9punkt - Die Debattenrundschau

Ich will noch mehr Trump!

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.09.2015. In der taz fragt Karl Schlögel, warum bei der deutschen Linke alle solidarischen Reflexe ausfallen, wenn es um die Ukraine geht. Im Freitag fragt die Feministin Mona Eltahawy, warum sich die Linke bei den arabischen Misogynisten anbiedert. Im Tages-Anzeiger bekennt Salman Rushdie sein Faible für böse Dschinns. In der FAZ weiß Thomas Gsella, was der deutschen Autoindustrie fehlt: ein Tempolimit.

Europa

Die taz druckt vorab ein Kapitel aus Karl Schlögels "Entscheidung in Kiew", in dem der Osteuropa-Historiker fragt, warum sich die deutsche Linke so schwer tut mit den revolutionären Umwälzungen in der Ukraine: "Die Frage ist, warum die Generation, die sich durchaus an den Pariser Mai erinnert, zu Kiew weitgehend stumm blieb und warum es für elementare Befunde wie Zivilcourage, Mut, für die Tapferkeit, es mit der Gewalt eines korrupten Regimes aufzunehmen, keine Worte gab und warum selbst die spärlichen Sympathieerklärungen noch von reflexiven Hemmungen, Einschränkungen und Bedenken gedämpft waren."

Die taz hat außerdem sechs türkische Künstler und Schriftsteller zum Raki-Gipfel in Istanbul geladen und spricht mit ihnen über Tayyip Erdogan, die Rückkehr in den Orient - und Schnaps. Ferhat Özgür meint dazu: "Ich glaube, Alkoholtrinken steht ganz oben auf der Liste der AKP, mit der sie uns zu einem Teil des Nahen Ostens machen will. Konservative Positionen und die islamische Tradition werden immer stärker. Es geht auch darum, das Erbe Atatürks zu brechen, der die Türkei modernisierte und dem Westen annäherte." Ebru Yetişkin sieht das anders: "Es geht bei dieser Alkoholdebatte doch nur darum, Lärm zu kreieren. Wenn es Lärm um Nebensächlichkeiten gibt, lassen sich andere Dinge im Stillen tun. Dann wird plötzlich ein neues Gesetz verabschiedet, oder viel Geld wechselt die Hände. Das ist eine Strategie der Regierung."
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Gesellschaft

Im Freitag beschreibt die ägyptische Autorin und Feministin Mona Eltahawy, Schwierigkeit, sich mit ihrem Thema gegen falsche Freunde zu behaupten: "Ich will mich weder mit den Frauenhassern in meiner Community gemein machen noch den Islamhassern und Rassisten das Wort reden, die meine Aussagen benutzen, um zu beweisen, dass muslimische Männer unzivilisierte Wilde sind. Für mich gehören beide zur politischen Rechten. Es gibt aber auch noch eine dritte Gruppe, gegen die ich kämpfe. - Und zwar? - Einen Teil der politisch korrekten Linken, die vermeintlich auf meiner Seite sind, sich aber in ihrem Kampf gegen Islamophobie bei den Misogynisten meiner eigenen Gesellschaft anbiedern."

In der Welt warnt Hamed Abdel-Samad davor, muslimische Flüchtlinge den konservativen Islam-Verbänden zu überlassen, die Unterschiede zementieren und Entfremdung befördern würden: "Diese Menschen brauchen eine Emanzipation von den Welt- und Gesellschaftsbildern, die für die Zerstörung ihrer Länder mitverantwortlich sind, nicht eine staatlich orchestrierte Wiederbelebung dieser rückständigen Konzepte. Der Staat sollte sich lieber auf junge liberale Muslime verlassen, die in Deutschland angekommen sind und trotzdem die Lage und die Gefühlswelten der Flüchtlinge verstehen können."

Oliver Tolmein berichtet in der FAZ von neuen Gesetztesentwürfen zur Strafbarkeit organisierter Sterbehilfe.
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Ideen

In der taz diskutiert Alem Grabovac mit Armen Avanessian über die Philosophie der Beschleunigung und die Kunst als Wegbereiterin des spekulativen Finanzkapitalismus.
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Stichwörter: Finanzkapitalismus

Religion

In der FR weist Arno Widmann daraufhin, dass weder Papst Franziskus, noch Johannes Paul II. die päpstliche Selbstkritik am weitesten geführt haben: "Das umfassendste Sündenbekenntnis eines Papstes stammt aus dem Jahre 1523. Hadrian VI. (1459-1523) überlebte sein Eingeständnis der Verantwortung seiner Kirche für viele Menschheitsverbrechen nur um wenige Monate. Es wurde am 3. Januar auf dem Reichstag zu Nürnberg verlesen. Am 14. September starb der in Utrecht geborene Papst. Ob am Sumpffieber oder an Gift - darüber streiten sich die Historiker."
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Politik

Im Gespräch mit dem Tages-Anzeiger bekennt Salman Rushdie ein gwisses Faible Donald Trump, dessen Aufstieg er in seinem neuen Roman "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte" bereits ausmalt - als Tycoon, in den ein böser Dschinn gefahren ist: "Trump ist eine komische Figur. Was er da treibt, ist in hohem Maße lächerlich. Was er um sich herum auslöst durch seine abscheulichen Diffamierungen mexikanischer Einwanderer, ist allerdings keineswegs lustig. Weil er Leute motiviert, Dinge zu machen, die nicht witzig sind. Ganz ehrlich: Ich liebe Donald Trump - irgendwie. Ich will noch mehr Trump! Je mehr Trump die Agenda der Republikanischen Partei bestimmt, umso größer ist die Chance, dass sie nie und nimmer einen Präsidenten ins Weiße Haus bringen wird."

In der NZZ glaubt Andrea Köhler, dass sich die Bewunderung der Amerikaner für Donald Trump vor allem aus der Verachtung für weniger Privilegierte speist, die sich jedoch als Attacke aufs Establishment tarnt: Wie etwa bei John McCain: ""Das soll ein Kriegsheld sein? Weil er gefangen wurde?", bellte er auf dem "Family Leadership Summit" in Iowa in den Saal. "Ich mag Leute, die sich nicht fangen lassen, okay?" Nein, Trump selbst war nie in Gefangenschaft - wurde er doch dank guten Beziehungen gar nicht erst eingezogen. Auch die von ihm selbst suggerierte Legende von einem, der es von weit unten nach ganz oben schaffte, ist nämlich Fiktion - Trump stammt aus einer reichen Immobilien-Dynastie."

Der frühere Titanic-Chef Thomas Gsella weiß in der FAZ noch ein Thema, bei dem die Verkehrpolitik nicht länger der Autoindustrie zu Diensten sein sollte: Das fehlende Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Seine Schwester und deren Tochter sind bei einem Unfall ums Leben gekommen, der nur in Deutschland tödlich enden musste: "Autofahrer, die von Deutschland aus die Grenze überqueren, kennen diesen Moment des Auf- und Durchatmens: wie entspannt das Fahren plötzlich ist! Tendenziell gleich schnelle Autos rollen hintereinander her, Überholende fahren kaum schneller, augenblicklich registriert man die Verminderung der Lebensgefahr. Dass auf deutschen Autobahnen Krieg herrscht, leugnen nur die, deren Politik ihn täglich neu entfacht."
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