9punkt - Die Debattenrundschau

Wem das alles hilft

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.04.2015. Der Streit um die Ehrung von Charlie Hebdo durch den amerikanischen PEN Club geht weiter. Salman Rushdie zieht den Begriff "Pussies" zurück. Francine Prose begündet ihren Gala-Boykott im Guardian. Der Student und Blogger Karthick Ram Manoharan wendet sich in der Huffpo gegen die angelsächsische Political correctness. Hand in Hand marschieren Google, FAZ und Zeit laut taz einer leuchtenden Zukunft entgegen, jetzt, da Google 150 Millionen Euro regnen lässt. Die SZ hüpft hinterher. Alle anderen Zeitungen wollen sechs Prozent von Googles Umsatz.

Ideen

Einige haben sich daran gestört, dass Salman Rushdie auf Twitter die Autoren als "Pussies" bezeichnet hat, die die Würde des Islams respektiert und Charlie Hebdo nicht gefeiert sehen wollen. James Wolcott bekennt, zwischen den Fronten zu stehen, verteidigt in Vanity Fair aber drastische Begriffe: "Schreiben heißt kämpfen, um Ishmael Reed zu zitieren, und Kampf ist ein Zeichen für Leben, Konsens ist nur ein wohlwollender Würgegriff. Und dies ist eine Schlacht um etwas Wichtiges, und nicht der übliche Kulturkrieg."

Rushdie zieht den Begriff auf Twitter zurück, wenn auch mit mehr argumentationstechnischer Begründung:


Der Student und Blogger Karthick Ram Manoharan verteidigt die Ehrung für Charlie Hebdo in der Huffpo und kritisiert die angelsächsischen Reflexe der Political Correctness: "Charlie Hebdo bewies einen moralischen und intellektuellen Mut, den die meisten Medien in der angelsächsischen Welt sich nicht zu zeigen trauen - den Willen gegen Frömmler aller Arten und Farben aufzustehen. Während die Linksliberalen hierzulande meist in White-guilt trips abdriften und Europa für alle Übel dieser Welt verantwortlich machen, haben die Hebdo-Journalisten in der Tradition Voltaires und Molières gnadenlos alle verhöhnt, die Macht beanspruchen, ob es die franzöische Regierung ist, die Le Pens oder die Islamisten."

Die Autorin und einstige PEN-Präsidentin Francine Prose begründet ihren Gala-Boykott im Guardian: "Ich verabscheue Zensur jeder Art und den Gebrauch der Gewalt um Schweigen zu erzwingen. Ich glaube, Charlie Hebdo hat jedes Recht zu publizieren, was es will. Aber das ist nicht dasselbe wie zu sagen, Charlie Hebdo verdiene einen Preis. Wie ein Freund mir schrieb: Die Meinungsfreiheit erlaubt es Nazis in Skokie, Illinois, zu demonstrieren, aber wir geben ihnen dafür keinen Preis. Ein Preis impliziert für mich Respekt und Bewunderung für ein Werk."

Ganz anderes Thema: In der NZZ berichtet Dieter Thomä von der Philosophen-Tagung in Siegen, wo Martin Heidegger zu Grabe getragen wurde und damit all "die Juden- und überhaupt Menschenfeindlichkeit seiner Philosophie, das Verstiegene und Verächtliche, das in den "Schwarzen Heften" auf die Spitze getrieben wird". Allerdings gehört Thomä zu denen, die noch etwas gelten lassen wollen von Heideggers Denken, wie er offen schreibt: "Ich gewann den Eindruck, dass manche radikale Heidegger-Kritiker auf der Tagung eine Mimesis an den Aggressor betrieben. Sie übernahmen nämlich eine der fragwürdigsten Vorlieben Heideggers und deutelten so lange an einem Wort herum, bis das gewünschte Ergebnis erzielt war. Auf diese Weise verwandelte sich etwa das "In-der-Welt-Sein" des frühen Heidegger in die "philosophische Basis für jede Form des Rassismus"."
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Europa

Der Politologe Peter Kielmansegg wirft Navid Kermani in der FAZ vor, mit seiner Kritik an Europa in der Flüchtlingsfrage (unser Resümee) dem moralischen Dilemma der Frage auszuweichen: "So ist es nicht verwunderlich, dass Kritiker Europas Interventionen gleichermaßen fordern und verurteilen. Durch die Intervention im Irak sei der Westen mitschuldig geworden am Chaos im Nahen Osten, heißt es, durch die Nichtintervention in Syrien aber genauso."
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Internet

In der Zeit kann Ulrich Greiner Ijoma Mangolds Eloge auf Facebook natürlich nicht unwidersprochen lassen: "In schöner Offenheit sagt Mangold, die Facebook-Debatten seien der "Backstagebereich der gedruckten Zeitungswelt". Backstage! Ist das nicht der Ort, wo die Groupies und die Möchtegernkünstler hinstreben? Solange es die wunderbare Bühne der Zeitungen noch gibt, sollten wir dort unser Können zeigen."
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Gesellschaft

Sehr aufregend fand es Ilija Trojanow in Oxford, wo er sich - nach lateinischem Tischgebet - über die Rasanz des technologischen Fortschritts für die taz aufklären ließ: "Eine besonders eindrückliche Grafik zeigt, wie lange es gedauert hat, bis eine neue Erfindung 50 Millionen Nutzer gefunden hat: Beim Telefon 75 Jahre, beim Radio 38 Jahre, beim Fernseher 13 Jahre, beim Internet 4 Jahre, bei Facebook 3,5 Jahre, bei Angry Birds nur 35 Tage!" Und noch etwas hat er gelernt: "Im Schaufenster von Oxfam inmitten Oxfords prangt ein rotstrotzendes Plakat, das die gleiche Information spektakulärer auf den Punkt bringt: Jenen achtzig Menschen, die in einem Doppeldeckerbus Platz finden, gehört die Hälfte allen Vermögens."

In der SZ denkt Gustav Seibt über Erbschaften nach, in künstlerischer, aber vor allem doch in finanzieller Hinsicht: "Ob die Lässigkeit des Erben moralisch so viel unangenehmer sei als der brutale Aufstiegswille des sich nach oben boxenden Chefs, das fragte nur Jens Jessen im Wirtschaftsteil der Zeit. Unabhängig von dem moralisch-ästhetischen Gesichtspunkt lässt sich allerdings auch ganz nüchtern ökonomisch fragen, was sinnvoller oder auch nur erfolgsversprechender für die Unternehmen ist - das Erbschaftsprinzip oder das individuelle Leistungsprinzip des angestellten Managers, der sich gegen innere und äußere Konkurrenz nach oben kämpft." Auf jeden Fall gibt es weniger Falten!
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Medien

"Die einen wollen etwas von Google, die anderen kriegen etwas von Google", meint Anne Fromm in der taz zu den großzügigen Plänen des Konzerns, Zeitungen wie FAZ, Zeit, Guardian und La Stampa mit 150 Millionen Euro für Wohlverhalten zu belohnen, pardon: für die gemeinsame Entwicklung nachhaltiger Nachrichtenmodelle. "Hand in Hand", zitiert Fromm Googles Manager D"Asaro Biondo, "wie ein verliebtes Pärchen": "Außerdem sollen Google-Mitarbeiter Journalisten schulen. Google also, der große Zampano, auf der Suche nach dem Journalismus von morgen - zumindest für die einen. Die anderen, das sind Axel Springer, Burda und die Funke Mediengruppe, vereint in der VG Media, die seit Jahren mit Google streiten. Sie sind der Meinung, dass Google ihnen die sogenannte Snippets, die kurzen Auszüge in der Nachrichtensuche, bezahlen sollte. Wie absurd diese Forderung ist, zeigt das krüppelige Leistungsschutzrecht, in dem der Streit gemündet ist. Nun hat sich also Google die Verlage geangelt, die weniger gestänkert haben."

In der SZ schreibt Claudia Tieschky etwas verlegen über die Initiative, denn auch der Süddeutsche Verlag wird sich daran beteiligen. Allerdings ist ihr sehr wohl bewusst, dass Google dringend der Imagepflege in Europa bedarf: "Ob die Initiative dem Journalismus wirklich hilft, ob der Konzern im Valley bessere technische Lösungen für Europas Journalismus im Netz entwickelt und wem das alles hilft, das kann im Moment niemand sagen."

Im Google Blog ist die Rede des für stategische Partnerschaften zuständigen Carlo D"Asaro Biondo veröffentlicht, der erklärt, wie Google im Rahmen seiner "Digital News Initiative" Geld über Medien verteilen wird. Zu den Partnern gehören in Deutschland die FAZ und die Zeit, die wohlweislich nicht der VG Media angehören und von Google kein Geld für Leistungsschutzrechte wollen. "Der Zweck ist, Zuschüsse an Projekte zu vergeben, die neues Denken im digitalen Journalismus unter Beweis stellen. Niemand weiß, woher die nächste große Idee kommt - aber wir wollen die Ideen jener stimulieren, die der Sache am nächsten sind und am besten wissen, wie sich Journalismus verändert. Jeder, der mit Online-News in Europa arbeitet, kann sich bewerben, inklusve nationaler und regionaler Medien und neuer Akteure." Auf der Website wird recht vage erklärt, wer über die Vergabe der Zuschüsse entscheiden soll: "Die Digital News Initiative wird zusammen mit einer Beratergruppe aus Verlegern und Organisationen mit Expertise in Förderung von Journalismus Kriterien und Prozeduren aufstellen."

"Höchst wolkig" findet auch Judith Horchert bei Spiegel online die Google-Presseerklärungen und verweist darauf, dass FAZ und SZ eine entsprechende Initiative in Frankreich (die in inzwischen zum Beispiel eine Tablet-App von Le Monde finanziert hat) recht skeptisch kommentierten: "Das Geld für die französischen Kollegen nannte die Zeit damals abfällig "Krumen für Frankreich" und kommentierte, die Verlage "liefern sich dem Netzkonzern aus"... Die FAZ sah die finanzielle Unterstützung in Frankreich damals ebenfalls kritisch: Das neue Abkommen sei ein "Pyrrhussieg der Presse" und beinhalte "mehr Gefahren als Lösungen"."

Thomas Stadler nimmt in seinem Blog Internet-Law unterdessen einen Artikel Ulrike Simons in der Leipziger Volkszeitung auseinander, der die Forderungen der in der VG Media organisierten Zeitungen aus dem Leistungsschutzrecht beziffert: 6 Prozent der deutschen Google-Umsätze hätte man dort gern. Anders als dort nahegelegt, so Stadler, nimmt "das Gesetz in § 87f Abs. 1 UrhG kleinste Textausschnitte ausdrücklich vom Schutzbereich des Leistungsschutzrechts aus. Die verkehrsübliche Suchmaschinenfunktionalität soll nach dem Willen des Gesetzgebers nämlich gerade frei vom Leistungsschutzrecht bleiben. Diese wesentliche Einschränkung, die gerade zum Schutz der normalen Suchmaschinenfunktionalität in das Gesetz aufgenommen wurde, findet sich im Tarifwerk der VG Media nicht." 6 Prozent vom Google-Umsatz entsprächen mindestens 240 Millionen Euro im Jahr.

Höflich abwartend ist Christian Meiers Kommentar zur Digital News Initiative in der Welt aus dem Springer Verlag, der die Allianz für das Leistungsschutzrecht anführt: "Es wäre verfrüht, in dem Angebot vor allem ein Danaergeschenk zu sehen. Und doch bleiben Fragen offen: wer entscheidet, an welche Verlage wie viel Geld fließt?"

Weiteres in Medien: "Nennt es eine mobile Mehrheit: Zu Beginn des Jahres 2015 hatten 39 der 50 Top-News-Seiten (in Amerika) mehr Seitenaufrufe von mobilen Geräten als von Desktop-Computern", schreibt Amy Mitchel vom Pew Research Center und analysiert neueste Studien des Instituts.
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