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04.07.2026. Die USA feiern heute 250 Jahre Unabhängigkeit, doch gute Stimmung will nicht so richtig aufkommen: Die FAZ erinnert daran, dass die amerikanische Verfassung schon von Beginn an das Potenzial zur "Selbstzerstörung" in sich trug. Auch der Historiker Joseph J. Ellis sieht in der FR viele heutige Probleme schon damals angelegt, zum Beispiel den Rassismus. Der Journalist Andrej Zacharow erklärt in der FAS, warum der russische Staat bald in eine "Cyberpunk-Dystopie" abstürzen könnte. Das russische Staatswesen beruht auf einer Fake-Identität, schreibt derweil der Politologe Andrew Chakhoyan in der NZZ.
Heute feiern die USA das 250-Jährige Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit. Besonders viel Anlass zur Freude sehen die Feuilletons allerdings nicht. Majid Sattar erinnert in der FAS daran, wie geschichtsvergessen der jetzige amerikanische Präsident ist: "Trump weiß nicht viel über amerikanische Geschichte. Als ihn im vergangenen Jahr ein Reporter im Oval Office fragte, was ihm die Unabhängigkeitserklärung bedeute, die er an der Wand angebracht hatte, erwiderte er: 'Nun, es ist genau das, eine Erklärung. Eine Erklärung der Einheit und der Liebe und des Respekts. Und das bedeutet viel.' Liebe, Einheit, Respekt? Am 4. Juli 1776, mehr als ein Jahr nach den Schlachten von Lexington und Concord gegen die britische Armee, nahm der Zweite Kontinentalkongress mit Delegierten aus den dreizehn Kolonien die Unabhängigkeitserklärung an und formalisierte dadurch den Revolutionskrieg, der erst 1783 enden sollte. Die Erklärung ist der Beginn der großen amerikanischen Demokratiegeschichte. Ein Dokument der Liebe ist sie nicht."
Der US-Historiker Joseph J. Ellis blickt im FR-Interview zurück auf das Jahr 1776 und macht Konfliktlinien aus, die sich von damals bis in die Gegenwart ziehen: "Jefferson ist hier ein gutes Beispiel. Er sagte sehr offen, dass Sklaverei mit den Werten der amerikanischen Revolution unvereinbar sei. Aber er glaubte zugleich, Schwarze und Weiße könnten nicht zusammenleben. Er fürchtete Vermischung und glaubte, daraus entstehe eine angeblich minderwertige Rasse. Dieser Rassismus zieht sich durch die amerikanische Geschichte bis heute. Wenn Trump-Anhänger sagen, sie wollten Amerika wieder groß machen, was meinen sie dann? Viele können es nicht genau sagen. Aber es bedeutet oft: zurück in eine Zeit vor Barack Obama, vor Brown v. Board of Education, dem berühmten Rechtsfall, als das oberste Gericht die Rassentrennung in öffentlichen Schule für verfassungswidrig erklärte, und vor die Gleichstellung Schwarzer in der Armee. Die meisten wollen nicht zur Sklaverei zurück. Aber der Kern bleibt: Es gibt bis heute eine substanzielle Minderheit weißer Amerikaner, die eine gleichberechtigte multirassische Demokratie ablehnt."
Auch Oliver Weber kann in der FAZ nur einen "pessismistischen" Blick auf dieses Jubiläum werfen und erinnert daran, dass schon wenige Jahre nach der Verabschiedung der amerikanischen Verfassung Stimmen laut wurden, die diese als "Vehikel der Selbstzerstörung" ausmachten und heute geradezu prophetisch klingen: "Die Befugnisse des amerikanischen Präsidenten, schreibt etwa George Clinton 1787, grenzen an die eines Monarchen. Vier Jahre ist er im Amt - und nur schwer wieder daraus zu entfernen, wie allerjüngste Beispiele belegen. Er wird durch seine Macht, Ämter zu verteilen, so Clinton weiter, von Schmeichlern umgeben sein und dank seines Oberbefehls über das Militär selbstherrlich Außenpolitik treiben - wenn er nicht gar, wie einige der Antifederalists befürchten, amerikanische Truppen im Inland einsetzt, um demokratischen Widerstand zu brechen. Sein Begnadigungsrecht erlaube ihm außerdem, so die hellsichtige Prognose des New Yorker Gouverneurs, 'Verschwörer, mit denen er selbst verbündet ist', davonkommen zu lassen und so 'seine eigene Schuld zu verbergen'.
Der Filmemacher Ken Burns hat eine Dokumentation über die amerikanische Revolution gemacht, die pünktlich zum Verfassungs-Jubiläum im deutschen Fernsehen läuft. Im FAS-Interview klingt er recht patriotisch: "Washington hatte viele Schwächen, aber eine seiner Stärken war, seine Leute daran zu erinnern, worum es geht, und jemanden aus New Hampshire oder Georgia davon zu überzeugen, dass sie alle aus dem gleichen Land sind, dass es so etwas gibt wie Amerikaner. Wir wollten nicht nur eine Schlacht nach der anderen zeigen, sondern auch die soziale Transformation, die gleichzeitig voranschreitet. Natürlich meint Jefferson weiße begüterte Männer, wenn er erklärt, dass alle Menschen gleich sind. Aber damit hat er eine Tür geöffnet, und die lässt sich nicht mehr schließen, nirgends und für niemanden auf der Erde. Selbst dann, wenn die Despotie ihr Haupt erhebt - das muss ich ja einem Deutschen nicht erklären -, wird sie nicht funktionieren. Ich will damit nicht das Leiden und die Katastrophen minimieren, aber: Es hat nicht funktioniert, und es wird nicht funktionieren."
Außerdem: Die wochentaz widmet sich heute in ihrem Dossier dem Thema "Antifaschismus": Tobias Bachmann spricht heutigen AntifaschistInnen Mut zu. Die Soziologin Vanessa E. Thompsonerklärt im Interview, warum es "antirassistische Klassenpolitik" braucht, um dem "Faschismus" in der Welt entgegenzutreten.
"In Russland hat sich ein Markt entwickelt, bei dem Sie jederzeit einen Telegram-Bot nutzen und für zehn Dollar alle Informationen über eine beliebige Person kaufen können", erklärt der russische Journalist Andrej Zacharow im Interview mit der FAS. In seinem Buch (bisher ist es nur auf Russisch erschienen, hier kann man einige Kapitel auf Englisch lesen) beschreibt er diese widersprüchliche russische "Cyberpunk-Dystopie": "Das staatliche Streben danach, möglichst viele Daten zu sammeln, verbunden mit einem niedrigen Schutzniveau der Infrastruktur, führt zu einem Teufelskreis: Je mehr der Staat sammelt, desto mehr sickert durch. Die Datenbank des FSB-Grenzdiensts - alle Bewegungen von Russen über die Grenzen von 2014 bis 2023 - wurde für 100.000 bis 150.000 Dollar auf dem Markt verkauft. Etwa 20 Millionen erwachsene Russen, jeder fünfte Erwachsene, haben das System 'Auge Gottes' genutzt, um Daten über Mitmenschen zu kaufen. Man kann das wirklich kaum begreifen: Einerseits gibt es eine totale Kontrolle und Abschirmung von Putins Leben, andererseits kann jeder prüfen, wo Putins Kinder wohnen. Die Büchse der Pandora ist geöffnet, und der Staat kann bisher nichts dagegen tun."
Teil der russischen Propaganda im Ukrainekrieg ist die Behauptung, die Ukraine sei gar kein echtes Land. Dabei ist es eigentlich die russische Föderation, die ein "Schwindel" ist, konstatiert in der NZZ der Politikwissenschaftler Andrew Chakhoyan und das seit langer Zeit: "Ein niederländischer Imperialist konnte nach dem Zusammenbruch des Reiches als niederländischer Staatsbürger in seine Heimat zurückkehren. Burjaten, Tuwiner, Baschkiren und Dutzende anderer Völker, deren Identitäten Moskau jahrhundertelang zu tilgen versuchte, besitzen keine solche staatsbürgerliche Heimat. Auch die ethnischen Russen übrigens nicht. Nimmt man das imperiale Gehäuse weg, gibt es kein Russland, in das man zurückkehren könnte. Moskaus Gründungsmythos war schon immer ein Schwindel. Kiew taucht in historischen Aufzeichnungen bereits ab dem 5. Jahrhundert auf; Moskau erst ab dem 12. Jahrhundert. Als Iwan der Schreckliche sich 1547 zum Zaren der ganzen Rus krönte, erbte er keine Zivilisation. Er beanspruchte eine für sich, die jahrhundertelang ohne ihn, den Kreml oder Moskau gediehen war. Ein Staatswesen, dessen Identität derart auf Fake beruht, fühlt sich gezwungen, immer wieder zu versuchen, die Ukraine dem Erdboden gleichzumachen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Perlentaucher Thierry Chervel hat einen Essayband mit ausgewählten Texten des Autors und Perlentaucher-Kolumnisten Richard Herzinger herausgegeben (unsere Resümees). Die Welt druckt eine gekürzte Version des Vorworts, das der Historiker Jeffrey Herf für den Band verfasst hat: "Auch wenn er sich nicht so sah: Herzinger war einer der deutschen Autoren, die den Geist der europäischen Revolutionen von 1989 bis 1991 am besten einfingen und auch den Geist der Dissidenz in Osteuropa, der diese Ereignisse vorausnahm und prägte. Wie die Dissidentenwar er ein Autor, der stets klarmachte, wofür er stand, die Verteidigung der Demokratie und individuellen Freiheit. Herzinger trug eher als Kritiker und warnende Kassandra zum deutschen Geistesleben bei, denn als Verfechter der bestehenden Verhältnisse. Lange vor der 'Zeitenwende' von 2022 forderte er Deutschland auf, wesentlich mehr zu tun, um der Bedrohung durch Putin entgegenzutreten, und machte seinem Ärger über die 'russische Lobby' und ihren Einfluss auf die deutsche Politik Luft. Putins Aggression war für Herzinger Element einer neuen globalen Bedrohung." Hier finden Sie kleine Auszüge aus dem Band.
Steffen Grimberg widmet sich in der taz den Gerüchten über eine angebliche Intervention von Mathias Döpfner beim Bundeskanzler (unser Resümee), der diesen zur Zusammenarbeit mit der AfD gedrängt haben soll. An der Geschichte scheint nicht viel dran zu sein, so Grimberg, aber wundern würde es ihn auch wieder nicht: "Das Springers Bild und Welt die Abgrenzung gegenüber der AfD immer wieder infrage stellen, ist seit Monaten zu lesen. Beim Schreiben dieser Zeilen erscheint auf welt.de gerade ein Kommentar von Chefreporterin Anna Schneider: 'Trotz mangelnden Erfolgs der AfD-Brandmauer rufen ihre Fürsprecher nun zu einer weiteren, verstärkten Brandmauer nach links auf. Als wäre die deutsche Politik nicht schon einbetoniert genug', heißt es darin. Es braucht also gar keinen Hauch von Hugenberg mit Intervention des Konzernchefs beim Kanzler, auch wenn das Döpfners Ego sicherlich schmeichelt. Und welches Blatt hatte noch mal dem Politphilosophen Elon Musk seine Spalten für einen Gastkommentar geöffnet, in dem der Tech-Bro für die AfD trommeln durfte?"
Warum findet man Hitler nicht in der NSDAP-Mitglieder-Kartei, die die National Archives in den USA freigegeben haben? (unsere Resümees) Robert Probst geht der Sache in der SZ auf den Grund und erinnert an den Skandal um das Berlin Document Center, indem Akten von NS-Funktionären und Mitglieder-Karteikarten gesammelt wurden. Im Jahr 1988 kam heraus, dass aus dem BDC etwa 80 000 Dokumente verschwunden waren, woraufhin der US-Direktor des BDC Daniel P. Simon "zahllose dieser Mitgliedskarten in einen Schrank in seinem Büro sperren ließ", wie Probst erklärt. Auf den Kopien im US-Nationalarchiv sind diese Karten nicht zu finden: "Mit anderen Worten: Die Amerikaner haben wohl die verfilmte Mitgliederkartei ohne diverse Nazi-Größen mit nach Washington genommen - und darum lassen sich auch bei Weitem nicht alle von ihnen mit den Suchtools finden. (Dazu kommt, dass die erhaltenen Dokumente ohnehin nur 80 Prozent aller Parteimitglieder umfassen, der Rest wurde zerstört oder ging verloren - auf welche Weise auch immer.) An einigen Stellen in den Dateien der National Archives sind die Platzhalter als schwarze, schriftlose Mikrofilm-Vierecke gut zu erkennen."
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