9punkt - Die Debattenrundschau

Dieses Moment der Wahl

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.04.2016. Warum sollte Erdogan glauben, dass Deutschland Presserechte respektiert, da es ja auch die Flüchtlingsrechte nicht so ernst nimmt, fragt Carolin Emcke in der SZ. Die taz erzählt, wie Christian Ströbele einst in der taz kritisiert wurde, weil er seiner Sekretärin Texte über alternatives Arbeiten in die Maschine diktiere. Medien können nicht nur eine Tendenz, sondern auch einen "Fairness bias" haben, konstatiert Timothy Garton Ash mit Blick auf die Position der BBC zur Brexit-Debatte. Im Tagesspiegel erklärt Elmar Kraushaar, wozu Homosexuelle Joghurtmaschinen brauchen.

Politik

Christiane Müller-Lobeck erklärt in der taz, warum die Rückeroberung Palmyras für die syrische Bevölkerung nicht unbedingt eine Verbesserung darstellt: "Was für ein gelungener PR-Schachzug der russisch-syrischen Koalition. Sein Schaden für Syrien ist allerdings kaum zu ermessen. Denn dort weiß jeder, dass Palmyra auch der Ort eines der schauderhaftesten Gefängnisse des Assad-Regimes war. Tadmor (Dattelhain) sein Name, nach dem altsemitischen Namen für Palmyra. Die Sprengung des Knasts, nicht die des Weltkulturerbes, war die erste 'Amtshandlung' der IS-Truppen nach der Eroberung der Stadt im vorigen Mai - auch das natürlich eine PR-Maßnahme."
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Stichwörter: Palmyra, Weltkulturerbe

Gesellschaft

Etwas sarkastisch äußert sich der schwule Journalist Elmar Kraushaar, Autor der taz-Kolumne "Der schwule Mann", im Interview mit Tilmann Warnecke vom Tagesspiegel zum Stand der Schwulenbewegung: "Der Schwule heute, mit der Homo-Ehe und dem endgültigen Streben nach Gleichstellung, ist noch viel mehr als früher unter Druck, sich als guter Schwuler darzustellen. Der kennt Darkrooms oder Grindr nur vom Hörensagen, denn er lebt mit seinem Partner und mit seiner Joghurtmaschine in geordneten Verhältnissen. Das gute Image, das man sich hart erarbeitet hat, will man sich nicht wieder kaputtmachen zu lassen."
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Medien

Die taz bringt einen Vorabdruck aus Stefan Reineckes Biografie über Christian Ströbele, wo es auch um die frühen Tage der Zeitung geht: "Beim taz-Plenum 1980 gerät Ströbele, sonst stets als hilfreicher Mediator anerkannt, selbst unter Beschuss. Ein Redakteur wirft ihm Bigotterie vor - der Anwalt fordere Aufhebung der Arbeitsteilung und selbst bestimmte Arbeit, doch in seiner Kanzlei tippe ihm seine Sekretärin 'die Papiere über alternatives Arbeiten.' Dabei, so Ströbele säuerlich, habe der tazler auch noch 'hämisch gegrinst'." Barbara Möller attestiert Reinekes Biografie in der Welt das Verdienst, "gezeigt zu haben, dass hinter dieser Harmlosigkeit verströmenden Fassade der ungebeugte linke Antinationalist steckt, der seine in Stein gemeißelten Ressentiments gegen die USA und Israel pflegt".

Timothy Garton Ash wirft der BBC in der Berichterstattung über "Brexit" oder "Bremain" eine reichlich verklemmte Haltung vor. Weil sie Angst habe vor Repressionen der Brexit-Seit, die ihr eine "Schlagseite" vorwerfe, lehne sie sich gewissermaßen nach hinten und ergänze jedes Argument einer Seite mit einem Argument der Gegenseite: "Das ist keine Bervorzugung der einen oder anderen Seite. Es ist, was der amerikanische Medien-Analytiker Brooke Gladstone einmal elegant 'Fairness bias' nannte. Man gibt ungleichen Argumenten die gleiche Sendezeit, ohne zu erwähnen, dass eine Seite bei diesem oder jenem Punkt mehr Beweise oder einen größeren Rückhalt bei Experten habe."

Außerdem: Für die Medienseite er taz liest René Martens im Internet zirkulierende Propagandamagazine des "Islamischen Staats". Die Welt wird heute siebzig und hat die Gestaltung ihrer Seiten, um sich einen besonders jungen Anstrich zu geben, dem ebenfalls siebzigjährigen Udo Lindenberg übergeben. Springer-Vorstand Mathias Döpfner schreibt den Geburtstagsartikel selbst. SWR-Journalist Thomas Leif spricht mit dem Dlf über den viel beraunten internen "Innovationsreport" des Spiegel. In der SZ berichtet Nikolaus Piper über die Planung der Arthur-Ochs-Sulzberger-Nachfolge in der New York Times. Alexander Kühn schreibt bei Spiegel online über die Absetzung eines Erdogan-Gedichts von Jan Böhmermann durch das ZDF (die bei Nachlesen des Gedichts ehrlich gesagt verständlich wird).
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Ideen

Durch den Streit zwischen Olivier Roy und Gilles Kepel (unsere Resümees) hat sich die Frage nach den Ursachen des Terrors auf die Alternative "Islamisierung von Radikalität" oder "Radikalisierug des Islams" verengt. Isolde Charim ist in der Wiener Zeitung eher auf der Seite von Olivier Roy. Danach haben sich die jungen Terroristen den Islam angezogen wie ein Kleid: "Ein Paradoxon. Wenn sie ihre Religion selbst wählen - noch dazu eine besonders rückständige Form des Islams -, was bedeutet dann diese Wahl? Sie entscheiden sich damit für eine Religion, die genau dieses Moment der Wahl, des Entscheidens nicht kennt. Mit einer ganz modernen, ja mit einer ganz säkularen Geste katapultieren sie sich ins 7. Jahrhundert - und verwandeln die Religion damit in ihr Gegenteil: in eine Identität."
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Europa

Carolin Emcke hat in ihrer SZ-Kolumne ein gewisses Verständnis für das Wüten Tayyip Erdogans: "Wieso sollte Erdogan glauben, dass dieselbe Bundesrepublik, die bei der Frage der Reduzierung der Flüchtlinge inzwischen wenig zimperlich agiert und sich um rechtliche oder humanitäre Standards des Umgangs mit Flüchtlingen in der Türkei nicht groß schert, es mit Presserechten so genau nimmt?"

Ähnlich sieht es Ursula Rüssmann in der FR: "Die EU macht den Rechtsbruch zum System, indem sie Ankara Tausende Flüchtlinge zuführen will, die von dort, wohl ohne angemessenes Prüfverfahren, weitergereicht werden an zerrüttete oder diktatorisch regierte Herkunftsländer."
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