Efeu - Die Kulturrundschau

Fußgänger der Lüfte

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25.08.2016. Zeit-online sehnt sich zurück in eine Zeit, als Künstler noch gepflegt scheitern durften. Außerdem fragt sie, ob man Filme von mutmaßlichen Vergewaltigern schauen darf. Im art-magazin sucht Wolfgang Ullrich postironisch-spirituelle Atmosphäre auf der Berlin-Biennale und findet einen Kater. Die FAZ schaut sich verzückt das vierte Buch der Brüder Limburg in Nimwegen an. Die taz staunt, wie politisch Hai-Horror-Filme sein können. Die Zeit reist mit Stefanie Sargnagel nach Bayreuth und schaut zur Beruhigung Hitler-Dokus. Und die NZZ erinnert an Michel Butor.

Kunst

Zu den bislang drei bekannten Büchern der Brüder Limburg aus dem 15. Jahrhundert ist jetzt ein viertes hinzugekommen, meldet ein entzückter Andreas Platthaus in der FAZ. Demnächst wird das kunstvoll gestaltete Buch im niederländischen Nimwegen ausgestellt. Platthaus hat einen ersten Blick in das Werk werfen können: Zu sehen sind darin "allerfeinst ausgeführte Tintenzeichnungen. Vor allem die Architekturelemente sind angesichts der winzigen Fläche von einer solchen Akribie, dass sie als bloße Unterzeichnungen für eine spätere Illuminierungskampagne kaum denkbar sind. Tatsächlich gab es seinerzeit das Genre des portrait d'encre, der Zeichnung als vollwertigen Kunstwerks. Viel spricht dafür, dass die Bilder dieses Buchs nie ausgemalt worden wären."

Nun hat der Leistungszwang der neoliberalen Gesellschaft auch den Künstler im Griff, klagt Annette Weisser auf Zeit-online. Sie vermisst den sensiblen, authentischen "beautiful loser", der gepflegt an seiner profunden Verweigerungshaltung scheiterte:  "'Scheitern' als Thema ist okay, solange es um das Scheitern der anderen, weniger Begabten, Fleißigen, Disziplinierten, Angepassten, der weniger gut Vernetzten oder weniger Gutaussehenden geht. Ein guter Film über einen Loser ist eben vor allem ein guter Film. Dem existenziellen Scheitern jedoch wohnt kein Zauber mehr inne, es markiert kein neues kulturelles oder politisches Terrain, es ist keine Passage mehr in eine andere Welt, oder wenigstens in einen anderen Markt. Die romantische Figur des Armen Poeten ist als Topos endgültig entwertet, an seine Stelle ist ein diffuser Erschöpfungszustand getreten, der sich nicht malen lässt."

Ganz im Sinne der Paradessenz - eine Zusammensetzung aus 'Paradox' und 'Essenz' - sollten Kunst und Kapitalismus auf der diesjährigen Berlin-Biennale eine "flirrend-vieldeutige" Liaison eingehen, schreibt der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich im art-magazin. Die Idee ist besser als die Umsetzung, so Ullrich: "(es) entsteht kein Flow und keine postironisch-spirituelle Atmosphäre. Jegliche Hoffnung, nun sei endlich in der wirklichen Welt angekommen, was seit Shakar und Randt als Fiktion existiert und dort so befreiend, ermutigend, beglückend gewirkt hat, endet in jener Katerstimmung. Denn die Arbeiten und Inszenierungen halten den eigenen Ansprüchen nicht stand - und das nicht, weil sie zu einfältig oder unoriginell wären, sondern weil sie, in all ihrer Materialität, ziemlich plump, oft ein bisschen gebastelt, improvisiert, kulissenhaft, auf jeden Fall aber schwer und verdammt profan daherkommen."

In Leipzig werden erste Maßnahmen zur Reparatur der von wahrscheinlich politisch motivierten Vandalen beschädigten Bilder von Gerda Taro ergriffen, meldet Sofia Glasl in der SZ.
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Bühne

Stefanie Sargnagel darf für die Zeit mit einem Begleiter zu den Bayreuther Festspielen. Sie ist völlig aus dem Häuschen, ihr Begleiter Martin Witzmann noch mehr. Zur Beruhigung spielt sie ihm im Zug Hitlerdokus vor. Abends darf er ins "Rheingold". "Wir googeln, wie man die Fliege bindet. Er sieht entzückend aus, groß, blond, stattlich, ein germanischer Gott, zärtlich nenne ich ihn 'Wotan'. Martin wird immer nervöser,  deshalb  streichle  ich  ihm  im  Aufzug  die Hoden durch die Hose. Ich weiß, dass auch das ihn  beruhigt.  Das  japanische  Ehepaar,  das  mit uns  mitfährt,  schaut  uns  verstört  an.  Ich  lächle beschwichtigend: 'German  tradition.' Gemeinsam stolzieren wir den Grünen Hügel zum Festspielhaus hinauf, zwei würdevolle Opernkritiker bei  der Arbeit."


(Bild: La donna del Lago. Rossini-Festival)

Für die FAZ resümiert Jürgen Kesting das Rossini-Festival in Pesaro. Insbesondere Juan Diego Flórez lässt ihn staunen: In "La donna del lago" gab der Tenor die Figur des Uberto. "Flórez hat dem verzierten Gesang seine Reputation zurückerobert. Selbst nach zwanzig Jahren verblüfft er durch die tänzerische Geschmeidigkeit seiner Stimme. In Koloraturpassagen reiht er die Töne wie Perlen. Er ist nach wie vor das, was Fred Astaire in dem Film 'Königliche Hochzeit' war - ein alle Schwerkraft aufhebender Fußgänger der Lüfte."
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Musik

Auf The Quietus schreibt der Essayist und Schriftsteller Teju Cole über seine Lieblingsalben und wie diese ihn beeinflusst haben. Für den Tagesspiegel plaudert Sebastian Leber mit dem HipHop-Trio Beginner über deren Comeback-Album "Advanced Chemistry".

Besprochen werden ein Konzert von Daniil Trifonov (FR), ein Auftritt von Matt Corby (FR), ein Konzert des kasachischen Jugendorchesters bei Young Euro Classic (Tagesspiegel) und das Comeback-Album von Britney Spears (taz).
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Stichwörter: Teju Cole, Hiphop

Literatur

In der NZZ erinnert Jürgen Ritte an Michel Butor als eleganten und undogmatischen Praktiker und Theoretiker, der nicht nur als Miterfinder des 'Nouveau Roman' galt, sondern auch auf "subtile" Weise vorführte, "dass Individuen, Architekturen oder Texte als Knotenpunkte, als Verknüpfungen in einem historischen und geographischen Gewebe zu sehen sind. Es hängt alles mit allem zusammen."

Die FAZ dokumentiert einen im Rahmen des Goethe-Institut-Projekts "Hausbesuch" entstandenen Text der flämischen Schriftstellerin Annelies Verbeke, die im properen Schwaben zwar an allen Ecken und Enden auf die Flüchtlingsdebatte stößt, aber nirgends auf Flüchtlinge.

Besprochen werden J. Ryan Stradals "Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens" (Freitag), Leon de Winters Politthriller "Geronimo" (FR), Albena Dimitrovas "Wiedersehen in Paris" (FR), neue Bücher von John Burnside (Tagesspiegel), Rabih Alameddines "Eine überflüssige Frau" (SZ) und Elena Ferrantes "Meine geniale Freundin" (FAZ).
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Film

Beim Sundance-Festival wurde Nate Parkers Rassismusdramas "The Birth of a Nation" noch gefeiert und diskutiert, jetzt wird dem Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller ein noch aus dem Jahr 1999 stammender Vergewaltigungsvorwurf zum Verhängnis, berichtet Felix Stephan auf ZeitOnline. Die Debatten haben sich vom Thema des Rassismus längst verschoben: "Es geht jetzt um das amerikanische Sexualstrafrecht und die Mitverantwortung des Kinopublikums, das sich Eintrittskarten für Filme von mutmaßlichen Vergewaltigern kauft. Diesbezüglich haben sich die Verhältnisse innerhalb weniger Tage genau umgedreht: Noch vor wenigen Tagen war es so, dass man 'The Birth of a Nation' im Grunde sehen musste, wenn man sich als progressiver Amerikaner verstand. Jetzt ist die Frage eher, ob man ihn überhaupt noch sehen darf."

In der taz staunt Toby Ashraf, wie es Jaume Collet-Serra mit "The Shallows" gelingt, nicht nur einen räumlich sehr begrenzten Hai-Horrorfilm altmodisch spannungsvoll zu inszenieren, sondern sich dabei auch politisch auf der richtigen Seite zu positionieren: Im Ergebnis ist das "ziemlich atemberaubendes und selbstreflexives Popcorn-Kino, das sich von sexistisch zu feministisch dreht und beinahe pausenlos zu verstehen gibt, dass es sich seiner Vorläufer bewusst ist. ... Männer spielen schnell keine Rolle mehr und Blake Lively meistert ihre Figur der verwundeten Kämpferin derart cool, als habe der Film (trotz Bikini-Performance) kein anderes Ziel, als zu beweisen, dass sie und das Genre auch anders können."

Besprochen werden Hitoshi ­Matsumotos auf DVD erschienener "R100", der laut Ekkehard Knörer in der taz einen "etwas aus der Art geschlagenen Erben des Surrealismus [darstellt], der sich auf seine niederen Instinkte verlässt", die Ausstellung "Inszeniert - Deutsche Geschichte im Spielfilm" im Haus der Geschichte in Bonn (SZ), das Remake von Disneys "Elliot, der Drache" (taz, SZ), Leonie Krippen­dorfs "Looping" (taz), "Die Unfassbaren 2" mit Daniel Radcliffe (Tagesspiegel) und Marie Belhommes "Die fast perfekte Welt der Pauline" (SZ).
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