9punkt - Die Debattenrundschau

Der Ruf ihrer Vorfahren

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.06.2015. Bei Spiegel Online gratuliert Sibylle Berg nochmals Navid Kermani zum Friedenspreis. Aber eine Frage hat sie auch zu der Entscheidung: Warum hat die Jury seit 1950 erst sieben Frauen ausgezeichnet? In der SZ erzählt die Historikerin Karina Urbach, wie schwer es ist, an die Archive der Royals zu kommen. In der FR erläutert Ian Buruma den Unterschied zwischen deutscher und japanischer Vergangenheitsbewältigung.

Gesellschaft

Einen kleinen Nachtrag hat Sibylle Berg in ihrer Spiegel-Online-Kolumne noch zur Friedenspreisentscheidung: "Herzlichen Glückwunsch an Navid Kermani zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Herzlichen Glückwunsch, liebes Komitee, zur Ermittlung von sieben preiswürdigen Frauen seit 1950."

Der afroamerikanische Autor John McWhorter sieht in Politico.eu den Fall Dolezal als ein Symptom, das ihm durchaus häufiger begegnete. Einerseits wirft er Schwarzen vor, sich einzig als Opfer zu definieren und kritisiert bei Weißen einen Wunsch lieber nicht zu den "Tätern" zu gehören. "Als eine Person, die viel Zeit mit schwarzen Leuten verbrachte, hatte sie sicher mit vielen Individuen zu tun, die von der Idee durchdrungen waren, dass das Wesen des Schwarzseins darin liegt, mit weißem Rassismus zu tun zu haben. Diese Lage kann dazu führen, dass sich jemand wünscht, lieber nicht weiß zu sein - ich höre das meine weißen Studenten immer wieder sagen... Alles was Dolezal tat, war diesen Gemeinplatz einen Schritt weiter zu tragen."
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Religion

Vor einiger Zeit hat der Berliner Theologe Notger Slenczka heftige Kritik ausgelöst mit seinem Vorschlag, das Alte Testament aus dem christlichen Kanon zu streichen. Eins seiner Argumente ist, "dass das Textkorpus des Alten Testaments zunächst und vor allem dem Judentum gehöre - und dass die christliche Kirche mit der Beanspruchung der alttestamentlichen Schriften Gefahr laufe, das Judentum zu enteignen", erklärt Jan-Heiner Tück in der NZZ, der Slenczkas Thesen durchaus debattierwürdig findet, auch wenn er nicht mit ihnen übereinstimmt. "Das Projekt einer Rehabilitierung der altkirchlichen Bibel-Hermeneutik hätte daher die Frage zu klären, wie die Verbindung zwischen alttestamentlicher Verheißung und neutestamentlicher Erfüllung theologisch fruchtbar gemacht werden kann, ohne in antijudaistisches Fahrwasser zu geraten. ... Würde man das Alte Testament aus dem Kanon streichen, liefe das nicht nur auf eine "Entjudaisierung", sondern auch auf eine Entwurzelung des Christentums hinaus. Eine solche Amputation aber kann niemand wollen."

Kenan Malik berichtet in seinem Blog über ein Treffen mit dem Imam Sher Azam, der 1989 einer der aktivsten Rushdie-Gegner war und bis heute an seinen Meinungen festhält. Malik staunt über Azams Argumentation, die einerseits freies Rederecht für muslimische Geistliche fordert, die Homosexualität als Sünde verurteilen, und andererseits im Namen beleidigter Religion verlangt, dass Rushdie sein Buch zurückzieht.
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Medien

Die Medienwissenschaftlerin Marlis Prinzing zieht im Tagesspiegel aus der Erkenntnis, dass es für Information kein Geschäftsmodell gibt, eine Konsequenz: "Die Politik ist in der Verantwortung. Sie muss dafür sorgen, dass glaubwürdige Inhalte gestärkt und finanziert werden - im Interesse der Bürger und damit der Demokratie, sowie ohne die Unabhängigkeit der Redaktionen zu gefährden. Sie muss das nötige Geld beschaffen, ob durch eine "Medien-Abgabe" der Bürger oder mittelbar über eine Stiftung aus Branchenvertretern, Politik, Gesellschaft und Wissenschaft." Auch André Wilkens, Autor des Buchs "Analog ist das neue Bio" denkt im Gespräch mit Reinhard Jellen von Telepolis über die Vor- und Nachteile der Digitalisierung nach.

(Via turi2) Weiteres: Der Journalistenverband DJV warnt in Spiegel Online vor der Auslieferung des in Deutschland festgenommenen Al Dschasira-Journalisten Ahmed Mansour an Ägypten - dort drohe ihm die Todesstrafe. In der Hannoverschen Allgemeinen interviewt Ulrike Simon den neuen Chefredakteur des Spiegel, Klaus Brinkbäumer.
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Politik

Die Terroristen des Islamischen Staats haben die antike Stadt Palmyra vermint, meldet AFP "Es war noch nicht klar, ob die Dschihadisten die antike Stätte in die Luft jagen oder nur den Vormarsch der syrischen Armee stoppen, sagt das Syrian Observatory For Human Rights."
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Geschichte

Vor 800 Jahren schenkten uns die Briten die Idee der Demokratie, vor 200 Jahren befreiten sie uns von Napoleon, nun kommt die Queen, um der britischen Rolle bei der Befreiung von Hitler zu gedenken. Nicht so gern spricht man aber über Nazi-Sympathien des britischen Adels und gar der Königsfamilie (mit dem notorischen Edward), erzählt die Historikerin Karina Urbach im SZ-Gespräch mit Alexander Menden: "Wenn man in Turm in Windsor Castle arbeitet, in dem die Archive untergebracht sind, geht der Archivar sogar mit auf die Toilette, damit man ja nicht im Vorbeilaufen in eine der Schubladen schaut. Das wird in anderen, ähnlichen Archiven, dem der Wittelsbacher oder des schwedischen Königshauses, ähnlich streng gehandhabt. Die bilden eine geschlossene Front, um den Ruf ihrer Vorfahren zu wahren, denn freundschaftliche Kontakte zu den Nazis sind nun mal sehr rufschädigend." Ubach befasst sich in ihrem Buch "Go-Betweens for Hitler" mit britischen Nazi-Sympathisanten.

Im Gespräch mit Michael Hesse in der FR erklärt Ian Buruma, Autor von "45 - Die Welt am Wendepunkt", warum die Japaner es mit der Vergangenheitsbewältigung nicht so einfach haben wie die Deutschen: "Es war viel schwieriger, einen Konsens darüber zu finden, was im Krieg falsch gelaufen war. Wenn Nationalisten predigten, dass es sich um einen Krieg gegen die westlichen Kolonisatoren handelte, lagen sie nicht einmal falsch. Es stimmte. Genauso richtig ist die Feststellung, dass der japanische Imperialismus ziemlich brutal war."
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