9punkt - Die Debattenrundschau

Teil jener Meute

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.03.2015. In der NZZ weist Necla Kelek darauf hin, dass das Kopftuch zu keiner Zeit und nirgendwo ein Zeichen von Emanzipation oder Freiheit gewesen ist. Nach der Germanwings-Katastrophe gibt es Diskussionen über den Umgang mit der Diagnose Depression und über die Berichterstattung in den Medien. Die Zeit warnt vor den Tücken des Predictive Policing. In der Washington Post wendet sich Tim Cook gegen Gesetze amerikanischer Bundestaaten, die sexuelle Diskriminierung mit religiöser Begründung wieder zulassen wollen.

Gesellschaft

Necla Kelek will das Kopftuch-Urteil des Bundesverfassungsgerichts nicht so einfach durchgehen lassen. In der NZZ sieht sie darin vor allem eine Stärkung der konservativen und reaktionären Kräfte im Islam: "Die Befürworter des Urteils verweisen auf die vorgebliche Freiheit der Frauen, sich kleiden zu dürfen, wie sie wollen. Sie argumentieren für Toleranz - in Verkennung der autoritativen Texte, der Geschichte und der islamischen Tradition. Das Kopftuch ist in muslimischen Ländern wie Saudiarabien und Iran Zwang und zu keiner Zeit und nirgendwo ein Zeichen von Emanzipation oder Freiheit gewesen."

Die Ärztin Anne Skomorowsky rät in Slate mit Blick auf die Germanwings-Katastrophe von der Passepartout-Diagnose "Depression" für alles, was man nicht versteht oder erklären will, ab: "Mit "Depression" scheinen wir alle sozialen Probleme zu belegen, für die wir keine Lösung haben, von gewalttätigem, mörderischem Verhalten, über Verweigerung von medizinscher Behandlung, bis hin zu unserer Vernachlässigung alter Leute. Gesellschaftliche Defizite zu einem medizinischen Problem zu erklären, ist für niemanden von Gewinn, denn eine Behandlung von Depression wirkt nicht bei Leuten, die keine Depression haben." Auf arte+7 gibt es eine sehr interessante Dokumentation zum Thema.

In der FAZ warnt der Psychiater Asmus Finzen vor einer Stigmatisierung Depressionskranker. Er weist darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit eines Falls wie der des Copiloten extrem gering ist, und er macht auf einen weiteren Punkt aufmerksam: "Die Angst vor dem Verlust der Arbeit ist, leider, realistisch. Die Frage, die der amerikanische Soziologe Erving Goffman vor fünfzig Jahren in seinem Klassiker über das Stigma psychische Krankheit formuliert hat, gilt weiter: Versteckt man die Krankheit und versucht, sich durchzuwursteln, oder soll man sich als hilfebedürftig offenbaren? Viele Kranke empfinden diese Frage als zusätzliche Belastung, gleichsam als zweite Krankheit."
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Überwachung

In einem großen Report auf Zeit Online untersucht Kai Biermann, was die viel beschworenen Programme des Predictive Policing eigentlich bringen, also der Einsatz von Big Data zur vorbeugenden Vebrechensbekämpfung: "Nur ungefähr 15 Prozent der Einbrüche in Bayern werden aufgeklärt, in Berlin sind es sogar nur sieben Prozent. Wohnungseinbrüche sind so häufig und für die Täter so risikolos, dass die Polizei für jede Unterstützung dankbar ist. Noch dazu, da die Zahl der Einbrüche deutschlandweit seit Jahren steigt. Doch ob solche Systeme überhaupt etwas bringen, ist gar nicht klar. Die Firmen werben mit tollen Zahlen. IBM beispielsweise wirbt damit, dass dank seiner Software "Blue CRUSH" die Kriminalität in Memphis, im US-Bundesstaat Tennessee bei schweren Verbrechen um 30 Prozent gesunken ist. Gewaltverbrechen hätten um immerhin 15 Prozent abgenommen. "Predictive Policing ist bislang nirgendwo als wirksam evaluiert", sagt hingegen Joachim Eschemann, Leitender Kriminaldirektor beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen." In der SZ berichtet Johannes Boie zum selben Thema.
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Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz entwickelt Kriterien für den Umgang mit menschlichen Überresten in ihren medizinischen und anthropologischen Sammlungen, erläutert Stiftungspräsident Hermann Parzinger im Gespräch mit der Welt: "Es sind vier Punkte: erstens ein sensibler und respektvoller Umgang und eine würdige Lagerung. Zweitens müssen die Objekte inventarisiert und ihre Provenienz öffentlich gemacht werden. Drittens müssen sie der internationalen Forschung zur Verfügung stehen. Und viertens, in Fällen, in denen eine unrechtmäßige Entwendung vom ursprünglichen Aufbewahrungsort anzunehmen ist und in denen sich Verbindungen zu den ursprünglichen Besitzern nachweisen lassen, sind wir bereit, über Rückgaben zu reden."
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Europa

Grégoire Biseau kommentiert in Libération das Ergebnis der französischen Lokalwahlen, in denen der Front national 31 Mandate errungen hat, mehr als je zuvor, aber doch nur 1,5 Prozent der zu vergebenden Mandate: "Gestern noch war der FN eine Partei am Rand. Heute ist er fast eine Partei wie alle anderen. Rechte Wähler weigern sich im zweiten Wahlgang zwischen einem sozialistischen und einem FN-Kandidaten zu wählen (das gilt etwa für die Hälfte von ihnen) oder sie stimmen gleich FN (das gilt für ein knappes Viertel). Die französische Gesellschaft rückt nach rechts im Zeichen individualistischer Regungen und eines Rückzugs auf die Identität."

Wladimir Putin ist zum großen Führer der Querfront geworden, spottet Anetta Kahane in der Berliner Zeitung: "Ist Russland heute vielleicht nur eine Projektionsfläche für das Gute - so wie Israel für das Schlechte? Das mag sein. Doch beteiligt sich Russland aktiv an dieser Rolle - im Gegensatz zu Israel. Selbst wenn es untereinander Abgrenzungen und ideologische Unterschiede geben mag, so weht die Russlandfahne über dem gesamten Kampfplatz für den Frieden, aber gegen Amerika und die EU. Faschismus nach dieser Logik wird wieder, was es ganz, ganz früher einmal war: die Macht des Finanzkapitals."
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Religion

In amerikanischen Bundesstaaten werden immer mehr Gesetze erlassen, die aus religiösen Gründen Diskriminierung - etwa sexueller Minderheiten - wieder möglich machen wollen. In der Washington Post protestiert Tim Cook gegen diese Gesetze (die im übrigen auch der amerikanischen Geschäftsmoral schaden, wie er nebenbei anmerkt): "In Texas wird über ein Gesetz diskutiert, das Angestellten des Staates, die gleichgeschlechtlichen Paaren Heiratsurkunden ausfertigen, Löhne und Gehälter streichen würde - selbst wenn der Supreme Court das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen in Texas für ungültig erklären würde. Insgesamt gibt es nahezu hundert Gesetze, die Diskriminierung in die Gesetze der Staaten einführen. Solche Gesetze rechtfertigen Ungerechtigkeit, indem sie vorgeben, etwas zu verteidigen, das vielen von uns am Herzen liegt. Sie brechen Prinzipien, um deretwillen unsere Nation gegründet wurde, und sie drohen Jahrzehnte des Fortschritts in Richtung auf mehr Gleichheit zunichte zu machen."
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Medien

Die seltsame Diskussion um die Berichterstattung über den Gemanwings-Absturz hat am Wochenende nochmal Fahrt aufgenommen. Hans Hoff, ein journalistischer Elder Statesman will zwar auch keine Witwen schütteln, aber er macht in dwdl.de doch auf ein paar unvermeidliche Aspekte von Journalismus aufmerksam: "Wenn ich einen Kollegen an einen Unglücksort oder in eine Trauergemeinde schicke, dann ist nichts so wie immer. Dann muss ich auch bedenken, dass der einzelne, mit ehrenwerten Absichten angereiste Reporter am Ort des Geschehens beinahe zwangsläufig zum Teil jener Meute wird, die Betroffene nicht ohne Grund als sehr bedrohlich empfinden. Auch 50 sehr ehrenwerte und sehr vernünftige Journalisten können eine Meute sein."

Stefan Niggemeier ist in der FAZ am Sonntag verzweifelt, dass die Kollegen auch im Fall des Andreas Lubitz nicht jene ethische Zurückhaltung walten ließen, die ihm am Herzen liegt, und er bekennt "das zwischen Müdigkeit und Verzweiflung schwankende Gefühl eines Medienkritikers, wie sinnlos sein Tun ist. Mitansehen zu müssen, wie all das an der Berichterstattung, was schon nach der letzten Katastrophe und der vorletzten als problematisch erkannt worden ist, wieder passiert; wie alle Fehler und Grenzüberschreitungen immer wieder von Neuem gemacht werden müssen; wie jeder Appell zur Zurückhaltung, zur Vorsicht, scheinbar wirkungslos verhallt ist."

Weiteres: Bei Meedia wundert sich Georg Altrogge, dass der Spiegel Lubitz" Namen ohne Probleme nennt, während Spiegel Online es lange Zeit nicht tat. Und Stefan Winterbauer wundert sich ebenfalls bei Meedia: "Einige deutsche Medien tun gerade so, als ob sie alleine bestimmen könnten, was öffentlich wird und was nicht."
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