9punkt - Die Debattenrundschau

Die Wirklichkeit ist provokativ genug

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.08.2016. Politico.eu fragt: Wie viele Bernie Sanders wird der französische Wahlkampf verkraften? Der Burkini ist ein Symbol der Freude und Gesundheit, schreibt seine Erfinderin Aheda Zanetti im Guardian. Deutschland macht jungen Muslimen kein Identitätsangebot, schreibt Bassam Tibi in der SZ. Der Tagesspiegel schildert einen  Kleinkrieg der sachsen-anhaltinischen Metropolen Magdeburg und Halle um die Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2025.

Europa

Deutschland macht jungen Muslimen aus dem Nahen Osten kein Identitätsangebot, bedauert der deutsch-syrische Soziologe Bassam Tibi in der SZ. Kein Wunder, meint er, dass sich so viele auf den Salafismus zurückziehen, der ihnen genau das bietet: "Migration wird nicht nur von wirtschaftlichen und politischen Faktoren bedingt, sie berührt auch Fragen der interkulturellen Identität. Menschen haben verschiedene Stufen und Schattierungen ihrer Identität, etwa die personelle oder die kollektive. Bevor ich als 18-Jähriger aus Syrien nach Deutschland kam, habe ich auf die Frage 'Wer bist du?' stets mit dem Hinweis auf das Kollektiv geantwortet. ... Die jugendlichen Migranten, die aus der psychologischen Sicherheit des Kollektivs herausgerissen werden, erhalten von der Gesellschaft, die sie aufnimmt, keinen Ersatz für das, was sie eingebüßt haben. Die Folge sind Identitätsprobleme. Die Deutschen scheinen diese ihnen kulturell fremde Problematik überhaupt nicht zu verstehen."

Empört ist taz-Autor Daniel Bax über die Fotos von einem Strand in Nizza, die zeigen, wie französische Polizisten eine Frau auffordern, ihren Burkini abzulegen (unser Resümee): "Das Burkini-Verbot trifft ausnahmslos Frauen und all jene, die sich ohnehin schon zurückgesetzt fühlen." Im Guardian schreibt die Burkini-Erfinderin Aheda Zanetti, die bereits in politico.eu zitiert wurde (unser Resümee): "Der Burkini symbolisiert nicht den Islam, sondern Freizeit, Glück, Fitness und Gesundheit. Wer ist also besser, die Taliban oder französische Politiker?"

Für Alice Schwarzer sind Burka und Niqab ganz und gar politische Kleidungsstücke. In der Welt schreibt sie: "Hinter den provokant Vollverschleierten stehen in der Regel Ehemänner bzw. Organisationen, wie wir aus Frankreich wissen. Die zu zahlenden Strafen für die dort verbotene Vollverschleierung werden von Hintermännern übernommen. In Deutschland wird es ähnlich sein: Hinter der einzelnen vollverschleierten Frau steht die politische Absicht, dass die Scharia auch hierzulande akzeptiert wird. Und selbst wenn die so instrumentalisierte Frau das nicht durchschauen sollte - wollen wir also allen Ernstes wegen der verqueren seelischen Befindlichkeit ihrer Frauen dieses Tuch der Schande mitten unter uns akzeptieren?"

In Frankreich tritt  Arnaud Montebourg als eine Art französischer Bernie Sanders gegen François Hollande und das geschwächte Establishment der französischen Sozialisten an. Nicholas Vinocur schätzt seine Chancen in politico.eu zwiespältig ein: "Selbst wenn die Diagnose auf beiden Seiten des Atlantik ähnlich ist, sind die politischen Landschaften doch sehr unterschiedlich. In den Vereinigten Staaten genoss Sanders am linken Rand der Demokratischen Partei eine sublime Isolation. In Frankreich steht Montebourg vor der umgekehrten Situation: eine linke Spur, die bereits überfüllt ist mit eifrigen Bernie-Clones, die allesamt Hollande niederringen wollen."
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Medien

Richtig pathetisch wird der New Yorker Medien-Professor Jeff Jarvis bei seinem Nachruf auf das Boulevard-Blog Gawker, an dem er kein gutes Haar finden konnte: "Wenn ich über Versuche nachdenke, den Journalismus zu retten, frage ich mich zuerst, was wir retten wollen. Die Antwort kann nicht sein Häme, Klatsch, bedeutungsloses Geschwätz und grausame Vernichtung. Wir müssen etwas bedeuten im Leben der Leute, ihnen helfen, ihre Communities und Gesellschaft zu verbessern. Welchen Sinn hat es sonst? Hierin liegt die einzige Hoffnung, wenn man ein neues Geschäftsmodell für Journalismus finden will: aufrichten, wertvoll sein."

Jarvis verweist auf einen Artikel  Elizabeth Spiers', Gründungsredakteurin von Gawker, die bereits vor einigen Tagen in der Washington Post noch einmal an die Hoffnungen erinnert, die einst in Blogs gesetzt wurden.
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Ideen

Die Zeiten der Auffassung einer konstruierten Wirklichkeit sind vorbei, schreibt der Literatur-Professor Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ und diagnostiziert eine Rückkehr zum philosophischen Realismus, die aus der Sehnsucht nach Verbindlichkeit resultiere: "Mit der Rückkehr zum Realismus schließt die Philosophie aber auch wieder an ihre klassische Funktion an, das individuelle und kollektive Leben jeder Gegenwart in Begriffen nachvollziehbar zu machen. Der Provokationswert dieses Selbstverständnisses ist im Vergleich zu einigen schrillen Tonlagen der Philosophie im 19. und 20. Jahrhunderts eher gering. Philosophie braucht heute nicht zu provozieren - die Wirklichkeit ist provokativ genug. Wenn sie das Verstehen befördert, ist schon viel gewonnen."
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Politik

Paul Ingendaay beobachtet für die FAZ den Wahlkampf der AfD in Mecklenburg-Vorpommern, wo ihnen einen Abend lang der ehemalige tschechische Ministerpräsident Vaclav Klaus mit noch populistischeren Parolen die Show stiehlt. Das Zeit-Dossier überprüft, wie sich die AfD im Landtag in Sachsen-Anhalt einfügt, in dem sie seit sechs Monaten vertreten ist: "Das  ist  schon  bizarr:  Beide,  AfD  und  System, haben sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, so  wie  die  anderen  zu  werden.  Und  nun  merken beide, dass sie erfolgreicher sind, wenn sie sich der anderen  Seite  ein  kleines  bisschen  anpassen:  Dem System Landtag steht ein bisschen Wildheit gut. Der AfD  ein  bisschen  Zähmung."
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Kulturpolitik

Über einen amüsanten Kleinkrieg der sachsen-anhaltinischen Metropolen Magdeburg und Halle um die Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2025 berichtet Julius Heinrichs im Tagesspiegel. Halle will der Landeshauptstadt nicht auch hier noch den Vortritt lassen: "Dabei war längst besprochen, dass die Landesregierung Magdeburg bei seiner Bewerbung unter die Arme greift. Das Bewerbungsvorhaben der Landeshauptstadt nämlich ist seit 2011 in Planung. Kulturminister Rainer Robra (CDU) betonte laut Evangelischem Pressedienst, dass Halle eine solche Hilfe nicht zuteil werde. Zumal: Magdeburg richtete bereits ein Büro sowie ein 4-Millionen-Euro-Budget ein, um die Bewerbung bis 2019 voranzutreiben."

In der SZ beschreibt Jens Schneider am Beispiel des Mercure Hotels den Kampf um Potsdams Erscheinungsbild: Während die einen am liebsten reinen Barock hätten und die ganze DDR-Architektur (und damit auch eine Menge Plattenbauten mit bezahlbaren Wohnungen) abreißen wollen, sind andere gegen eine solche Schönheits-OP: "Die vielen Engagierten für und gegen die Bauprojekte treffen sich auf Foren, die veranstaltet werden, damit von Dialog die Rede sein kann. Aber es gibt wenig Verständigung. 'Ich erlebe das als eine Situation, in der nicht diskutiert wird', sagt die Künstlerin Annette Paul. Potsdam sei in dieser Hinsicht leider einzigartig, sagt Paul, die vor Jahren aus Dresden herzog. Sie fordert mehr Kompromissbereitschaft."