9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Revolution ist kein Rosenbett

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.11.2016. Fidel Castro ist tot. Im kubanischen Fernsehen verkündete sein Bruder Raúl die Nachricht mit geballter Faust. Die New York Times bringt schon einen großen Nachruf auf den Revolutionsführer und Autokraten, der fünfzig Jahre über Kuba herrschte und für kurze Zeit die Welt an den Rand eines Atomkriegs führte. In der FR betont der Ökonom Branko Milanovic: Die Globalisierung ist eine Kraft zum Guten. Die taz empfiehlt gegen Ungleichheit Eigentumsbildung. Und der Guardian spricht Boris Johnson das Verdienst zu, die Europäer geeint zu haben.

Geschichte

"Eine Revolution ist kein Rosenbett": Fidel Castro, charismatischer Revolutionsführer und starrsinniger Autokrat, der über Kuba mehr als fünfzig Jahre herrschte, ist tot. Die New York Times weiß ihn in ihrem Nachruf als Amerikas hartnäckigsten Plagegeist zu würdigen: "Am Freitag starb Fidel Castro, der feurige Apostel der Revolution, der 1959 den Kalten Krieg in die westliche Hemisphäre trug, ein halbes Jahrhundert lang den USA trotzte, elf amerikanische Präsidenten plagte und zwischenzeitlich die Welt an den Rand eines Atomkriegs führte." Der frühere Korrespondent Richard Eder erinnert sich in einem Video an seinen Besuch bei Castro 1964.

Bereits zu seinem neunzigsten Geburtstag im August  schrieb Jon Lee Anderson im New Yorker auf Castros Langlebigkeit, die ihn auch die zahllosen Attentatsversuche der CIA und die Invasion in der Schweinebucht überstehen ließ.

Der Guardian hat schon ein Dossier zu ihm zusammengestellt und alle ikonischen Bilder der Revolutionszeit aus dem Archiv geholt. Außerdem verlinkt er auf Raùl Castros Auftritt im kubanischen Fernsehen. Eine große Bilderstrecke bringt auch Slate.fr.

Libération kommentiert Castros Tod schon sehr nüchtern:


 

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Als "eine Art Erlösung" begrüßt Andreas Kilb die Berufung des Historikers Raphael Gross zum neuen Direktor des Deutschen Historischen Museums, das unter der unglückseligen Ägide des Vorgängers Alexander Koch in eine existenzielle Krise geraten war: "Das Personal des Hauses spaltete sich in Gegner und Anhänger des Direktors. Ein aufwendig erarbeitetes 'Leitbild' schlug falsche nationale Töne an. Der Ausstellungsbetrieb degenerierte zusehends, bis hin zu einer Schau über das Kriegsende 1945, in der die Geschichten von Tätern vor die ihrer Opfer rückten."  In der SZ setzt Franziska Augstein ihre Hoffnungen auf den neuen Mann, der bis 2015 das Jüdische Museum in Frankfurt leitete: "Der neue Direktor ist ein zurückhaltender Mann. Ungern gibt er Interviews. Soll heißen: Er macht es nur, wenn er es für absolut nötig hält. Derzeit meint er: Erst mal muss man zeigen, was man kann; dann darf man sich für Komplimente oder Kritik bedanken."
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Politik

"Die Globalisierung war an sich eine Kraft zum Guten", betont der Wirtschaftswissenschaftler Branko Milanovic im FR-Interview mit Michael Hesse, die Welt von heute sei besser als die vor 25 Jahren. Das Problem sei die ungleiche Verteilung der Gewinne: "Die Entwicklung in den Industrienationen ist bedenklich, denn wenn viele aus der Mittelschicht ihren Kindern keine gute Ausbildung mehr bezahlen können und Superreiche wie in den USA die Politik beeinflussen, sind das Züge einer plutokratischen Herrschaft. Das gefährdet die politische Stabilität des Landes."

In der taz empfiehlt jetzt selbst Stefan Reinecke der Linken ihre "ästhetische und habituelle Distanz zum Wohneigentum" fallenzulassen: "Denn mehr Gleichheit lässt sich, jedenfalls in Deutschland, nicht erreichen, ohne die Zahl der Wohnungseigentümer entschlossen zu vergrößern."

Im taz-Interview mit Barbara Junge und Bernd Pickert zerstreut der bereits mehrfach befragte Trump-Biograf David Cay Johnston jede Hoffnung auf eine Mäßigung des Präsidenten Trump: "Donald Trump ist so eine unreife Persönlichkeit, er ist so leicht zu ködern, es mangelt ihm an Proportionalität. Wir wissen nicht, wie er reagiert. Sein Instinkt in einer Krisensituation ist anzugreifen... Die Vorstellung, dass er auch nur eine Stunde mal dasitzt und über etwas nachdenkt, ist absurd."

In der Welt erklärt Alan Posener, dass wir nicht in postfaktischen, sondern in kontrafaktischen Zeiten leben: "Das Problem war nicht, dass Trumps Wähler nicht zwischen wahr und falsch unterscheiden konnten. Sondern dass ihnen die Wahrheit weniger wichtig war als ihre Wut."

Im Guardian sieht Jean Quatremer die Stunde der Politclowns aufziehen, mehr noch als mit Donald Trump allerdings mit Boris Johnson. Immerhin spricht er ihm das Verdienst zu, als tollpatschiger und arroganter Außenminister die EU gegen Großbritannien geeinigt zu haben: "Johnson has deeply annoyed his continental partners by displaying, firstly, his complete ignorance of the union (perhaps not altogether surprising if you knew him as a 'journalist' in Brussels, as I did). According to his very personal interpretation of the European treaties, it is 'bollocks' to say that the four fundamental freedoms (free movement of people, goods, services and capital) are inseparable."
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Ideen

Die NZZ bringt den viel diskutierten Text des amerikanischen Politologen Mark Lilla über Identitätspolitik aus der New York Times (hier unser Resümee): Die Fixierung auf Diversität habe eine Generation von Linksliberalen und Progressiven hervorgebracht, schreibt Lilla darin, "die in narzisstischer Blindheit gegenüber den Lebensrealitäten außerhalb ihrer eigenen Gruppe verharren und keinerlei Verpflichtung fühlen, sich auf Landsleute einzulassen, die anders denken und leben als sie."

Die SZ stellt mit Hannah Arendt, Jewgenij Samjatin, Richard Rorty und anderen ein Vademecum gegen Populismus und Autoritarismus zusammen.
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Medien

In der Washington Post berichtet Craig Timberg, dass die Flut an Fake News, die Trumps Wahlkampf munitionierten, auch auf das Konto russischer Propaganda gehe: "Two teams of independent researchers found that the Russians exploited American-made technology platforms to attack U.S. democracy at a particularly vulnerable moment, as an insurgent candidate harnessed a wide range of grievances to claim the White House. The sophistication of the Russian tactics may complicate efforts by Facebook and Google to crack down on fake news, as they have vowed to do after widespread complaints about the problem."

In der FAZ meldet jetzt auch Jürg Altwegg, dass Charlie Hebdo nach Deutschland expandieren wird, ist sich allerdings nicht sicher, "ob es ein Publikum für den sehr französischen Antiklerikalismus und den manchmal pubertär und primitiv wirkenden gallischen Humor gibt".
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