9punkt - Die Debattenrundschau

Kosmologie für blutige Anfänger

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.12.2015. Ilija Trojanow prangert  in der taz die religiöse Unterdrückung politischer Autoren in arabischen Ländern an. Die FAZ ist entsetzt über die kriminelle Leichtfertigkeit der Berliner Baupolitik - die Friedrichwerdersche Kirche ist eines ihrer Opfer. Libération erzählt, wie der Anne-Frank-Fonds reagiert, wenn Blogs den frei werdenden Text von Anne Franks Tagebuch online stellen wollen. Zeit online und SZ haben auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs einiges über Internetzensur und gute Umgangsformen gelernt.

Religion

Ilija Trojanow erinnert in der taz an all die Dichter, Autoren und Blogger, die in arabischen Ländern im Gefängnis sitzen, wie Raif Badawi oder Ashraf Fayadh. Der Vorwurf lautet meist Blasphemie, meint aber eigentlich Majestätsbeleidigung: "Muawiya al-Rawahi etwa, ein Dichter aus dem Oman, ist schon vor Jahren wegen Blasphemie in eine geschlossene Psychiatrie eingewiesen worden. Heute sitzt er in den Vereinten Arabischen Emiraten im Gefängnis, in Erwartung eines Verfahrens wegen Beleidigung des Herrschers dieses Landes. Ein ähnlicher Vorwurf brachte Mohammed al-Ajami, einen Dichter aus Katar, für fünfzehn Jahre ins Gefängnis. Wenigstens wird in diesen Fällen die Hybris der Machtausübung ehrlich zugegeben, nicht Gott ist beleidigt worden, sondern der Emir oder der Scheich oder seine parasitäre Kamarilla."

Joshua Hammer berichtet in einer ellenlangen Reportage für das New York Times Magazine über die Morde an Freidenkern in Bangladesch, die mit ihren Blogs den Hass der Islamisten auf sich gezogen haben.


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Urheberrecht

Der Blogger Olivier Ertzscheid hat im Oktober die französische Version der Tagebücher von Anne Frank ins Netz gestellt, erzählt Erwan Cario in Libération. Die Rechte am Text, aber nicht an der Übersetzung, werden im Prinzip am 1. Januar frei, darum hat Ertzscheid die Übersetzung inzwischen zurückgezogen, will aber die niederländische Version des Textes Anfang des Jahres online stellen. Der Anne-Frank-Fonds wehrt sich jetzt und behauptet neuerdings, der Vater Anne Franks habe ebenfalls an dem Text mitgeschrieben (unsere Resümees). Nun hat Ertzscheid Anwaltspost vom Anne-Frank-Fonds erhalten und soll demnach "darauf verzichten, welche Version auch immer des Tagebuchs von Anne Frank online zu stellen. Außerdem soll er auf seinem Blog erklären, dass er den Sachverhalt und die Folgerungen nicht ausreichend verstanden hatte. Er soll alle Medien, mit denen er in Kontakt war, über seinen Sinneswandel informieren, und er soll diese Kontakte gegenüber dem Anwalt dokumentieren. Falls er sich nicht an diese Weisungen hält, werden ihm 1.000 Euro täglich wegen Zuwiderhandlung in Rechnung gestellt." Geht es nach dem Fonds, werden die Rechte frühestens 2036 frei, so Libération. Auf Rue89 dokumentiert Ertzscheid die Drohungen gegen ihn.
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Geschichte

Patrick Bahners hat zwar noch nicht die kommentierte Fassung von "Mein Kampf" gelesen, die nach dem Verfall der Urheberrechte Anfang Januar herauskommt, aber er berichtet in der FAZ, dass das Buch 3.500 Fußnoten enthalten wird, dass es an Schulen behandelt werden soll, und er hat mit dem Herausgeber Christian Hartmann gesprochen: "Nicht nur den Legenden der autobiografischen Partien werden quellenkritisch gesicherte Tatsachen gegenübergestellt. Angesichts des welterklärenden Anspruchs des Autors wird die nationalsozialistische Weltanschauung in allen Einzelheiten Gegenstand wertender Kommentierung."
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Europa

Zu den Reaktionen der französischen Politik auf den Terror gehört die eher populistische Drohung der Aberkennung der französischen Nationalität bei verdächtigten Doppelstaatlern unter bestimmten Umständen. Vito Marinese vom renommierten Institut d'Etudes politiques wehrt sich in Liberation gegen die Einschreibung dieser Maßnahme in die Verfassung: "Sie ist nicht nur politisch schockierend..., sondern juristisch Unfug und gefährlich. Selbst die Erfinder dieser Maßnahme geben zu, dass sie überhaupt nicht effizient ist und nur als 'Symbol' dient. Aber was für ein Symbol! Denn es handelt sich darum, 'Terrorismus' und 'Nationalität' zu verknüpfen und zwei Kategorien von Franzosen zu schaffen."
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Medien

In der FR meißelt Daland Segler schon an einem Grabstein für das Fernsehen: "In diesem zu Ende gehenden Jahr wurde der Bedeutungsverlust des Mediums so sichtbar wie nie, wandten sich jüngere Zuschauer stärker als je zuvor den Bewegtbildern im Internet zu." Auf der Medienseite der FAZ geht Michael Hanfeld die Serien und Eigenprodukionen der deutschen Sender an und kommt zu ähnlichen Ergebnissen.

In der Berliner Zeitung wirft Philip Fritz einen Blick auf das angespannte Verhältnis von Medien und neuer Regierung in Polen.
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Internet

Johannes Wendt und Patrick Beuth von Zeit digital haben auf dem 32. Kongress des Chaos Computer Clubs (32C3) gelernt, wie die Internetzensur von Staaten funktioniert. Verblüffend etwa, wie die die Chinesen mit Tor-Servern umgehen, um deren Verschlüsselungsangebote auszuhebeln: "Dabei gibt sich der chinesische Zensor als normaler Nutzer aus und stellt eine Anfrage an einen mutmaßlichen Tor-Server. Antwortet dieser mit einem typischen Tor-Handshake, werden verdächtige Verbindungen zu diesem Server unterbrochen. Die Server-Adresse kommt auf eine Liste und wird fortan generell geblockt."

Johannes Boie beschwört in der SZ den Zauber der Hamburger 32C3-Tage, in denen er nicht nur Schlösserknacken und gute Umgangsformen gelernt hat ("Seid exzellent zueinander!"): "Im Vortragsraum Nummer 6 will nun einer, der sich Steini nennt, anderen etwas beibringen, 'Quantenphysik und Kosmologie für blutige Anfänger'. Steini sitzt im Schneidersitz auf einem Tisch und massiert sich, während er spricht, seine Füße. Sein Vortrag ist ein wilder Bogen von Aristoteles zu Max Planck. Steini erzählt von der Ultraviolettkatastrophe, dem fotoelektrischen Effekt, von einer gemeinsamen Autofahrt von Einstein und Heisenberg. Und am Ende sieht man die Welt, zumal als blutiger Anfänger, doch ein wenig anders als zuvor."
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Kulturpolitik

Wütend prangert Regina Mönch in der FAZ unfähige Berliner Politiker an, die den Bauherrn auf dem Grundstück neben Schinkels Friedrichswerderscher Kirche einen Freibrief gaben, in mürbem Baugrund eine Tiefgarage auszuheben. Die Kirche hat es innerlich förmlich zerrissen, sie wird nur noch von Gerüsten zusammengehalten: "Die Fortsetzung ist in Arbeit, denn trotz öffentlicher Proteste wird nun auch die zweite Tiefgaragengrube ausgehoben. Im Rathaus, dem auch die Kronjuwelen der Baukunst anvertraut sind, hält das dröhnende Schweigen der Zuständigen an. Der Landeskonservator sei krank, heißt es auf Anfrage, und überhaupt sei nun die 'Untere Denkmalschutzbehörde Mitte' zuständig."

Ideen

Im Interview mit Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo begründet Telekom-Chef Timotheus Höttges, warum er ein Grundeinkommen befürwortet, und warum er es aus Steuern auf Produktivitätsgewinne aus der Digitalisierung finanzieren will: "Die Besteuerung folgt zu einem großen Anteil der Produktivität. Früher und in Teilen auch heute noch haben Menschen durch Mehrarbeit mehr Wertschöpfung produziert, die dann besteuert worden ist und die Sozialsysteme finanziert hat. Wenn Produktivität zukünftig vor allem an Maschinen und die Auswertung von Daten gekoppelt ist, könnte die Besteuerung stärker auf den darauf beruhenden Gewinnen aufbauen und weniger auf der Einkommensteuer des Einzelnen."

Das muss man erst mal hinkriegen: Ein Wochenfeuilleton, in dem Claus Peymann den konstruktivsten Beitrag leistet. Der Rest des Zeit-Feuilletons versinkt im Miserabilismus: Richard David Precht sieht uns alle zwei Seiten lang in der bunten Welt der globalisierten Plastikwaren untergehen, aus der uns nur die Flüchtlinge befreien können mit ihren "Plastiktüten, Kopftüchern und Kunstlederjacken. Echtes Leben! Echte Sorgen! Echte Nöte! Echte Träume! Echte Hoffnungen!" Thomas Assheuer fürchtet über zwei Seiten, dass die Zeitläufte nur den konservativen Kulturkritikern - er zählt dazu Malaparte, Jünger, Houellebecq und Kracht - in die Hände spielen. Acht Schriftsteller und Regisseure entwickeln ein zumeist schauerliches Bild von Deutschland im Jahr 2036. Und Peymann? Sagt: "Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein Jahr noch einmal so überraschen würde. Ich bin total überfordert von der Situation; die Muster, nach denen ich die Dinge bisher deuten konnte, greifen nicht mehr."
Archiv: Ideen