9punkt - Die Debattenrundschau

Der Enterich fliegt ferner, taucht tiefer und sprintet schneller

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.09.2015. Die Flüchtlingskrise ist in Wirklichkeit eine Sicherheitskrise, schreibt Anne Applebaum in Slate. Als Grund dafür sieht sie die fehlende europäische Außen- und Verteidigungspolitik. Aber sie ist keineswegs nur ein europäisches Problem, meint Michael Ignatieff in der New York Times. Poltico.eu und andere staunen über die deutsche Willkommenskultur, oder agiert Deutschland eiskalt und eigennützig (so taz, und laut politico.eu der Front national)? Im Guardian fragt William Dalrymple, wie es eigentlich mit der Vergangenheitsbewältigung der Briten steht.

Europa

Eine Menge Leute sind jetzt sehr stolz darauf, Flüchtlinge willkommen zu heißen. Vorher waren sie stolz auf ihre Friedenspolitik. Anne Applebaum schreibt an ihre Adresse in Slate: "Hier der Punkt, den niemand aussprechen mag. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Sicherheitskrise. Seit Jahren haben die Europäer so getan, als gingen die Kriege in Syrien und Libyen sie nichts an. Und es ist eine Krise der Außenpolitik. Zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Gründen haben alle europäischen Länder - Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland - Versuche behindert, eine gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik zu führen, und nun haben sie keine diplomatische oder politische Schlagkraft."

Die Flüchtlingsfrage ist keineswegs allein eine europäische, meint Michael Ignatieff in der New York Times. Abgesehen davon, dass Länder wie Jordanien oder Libanon bei weitem die größte Last tragen, während die Golfstaaten nicht einen einzigen Flüchtling aufnehmen, sind auch weitere Länder aufgerufen: "Die offensichtliche Lösung für Kanada, Australien, die Vereinigten Staaten und Brasilien wäre, dass sie Aufnahmeteams nach Budapest, Athen und andere Zentren entsenden um Flüchtlinge zu registrieren und eine Ausnahmeverfahren in Gang zu setzen... Kirchen, Moscheen, Communities könnten Flüchtlinge betreuen und aufnehmen helfen."

Matthew Karnitschnig schreibt in politico.eu: "Das Überraschendste ist vielleicht, dass die "Willkommenskultur" nicht von der politischen Führung lanciert wurde, sonden durch die Bevölkerung. Obwohl viele Flüchtlinge jetzt Kanzlerin Merkel vergöttern, war es Druck durch normale Deutsche, der zu ihrer Entscheidung führte, die Asylsuchenden zu akzeptieren." Ebenfalls in politico.eu Nicholas Vinocurs Artikel über die Interpretation der Ereignisse durch den Front national, der gestern seinen Parteitag hatte: "Deutschland braucht Arbeitssklaven, um seiner Industrie zu dienen", so der Vizepräsident des FN, Florian Philippot.

Auch tazler Martin Reeh wittert (wie schon Henryk Broder kürzlich in der Welt) eigennützige Motive hinter der deutschen Großzügigkeit. Erst habe man Griechenland und Spanien durch Austerität niedergedrückt, so dass man eine Einwanderung junger Griechen und Spanier erreicht hat: "Weil die aber nicht ausreicht, um das deutsche Demografieproblem zu lösen, soll nun die Einwanderung von Asylbewerbern und Balkan-Bewohnern dazu beitragen. Um das Zitat von Gary Lineker über deutschen Fußball abzuwandeln: Politik ist, wenn am Ende immer Deutschland gewinnt. Und die anderen verlieren."

Weiteres: In der FAZ berichten Gina Thomas und Jürg Altwegg vom Staunen der britischen und französischen Öffentlichkeiten über die deutsche Großzügigkeit gegenüber den Flüchtlingen.
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Ideen

Peter Unfried porträtiert für die taz den Soziologen und Kursbuch-Herausgeber Armin Nassehi, der in seinem jüngsten Buch das politische Rechts-Links-Schema ad acta legt: "Auch ihn beunruhigt, dass es in Europa verstärkt Bedarf gibt, die Welt rechts zu sehen, also über Homogenität von Rassen, Nationen, Religionen. Aber auch das Festhalten am klassischen Linken sei nur der Versuch, die Komplexität der Realität zu dämpfen. Herkunft und Besitzverhältnisse strukturieren die Welt, klar, aber Kapitalismuskritik bringt es nicht. Weil es die Realität der Gesellschaft verfehle in der Reduzierung auf das wirtschaftliche System und im Phantasma, die Gesellschaft "umbauen" zu können; und gleichzeitig an eine Adresse gerichtet sei, "wo niemand die Post liest.""

Lothar Müller erinnert in der SZ mit Kant an die Unterscheidung von Recht und Philanthropie: "Diese Gegenüberstellung entspringt der Skepsis gegenüber der Wandelbarkeit hehrer Motive, dem Wissen um die Enttäuschbarkeit der Menschenliebe. Der Fremdling soll sich bei Kant auf das Recht der Hospitalität auch dann verlassen können, wenn die Stimmung umschlägt und ihm nicht mehr spontane Philanthropie entgegenschlägt, sondern Misstrauen, wie es im aktuellen Deutschland der Fall wäre, wenn auch nur ein Flüchtling aus Syrien, Afghanistan oder wo auch immer sich in einem gelungenen Anschlag als eingeschleuster Terrorist entpuppen würde."
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Medien

(Via turi2) Die BBC will sich gegenüber anderen Medien, besonders Lokalzeitungen, öffnen, die ihnen Inhalte liefern sollen, berichtet Jane Martinson im Guardian und zitiert aus einer Rede, die der BBC-Vorsitzende Tony Hall vor dem britischen Unterhaus erst noch halten wird: "Lassen Sie mich deutlich sein, eine offene BBC ist von Expansionismus meilenweit entfernt. Im Gegenteil. Die Öffnung kommt aus einem Wunsch nach Partnerschaft und einem Wunsch zu teilen. Sie kommt aus der Erkenntnis, dass die Technologie uns die Möglichkeit gibt, Dinge anders zu machen." Es läuft vielleicht nur auf eine Ruhigstellung möglicher kritischer Printmedien hinaus - dennoch würde man eine solche Rede von hiesigen Sendergewaltigen wohl kaum hören.

Marc Zitzmann schreibt in der NZZ zum hundertsten Geburtstag des Canard enchaîné - die werbe- und internetfreie Zeitung ist immer noch die Speerspitze des französischen Enthüllungsjournalismus und wird von ihren Lesern dafür belohnt: "In seiner Bilanz für 2014, die das Unternehmen am 2. September veröffentlicht hat, ist es sogar besser aufgestellt denn je: Sein Eigenkapital übertrifft mit gut 122 Millionen Euro den Umsatz wie die Ausgaben um mehr als das Fünffache! In Staatsobligationen und Termineinlagen angelegt, warf dieser prallvolle Sparstrumpf letztes Jahr 2 Millionen Euro Zinsen ab - mehr als das mit einer Rendite von 7,5 Prozent ebenfalls sehr ansehnliche Betriebsergebnis von 1,7 Millionen Euro. Kurz: Der Enterich fliegt ferner, taucht tiefer und sprintet schneller als so ziemlich alles andere, was durch Frankreichs Presselandschaft kreucht und fleucht."
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Geschichte

Im Guardian fordert der Historiker William Dalrymple die Briten auf, sich mehr mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Und das sollte bitte in der Schule anfangen: "Meine Kinder haben im Geschichtsunterricht die Tudors und die Nazis rauf und runter durchgenommen, aber niemals einen Hauch indischer oder karibischer Geschichte. Das bedeutet, dass sie, wie die meisten Menschen, die das britische Erziehungssystem durchlaufen, überhaupt nicht darauf vorbereitet sind, entweder das Gute oder das Schlechte zu beurteilen, das wir dem Rest der Welt angetan haben." Bis heute morgen hatte der Artikel 2224 Kommentare und erstaunlich viele lesen sich wie dieser: "Alle Länder haben eine brutale Vergangenheit, wenn man nur weit genug zurückschaut. Die einzigen, die wollen, dass die Briten zurückschauen und sich entschuldigen, sind die, die Geld von uns wollen."



Minoisches Fresko Kreta von Agon S. Buchholz (asb) (Minolta Dimage 7 Hi). Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Hansgeorg Hermann besucht für die FAZ das wiedereröffnete Museum der rätselhaften minoischen Hochkultur auf Kreta und erinnert an den Stuttgarter Geologieprofessor Hans Georg Wunderlich, der die Palastanlagen im heutigen Herkleion als Nekropole deutete - eine These, die im neuen Museum nicht erwähnt wird: "Wunderlich, der die bisher einzig vollständige, bis ins Detail zu Ende gedachte und mit Indizien untermauerte These zur Entstehung und vor allem zum angeblich "plötzlichen" Verschwinden der kretischen Hochkultur geliefert hat, gilt als widerlegt. Dies wohl hauptsächlich deswegen, weil er 1974 im Alter von nur 46 Jahren verstarb und seine Forschungsergebnisse nicht mehr verteidigen oder fortschreiben konnte."
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