Efeu - Die Kulturrundschau

Erzähler einer imaginären Handlung

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23.06.2015. Risiko verliert, Risiko gewinnt! Die Wahl Kirill Petrenkos zum neuen Chef der Berliner Philharmoniker löst überall Begeisterung und Optimismus aus - auch wenn sein Konzertrepertoire noch eklektisch ist. Die FAZ versinkt wonnig im Fluss der Musik von Bohuslav Martinůs Oper "Julietta". Die taz verliebt sich in den Roboter Myon, der an der Komischen Oper Theaterspielen lernt. Die Berliner Zeitung warnt vor Herzog und de Meuron, die das Berliner Tacheles umbauen sollen. Entleerung in verschiedener Hinsicht erlebt die NZZ bei Lektüre der Bücher von Cesar Aira.

Musik

Jetzt ging es auf einmal doch ganz schnell: Nach dem gescheiterten Wahlgang im Mai haben sich die Berliner Philharmoniker nun auf den nach Außen legendär schweigsam auftretenden Kirill Petrenko als Simon Rattles Nachfolger geeinigt. Die Feuilletons atmen merklich auf und begrüßen die Entscheidung im Wesentlichen. Bei den Philharmonikern herrscht glückselige Heiterkeit, erfahren wir aus Frederik Hanssens ausführlichem Artikel im Tagesspiegel. Überraschend war die Wahl dann doch, schreibt Hanssen weiter, schließlich hat Petrenko erst wenige Konzerte mit den Philharmonikern absolviert: Doch diesen "genügten drei Begegnungen mit diesem Ausnahmekünstler, um in ihm den Maestro zu erkennen, mit dem sie in die Zukunft gehen wollen. ... Die Philharmoniker [haben] also einen künstlerischen Blankoscheck ausgestellt. Kirill Petrenko, da darf man sich sicher sein, garantiert, dass er gedeckt ist."

Auch Volker Hagedorn zeigt sich auf ZeitOnline zuversichtlich: "Dass man (...) einen Typen mit "Da geht"s lang"-Attitüde auch gar nicht will, sondern einen zum Selbstzweifel fähigen Partner, ist ein gutes Zeichen." Peter Uehling von der Berliner Zeitung stimmt in das allgemeine Lob zwar mit ein, zumal er weiß, dass Petrenko es mit den in Proben erzielten Leistungen nicht auf sich bewenden lässt: "Er wächst am Pult noch einmal über das hinaus und inspiriert die Orchester zu Leistungen, deren schiere Präsenz zuweilen an den legendären Carlos Kleiber erinnert. ... Seine zurückgezogene, geradezu öffentlichkeitsscheue Art indes ist auf so einer Position nicht unproblematisch." Jan Brachmann (FAZ) beglückwünscht das Orchester zu dieser Entscheidung für einen "handwerklich unanfechtbaren" Dirigenten: "Wo immer Petrenko gearbeitet hat, waren die Orchester hinterher selig."

Manuel Brugs Kommentar in der Welt klingt noch etwas abwartend, auch wenn er die Musikalität Petrenkos keine Sekunde anzweifelt. Aber: "Er ist aus vollstem Herzen bisher ein Mann des Musiktheaters. Sein Konzertrepertoire wirkt dagegen bis heute vergleichsweise klein und eklektisch. So hat er bei seinen lediglich drei Konzertprogrammen bei den Berliner Philharmonikern 2006, 2009 und 2012 kein sinfonisches Werk des Kernrepertoires dirigiert. Die Musiker kennen den scheuen Dirigenten, der seit einiger Zeit keine Interviews mehr gibt, mit Bartók, Rachmaninow, Beethovens 3. Klavierkonzert, Strawinsky, Skrjabin und Rudi Stephan. Und sie haben sich trotzdem, auf dieser exotischen Basis für ihn entschieden; eine Ende letzten Jahres geplante Konzertserie mit Mahlers 6. Sinfonie hatte er zudem unter merkwürdigen Umständen abgesagt."

Die SZ, die dem Ereignis eine ganze Seite 3 gewidmet hat, sieht das auch als Risiko, bleibt aber optimistisch: "Immer, nicht nur in der Oper, ist er ein Erzähler einer imaginären Handlung, die selbst dem musikfremden Hörer sofort einleuchtet. Er ist bisher in erster Linie als Operndirigent in Erscheinung getreten, jetzt soll er ein Sinfonieorchester übernehmen. Darin liegt das Risiko der Berliner Entscheidung. Niemand kann sagen, ob dieses Experiment glücken wird. Aber es gibt Indizien, die auf einen guten Ausgang hindeuten." Außerdem sammelt der Tagesspiegel erste Reaktionen auf die Wahl.

Weitere Artikel: Ueli Bernays unterhält sich für die NZZ mit dem amerikanischen Jazzpianisten Ethan Iverson, der mit Coverversionen berühmter Rock- und Pop-Songs bekannt geworden ist, über das Musikbusiness, seine musikalischen Inspirationen und die cineastischen Elementen seiner Musik: "Tatsächlich heißt es unter improvisierenden Jazz-Musikern oft: Erzähl eine Geschichte!" In der FAZ führt Hansgeorg Hermann ein ausführliches Gespräch mit dem Komponisten Mikis Theodorakis über Griechenland, das Chaos und die Hoffnung. Und die FAS hat Jochen Distelmeyers hymnisch-ekstastische Hommage an Patti Smith online nachgereicht.

Besprochen werden das neue Album von The Orb (The Quietus), Giorgio Moroders Comeback-Album "Déjà Vu" (FAZ), ein Auftritt von AC/DC ("Ein grandioser Blödsinn, der nichts anderes sein will als grandios und blödsinnig", jubelt taz-Metalexperte Frank Schäfer im entgrenzten Zustand enthusiasmierten Glücks), Dennis DeSantis Ratgeber für Elektro-Produzenten "Making Music" (Jungle World), Bob Dylans (FR) und Mark Knopflers (FR) Konzert in Mainz.
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Architektur

Augen auf und aufgepasst, schreibt Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung, denn das berühmte Schweizer Architektenbüro Herzog und de Meuron, das sich nun des ehemaligen Tacheles-Geländes in Berlin-Mitte annehmen soll, ist nicht gerade dafür bekannt, im Umgang mit historischer Baumasse allzu zimperlich zu sein: "Der Starkult wird von Investoren gezielt eingesetzt, um Bebauungsregeln auszuweiten, den Denkmalschutz zurückzudrängen, noch mehr Nutzung auf die Grundstücke zu stapeln sowie maximal hohe Preise zu erzielen. ... Sehen wir also genau hin, was geschehen soll an jener legendären Ecke von Friedrich- und Oranienburger Straße. Aller Voraussicht nach wird es aufregend."
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Film

David Steinitz (SZ) schreibt zum Tode der italienischen Schauspielerin Laura Antonelli. Sie war in den siebziger und achtziger Jahren "sehr berühmt", schreibt ilpost.it. Aber, leider, diese Phase des italienischen Films ist hierzulande heute nahezu unbekannt. Immerhin spielte Antonelli in Luchino Viscontis heute ebenfalls zu wenig bekanntem letzten Film "L"Innocente":

Hier der Trailer:




Besprochen werden Sebastian Schippers "Victoria" (NZZ), Tomasz Emil Rudziks "Agnieszka" (SZ).
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Archiv: Film

Kunst

Im ZeitMagazin schreibt Florian Illies über seinen hessischen Lieblingsmaler Johann Heinrich Schilbach, dessen Kunst sich durch "die große Fähigkeit [auszeichnet], Atmosphäre zu erfassen und zu erzeugen, mit wenigen, souveränen Pinselstrichen, kombiniert mit einer ungeheuren Detailfreude." Die Globale am ZKM in Karlsruhe setzt mit ihrem Plädoyer für einen "Ausstieg aus der Moderne" auch weiterhin auf die Kompetenzen "Unterhaltung und Unverständlichkeit" erklärt ein glänzend unterhalener Till Briegleb in der SZ.
Archiv: Kunst

Literatur

Ein Zusammenschluss der Berliner Literaturinstitutionen und die freie Szene fordern eine Erhöhung des Förderetats vom Berliner Senat, berichtet Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. Angemeldet werde demnach ein Mehrbedarf von 800.000 Euro: "Eine bescheidene Summe, wenn man bedenkt, dass ihre Etats seit 1998 gedeckelt sind. Jenseits der Angleichung von Betriebs- und Nebenkosten oder Mietsteigerungen gab es in all diesen Jahren nicht einmal einen Inflationsausgleich. ... Es geht darum, den literarischen Reichtum in einem Moment auszustellen, in dem die Mieten, seit jeher Berlins bestes kulturpolitisches Argument, in die Höhe schießen."

In der NZZ stellt Eberhard Geisler den argentinischen Autor Cesar Aira vor, der gerade drei neue Novellen veröffentlicht hat: In "Wie ich Nonne wurde", "Der Beweis" und "Der kleine buddhistische Mönch" zeigt sich Airas Sinn für das Unerwartete, so Geisler: "Aira ist bekannt dafür, dass er die traditionellen Vorstellungen von Sinn auf den Kopf stellt. Er hat selbst bestätigt, dass er sich vom Zenbuddhismus hat inspirieren lassen: von dessen Vorliebe für Abweichungen vom Üblichen und Erwarteten sowie der Annahme eines leeren Zentrums. Was seine Geschichten antreibt, gehorcht keinen traditionellen Wertvorstellungen mehr. Der Gang der Ereignisse ist stets unvorhersehbar. Die drei Geschichten bewirken Entleerung in verschiedener Hinsicht."

Weitere Artikel: Im Perlentaucher bespricht Thekla Dannenberg neue Krimis von Carol O"Connell und Dominique Manotti. Andrea Pollmeier berichtet in der FR von den Frankfurter Lyriktagen, bei denen ihr auffiel, "wie sehr die Gefährdungen der Gegenwart das Leben der Dichter berühren". Michael Schmitt schreibt in der NZZ zum Tod James Salters.

Besprochen werden Alessandro Pipernos neuer Roman "Hier sind die Unzertrennlichen" (NZZ) und Bill Naughtons endlich auf Deutsch verlegter Roman "Alfie" (Tagesspiegel).
Archiv: Literatur

Bühne


Juanita Lascarro (Julietta), Kurt Streit (Michel) in "Julietta". Foto: © Barbara Aumüller

Von einer großen Entdeckung berichtet Eleonore Büning in der FAZ: An der Frankfurter Oper hat Florentine Klepper Bohuslav Martinůs weitgehend in Vergessenheit geratene Oper "Julietta" auf die Bühne gebracht und damit "Begeisterungsstürme" geerntet: "Es ist selten, dass aus dem Fluss der Vergangenheit etwas Vergessenes wiederauftaucht und sich plötzlich alle einig sind: Das ist es, wonach wir gesucht haben!" Was vor allem an der Musik liege, die die Kritikerin mit geraedezu offenem Mund staunen lässt: "Ein überwältigendes, aphoristisch-fragmentiertes Puzzle ist diese Partitur, von eigentümlichem Glanz, und entwickelt sofort einen starken Sog... Das Seltsamste bei diesem kollektiven Rezeptionsprozess ist, dass sich keiner, den man danach fragt, eine konkrete Melodie so richtig hat merken können." Zum Glück gibt es Youtube als Referenz.

An der Komischen Oper Berlin hatte mit "My Square Lady" ein Experiment des Kollektivs Gob Squad Premiere: In der Hauptrolle konnte man hier den Roboter Myon sehen, angesichts dessen Defizite Niklaus Hablützel erfreuten: Zwar kann Myon viel, doch "eines (...) überhaupt nicht: Theaterspielen. Er kann keinen Schritt alleine gehen. Auch wenn er nur auf einem Stuhl sitzt, müssen mindestens zwei Assistenten aufpassen, dass er nicht umfällt. Myon kann nur lernen. Seine Software analysiert visuelle und akustische Signale ... Jetzt wendet er nur den Kopf mal dahin, mal dorthin. Großartig, man muss ihn einfach lieben."

Besprochen werden Christopher Rüpings Stuttgarter "Peer Gynt"-Inszenierung (FR) und Philipp Stölzls Inszenierung von Charles Gounod "Faust" an der Deutschen Oper Berlin ("Die intellektuelle Leere dieses Nulltheaters ist reaktionär", schimpft Niklaus Hablützel in der taz).
Archiv: Bühne