9punkt - Die Debattenrundschau

Von der Detailaufnahme bis zur Totale

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.02.2016. "Hört das denn nie auf?", fragt der Jesuit und Psychologe Hans Zollner in der Zeit, nachdem neue Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche bekannt wurden. Hans Hütt reiht bei Zeit online Peter Sloterdijk, Rüdiger Safranski und andere Autoren in ein "intellektuelles Freikorps" ein. Die SZ will ihr Bargeld behalten. Techcrunch erläutiert, wie Google die Werbelandschaft ordnet. Politico.eu hofft, dass Wladimir Putins Scherge Ramsan Kadyrow in Bedrängnis gerät. Im Tagesspiegel fürchtet Sonja Margolina einen neuen Antisemitismus in Deutschland.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.02.2016 finden Sie hier

Gesellschaft

"Hört das denn nie auf", empört sich der Jesuit und Psychologe Hans Zollner in der Zeit, nachdem bekannt wurde, dass Hunderte von Regensburger Domspatzen über die Jahre misshandelt oder sogar sexuell missbraucht wurden. Dass die katholische Kirche mit ihren Vertuschungsversuchen jahrzehntelang durchgekommen ist, lastet Zollner auch dem fatalen Zusammenspiel von Staat und Kirche an: "Vor einiger Zeit kamen Priester aus Süditalien zu mir, die entdeckt hatten, dass einer ihrer Mitbrüder Jugendliche missbrauchte. Als sie dies dem Bischof anzeigten, wies er sie zurecht und verbot ihnen, darüber zu sprechen. Daraufhin gingen sie zur Polizei, doch deren Reaktion war: Was sagt der Bischof zu einer Anzeige? Der Fall hat mir deutlich vor Augen geführt, wie schwierig Aufklärung dort ist, wo Kirche und Staat eine Symbiose eingehen, wo Korruption herrscht oder Autoritarismus."

Nicht nur die Politik, auch die Banken träumen von der Abschaffung des Bargelds, notiert in der SZ Marc Beise, der stritk dagegen ist: "Für sie wird das Geschäft einfacher ohne Bargeld, effizienter, lukrativer. Die Notenbanken wollen bei Bedarf die Bürger zum Geldausgeben anhalten, indem sie bei Bedarf Strafzinsen berechnen für die, welche ihr Geld horten. Gibt es noch Bargeld, kann man dem ausweichen, indem man einfach Geld abhebt. Alle diese Bemühungen gegen das Bargeld haben einen gemeinsamen Nenner: Es geht um Kontrolle - und um Anmaßung."
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Europa

Im Tagesspiegel untersucht Sonja Margolina das komplizierte Verhältnis Deutschlands zu seinen jüdischen Einwanderern: Viele wurden in den 90ern unkompliziert eingebürgert, obwohl der Staatsantisemitismus in der Sowjetunion praktisch nicht mehr existierte. Dafür sind sie heute in Deutschland gefährdeter als damals, meint Margolina: "Der Hass auf Israel und der importierte arabische Antisemitismus sind bedrohlicher als alles, wovor Juden seit Anfang der 1990er Jahre in den sicheren Hafen Deutschland geflohen waren. Viele Symptome sprechen dafür, dass parallel mit dem Anstieg der muslimischen Einwanderung auch der bodenständige deutsche Antisemitismus von links bis rechts wieder sein Haupt erhebt."

Adam Soboczynski denkt in der Zeit über die Hierarchien innerhalb der Flüchtlinge nach, die durch den Begriff selbst - der den "Asylbewerber" ersetzt hat - verwischt werden: "Der 'Asylbewerber' ließ noch in kalter Bürokratensprache offen, ob einem Antrag auf einen Aufenthaltstitel überhaupt stattgegeben wird. Der Flüchtlingsbegriff indes verdrängte erfolgreich negative Aspekte der Zuwanderung, die nach dem Kölner Vorfall entsprechend hysterisch ins Bewusstsein rückten. Mit wem hatte man es in Köln zu tun? Doch sehr offenkundig mit jungen Männern, die nur noch wenig zu verlieren haben, da sie am untersten Ende der Zuwandererhierarchie stehen."
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