Efeu - Die Kulturrundschau

Die Notwendigkeit des Redens

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07.09.2015. Am Berliner Gorki Theater eröffnet Yael Ronen die Saison mit "The Situation", einem Deutschkurs für Menschen aus dem Nahen Osten. Im Standard informiert der Autor Serhij Zhadan über den Stand der Demokratiebewegung in der Ukraine. Feridun Zaimoglu schimpft in der FAZ über die Deutschenverachtung der Eliteausländer. Die NZZ rühmt das Wunder von Paul Schneider-Eslebens Nachkriegsarchitektur. Die Filmkritiker stellen sich mit Frederick Wiseman auf eine Kreuzung in Queens und hören einfach zu.

Bühne


Yael Ronen und Ensemble, The Situation. Gorki-Theater. Bild: Ute Langkafel MAIFOTO

Mit "The Situation" eröffnet Yael Ronen die Saison am Berliner Maxim Gorki, für das sie in Vertreter diverser kultureller Backgrounds aus dem Nahen Osten in Berlin im Rahmen eines Deutschkurses aufeinander treffen lässt. Simone Kaempf (taz) konnte dem Abend einiges abgewinnen: "Ronen scheut sich nicht, Verdrängtes und Unerwünschtes anzupacken. Klischees werden durchlaufen - unverkrampft, mit Witz und Galgenhumor; und doch mit großer Diskussionsintelligenz, die andere Theaterarbeiten zu dem Thema mühelos hinter sich lässt. Keiner schafft es im Moment so wie diese Regisseurin und ihre Spieler, aus kleinen, aber messerscharfen Dialogen die Nahostproblematik heraufzubeschwören, die anderswo erst umständlich pädagogisch ausgewalzt wird."

Peter Laudenbach (SZ) sah "eine hübsch verquere Kombination aus Beziehungs-Boulevard und Polit-Dokumentartheater." Irene Bazinger (FAZ) wittert in den transkulturellen Dialogen jedoch lediglich Kalkül: "Vor einem Jahr hätte man diesem so anbiedernden wie larmoyanten Smalltalk womöglich aufgeschlossen zugehört. Aber da jetzt die Not der Flüchtlinge aus aller Welt zur Tagesaktualität geworden ist, wirkt er lediglich kalkuliert und schal. ... Es ist so gut gemeint. Und es ist so schlechtes Theater." Für den Tagesspiegel bespricht Christine Wahl das Stück.

Dieser Jahrgang des "Tanz im August" war "ein Festival der Entdeckungen", freut sich Sandra Luzina in ihrem Resümee für den Tagesspiegel, auch wenn sie den Abschlussabend mit Constanza Macras" "The Ghosts" für nicht vollends geglückt hält: "Der Versuch, China über die unzerbrechlichen Körper zu verstehen, (...) hängt in den Seilen." In der Volksbühne erinnerte man sich an den Wiener Aktionismus, berichtet Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung). Wolfgang Kralicek (SZ) berichtet vom Saisonauftakt in Wien.

Besprochen werden Alvis Hermanis" Inszenierung von Gogols "Der Revisor" am Burgtheater (NZZ, Standard, Presse), Robert Stadlobers Solo "Private Peaceful" an den Hamburger Kammerspielen (Welt), Rimini Protokolls beim Kunstfest Weimar gezeigter "Mein Kampf"-Abend (Tagesspiegel, mehr dazu hier), Albert Ostermaiers in Oberhausen aufgeführtes Stück "Moi non plus" über Serge Gainsbourg (DeutschlandradioKultur) und der dritte Teil der in den Berliner Sophiensälen gezeigten Ibsen-Saga des Kollektivs Markus&Markus (Tagesspiegel).
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Literatur

Heftig antwortet Feridun Zaimoglu in der FAZ auf Milosz Matuschek, der den Deutschen ebendort vorgeworfen hatte, sie hätten keine Willkommenskultur: "Der Text trieft vor Deutschenverachtung, und er ist ein Frontalangriff auf den Intellekt. ... Das Elend der Eliteausländer: Sie fordern im bellenden Ton die Deutschen auf, nicht in Klischees zu denken. Wenn sie aber über Deutschland und die Deutschen sprechen, ergehen sie sich selbst in Verachtung. Mich hat Deutschland bereichert. Und mein Land ist gastfreundlich."

Im Interview mit dem Standard spricht Serhij Zhadan über seinen neuen Roman "Mesopotamien", seine ostukrainische Heimatstadt Charkow und die Entwicklung der ukrainischen Demokratiebewegung: "Viele Initiativen bestehen weiter und entwickeln sich weiter. Sie transformieren sich entspechend der Entwicklung im Land. Einige Projekte haben sich in eine Freiwilligenbewegung umgewandelt, andere wiederum wollen direkt Politik machen, wieder andere beschäftigen sich mit Projekten im humanitären Sektor. Es ist nicht wie 2005, als das Land nach der Orangen Revolution von einer totalen Lähmung ergriffen wurde. Viele Ukrainer verstehen, dass man die Arme nicht einfach hängen lassen darf - das Risiko, alles zu verlieren, das Land und sich selbst, ist einfach zu groß."

Das CrimeMag ist nach viel zu langer Sommerpause mit einer neuen Ausgabe im Netz: Zoë Beck plädiert gegen eine falsch verstandene Toleranz gegenüber militanter Intoleranz. Tobias Gohlis, Sprecher der KrimiZEIT-Bestenliste, ärgert sich darüber, wie die SZ auf Krimis eindrischt. Joachim Feldmann berichtet von seinen Sommerlektüren. Krimiautor John Harvey gibt Auskunft darüber, wie er vom Western zum Krimi kam. Alf Mayer spricht mit James Lee Burke. Und Florian Kniffka nähert sich dem phantastischen Erzählen an.

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel porträtiert Thomas Hummitzsch den französischen Comicautor Joann Sfar, der auf Einladung des Internationalen Literaturfestivals demnächst nach Berlin kommen wird. Die FAZ hat Sandra Kegels Feature über den Büchersammler Wolfgang Geisthövel online nachgereicht. Im Logbuch Suhrkamp zeigt Detlef Kuhlbrodt seine Fotos vom Sommerfest des Literarischen Colloquiums Berlin. In der Presse schreibt Mirjam Marits zum 125. Geburtstag Agatha Christies. Und der Standard bringt Auszüge aus zwei noch unfertigen Romanen, die sich mit dem Schicksal von Flüchtlingen beschäftigen: In Kurt Palms "Das Monster aus der Tiefe" begibt sich Innenministerin Dietlinde Breitfurtner-Brandstätter zum Fototermin in einem Asylantenheim. und Sabine Gruber schildert "Die Überfahrt" nach Lampedusa.

Besprochen werden neue Romane von Einwanderern (CulturMag), Gertrud Klemms Roman "Aberland" (Standard), Verena Brauns Comic "Adamstown" (Jungle World), Miranda Julys "Der erste fiese Typ" (Tagesspiegel), Howard Linskeys "Killer Instinct" (CrimeMag), Newton Thornburgs "Cutter und Bone" (CrimeMag), Andreas Maiers "Der Ort" (LitMag), John Cleese" Autobiografie "Wo war ich noch mal?" (LitMag), Irvine Welshs "Das Sexleben siamesischer Zwillinge" (CrimeMag), James Ellroys Fotoband "LAPD "53" (CrimeMag), Stefano D"Arrigos "Horcynus Orca" (LitMag), David Foster Wallace" Erzählung "Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache" (LitMag) und Feridun Zaimoglus "Siebentürmeviertel" (SZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Jan Volker Röhnert über Stephan Hermlins Gedicht "Die Terrassen von Albi":

"Vor dieser Brücke und den Bastionen
Lacht Bacchus blind verleugnet Mauern an.
Er ist wie irr. Im gelben Fluß zu wohnen
..."
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Architektur


Paul Schneider-Esleben Flughafen Köln-Bonn (1962-73) © Architekturmuseum TUM | Foto: Walter Mogg

Paul Andreas besichtigt für die NZZ den Nachlass des Düsseldorfer Architekten Paul Schneider-Esleben im Münchner Architekturmuseum und lernt dabei ein bedeutendes Stück Architekturgeschichte im Nachkriegsdeutschland kennen: "In der Zeit, als sich Mies van der Rohes Rasterarchitektur inflationär vervielfältigt, schwenkt der impulsive Architekt quasi über Nacht auf brutalistische Stiltendenzen um, die auf die plastischen Ausdrucksmöglichkeiten des Betons setzen. Mit dem ihm (heute völlig unvorstellbar!) im Direktauftrag übertragenen Flughafen Köln-Bonn von 1970 baut er nicht nur einen der ersten autogerechten Drive-in-Airports Europas - er verschafft der Bundesrepublik auch ein bei aller Sichtbeton-Monumentalität doch leichtfüßig schwebend modelliertes repräsentatives Entrée. Bis heute steht es - anders als der lesenswerte Katalog behauptet - nicht unter Denkmalschutz und wurde von Helmut Jahn, der Ergänzungen anbrachte, nicht unbedingt respektvoll behandelt."
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Kunst

Sabine B. Vogel hat für die Presse die Biennale in Istanbul besucht und kommt einigermaßen erschlagen zurük: "Was auf der Biennale zusammenkommt, formt ein nahezu grenzenloses Themenfeld: wissenschaftliche Forschung zum Nordlicht, geheime Zeichen der Armenier, die ihre Besitztümer verstecken mussten, Kriege und Kohlebergbau, Trotzki und der Radiopionier Guglielmo Marconi. Manches ist politisch, anderes poetisch, manchmal wird Geschichte lebendig, aber alles ist so konfus vermischt, noch dazu von so erschreckendem Qualitätsgefälle, dass sich kein Gesamtbild der Ausstellung ergibt. Die Kuratorin [Carolyn Christov-Bakargiev] betont immer wieder, sie würde die Künstler nicht "auswählen, sondern es sei eine Anhäufung" - genau so erlebt man auch "Saltwater"."

Im Tagesspiegel führt Nicola Kuhn durch die Istanbul-Biennale. Und Stefan Kobel hat sich die Auftritte der Berliner Galerien bei der Art International Istanbul angesehen. In der NZZ stellt Melanie Keim ein Kunstprojekt von Roland Roos zum globalen Wasserhandel vor.

Besprochen werden die Mondrian-Schau im Gropius-Bau in Berlin (Tagesspiegel) und Sebastião Salgados Fotoband "Der Duft der Träume" (SZ).
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Film


Frederick Wiseman, In Jackson Heights

Mehr vom Lido: Gezeigt wurde unter anderem "In Jackson Heights", für den der Dokumentarfilmer Frederick Wiseman das Treiben rund um eine Kreuzung in Queens, New York beobachtet, an der es, wie Cristina Nord versichert, "so multikulturell wie sonst nirgends auf der Welt ist" - auch wenn die Gentrifzierung unnachgiebig vordrängt. Gesehen hat die taz-Filmkritikerin einen Film über "die Notwendigkeit des Redens. Wer den Menschen (...) dabei zuhört, wie sie ihre Erlebnisse schildern oder ihre Interessen formulieren, wie sie einander beraten und beistehen, mal auf Spanisch, mal auf Englisch, mal auf Urdu, bekommt großen Respekt vor der Entschlossenheit, sich auszutauschen, einen gemeinsamen Raum zu teilen und zu gestalten." Auch Verena Lueken zeigt sich in der FAZ begeistert: Sie lernt in diesem Film "eine riesige Zahl unterschiedlicher Möglichkeiten kennen, Mensch zu sein."

Außerdem aus Venedig: Christiane Peitz sah für den Tagesspiegel Tom Hoopers Transgender-Drama "The Danish Girl". In der Welt schreibt Dirk Schümer über "Black Mass" mit einem fast glatzköpfigen Johnny Depp. Im Standard sah Dominik Kamalzadeh vor allem Familienhöllen. Rüdiger Suchland bietet auf Artechock einen Einblick, was das eigentlich heißt, als Filmkritiker auf einem Festival unterwegs zu sein. Außerdem sah er "Meditationen aus Paris".

Weitere Artikel: Christiane Peitz berichtet im Tagesspiegel von ihrem Treffen mit Charlotte Rampling. In der Jungle World empfiehlt Esther Buss eine Berliner Filmreihe zum Neuvo Cine Argentino. Michael Hanfeld (FAZ), Eckart von Hirschhausen (Tagesspiegel) und Birgit Walter (Berliner Zeitung) gratulieren Dieter Hallervorden, der am vergangenen Samstag 80 Jahre alt geworden ist.

Besprochen werden Sergej Loznitsas "Maidan" (Tagesspiegel, SZ, unsere Kritik hier), die Netflix-Serie "Narcos" (FAZ), Hannes Langs und Mareike Wegeners Dokumentarfilm "I Want to See the Manager" (Tagesspiegel), Jürgen Müllers Coffee-Table-Book "Die besten TV-Serien" (CrimeMag), die zweite Staffel von "True Detective" (CrimeMag) und die CD "Gedanken über Film" mit Aufnahmen von Max Ophüls (FAZ).
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Musik

Wenig überzeugt kommt Eleonore Büning vom Klavierwettbewerb Concorso Busoni zurück, wo mit Ji-Yeong Mun nach Ansicht der FAZ-Kritikerin zwar eine "Musterschülerin" ausgezeichnet wurde, deren souveränes Spiel für sie jedoch lediglich "Nicht-Gestaltungskunst" darstelle. "Mit Musik hatte [diese Entscheidung] weniger zu tun. Denn wozu lohnt die Mühe mit den vielen schönen Noten, wenn sie nichts (mehr) zu sagen haben? Jedwede Musikrhetorik verblasste unter Ji-Yeong Muns Händen zur Floskel. Ob Haydn, ob Chopin, ob Beethoven - eines tönte ähnlich egal wie das andere."

Ein aufmerksamer Archivar hat in einem Haufen ungeordneter Noten im Konservatorium von Sankt Petersburg ein wichtiges Frühwerk Strawinskys wiedergefunden, das er selbst heftig vermisste, berichtet Stephen Walsh im Guardian. Er hatte das "Trauerlied" für seinen Lehrer Nikolai Rimsky-Korsakow kurz vor dem "Feuervogel" und dem "Sacre" geschrieben, die ihm bald einen sensationellen Durchbruch brachten. Die Strawinsky-Expertin Natalja Braginskaja "hat die Orchesterstimmen studiert und beschreibt das "Trauerlied" als langsamen, prozessionshaften Satz mit kontrastierenden Instrumentaltimbres, einen Dialog von Klangfarben, so wie ihn Strawinsky in seinen Memoiren 25 Jahre später schilderte. Es gibt Anklänge an Rimsky-Korsakow, aber auch an Wagner, den Strawinsky mehr bewunderte als er später eingestand."

Weiteres: Fabian Federl unterhält sich für den Tagesspiegel mit Sido. Für die SZ spricht Kristina Maidt-Zinke mit dem Dirigenten Hervé Niquet. Wolfgang Schreiber berichtet von den Auftaktkonzerten des Musikfests Berlin und von "Fünf Plus Fünf" in Stuttgart.

Besprochen werden das beim Musikfest Berlin aufgeführte Mahler-Konzert des Boston Symphony Orchestra unter Andris Nelsons (Ulrich Amling ist im Tagesspiegel hin und her gerissen von der Interpretation, aber begeistert von der Aufführung. Könnte man diesen Kritiken nicht etwas mehr Platz einräumen?), der Saisonauftakt am Konzerthaus Berlin mit Iván Fischer und Tenor Philippe Jaroussky (Tagesspiegel), ein Konzert des Frauenduos Boy im Zürcher "Plaza" (NZZ), ein Konzert der St. Petersburger Philharmoniker beim Lucerne Festival (NZZ), die neue EP "Crosswords" von Panda Bear (Pitchfork) und ein Konzert zu Ehren von und mit Hans-Joachim Roedelius (FAZ).
Archiv: Musik