9punkt - Die Debattenrundschau

Unvorhersehbare Nebenwirkungen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.11.2016. Etwas mehr als eine Woche nach der Wahl graut dem New Yorker angesichts der Aufführungen des President-elect vorm Kommenden. Die Debatte um Facebook geht weiter: Buzzfeed behauptet, dass Fake News direkt vor der Wahl mehr geteilt worden seien als seriöse Nachrichten. In der NZZ fragt Ruud Koopmans, wie multikulturell westliche Gesellschaften sein sollen.  FAZ-Autor Paul Ingendaay traf Sprecher der polnischen Opposition, die die Kaczyński-Regierung als Spezialfall im rechtspopulistischen Spektrum sehen.

Politik

Etwas mehr als eine Woche nach den Wahlen fasst Ryan Lizza, der Washington-Korrespondent des New Yorker noch mal das recht chaotische Gebaren des President-elect zusammen: "Sieben Tage mögen nicht genug sein, um einem neuen Anführer gerecht zu werden, besonders im Fall Trumps, dessen erste Woche geprägt war von Chaos beim Versuch, eine Regierung zusammenzufügen. Was wir bisher über den am wenigsten erfahrenen President-elect der Geschciht erfahren haben ist so verdrießlich und ominös, wie es seine Kritiker befürchteten."

Hillary Clinton scheiterte an Problemen, "die auch die Grünen in Deutschland haben und eigentlich alle Parteien in Europa, die sich als libertär und ökologisch orientiert verstehen", meint Jan Feddersen in der taz: "Clinton scheiterte, weil sie kulturell für eine Politik steht, die Weltläufigkeit, Durchblickertum und Strebsamkeit verströmt. Nichts war für sie im Wahlkampf so verheerend wie die Bemerkung über die 'deplorables', die Bedauernswerten, die nicht an den Segnungen der neuen, digitalen Ökonomie teilhaben können."

In der NZZ stellt Mona Sarkis das syrische Filmkollektiv Abou Naddara vor, das wöchentlich Videos ins Netz stellt, um von Menschen in Syrien und ihrer Geschichte zu erzählen. Ein starker Antrieb der Gruppe ist auch die Wut über internationale Medien, die meist nur namen- und gesichtslose Syrer präsentiert: Tote Syrier. "Ganz anders das Video 'Mein Onkel' von 2015. Darin schildert ein quirliger Aktivist mit einem Kopf voll schwarzer Dreadlocks, wie er in Rakka gegen das Regime kämpfte, während sein Onkel, von dem er nur wusste, dass er 'im Irak gewesen' war, nichts unternahm. Als sich das Regime aus Rakka zurückzog und der IS die Kontrolle übernahm, machte dieser dort weiter, wo Asads Schergen aufgehört hatten: mit Verhaftungswellen. Auch der Aktivist musste ins Gefängnis. Jetzt trat sein Onkel in Aktion: Er entpuppte sich als Mitglied des IS und erklärte der verängstigten Mutter des jungen Mannes, dass, sofern etwas gegen ihn vorliege, dieser selbstverständlich geköpft würde."



Außerdem: Für den Ethnologen Thomas Hauschild in der Welt ist es nun offiziell: Mit Donald Trump ist das Ende der Postmoderne doch noch eingetroffen.
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Ideen

In der NZZ sortiert Hartwig Isernhagen Donald Trump in die Reihe der Confidence Men ein, eine Sorte von Trickstern, die Herman Melville in einer Satire beschrieben hat: "eine Figur, die sich nie und nirgends festlegen lässt, die davon lebt - materiell wie ideell -, dass ihr Gegenüber bzw. ihr Publikum dazu verleitet wird, seine Erwartungen und Bedürfnisse in sie hineinzuprojizieren. Das geschieht nicht durch simple Täuschung, sondern durch die Aufforderung, dem Confidence Man zu vertrauen, ohne Garantie, ohne Vorleistung seinerseits, allein deswegen (und da liegt der moralische Druck), weil die Verweigerung des Vertrauens Misstrauen signalisieren würde, für das im Moment noch kein Grund benennbar ist."
 
Ebenfalls in der NZZ denkt Hans Ulrich Gumbrecht über den "Geist unserer Gegenwart" nach, der von Ingenieuren geprägt wird, nicht mehr von Natur- oder Geisteswissenschaftlern: "Was die Elektronikspezialisten und ihr Denken in den vergangenen dreißig Jahren erfunden haben, waren nicht mehr 'wissenschaftliche' Lösungen von Problemen, sondern erste und dann immer entschlossenere Schritte zur Umgestaltung der vertrauten Welt. Mit der in dieser Hinsicht beispielhaften Gestalt des iPhone ist die Metapher von der 'Welt in unserer Hand' zu einer Realität geworden. Da solche Gegenstände und Instrumente einem Denken des Bruchs entspringen, das die Praxis des Alltags durch aktive Interventionen verändern will, lassen sich unvorhersehbare Nebenwirkungen und vor allem schwer kalkulierbare Risiken im selben Alltag kaum vermeiden."
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Urheberrecht

Der EuGH hat eine französische Praxis der Digitalisierung vergriffener Bücher für unrechtmäßig erklärt, weil die Urheber nicht informiert würden. Leonhard Dobusch kommentiert bei Netzpolitik: "Die Entscheidung (belegt) einmal mehr, dass es im derzeitigen EU-Urheberrecht an praktikablen Regelungen zur Digitalisierung und Zugänglichmachung insbesondere von Werken des 20. Jahrhunderts mangelt. Während im US-Copyright die Fair-Use-Klausel Angebote wie Google Books erlaubt (allerdings unvergütet), sind durch das Urteil auch die wenigen kollektiven Ansätze zur Digitalisierung auf nationalstaatlicher Ebene in Europa bedroht."
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Internet

Fake News wurden in den Monaten vor der Wahl auf Facebook häufiger geteilt als Nachrichten seriöser Medien, schreibt Craig Silverman in dem Blog Buzzfeed, das behauptet, eine eingehende Studie gemacht zu haben: "In diesen entscheidenden Monaten des Wahlkampfs haben die zwanzig am besten abschneidenden falschen Wahlstories von Fake-News-Seiten und extrem parteiischen Blogs 8.711.000 Shares, Reaktionen und Kommentare auf Facebook erreicht. In der selben Zeit haben die zwanzgi Top-Wahlstories aus den 19 wichtigsten News Websites insgesamt 7.367.000 Shares, Reaktionen und Kommentare bekommen."

Auch Sascha Lobo greift jetzt in seine Spiegel-online-Kolumne in die aktuelle Diskussion um Facebook ein. Fake News und Filterblasen seien Mittel politischer Beinflussung: Das grassierende Misstrauen gegen traditionelle Medien wirkt dabei verstärkend: Wenn es vermeintlich 'keine Wahrheit' gibt, steht die Propagandalüge gleichberechtigt neben der aufklärenden Nachricht."
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Europa

Der Soziologe Ruud Koopmans fordert im Interview mit der NZZ eine Debatte über die Forderungen, die Aufnahmeländer gegenüber Migranten stellen dürfen und darüber, "inwiefern sie Zugeständnisse an Kultur und Religion von zugewanderten Minderheiten machen sollen oder müssen. ... Ich stehe auch erst am Anfang. Aber der Endpunkt der Globalisierung sollte nicht sein, dass die ganze Welt gleich wird und die Identitäten der einzelnen Nationalstaaten sich irgendwann völlig auflösen. Die Frage lautet: Bis zu welchem Ausmaß ist es normativ zu verteidigen, dass eine nationale Mehrheitskultur ihre eigene Kultur privilegiert? Man muss das diskutieren können, ohne dass man gleich als Nazi oder als Landesverräter exkommuniziert wird."

Beruhigende Botschaften sendet Olivier Faye , der Rechtsextremismus-Experte von Le Monde aus (aber wer traut solchen Äußerungen noch über den Weg?) "In den letzten Monaten gab es so gut wie keine Umfrage, nach der Marine Le Pen aus der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen als Siegerin hervorgeht. Die wenigen Ausnahmen beziehen sich au den Fall, dass sie in der zweiten Runde François Hollande gegenübersteht. Im Team der Kandidatin nimmt man an, dass eine Konfrontation mit Nicolas Sarkozy, die auf der Linken spaltend wirken würde, mehr Stimmen brächte als ein Rennen gegen Alain Juppé."

Für eine interessante Reportage im FAZ-Feuilleton hat Paul Ingendaay einige Sprecher der polnischen Opposition getroffen, um sich ein Bild von der Lage unter der Kaczyński-Regierung zu verschaffen: "Auffällig ist, dass fast alle Gesprächspartner die polnische Rechtsregierung unter eigenen Bedingungen und nicht als Ausdruck eines neuen europäischen Populismus betrachten. Die deutsche Besorgnis über eine unheimliche deutsch-polnische Allianz der Populisten gehe an der Wirklichkeit vorbei, sagt die Deutschland-Kennerin Agnieszka Łada, Leiterin der Europa-Abteilung des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten, des größten unabhängigen Think Tanks in Polen."
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