sie: Haltung annehmen, der Schmidt ist da."
Archiv: Kunst

Bühne


"Ich halt diese Scheißempathie von Dir nicht aus: Tschechows "Drei Schwestern" am Theater Basel. Foto: Sandra Then

Sehr skeptisch ist Alfred Schlienger in Simon Stones Inszenierung der "Drei Schwestern" am Theater Basel. Wie auch schon bei Ibsen überschrieb Stone Tschechows Text komplett, kein Satz blieb übrig. Doch in der NZZ jubelt Schlienger: "Darf man mit der Tür gleich ins Haus fallen? Von den vielen Tschechows, die ich in meinem Leben gesehen habe, ist es der berührendste und mitreißendste und von allen 'Drei Schwestern'-Inszenierungen der letzten Jahre emotional klar die gewagteste - erhellend und subtil erschreckend. Roh und elegant, laut und leise, verzweifelt authentisch im Chaos der Liebe und trotzdem nicht ohne Humor. Das Lachen bleibt einem aber bald im Halse stecken."

In der Nachtkritik zeigt sich Christian Rakow ebenfalls leicht überwältigt: "Im Ergebnis gibt's einen Tschechow wie nach dem Schnellschleudergang. Bügeln nicht mehr nötig, weil eh schon alle platt."


Norman Hacker und Valery Tscheplanowa als Kreon und Antigone am Münchner Residenztheater. Foto: Matthias Horn

Am Münchner Residenztheater hatte zudem Hans Neuenfels' "Antigone"-Inszenierung Premiere. In der FAZ ist Simon Strauß wenig begeistert: "Vom Dualismus zweier Sphären jedenfalls, dem Kampf des privaten Individuums gegen die Gewalt der Polis, ist an diesem Abend wenig zu spüren. Die Frage nach dem, was 'Freiheit' bedeuten könnte, ob sie sich durch Integration in die Bürgergemeinschaft oder durch Emanzipation von ihr erfüllt, wird nicht behandelt."

"Argen Humbug und ziemlich schwachen Tobak" nennt Christine Dössel in der SZ die Inszenierung: "Irgendetwas ist grandios falsch gelaufen in dieser hohlbrüstigen, dick überzeichneten Neuenfels-Inszenierung, die aber so daherkommt, als sei das alles gewollt und in bester Ordnung." "Bemerkenswert bildschwach" nennt Tim Slagmann sie in der Nachtkritik.

Besprochen werden außerdem Mirko Borschts Inszenierung von Heiner Müllers "Auftrag" am Berliner Gorki Theater (die Dirk Pilz in der FR "sensationell misslungen" findet, Nachtkritik), der Geheimdienst-Abend von Rimini Protokoll in der Münchner Glypyptothek (den Petra Hallmayer in der Nachtkritik in weiten Teilen "kopflos und naiv" nennt, SZ), das Dokumentartheaterstück "Heimat reloaded" am Berliner HAU (Tagesspiegel), der Ballettabend "Callas" in Bern (NZZ), Bastian Krafts Theateradaption von Luchino Viscontis Film "Ludwig" am Akademietheater Wien (Standard, Presse), Antonia Baehrs Choreografie "Normal Dance" im Frankfurter Mousonturm (FR), ein Abend des Regisseurs Willy Praml in Frankfurt (FR).
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Literatur

In der FAZ erinnert sich der Literaturwissenschaftler Marco Stahlhut an seine akademische Ausbildung bei dem Schriftsteller W.G. Sebald. Dabei plaudert er auch munter aus dem Nähkästchen: "Ich muss sagen, dass ich von der Freundlichkeit und dem Humor, die Sebald im Privatleben gezeigt haben soll, nicht viel erlebt habe. Mir schien sein Humor durchgehend schwarz, bisweilen bösartig. Wie lustig ich das fand, hing vom Ziel seiner Attacken ab. Allerdings habe ich auch nichts von dem fehlenden Wohlwollen, ja der Gemeinheit gespürt, die Sebald in seinen Texten gegenüber von ihm weniger geschätzten Autorenkollegen an den Tag legte."

Weitere Artikel: Benjamin von Stuckrad-Barres neues Bändchen "Nüchtern" ist für Günter Wallraff ein Anlass, im Tagesanzeiger auch über die Geschichte seines eigenen Alkoholimus nachzudenken. Marie Luise Knott schreibt in ihrer Perlentaucher-Lyrikkolumne Tagtigall über aktuelle Veröffentlichungen von unter anderem Anneke Brassinga und Volker Braun. Im Freitag erklärt Tom Schimmeck, wie Ayn Rand zum literarischen Aushängeschild der neoliberalen Rechten der USA geworden ist.
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Musik

Bob Dylan wurde in Abwesenheit mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet (hier seine von der amerikanischen Botschafterin Azita Raji verlesene Bankettrede). Die Feuilletonkommentatoren reagieren mit sanfter Häme auf den theatralisch-exquisiten Abend: Das "war feierlich bis zur Satire", winkt etwa Michael Pilz in der Welt ab. Dylans Danksrede hätte man sich zudem kaum "dürftiger ausdenken können", schreibt Willi Winkler in der SZ nicht minder spöttisch. Dass es Patti Smith beim Singen von Dylans "Hard Rain" vor 1500 edel gekleideten, erlesen dinierenden Gästen die Stimme verriss, findet Winkler immerhin sympathisch. Jedoch: "Immer besser, immer fester wurde ihre Stimme, als sie Dylans apokalyptische Weltuntergangsversion weit, weit über alle Preise und Feiern und Hummer hinaustrug. Es war fast unerträglich gewalttätig, es war mehr Dichtung, als in Stockholm in Jahrzehnten zu hören war. ... Wahrlich ist es schön, Bob Dylan zu hören, doch schöner ist's, dabei zu sein, wenn eine Göttin das Hohelied anstimmt und auf so erhabene Weise versagt. Bob Dylan und Patti Smith haben mit ihrem Fehlen die Kunst vor dem Nobelpreis gerettet."

Weitere Zusammenfassungen und Würdigungen in NZZ und Tagesspiegel. Dradio Wissen bringt den Vortrag "Bob Dylans Shakespeare" des Literaturwissenschaftlers Heinrich Detering. Und hier Patti Smiths Auftritt:



Weiteres: In der taz porträtiert Jens Uthoff die Indieband Doctorella der in einschlägig poplinken Kreisen bestens bekannten Grether Sisters, die sich mit beherztem "Do it Yourself"-Ethos den "Jungsstrukturen" der Subkultur entgegen stellen (siehe dazu das Video unten). Christine Lemke-Matwey spricht in der Zeit mit dem Geiger Gidon Kremer. Für die Zeit porträtiert Christoph Twickel den Musikproduzenten Johann Scheerer, der gerade das neue Album von Großbritanniens favorite pop junkie Pete Doherty auf die Beine gestellt hat. Für die NZZ hat Markus Ganz einen Überblick über die Zürcher Musikszene verfasst. Von geradezu epischer Länge ist die Oral History of Prince geraten, für die GQ die Erinnerungen zahlreicher Wegbegleiter des verstorbenen Popmusikers zusammengestellt hat. In der Neuen Musikzeitung erinnert Viktor Rotthaler an den Filmkomponisten Hans J. Salter, der in den Dreißigern den Hollywoodsound mitgeprägt hatte. Und Pitchfork bringt die hundert besten Songs des Jahres.
 

 
Besprochen werden das Album "Es geht sich aus" der Stuttgarter Post-Punker Karies (taz, siehe dazu das aktuelle Video unten), Emiliana Torrinis neues Kammerpop-Album (Tagesspiegel) und ein Konzert des Laptopmusikers Nicolas Jaar (SZ).


Archiv: Musik

Film


Riesengorilla: Peter Simonischek, Sandra Hüller und Maren Ade räumen ab - "Toni Erdmann".

Mit Maren Ades Erfolgsgeschichte "Toni Erdmann" geht es einfach immer munter weiter: Beim Europäischen Filmpreis, vergeben am Samstag im polnischen Wrocław, war der Film in allen fünf Nominierungen - beste Schauspielerin (Sandra Hüller), bester Schauspieler (Peter Simonischek), beste Regie, bestes Drehbuch und bester Film - erfolgreich. Ebenfalls nominierte, hochkarätige Filme wie Ken Loachs "Ich, Daniel Blake" (zum merklichen Bedauern Jenni Zylkas in der taz) und Paul Verhoevens "Elle" hatten das Nachsehen. Die Feuilletons feiern kräftig mit - allerdings, wohlgemerkt, ohne "Nationalstolz", wie Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel unterstreicht: Diese antiquierte Geisteshaltung wurde auf der Gala angesichts eines erodierenden Europas und des Aufstiegs der Rechtspopulisten mehrfach vehement gegeißelt - etwa in der Ansprache des (parteilosen) Bürgermeisters der Stadt, Rafal Dutkiewicz: "Nichts anderes als 'stinkender alter Schweiß' sei die Welle von Nationalismus, die derzeit den Kontinent erfasse. 'Geh duschen, Europa!', ruft er in das jubelnde Auditorium, das die schmissige Parole vor allem als Mahnung an Polens rechte Machthaber versteht." Knut Elstermann stellt in der Berliner Zeitung fest: "Angesichts des anwachsenden Populismus, des Erstarken des Nationalismus auch in Polen, erscheint die Akademie als eine wichtige Institution der kulturellen Gemeinsamkeit, vielleicht eine der letzten." Die Politik war denn auch so dominant wie bei bislang noch keiner anderen Verleihung des Filmpreises, fiel Michael Pekler vom Standard auf. Und Ade selbst? Die fühlt sich jetzt erstmal wie ein "Riesengorilla", verrät sie im dpa-Gespräch beim Tagesspiegel.

Besprochen werden Sergei Loznitsas Essayfilm "Austerlitz" über die Besucher von Shoah-Gedächtnisstätten (Tagesspiegel, Filmgazette), Gaby Dellals "Alle Farben des Lebens" (Standard, SZ), Daniel Ragussis' auf Heimmedien veröffentlichter Thriller "Imperium" mit Daniel Radcliffe als Undercover-Neonazi (SZ), der Animationsfilm "Sing" (Standard) und die Komödie "Schubert in Love" mit Olaf Schubert (Tagesspiegel).
Archiv: Film