9punkt - Die Debattenrundschau

Die Interessen des Königreichs

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.06.2015. In der SZ unterstützt Jürgen Habermas die Position der griechischen Regierung. In der FAZ schimpft Mikis Theodorakis aus das "vom Geld dirigierte Europa". Das Middle East Eye analysiert Wikileaks-Dokumente, die zeigen, wie Saudi-Arabien ausländische Medien schmiert. Amerikanische Medien zeichnen die Debatte um die Konföderierten-Flagge nach, die für die Republikaner zur Peinlichkeit wird. Im Standard erklärt Guardian-Strategie Wolfgang Blau, warum Medien heute mit Facebook und Apple kooperieren.

Politik

Ganz anders als die meisten deutschen Medien und Politiker sieht"s der große Jürgen Habermas in der SZ: "Das griechische Wahlergebnis ist das Votum einer Nation, die sich mit deutlicher Mehrheit gegen das ebenso erniedrigende wie niederdrückende soziale Elend einer dem Land oktroyierten Sparpolitik zur Wehr setzt. An dem Votum selbst gibt es nichts zu deuteln: Die Bevölkerung lehnt die Fortführung einer Politik ab, deren Fehlschlag sie am eigenen Leibe drastisch erfahren hat. Mit dieser demokratischen Legitimation ausgestattet, macht die griechische Regierung den Versuch, einen Politikwechsel in der Euro-Zone herbeizuführen."

Mit Griechenland scheint es ja nun wieder eine Einigung zu geben. Im FAZ-Gespräch mit Hansgeorg Hermann warnt der inzwischen neunzigjährige Komponist Mikis Theodorakis: "Wenn man Druck macht auf ein Volk, dann steht es irgendwann auf. Das sei an die Adresse jener gerichtet, die uns hier jeden Tag an die Wand stellen wollen. Das vom Geld dirigierte Europa erscheint mir inzwischen wie eine riesige Spinne, und jeder, der in ihr Netz gerät, ist verloren."

Die republikanischen Waffennarren und Verfechter der Konföderierten-Flagge dürfen sich nicht aus ihrer Mitverantwortung für das Massaker von Charleston stehlen, meint Jeb Lund im Rolling Stone: "Kann ja sein, dass der ermordete Führer der schwarzen Community nur aus Zufall ein demokratischer Senator war, der für Waffenkontrolle eintrat - ein Angriff auf das letzte Bollwerke der White Supremacy und der Bestrafung der Rassen und Einschüchterung der "Anderen". Kann sein, dass er diese Ziele und Botschaften im luftleeren Raum erfand und von der Flagge des Verrats, die über Charleston wehte, nichts wusste. Kann auch sein, dass Sie morgen im Lotto gewinnen."

Jamelle Bouie analysiert in Slate jüngste Äußerungen republikanischer amerikanischer Politiker zur Konföderierten-Flaggge, die die GOP nach Charleston mehr denn je vor eine peinliche Situation stellt: "Sie zurückzuweisen, heißt, zahllose weiße Südstaatler vor den Kopf zu stoßen, die die Fahne als ihr Erbe betrachten, obwohl sie ein Symbol des Widerstands gegen Bürgerrechte ist. Aber es gibt auch keinen Sieg, wenn man sich zu ihr bekennt, denn das heißt dass man landesweite Kritik einfährt, weil man sich mit den schlimmsten Formen der Unsensibilität gemein macht." Auch Jelani Cobb schreibt im New Yorker über diese Debatte, die die Republikaner in Verlegenheit bringt.

Außerdem: Die Ukraine braucht schnelle Hilfe - und sie ist für Europa wichtiger als Griechenland, meint George Soros" in einem Kommentar, den die Welt von Project Syndicate übernommen hat.
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Überwachung

Jürg Altwegg schreibt in der FAZ über die französischen Geheimdienstgesetze, die im Windschatten der Charlie-Hebdo-Massaker durchgepaukt werden und weitere "Kooperationen" von Geheimdienten erlauben werden: "Die Unterscheidung von Einwohnern und Ausländern, für die es keinen Schutz der Privatsphäre mehr geben wird, erfolgt nach amerikanischem Vorbild der "non-U.S. persons"."

Ebenfalls in der FAZ schreibt Fridtjof Küchemann über die immer weiter um sich greifenden Technologien der Gesichtserkennung.
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Kulturmarkt

Amazon will die Autoren auf seiner Self-Publishing-Plattform künftig nicht mehr nach "Ausleihen" honorieren, sondern nach der Zahl der tatsächlich gelesenen Seiten, meldet Angela Schader in der NZZ. Sie hat allerdings ihre Zweifel, ob diese Honorierungsart gerechter ist als die alte: "das Lesegerät ist ja prädestiniert für Lektüren unterwegs und in Kontexten, wo man sich nicht unbedingt auf Komplexes einlassen kann oder mag. Und sollte unter den schmalen Novellen einmal eine sein, die nicht nur ein Juwel ist, sondern auch von den Lesern als solches erkannt wird, dann geht die Rechnung immer noch nicht auf: Sogar mit einem ganzen Tross begeisterter Leser wird das Buch aufgrund des neuen Bezahlmodells weniger einspielen als ein fetter, süffiger Wälzer mit wesentlich kleinerer Gefolgschaft."
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Stichwörter: Amazon, Self-Publishing

Medien

Früher war das Internet offen für neue Kräfte, heute setzen Konzerne wie Google, Apple oder Facebook auf die Kooperation mit Traditonsmedien, die ihnen im Gegenzug das Leben vielleicht nicht so schwer machen. Im Gespräch mit Alexandra Föderl-Schmid vom Standard verteidigt Wolfgang Blau, Digitalstratege des Guardian, die Kooperationen. "Das Argument, wir würden nun freiwillig die Kontrolle über den Konsum unseres Journalismus an Facebook abtreten, ist nicht plausibel. Schon heute und ohne Facebooks neue "instant-articles" beginnt der Großteil aller Besuche auf unserer Website nicht auf der Homepage, sondern in einem unserer Artikel oder Videos, und wir können kaum beeinflussen, welche Artikel das jeweils sind. Wer jetzt von Kontrollverlust spricht, negiert, dass wir diese Kontrolle nie hatten." Naja, vielleicht nicht nie, oder?

Der Ägypten-Korrepoondent Martin Gehlen interpretiert im Interview mit Marvin Schade von Meedia die Ereignisse um die Festnahme und Freilassung des Al-Dschasira-Journalisten Ahmed Mansour: "Innerhalb der Bundesregierung gibt es zum Umgang mit Ägypten verschiedene Flügel. Das Auswärtige Amt plädiert eher für eine kritischere Haltung gegenüber dem al-Sisi-Regime, wegen der katastrophalen Menschenrechtslage und der rabiaten Unterdrückung aller Andersdenkenden. Das Kanzleramt verhält sich entgegenkommender, um Aufträge wie beispielsweise zuletzt für Siemens zu ergattern."

Wikileaks hat in den letzten Tagen bekanntlich Tausende saudi-arabischer Regierungsdokumente veröffentlicht. Aus denen geht unter anderem hervor, dass Saudi-Arabien ausländische Medien großzügig subeventioniert, berichtet das Middle East Eye: "Zeitungen und Webseiten in Syrien, Jordanien, Kuwait, Libanon, Mauritanien und den Vereinigten Emiraten erhielten Summen von bis zu 32.000 Dollar im Jahr. In einer Presseerklärung beschuldigt Wikileaks Saudi-Arabien, sich in arabischsprachige Medien einzukaufen, um negative Presse zu neutralisieren. In einem als "Top Secret" bezeichneten Dokument wird notiert, dass "jede Unterstützung ausländischer Medien den Interessen des Königreichs dienen muss"."

Außerdem: Die Krautreporter wollen eine Genossenschaft gründen, meldet Meedia (mehr dazu auch im Altpapier).
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Weiteres

Südkorea wird derzeit von dem hochansteckenden Mers-Virus heimgesucht. Dass sich das Virus so rasch ausbreiten konnte, liegt auch an der koreanischen Tugend, die Pflege von Angehörigen im Krankenhaus nicht den Schwestern zu überlassen, sondern selbst für sie zu sorgen, erzählt Hoo Nam Seelmann in der NZZ.
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Stichwörter: Krankenhaus, Südkorea