Efeu - Die Kulturrundschau

Eine Aura von Ernsthaftigkeit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.04.2015. Die Zeit ahnt, warum Chris Dercon in Berlin einen so schweren Stand hat: Der Mann hat Charme, eine dem Berliner unheimliche Charakterdisposition! Critic.de freut sich über die Wiederentdeckung von Will Trempers Film "Flucht nach Berlin" aus dem Jahr 1961. Die New York Review of Books gruselt sich vor Goyas alten Frauen. Die Zeit stellt die Literaturminiaturen von Lydia Davis vor.

Bühne

Peter Kümmel erkennt in der Zeit, warum die Berliner Theaterfürsten mit ihren langen Herrschaftszeiten, die Besitzstandswahrer und Widerstandsdarsteller so ein großes Problem mit Chris Dercon als neuem Volksbühnen-Intendanten haben. Zum einen nähmen sie ihm übel, dass er die Technik des Aufstiegs durch klugen Seiteneinstieg ersetzt ("So geht"s also auch? An uns vorbei?"). Dann aber: "Dercon ist charmant, und das ist eine für den schnell beleidigten Berliner vollständig unheimliche Charakterdisposition. Diese spürbar positive Energie muss den örtlichen Häuptlingen wie eine Falle vorkommen."

Im Zeit-Interview mit Kümmel macht Dercon dann sehr deutlich, warum er London verlässt, in dem die Kunst total durchökonomisiert ist und ein Stadtteil wie Kensington mit seinen Investorenwohnungen zu dreißig Prozent leer steht: "Berlin ist auch nicht einfach. Aber hier kann man vorausblicken. Hier hat man die Chance, mitzumischen und nachzudenken darüber, was eine Stadt braucht, die sich sozial derart schnell entwickelt."


"Imperium" nach dem Roman von Christian Kracht in einer Fassung von Jan Bosse, Gabriella Bußacker und dem Ensemble. Regie Jan Bosse. Foto: Armin Smailovic

Für einen guten Ulk, aber nicht viel mehr hält Alexander Kohlmann in der taz Jan Bosses am Thalia Theater aufgeführte Bühnenbearbeitung von Christian Krachts Roman "Imperium" über einen irren Radikal-Vegetarier, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwecks Gründung einer Aussteiger-Kolonie in die Südsee aufmacht. Ein bisschen verschenkt findet Kohlmann das in Hamburg: "Wohlhabende Zöglinge, die sich in hanebüchene Ideologien verirren - es gibt viele Engelhardts in unserer Gegenwart. Im Thalia-Theater wird so leider zur Lachnummer, was auch als Kontinuität einer sehr deutschen Befindlichkeit funktionieren würde. Denn "Imperium" ist nichts anderes als ein weiteres Kapitel von Krachts langjähriger Obduktion der deutschen Seele." Eine weitere Besprechung bringt SpiegelOnline.

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung porträtiert Susanne Lenz Mateja Meded und Jasmina Music, deren Stück "Common Ground" beim Berliner Theatertrefffen gezeigt wird Martin Kušej bleibt bis 2021 Intendant des Münchner Residenztheaters, meldet Egbert Tholl in der SZ. Stefan Michalzik schreibt zum Tod der Tänzerin Vivienne Newport. Josef Oehrlein berichtet in der FAZ vom Auftakt der Schwetzinger Festspiele. Außerdem bringen die Berliner Festspiele in ihrem Blog ein Gespräch zwischen Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Berliner Theatertreffens, und Regisseur Nicolas Stemann, dessen Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" das Theatertreffen am Freitag eröffnen wird:



Besprochen werden Paul Dukas" Oper "Ariane et Barbe-Bleue" in der Strassburger Rheinoper (NZZ), Eva Maria Höckmayrs Inszenierung von Carl Philipp Telemanns Oper "Emma und Enighard" an der Staatsoper in Berlin (mit "vielen wunderschönen, ironischen Bilder", lobt Nikolaus Hablützl in der taz) und Aufführungen von Mussorgskis "Chowanschtschina" und Puschkins "Boris Godunow" in Moskau (FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur


Piazza Guglielmo Marconi, 1957 ca. Archivio Storico Fotografico EUR S.p.A.

Roman Hollenstein besucht für die NZZ im römischen Ara-Pacis-Museum eine Ausstellung über die Neustadt EUR, die auf dem Gelände der für das Jahr 1942 von Mussolini geplanten (aber nie realisierten) Weltausstellung E"42 in Rom errichtet wurde. Ihre Entwicklung kann man auch in vielen italienischen Filmen nachverfolgen: "Erscheint das vernachlässigte Expo-Areal 1945 in Roberto Rossellinis Widerstandsfilm "Roma città aperta" noch als gespenstige Kulisse, so wird das daraus entstandene EUR-Quartier 1962 in Federico Fellinis "Boccaccio 70"-Episode "Le tentazioni del dottor Antonio" zur surrealen Szenerie und in Michelangelo Antonionis "L"eclisse" zum Ort existenzialistischer Leere. In Vittorio de Sicas "Il boom" (1963) steht EUR für den Aufschwung all"americana, um sich in Elio Petris "La decima vittima" (1965) in ein modisches Science-Fiction-Ambiente und in Bernardo Bertoluccis Spionagefilm "Il conformista" (1970) in einen eisigen Stadtraum zu verwandeln." Wenn das kein Stoff zum Googlen ist!

Außerdem: "Renzo Piano hat einen Raum geschaffen, der die Distanz zur Kunst abbaut", schreibt Sebastian Moll in der FR über das neue Gebäude des New Yorker Whitney-Museums (mehr dazu hier).
Archiv: Architektur

Musik

Tazler Matthias Manthe genießt die Gänsehautmusik auf Benjamin Clementines Debütalbum "At Least For Now": "Auf dem Weg der Selbstwerdung besingt er die Einsamkeit." Hier eine aktuelle Liveaufnahme:



Weitere Artikel: Für die taz porträtiert Stephan Szillus den Gangsterrapper Xatar. In der FAZ spricht Lena Bopp mit der Chansonsängerin Juliette Gréco, die demnächst auf Abschiedstour nach Deutschland kommt. "Ja zur Elite! Nein zu noch mehr Markt und Musikvermittlung!" ruft Christine Lemke-Matwey in der Zeit und findet ganz ernsthaft, dass die Berliner Philharmoniker am 11. Mai Christian Thielemann zum neuen Chefdirigenten wählen müssen.

Besprochen werden ein Auftritt von Christian Gerhaher (SZ), "The Waterfall" von My Morning Jacket (Spex), das neue Blur-Album (Pitchfork), das Deichkind-Konzert in Berlin (Berliner Zeitung) sowie ein Auftritt der Schlagzeuger Robyn Schulkowsky, Joey Baron und Christian Tschuggnall (taz).
Anzeige
Archiv: Musik

Literatur

Susanne Mayer porträtiert in der Zeit die amerikanische Autorin Lydia Davis, die mit ihren präzisen, witzigen und philosophischen Gedanken die Miniatur als Literaturgattung neu erfunden hat: "Gelegentlich sind die Storys so kurz, dass sich das Thema nur abstößt von einer Zeile, das Thema kann Trauer sein oder Verwunderung oder Schmerz. Da ist eine Aura von Ernsthaftigkeit, im Text, aber auch bei der Autorin. Sie zeigt sich schon darin, wie Davis sich hält, sehr gerade, mit ihrer großen Brille ihr Gegenüber anschauend. Was sieht sie? Ein wenig fürchtet man sich."

Besprochen werden unter anderem Friedrich Liechtensteins Autobiografie "Super - Mein Leben" (Nachtkritik), Michael Hagners "Zur Sache des Buches" (Freitag) und Inger-Maria Mahlkes "Wie ihr wollt" (FAZ). Mehr um 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Lydia Davis

Film

Großer Jubel bei Michael Kienzl von critic.de über die längst überfällige Veröffentlichung von Will Trempers "Flucht nach Berlin" auf DVD: In diesem Film von 1961 "präsentiert sich das deutsche Kino von einer viel zu selten gezeigten Seite, bei der sich das Populäre und das Unbequeme nicht ausschließen müssen. Wie in amerikanischen B-Movies wird hier nicht nur hartes, unsentimentales Genrekino mit Schlägereien und Verfolgungsjagden geboten, sondern auch eine Bühne für Figuren geschaffen, die in größeren Produktionen keinen Platz finden. ... Es ist bezeichnend, dass der Aufschwung des Förder- und Autorenkinos in den späten 1960er Jahren mit dem frühen Ende von Trempers Karriere zusammenfiel." Für kino-zeit.de bespricht Falk Straub die Veröffentlichung.

Weiteres: In der taz spricht Cristina Nord mit der Regisseurin Mia Hansen-Løve, die mit ihrem neuen Film "Eden" die House-Szene im Paris der frühen 90er Jahre wiederauferstehenlässt. Michael Hanfeld meldet in der FAZ, dass die fünfte Staffel von "Homeland" im Studio Babelsberg gedreht wird.

Besprochen werden der Actionthriller "The Gunman" mit Sean Penn (Berliner Zeitung, ZeitOnline), der auf DVD wiederveröffentlichte Italothriller "Revolver" mit Oliver Reed (Hard Sensations), Zelimir Zilniks Dokumentarfilm "Destination Serbistan" (Cargo) und Marjane Satrapis "The Voice" (FAZ).

Und arte erinnert in seiner cinephilen Online-Videoserie "Blow Up" an den Kunstporno "Behind the Green Door", mit dem die Mitchell Brothers 1973 die Filmfestspiele in Cannes aufmischten:


Archiv: Film

Kunst

Aus dem strahlenden Londoner Frühling ins Herz der Finsternis - so fühlte sich Jenny Uglow, als sie die Ausstellung "Goya: The Witches and Old Women Album" in der Londoner Courtauld Gallery besuchte, erzählt sie im Blog der New York Review of Books: "Moving into the room devoted to the "Witches and Old Women" album, single figures, or groups of one or two, rarely more, float on the page, with no setting behind them, the brushstrokes swirling and darting, as if alive. It isn't only the witches - the dark, demonic cast - who are horrifying but the whole chorus of the aged, clinging to life. The small faces, brilliantly drawn, reveal bony bumps of skull, thinning hair, toothless jaws, furrowed brows. Gender vanishes - it's hard to tell a decrepit, balding man from an old crone. Death is near: you can smell sickness." (Bild: Francisco Goya: They descend quarrelling, 1819-1823)

Für die FAZ hat sich Hannah Feiler die von der Frankfurter Schirn in Auftrag gegebene, von der Künstlerin Britta Thie umgesetzte Web-Serie "Transatlantics" angesehen. Die Serie biete "eine Mischung aus Generationen- und Selbstporträt, satirischen Anklängen auf die digitale Bohème und futuristisch angehauchter Überhöhung der Gegenwart", erklärt die Kritikerin. Die Serie sei "keine generelle Kritik am digitalen Zeitalter; vielmehr ein lustvoller Umgang mit den Möglichkeiten, die sich, künstlerisch gesehen, durch den Einsatz von Technik ergeben. In der Selbstverständlichkeit, mit der die heute selbstverständliche Dauerpräsenz mobiler Kommunikationsgeräte gezeigt wird, lässt sich ein Hauch Skepsis ahnen." Hier die erste Episode:



Weiteres: In der Welt unterhalten sich die Künstler Katharina Sieverding (milde kritisch) und Gregor Schneider (kompromisslos kritisch) über die Biennale in Venedig. Besprochen werden die "sorgfältig kuratierte" Retrospektive Anne-Mie van Kerckhoven im Kunstverein München (SZ).

Archiv: Kunst