Efeu - Die Kulturrundschau

Die Gewohnheiten freier Menschen

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09.10.2015. Gestern vergab die Schwedische Akademie den Literaturnobelpreis an die weißrussisch-ukrainische Autorin Swetlana Alexijewitsch, die in ihren vielstimmigen Reportage- und Interviewbänden ein großes Porträt des Sowjetmenschen zeichnet. Die SZ fragt: Ist das Literatur? Alle anderen antworten begeistert: Selbstverständlich. In der NZZ erklärt der Musiker Joe Jackson, warum ihm Klassifizierungsversuche auf den Keks gehen. Politico.eu stellt den russischen Aktionskünstler Petr Pavlensky vor, dem für seine Aktionen gerade drei Jahre Lagerhaft drohen. Und die Autorin Barbara Lehmann schwärmt in der NZZ vom Literaturfestival in Odessa.

Literatur

Nachdem die Schwedische Akademie den Hanser Verlagskatalog durchgeblättert hatte, entschied sie sich diesmal für die weißrussische Journalistin und Autorin Swetlana Alexijewitsch für den Literaturnobelpreis aus. Alexijewitsch (hier ihre homepage), die Elisabeth Ruge einst zu Hanser Berlin geholt hatte, ist eine fabelhafte Wahl: eine Schriftstellerin im Grenzgebiet zwischen Reportage und Gesellschaftschronik, deren chorisch komponierte Interviewbände - vom Zweiten Weltkrieg über Tschernobyl und den Afghanistankrieg bis heute - ein komplexes Porträt des Sowjetmenschen zeichnen, schreibt Christian Esch in der FR.

In der Welt erinnert sich Annett Gröschner, welchen Eindruck Alexijewitschs Band "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht" auf sie machte, als er 1987 im Theaterverlag der DDR erschien: "Es war aber gar kein Stück, es war eine Collage aus Stimmen, ohne Regieanweisungen, eine atemberaubende Erzählung vom Krieg aus weiblicher Sicht. Ältere Frauen, die ganz normalen Berufen nachgingen, im Krieg aber Soldatinnen gewesen waren - Sanitäterinnen, Scharfschützinnen, Angehörige von Pionierbataillonen und Flakgeschützführerinnen -, erinnerten sich. Swetlana Alexijewitsch hat im Vorwort beschrieben, wie sie in das Leben ihrer Protagonistinnen eintauchte, mit ihnen Tee trank, Blusen anprobierte, über Alltägliches schwatzte, bis sie anfingen zu erzählen, jenseits vom gängigen Kanon "aus Gips und Stahlbeton" der Heldenerzählungen über den Großen Vaterländischen Krieg. Sie sagten unvergessliche Sätze, wie: "Ich war noch so klein, als ich an die Front ging, dass ich im Krieg noch gewachsen bin.""

"Es sind ungeheure Geständnisse, die Swetlana Alexijewitsch ihren Gesprächspartnern entlockt", wirbt Ilma Rakusa in der NZZ für die Lektüre. "Sie bezeugen individuelle Dramen und fangen darüber hinaus eine ganze Epoche der jüngeren russischen Geschichte ein. Rosig ist das Bild keineswegs und lässt wenig Gutes für die Zukunft hoffen, denn eine vielfach traumatisierte Gesellschaft hat wenig Ahnung von Freiheit. "Die Freiheit lässt sich nicht wie Schweizer Schokolade importieren", sagte die Autorin 2013 in einem Interview. "Man muss über lange Zeit hinweg Umgang mit ihr haben, um die Gewohnheiten freier Menschen ausbilden zu können.""

In der taz ist es für Dirk Knipphals überhaupt keine Frage, dass Alexijewitschs Schreiben Literatur ist. Er feiert die Entscheidung für "eine großartige Dokumentarschriftstellerin, die schreibend durch den Kosmos menschlicher Stimmen nach dem Ende des Sozialismus reist. Man hat das schöne Gefühl, dass die Nobelpreisjury die ganze Bandbreite literarischer Möglichkeiten im Blick hat." Ein verstimmter Thomas Steinfeld fragt dagegen in der SZ: "Ist es Aufgabe eines Literaturpreises, Ikonen des Widerstands hervorzubringen? Und wie verhält sich ein Werk, das im Wesentlichen eine perfekt arrangierte Quellensammlung ist, zu den Werken entschiedener Schriftsteller, (...) die vor einigen Jahren den Nobelpreis für Literatur erhielten?" Steinfelds Kollege Tim Neshitov widerspricht energisch: "Diese Bücher sind mehr. Sie sind auch mehr als einfühlsame, von Chronistenpflicht getriebene Erinnerungspflege. Es steckt Literatur in ihnen, mehr Literatur als etwa in den Texten von Sir Winston Churchill, dem Preisträger von 1953." Auch Andreas Platthaus spricht sich auf FAZ.net für ein "klares Ja" zur Literatur aus: Die Preisträgerin "gibt als Schriftstellerin mit den Mitteln der Literatur Antwort auf die informationelle Unübersichtlichkeit. Hier wird aus den Bruchstücken einer zerfallenden Welt ein Sprachkunstwerk zusammengesetzt." Außerdem hat der Tagesspiegel ein Interview aus dem Jahr 2011 online gestellt.

Weitere Artikel: Barbara Lehmann feiert in der NZZ das Literaturfestival in Odessa, das "selbst in seinen stillsten Momenten, politisch [war], indem es das Politische unterminierte, durchlöcherte und sprengte". Klaus Hübner (Tagesspiegel) und Cornelia Geißler (FR) gratulieren Hans Joachim Schädlich zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Helmut Kraussers "Alles ist gut" (FR) und Nora Bossongs "36,9°" (SZ).
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Architektur

In der NZZ stellt Roman Hollenstein die katalanischen Architekten Joaquim Balaguer und Bernat Bover vor, die gerade für ihr grünes Hotel in Sitges mit dem Green Building Council ausgezeichnet wurden. Außerdem empfiehlt er eine Ausstellung zu 26 Hauptwerken der Barceloner Moderne in der Galerie von Roca.
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Bühne

Besprochen werden Sibylle Bergs Stück "How to sell a Murder House" am Zürcher Theater Neumarkt (Berg hat auch die Regie übernommen, sich damit allerdings keinen Gefallen getan, meint Valeria Heintges in der nachtkritik), Thomas Bockelmanns Inszenierung von Asghar Farhadis "Le Passé / Das Vergangene" in Kassel (nachtkritik), Douglas Gordons am Berliner HAU gezeigtes Stück "Bound to Hurt" (Tagesspiegel) und der "Weltenwanderer"-Abend des Hessischen Staatsballetts (FR).
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Stichwörter: HAU, Hurts, Sibylle Berg

Kunst

Marc Bennetts porträtiert in Politico.eu den russischen Aktionskünstler Petr Pavlensky, der auch zu radikalen Mitteln greift, um gegen die russische Zensur zu protestieren - ein Bild bei Politico zeigt ihn mit zugenähtem Mund: "Anfang des Jahres vergab Pavlensky die Chance auf eine Amnestie, die der Präsident im Rahmen der Feierlichkeiten zum des Ende des Zweiten Weltkriegs vor siebzig Jahren erteilen konnte. "Wenn man sich mit einer Amnestie einverstanden erklärt, gibt man zu, dass man eine Straftat begangen hat", erklärt er, während er in einem der St. Petersburger Innenhöfe schwarzen Kaffee trinkt. "Und überhaupt, warum sollte ich die Regierung um Gnade bitten?"" Pavlensky drohen drei Jahre Lagerhaft.

Außerdem: In der Berliner Zeitung plädiert Nikolaus Bernau für eine "Renaissance" der ungezeigten Abgusssammlung der Berliner Museen.

Besprochen werden die Ausstellung "Celts - Art and Identity" im British Museum in London (SZ), Daniel Richters Ausstellung "Hello, I love you" in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt (FAZ) und Werner Buschs Buch über den Künstler Adolph Menzel (FAZ).
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Film

Von Glück beseelt berichtet Bert Rebhandl in der FAZ von Pedro Costas neuem Film "Horse Money", mit dem "eines der großen Projekte des Weltkinos an einen würdigen Abschluss [kommt], und Ventura José Tavares Borges gibt den Verdammten dieser Erde ein Gesicht, eine Gestalt - und eine Patientenakte, in der nicht weniger als die ganze Geschichte Portugals und der Kapverden Platz finden muss." (Im Perlentaucher hat ihn ein nicht weniger begeisterter Lukas Foerster besprochen)

Besprochen werden Sabine Gisigers Filmporträt Friedrich Dürrenmatts (NZZ), die auf Grundlage von Roberto Savianos Recherchen gedrehte Mafiaserie "Gomorrha" (FR, Tagesspiegel, hier und hier die ersten beiden Episoden bei arte), David Wnendts Hitlerkomödie "Er ist wieder da" (Freitag, FR), Miroslav Slaboshpitskys "The Tribe" (FAZ, Perlentaucher), Joe Wrights "Pan" (taz, Tagesspiegel), Kurt Langbeins Doku "Landraub" (Tagesspiegel) und Ridley Scotts Robinsonade "Der Marsianer" (FR, Tagesspiegel, Perlentaucher).
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Musik

Gerade ist Joe Jacksons neues Album "Fast Forward" erschienen, das fröhlich zwischen Rhythm"n"Blues, klassischer Musik und Hans Albers swingt. Im Interview mit der NZZ gibt der Musiker zu, dass ihm Klassifizierungsversuche auf den Keks gehen: "Man sagt mir immer, ich schriebe Musik in verschiedenen Stilen. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, was das heißen soll. Ich bin sicher ein Eklektiker. Wenn ich das nicht zeigen würde, wäre meine Musik unecht. Warum nicht einen Song machen mit starken Bläsern und dann einen mit Gitarren? Die Beatles waren ja weit eklektischer als ich, und das vor fünfzig Jahren!"

Früher schenkten New Order der Welt noch "kleine Wunder" und fassten die aktuell vorherrschende Stimmungslage in Popalben, heute machen sie taz-Kritiker Jens Uthoff in ihrer Orientierungslosigkeit nur noch traurig: "Wenn die Briten zuvor große Narrative strickten, so weiß man auf "Music Complete" nicht so recht, wovon sie überhaupt reden."

Weitere Artikel: Christian Noe stellt in der NZZ das Berliner Vinyllabel Morr Music vor. Frederik Hanssen gratuliert im Tagesspiegel dem Kuratorium der Rundfunkorchester und -chöre zu ihrer Entscheidung, die Dirigenten Robin Ticciati ans Deutsche Symphonie-Orchester und Vladimir Jurowski ans Rundfunk-Sinfonieorchester zu holen: Damit "kommen nun also zwei der interessantesten Interpreten der jüngeren Generation" in die Stadt.

Besprochen werden die EP "Hallucinogen" von Kelela (Pitchfork), Darkstars "Foam Island" (taz), Abbys neues Album "Hexagon" (taz) und Friederike Wißmanns Buch "Deutsche Musik" (FAZ).
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